ich-geb-dir.info
Home.
Delfine.
Hunde.
Literatur.

Kai Meyer - „Die Seiten der Welt“

ISBN: 3-84142-165-2

Klappentext:

JEDES BUCH HAT GEHEIME SEITEN - EIN MAGISCHER ROMAN VOLLER PHANTASTISCHER ABENTEUER

„Während sie die Stufen zur Bibliothek hinablief, konnte Furia die Geschichten schon riechen: den besten Geruch der Welt.“

Furia Salamandra Faerfax lebt in einer Welt der Bücher. Der Landsitz ihrer Familie birgt eine unendliche Bibliothek. In ihren Tiefen ist Furia auf der Suche nach einem ganz besonderen Buch: ihrem Seelenbuch. Mit ihm will sie die Magie und die Macht der Worte entfesseln.

Doch dann wird ihr Bruder entführt, und Furia muss um sein Leben kämpfen. Ihr Weg führt sie nach Libropolis, die Stadt der verschwundenen Buchläden, und an die Grenzen der Nachtrefugien. Sie trifft auf Cat, die Diebin im Exil, und Finnian, den Rebellen. Gemeinsam ziehen sie in den Krieg – gegen die Herrscher der Bibliomantik und die Entschreibung aller Bücher.

Inhalt:

Furia lebt mit Vater und Bruder in einer Residenz Sie hat bibliomantisches, Talent und wartet darauf, dass ihr Seelenbuch endlich zu ihr kommt. Doch davor hat sie noch ein paar Abenteuer zu bewältigen. Denn ihr Vater hat es sich auf die Fahnen geschrieben, alle leeren Bücher zu finden und diese dann zu entschreiben. Und genau das wird ihm zum Verhängnis, als eine Kugel seine Halsschlagader durchtrennt und er verblutet. Dann dringen auch noch Feinde in die Residenz ein. Furia kann zwar fliehen verliert dabei aber ihren, Bruder.

In Libropolis geht Furia zu einem alten Freund ihres Vaters. Der hilft ihr zwar aber Furia traut ihm nicht über den weg. Statt dessen trifft sie auf Finian und später dann auf Cat. Mit deren Hilfe kämpft sie gegen die Akademie und um ihren Bruder.

Einige erschreckende Fakten reisen ihr Idol vom Sockel . Doch Furia interessiert das nicht wirklich. Sie will nur noch mit ihrem Bruder das Leben genießen und mit ihren Kräften umgehen lernen. Und dabei kann ihr nicht nur ihr Seelenbuch helfen.

Leseprobe:

… Sie wartete eine weitere Minute, untermalt von den aufgepeitschten Stimmen der Menge, und beobachtete den Treppenaufgang, durch den sie aus der Unterwelt heraufgekommen war. Jeden Augenblick rechnete sie damit, dass der Rothaarige aus der Tiefe auftauchte.

Erst als sie sich halbwegs sicher fühlte, betrat sie den Raum. Die Rufe erreichten einen Höhepunkt und flauten wieder ab. Es gab keinen Zweifel, dass dort vorn gekämpft wurde. Vielleicht rangen zwei Arbeiter miteinander. Schlimmer wäre ein Hundekampf, aber sie hörte durch all die Stimmen keine Laute, die tierisch klangen.

Sie erreichte die Ausläufer des Pulks und zwängte sich neugierig zwischen die Zuschauer. Es stank nach Schweiß und ungewaschener Kleidung. Der eine oder andere murrte, als Furia sich mit sanftem Nachdruck vordrängelte.

Sie duckte sich unter einer Achselhöhle hindurch und blieb in der ersten Reihe stehen. Jemand stimmte einen rhythmischen Sprechchor an. Der Lärm wurde ohrenbetäubend.

Es war tatsächlich ein Kampf.

Ein Kampf zwischen Büchern.

Sie hatte davon gehört, wie von so vielem, das sie nie mit eigenen Augen gesehen hatte. Zwei Bücher prallten mit flatternden Seiten aufeinander. Sie versuchten, sich gegenseitig von einem breiten Holzbrett zu werfen, das wie ein Steg über zwei Steine gelegt worden war.

Jedes Buch besaß in der Mitte seines Deckels einen elastischen Auswuchs, nicht unähnlich einem ledrigen Rüssel. An dessen Ende befand sich ein scharfer, gebogener Schnabel. Damit hackten sie aufeinander ein wie Kampfhähne. Sie besaßen keine weiteren Gliedmaßen, deshalb balancierten sie auf den Ecken ihres Einbandes, schlugen mit ihren Buchdeckeln wie aufgeschrecktes Federvieh oder stürzten sich auf ihre geöffneten Seiten, um sich im nächsten Moment vom Brett abzustoßen und über den Kontrahenten hinwegzuspringen.

Furia hatte zwar darüber gelesen, sich jedoch nie vorstellen können, wie solch ein Kampf aussehen sollte. Schnabelbücher wurden nur zu diesem Zweck erschaffen – in einem dubiosen Refugium in Osteuropa, hieß es –, und obwohl die Adamitische Akademie die Duelle nicht guthieß, hatte sie nie ein offizielles Verbot erlassen. Schnabelbuchkämpfe hielten die einfachen Arbeitskräfte bei Laune, und weil es sich nicht um echte Literatur handelte, sondern nur um gebundenes Papier mit willkürlichen Beschriftungen, drückte die Miliz ein Auge zu.

Die beiden Bücher hätten nicht unterschiedlicher sein können. Das eine, mit schwarzem Einband, war voluminös und schwer, bewegte sich aber erstaunlich behände. Das andere hatte einen blutroten Buchdeckel, war kleiner und schmal, fast wie ein Gedichtband für die Hosentasche. Es konnte den Schnabelrüssel wie eine Ziehharmonika zusammenpressen und wieder ausfahren, schlug schnell und zielsicher zu und versetzte dem Einband seines Gegners tiefe Kerben. Beide umtänzelten einander auf eingedrückten Ecken und verbogenen Buchrücken, und bei ihren federnden Sprüngen verloren sie manchmal einzelne Seiten. Ihre Deckel hatten Kratzer und Scharten davongetragen, und gelegentlich gaben sie Geräusche von sich, die wie ein trockenes Husten klangen.

Ein ungepflegter, bärtiger Kerl mit zwei Bechern voller Geldscheine lief am Publikum vorbei, nahm immer neue Wetten an, schäkerte mit den Frauen, grölte gemeinsam mit den Männern und behielt dabei stets das Duell im Auge.

»Entschuldigung«, sprach Furia einen älteren Mann neben sich an. »Was passiert mit dem Buch, das verliert?«

»Wird zerfleddert, natürlich.«

»Warum kämpfen sie überhaupt?«

Er warf ihr einen übellaunigen Seitenblick zu und schien ernsthaft in Zweifel zu ziehen, ob sie noch alle Tassen im Schrank hatte. »Schnabelbücher sind dumm. Sie wissen nicht, was ihnen blüht. Wenn sie erst …« Und dann wurde sein Satz zu ausgelassenem Gebrüll, als er beide Arme in die Höhe riss und mit den Füßen stampfte.

Furia sah wieder zum Brett hinüber. Das schwarze Buch war heruntergefallen und schob sich wie eine Krähe mit gebrochenen Flügeln über den Boden. Es wimmerte leise, als der Ausrichter des Kampfes seine Becher abstellte, das Buch mit beiden Händen vom Boden hob und lachend in die Menge schleuderte. Jemand fing es auf, andere griffen ebenfalls danach und in Windeseile war das Buch entzweigerissen. Auch die übrigen wollten an der Hinrichtung des Verlierers teilhaben, und es wäre wohl zu einer Keilerei gekommen, hätten die Ersten das Buch nicht in Sekundenschnelle zerfetzt und die losen Seiten wie Konfetti in die Luft geworfen.

Furia sah nicht länger hin. Stattdessen bemerkte sie gerade noch, wie das kleine rote Buch sich vom Brett fallen ließ und an der Wand entlang davontänzelte, mit eiernden, beinahe tollpatschigen Bewegungen. Als der Mann mit den Geldbechern sich nach ihm umschaute, war es bereits verschwunden. Er stieß einen wütenden Fluch aus, lief zur Wand, hatte aber offenbar nicht gesehen, in welche Richtung das Buch entflohen war. Es musste sich zwischen die Füße der Zuschauer geschoben haben und würde nur mit viel Glück heil aus der Menge entkommen.

Furia war ganz schlecht vor Abscheu, aber sie blieb dennoch stehen, bis die Gewinne verteilt waren und die Meute sich auflöste. Ein Gong draußen auf dem Hof signalisierte, dass die Menschen zurück an ihre Arbeit gehen mussten. In kleinen Gruppen stiegen sie die Treppe hinab in die unterirdischen Hallen. …