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Elmar Bereuter - „Die Lichtfänger“

ISBN: 3-7766-2985-8

Klappentext:

Wie sähe die Welt aus, hätte es in der Geschichte nicht mutige Menschen gegeben, die sich gegen Unterdrückung und Engstirnigkeit wehrten? So wie die »Lichtfänger«, die im ausgehenden Mittelalter den Hexenwahn bekämpften. Elmar Bereuter – seit seinem verfilmten Bestseller »Schwabenkinder« Garant für profund recherchierte historische Romane – erzählt, wie sich ein Historiker quer durch Europas Archive wühlt, um das Schicksal des Lichtfängers und Theologen Cornelius Loos zu erhellen. »Bereuter gelingt es, die alten Quellen zum Sprechen zu bringen. Ein engagiertes Buch über die Hexenprozesse, vor allem aber ein spannender historischer Roman!«

Inhalt:

So, wie ich das verstanden habe, geht es hier um einen Mann namens George Lincoln Burr. Schon immer trieben ihn Bücher um. Er stellte im Auftrag eine sehr umfassende Bibliothek zusammen, die zu einem nicht unerheblichen Teil aus Werken über die Hexenverbrennungen besteht. Genau über diese Verbrennungen wird genauer berichtet. Der Leser wird Zeuge der Vernehmungen, der Besagungen und erfährt einige widerliche Details über die Folterungen, mit denen die abstrusesten Geständnisse qusie erpresst werden.

Leseprobe:

… Der Abt aus dem Geschlecht derer von Manderscheid war bei Amtsantritt gerade mal neunzehn Jahre alt gewesen, hatte keine theologische Ausbildung, von einer Priesterweihe ganz zu schweigen, und hatte die Kirche kaum je betreten. Zudem kungelte er mit den Ketzern, seine lutherischen Freunde soffen, völlerten und hurten auf Kosten der Abtei. Das waren die Zustände, die Binsfeld nach Trier meldete, verbunden mit der Bitte um freie Vorgehensweise. Prüm war seine Feuertaufe. Er konnte zwar keinen auf Anhieb durchschlagenden Erfolg vermelden, bewies aber Beharrungsvermögen und Standfestigkeit. Bereits zwei Jahre darauf wurde er gegen den Widerstand der Stiftsherren zum Probst des Simeonsstiftes ernannt und mit Unterstützung Jakobs als Weihbischof vorgeschlagen, als welcher er zwei Jahre später von Rom bestätigt wurde.

Peter Binsfeld rückte mit einem scharrenden Geräusch den schweren Sessel nach hinten und trat ans Fenster. Leicht und behutsam schien sich die Dämmerung über die Dächer zu legen, in den Häusern wurden die ersten Lichter angezündet und Trier machte einen in sich ruhenden, gelassenen und friedlichen Eindruck. Doch der Schein trog. In den Straßen und Gassen der Stadt und auch draußen auf dem Land machte sich mit zunehmender Dunkelheit die Angst breit und kroch wie lähmendes Gift in die Seelen der Menschen. Wie viele würden heute Nacht wieder auf Ziegenböcken, Besen oder goldenen Kutschen durch die Lüfte fliegen, um sich auf Hexensabbaten zu treffen und wüste Orgien zu feiern? Wann würde das nächste Unwetter über das Land hereinbrechen, wann die nächste Pestwelle die Menschen wie Fliegen hinwegraffen? Seit Anfang der Achtzigerjahre war es nun fast ununterbrochen so. Die Menschen hungerten und darbten, die Böden waren nass und lehmig, die Ernte verfaulte auf den Feldern, die Weinberge trugen nur winzige Trauben, die nicht ausreiften, und die Kühe, aber nicht nur diese, sondern selbst die genügsamen Ziegen gaben kaum noch Milch. Die Menschen wanden sich unter Schmerzen, ihre Körper waren mit braunen, entsetzlich stinkenden Pusteln überzogen. Wer das überlebte, war für sein ganzes weiteres Leben gezeichnet.

Seit die Seuche im Herbst auch die Stadt erfasst hatte, war die Stadtkasse leer und der Bürgermeister musste um sein ausstehendes Gehalt vom letzten Jahr bei Johannes von Schönenberg vorstellig werden. Der Druck der Straße, befeuert durch die Jesuitenschüler, wurde immer größer, da halfen auch die Ermahnungen des Magistrats zur Zurückhaltung und die Tanz- und Verkleidungsverbote des Erzbischofs nicht viel.

Der Ruf nach Bestrafung der bösen Weiber, die zweifelsohne für das ganze Unglück verantwortlich waren, wurde immer lauter, aber Rat und Hochgericht zögerten noch, während im Umland eine dieser Unholdinnen nach der anderen hingerichtet wurde. Die Wende kam, als ein paar Frauen in Trier Zuflucht suchten. Zwar wurden sie unverzüglich bis auf eine aus der Stadt getrieben, doch eben diese eine, die Ehefrau des Saarburger Schultheißen, konnte kein Entlastungsschreiben für die ihr angelasteten Zaubereien beibringen. Bevor sie in ihren Heimatort überstellt wurde, um dort ihrer Bestrafung zugeführt zu werden, hatte sie unter der Folter die Trierer Bürgerin Margarethe Braun sowie deren Tochter der Komplizenschaft bezichtigt. Die Braun, auch von der zeitgleich verhafteten Witwe Margarethe Lenninger beschuldigt, war nicht nur Wäscherin, sondern zudem eine stadtbekannte Kupplerin, was ihrer Tochter, die mit einem ehrbaren Bäcker verheiratet war, gehörig zuwider lief. Und auch der alte Braun war übel beleumundet und zusammen mit seiner Frau der Geldfälschern verdächtig. Zusätzlich angeheizt wurde die Stimmung durch Studenten, die gehört haben wollten, wie ein Knecht die Braun beim Wäschewaschen in der Weberbach als Zauberin beschimpft hatte, und die das Gerücht umgehend durch die Stadt trugen. So jedenfalls versuchte sie sich dann vor Gericht zu verteidigen, aber da war sie beim Vorsitzenden kurfürstlichen Schultheißen Dietrich Flade an den Falschen geraten. Flade saß fest im Sattel und hatte Stadt und Magistrat im Würgegriff. Er hatte sein als Jurist und durch Ämter erworbenes nicht unbeträchtliches Vermögen durch die Heirat mit der wohlhabenden Witwe Barbara Walter und geschickte Geldgeschäfte weiter vermehrt und war nun unbestritten der reichste Bürger Triers. In zwei unsäglichen Prozessen hatte er die Stadt in den wirtschaftlichen und politischen Ruin gehetzt, sodass von Schönenberg, damals noch Statthalter, und die beiden regierenden Bürgermeister sich gezwungen sahen, ausgerechnet bei ihm einen gewaltigen Kredit aufzunehmen, um die angefallenen Prozesskosten bezahlen zu können. Unterwürfig hatte der gedemütigte Rat, wenn auch mit heimlichem Zähneknirschen, Dietrich Flade für diesen Kredit einen vergoldeten Becher für seine Verdienste um die Stadt überreicht. Flade war einer der unbeliebtesten Männer Triers und er wusste das. »Wenn sie mich schon nicht mögen, dann sollen sie mich zumindest fürchten!«, das hatte er mehr als einmal nicht nur zu Binsfeld gesagt.

Peter Binsfeld stand noch immer am Fenster, als es an der Tür klopfte. Seine schweren Gedanken wichen nur zäh aus seinem Kopf, als er den Gerichtsschreiber zum Eintreten aufforderte.

»Was macht der Prozess gegen die Braun?«, fragte er müde, während er eine zweite Kerze auf dem Schreibpult entzündete.

»Hier sind die Protokolle, wie Ihr sie angefordert habt!«

»Legt sie da drüben auf den Tisch!«, sagte er mit einem Blick auf den etwa daumendicken Papierstapel. »Und, kommt das Verfahren voran?«

Der Schreiber hob leicht die Schultern. »Schwer zu sagen. Doktor Flade hat bis jetzt immer wieder neue Indizien vorgebracht, um eine erneute Tortur zu rechtfertigen. Er befragt sie jedes Mal etwas schärfer, aber sie ist halsstarrig, auch eine Verlegung in eine Kammer mit schlechteren Haftbedingungen machte sie nicht gesprächiger. Er hat zudem selbst schon persönlich mehrere Hausdurchsuchungen durchgeführt – allerdings ohne Ergebnis. Wie Ihr vielleicht wisst, ist ihr Mann mit der gesamten beweglichen Habe auf und davon. Sie ist nun siebenmal gemartert worden und der Doktor meint, sie würde wohl eher gestehen, wenn man ihres Mannes habhaft werden könnte, der ja selbst der Münzfälscherei verdächtig ist!«

»Was ist Euer Eindruck?«, wollte Binsfeld wissen.

»Sie ist bestimmt eine Hexe, der Doktor ist felsenfest davon überzeugt. Sonst würde er sich ja mit ihr nicht so viel Mühe geben. Wenn sie den Braun nicht erwischen, will er in ein paar Tagen weitermachen!«

Binsfeld öffnete eine Schublade und holte ein Geldstück hervor. »Haltet mich auf dem Laufenden!«, sagte er kurz, trat wieder an das dunkle Fenster und starrte erneut in die Finsternis, die ihm wie ein weites, düsteres Meer erschien, das auch die wenigen Lichter nicht erhellen konnten. Wo war die Zeit geblieben, als seine Seele noch hoch flog wie ein junger Adler und seine Gedanken noch die Bläue des Himmels stürmten? In der er nur die Helligkeit sah und ihm alles mit strahlendem Licht erfüllt schien? In der die Luft rein und klar war und nicht verpestet durch Lügen, Intrigen und Boshaftigkeit? Wann hatte er das alles verloren?

Widerwillig drehte er sich um und nahm wieder hinter seinem Tisch Platz, auf dem neben dem Gerichtsprotokoll ein gewichtiges Buch lag. »Malleus maleficarum« stand auf dem Umschlag, »de Henrico Institoris et Jakobo Sprenger«. Geschrieben vor nunmehr beinahe einhundert Jahren, war es immer noch das universelle Werk zum Aufspüren, Überführen und Aburteilen von Hexen. Das Buch hatte nunmehr schon über zwanzig Auflagen erreicht und man fand es in jeder Bibliothek, sei es an einer Universität, in einem Gericht oder einer Kanzlei. Zwar gab es zwischenzeitlich eine Menge dämonologischer Literatur zu demselben Thema, aber der »Hexenhammer« zählte immer noch zu den fundiertesten und verbreitetsten Abhandlungen. Was Binsfeld daran störte, war der etwas wirre Aufbau und die unübersichtliche Gliederung in den einzelnen Bereichen, die sich zudem oftmals wiederholten. Darüber hinaus war er der Meinung, dass der »Hexenhammer« vielfach nicht weit genug ging und es dringend notwendig wäre, neuere Erkenntnisse und Umstände zu berücksichtigen. Er hatte daher vor längerem begonnen, alle ihm zugänglichen Akten über Hexereiprozesse anzufordern und zu studieren, gleichzeitig führte er eine weit reichende Korrespondenz mit vielen anerkannten Fachleuten in ganz Europa. Sie alle bestätigten ihm, dass er auf dem richtigen Weg war, und ermunterten ihn, mit seinem Werk fortzufahren, das er »Bekenntnisse der Zauberer und Hexen. Ob und wie viel denselben zu glauben sei« nennen würde. …