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Craig Shaw Gardner - „Ein Magier in Nöten“

Ebenzum 1

ISBN 3-404-20128-X

Klappentext:

– konnte ich nicht finden -

Inhalt:

Der große Magier Ebenzum und sein Lehrling Wundwort leben im ewigen Wald in einer kleinen Hütte. Das Leben ist etwas langweilig, bis zu dem Tag, an dem dem Lehrling ein Missgeschick passiert und der Magier ihm helfen will. Dummerweise zieht er sich bei der Hilfe eine Krankheit zu, die ihn immer niesen lässt, wenn er irgendwie auf Magie stößt. - Eine Weile geht das gut, nur so bleiben kann das nicht. Also machen sich die beiden auf den Weg in die große Stadt. Dort erhofft sich Ebenzum Hilfe und Heilung.

Auf dem Weg geraten Meister und Lehrling in manche schreckliche, seltsame oder auch gefährliche Situation.

Lesprobe:

… »Kille, kille«, pfiff die körperlose Stimme. Offensichtlich war der Exorzismus abgelaufen.

Ein kühler Hauch streifte mein Ohr. »Hallo, großer Junge«, wisperte eine Frauenstimme. »Warum hat ein Mann wie du heute nacht noch keine Verabredung?«

Ich blickte hinter mich und starrte auf die atemberaubendste Erscheinung, die ich je gesehen hatte. Ich war sprachlos. Sie war schlank und bleich, mit langen silbernen Haaren. Kleidung trug sie nicht – weder geisterhafte noch sonstwie geartete. Je nach Blickwinkel konnte ich durch sie förmlich hindurchsehen, dann wieder war sie mehr, als meine armen Augen ertragen konnten.

»Oh, mehr der schweigsame Typ«, hauchte sie und ergriff meine Hand; ihre Finger verflochten sich mit meinen, und ihre Berührung war wie Eis, das Schauer meinen Arm hinauf bis in die Schulter sandte. Sie lehnte sich an mich; ihr Atem glich einer Herbstbrise, ihre Lippen, dicht an den meinen, öffneten sich. Mehr als nach dem Leben verlangte es mich nach diesen Lippen.

»Ich kenne ein nettes Spielchen, das wir spielen können«, klang es von diesen vollen, kühlen Lippen. »Man nennt es Flaschendrehen.«

Ja, ja! Alles, was sie wollte! Ja! Keins der Mädchen, die ich in den Westlichen Königreichen gekannt hatte, auch Alea, meine belle d’après-midi nicht, bedeutete mir jetzt noch etwas.

Doch meine Geliebte wurde von mir gerissen; sie wirbelte durch die Luft, und ihr Ektoplasma floß in alle Himmelsrichtungen auseinander.

»Den einen oder anderen Spruch kann ich schon noch«, grinste Maggie. »Hüte dich vor Succubi. Sind deiner Gesundheit abträglich.«

»Hexe!« Tod stand vor uns. »Was weißt du schon von der Liebe? Dein Körper ist doch schon seit hundert Jahren vertrocknet und gedörrt!«

Tod winkte mit seinen Knochenhänden, und ein junger Mann materialisierte sich neben ihm.

»Unwin?« Die Stimme der alten Frau war kaum mehr als ein Wispern. »Bist du es, Unwin?«

»Magradel!« schrie der junge Mann. »Was ist mit dir passiert?«

»Nicht mit mir, Unwin. Du bist fortgewesen. Ich habe dich ja so lange nicht gesehen!«

Die alte Frau weinte.

»Überleg es dir, Frau«, fuhr Tod fort. »Komm mit mir, und ihr werdet auf immer vereint sein.«

Aber Maggie richtete sich nun auf, und Zorn trat an die Stelle ihres Kummers. »Nein! Seit Jahren schon besitzt du unrechtmäßigerweise mein Königreich! Ich werde noch früh genug bei Unwin sein. Ich muß das befreien, was mir geraubt wurde!«

»Was für harte Worte.« Tod betrachtete eingehend seine Skeletthand. »Ich brauche diesen Fleck. Schließlich müssen meine Geister einen Platz zum Proben haben!« Er sah mich an, und ich verfiel auf der Stelle ins Zittern. »Komm, Wuntvor, lassen wir die beiden Verliebten sich allein bereden. Ich werde dir eine kostenlose Führung angedeihen lassen.«

Ohne nachzudenken folgte ich ihm. Tod lächelte. »Simon sagt: Alle Hände hoch!«

Ich benötigte meine ganze Willenskraft, um meine Hände unten zu behalten.

»Werden schon noch ein Spiel finden.« Tods Hände waren plötzlich voll von kleinen Rechtecken, die er in einem Fächer vor sich ausbreitete. »Was ist mit Siebzehn-und-vier?«

Ich merkte, daß ich gebannt auf die kleinen Rechtecke stierte und sah in eine andere Richtung.

»Mein Königreich«, kündigte Tod an.

Überall waren Erscheinungen, kämpfende Armeen, lachende Frauen, Leute in bekannten und unbekannten Kostümen, Leute, die über den Boden krochen, auf Bäume kletterten, in seltsamen Maschinen durch die Luft flogen.

»Erstaunlich«, sagte ich widerwillig.

Tod nickte. »Schon die reine Büroarbeit ist immens. Und trotzdem reißen wir es alle hundertsiebenunddreißig Jahre wieder ab. Es ist eine Schande, daß unser Publikum notgedrungen zahlenmäßig so begrenzt sein muß. Das Tal von Vral ist allerdings mein Meisterstück. Hier spielen wir die erhebendsten Augenblicke der Menschheitsgeschichte aus Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft nach, alles von Männern beim Krieg bis zu Männern beim Spiel, von Liebes- zu Glücksspielen. Eine wahre Schande. Vielleicht sollte ich mehr Reklame machen.«

Tod hüstelte leise. »Sag, Wuntvor, wer ist der größte Zauberer in den Westlichen Königreichen?«

Wollte er mich etwa reinlegen? Trotzdem würde ich fest zu meinen Überzeugungen stehen. »Ebenezum natürlich!«

»Richtig!« schrie Tod, und dicht neben uns erklang ein Gong. »Wuntvor, du hast gerade zusätzliche fünf Lebensjahre gewonnen!«

Grelles Licht umhüllte uns. Die Geister hatten alle in einem geräumigen Amphitheater um uns herum Platz genommen, sie pfiffen und johlten. Der Succubus, den ich fast geküßt hätte, stand auf der linken Seite vor einer großen Tafel, auf der eine ›5‹ aufleuchtete. Sie trug ein mit Pailletten besetztes Kleid, daß irgendwie noch aufreizender als ihre vorherige Nacktheit wirkte.

»Okay!« Tod grinste breit. »Und nun, Wunt, die Zehn-Jahres-Frage! Sag uns, wer der Herrscher von Melifox ist!«

Die Menge pfiff und stampfte mit den Füßen. Mitreißende Musik erscholl von irgendwoher. Der Succubus lächelte sein umwerfendes Lächeln.

»Hm – König Urfoo der Kühne!« platzte ich heraus.

»Auch richtig! Und noch zehn Jahre mehr.«

Die Menge raste. Die Glamourschöne legte ein paar Karten über der Tafel um, bis die mit der ›15‹ erschien.

»Okay, okay!« Tod bat um Ruhe. »Und jetzt kommt die Frage, auf die wir alle gewartet haben. Risiko: Doppelt oder nichts.«

Die Menge applaudierte.

»Nun, Wunt, bist du bereit, um deine Lebensspanne zu verdoppeln?«

»Ja! Ja!« brüllten die Zuschauer. Ich nickte. Warum nicht? War doch gar nicht so schwer.

»Also, Wunt, die große Frage! Wie hieß der berühmte Kanzler der Östlichen Königreiche vor dreihundert Jahren, der immer ›demnächst, demnächst‹ vor sich hin zu murmeln pflegte?«

»Was?« fragte ich. Wie sollte ich so etwas wissen?

»Schnell, Wuntvor! Meine Assistentin hat die Quiz-Uhr gestellt. Du hast fünfzehn Sekunden, um die Frage zu beantworten, und das Pfand ist dein Leben!«

Was? Was sollte ich tun? Ich wußte nichts über die Östlichen Königreiche. Die aufpeitschende Musik spielte wieder, lauter als je zuvor. Die Menge tobte. Ich konnte nicht mehr denken. Warum hatte ich nicht auf Maggie gehört und mich vor diesen Spielen gehütet?

»Zehn!« schrie die Menge. »Neun! Acht! Sieben! Sechs! Fünf!«

»Platz da! Platz! Buh! Buh! Buh!« Die ganze Zuschauerschar richtete ihre Blicke auf Tante Maggie, die sich auf den Schultern von Ebenezum zu uns auf die Bühne durchschlug und dabei die Nase des Magiers zuhielt.

»Batwom Ignatius, Wuntvor!« rief mein Meister. »Batwom Ignatius!«

»Batwom Ignatius?« antwortete ich.

»Richtig!« rief Tod aus. »Du hast deine Lebensspanne verdoppelt. Ausgeschlossen Krankheit und Unfall natürlich.«

Die Menge begann zu rasen, doch Maggie rezitierte ein paar Silben, und Ebenezum wedelte mit seinen Händen. Der Lärm driftete in den Hintergrund.

Ebenezum nieste einmal laut, als Tante Maggie von seinen Schultern herunterkletterte. Ich fragte ihn, wie er von Ignatius wissen konnte.

»Ich mußte es für mein Zauberer-Abschlußexamen lernen«, antwortete er. »Es ist enorm, mit was für unnützem Zeug sie dich deinen Kopf vollstopfen lassen.«

»Was für ein armseliger Spruch«, merkte Tod an. »Sie werden bald wieder da sein.«

»Ich wollte mit dir allein reden«, gab Ebenezum zur Antwort.

»Und deine Behinderung wird auch wieder da sein, wenn sie zurückkommen. Hast du davor Angst? Komm mit mir, Ebenezum, und du mußt nie wieder niesen!«

»Vielleicht werde ich das.« Ebenezum zupfte an seinen Ärmeln. »Ich habe gehört, Tod, daß du Spiele liebst. Möchtest du eins mit mir spielen?«

Tod schnaubte. »Du machst dich lustig über mich! Niemand macht sich über Tod lustig! Sag schon, was ist es? Parcheesi? Bridge? Zweiundfünfzig-heb-auf?«

Der Magier bearbeitete eine Zeitlang seinen Bart, dann deklamierte er feierlich:

»Armdrücken.«

Tod zuckte die Schulter. »Wenn du darauf bestehst.« Er schnippte mit den Fingern, und ein Tisch und zwei Stühle materialisierten sich zwischen ihnen.

»Nun zu den Spielregeln.« Ebenezum sah Tod fest in die Augenhöhlen. »Wenn ich gewinne, sind wir drei frei, und Maggie bekommt ihr Königreich zurück. Wenn ich verliere, gehöre ich dir.« …