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Martin S. Burkhardt - „Lenas Freundin“

ISBN: 978-3-7349-9234-6

Klappentext:

Die vierjährige Maria kommt durch einen Autounfall ums Leben. Für ihre Eltern Lena und Robert bricht eine Welt zusammen. Lena sucht Trost bei ihrer besten Freundin Theresa, die ihr Fotos des Mannes beschafft, der Maria überfahren hat. Gemeinsam schmieden sie dunkle Pläne. Robert ist zunehmend besorgt. Lena verändert sich stark und findet Gefallen an Vergeltungsfantasien. Als er niedergeschlagen wird und gefesselt im Keller seines eigenen Hauses aufwacht, weiß er, Lena ist zu allem fähig.

Inhalt:

Lena hat ihre Tochter bei einem Autounfall verloren. Der Unfallfahrer hat Fahrerflucht begangen und laut den polizeilichen Ermittlungen kann er nicht mal verurteilt werden, da Maria, die kleine Tochter von Lena, wohl einfach so auf die Straße gelaufen sein soll.

Lena braucht ein Feindbild. Und das wird die Familie des Unfallfahrers. Da Lena selber aber nicht der Typ ist, einfach Rache zu üben, sucht sie sich Hilfe. Sie nimmt sich ihre Freundin Theresa zur Hilfe. - Doch Theresa ist in der selben Woche verstorben, wie ihre Tochter.

Lena macht ihrem Mann glauben, dass Theresa ihr hilft, die Trauer zu überstehen. Denn der hat keine Ahnung davon, dass diese doch eigentlich verstorben ist.

Lena ihr Mann ist gezwungen, an mehreren Fronten zu kämpfen. Nichts ahnend, dass seine Frau das größte Problem für sich selber ist.

Leseprobe:

...Eine weitere unruhige Nacht. Ihm gingen Lenas Worte einfach nicht aus dem Kopf. ›Theresa meint, dass man sich nicht so leicht aus der Verantwortung ziehen könne.‹ Was um Himmels willen bezweckte Theresa mit so einer Aussage? Man merkte schließlich, wie unsicher Lena war. Da konnte man ihr nicht noch einen derartigen Unfug ins Ohr setzen.

Es wurde Zeit, mit der guten Theresa ein ernstes Gespräch zu führen. Mitunter war ja alles ein großes Missverständnis. Theresa war eine ungewöhnliche Frau, die vor ungewöhnlichen Wegen nicht zurückschreckte. Womöglich wollte sie Lena aus der Reserve locken, vielleicht bezweckte sie damit etwas ganz Bestimmtes? Robert hätte gern gewusst, was das sein konnte. Theresa und er mussten an einem Strang ziehen, wenn Lena geholfen werden sollte.

Er hatte keine andere Wahl, als heute zu Hause zu bleiben, und Theresa mit einigen Fragen zu konfrontieren. Robert klappte sein Handy auf und wählte Andrés Nummer, der nach dem ersten Klingeln gut gelaunt in den Hörer sprach. Als Robert erwähnte, kurzfristig freinehmen zu müssen, änderte sich Andrés Laune schlagartig.

»Hör mal, Robert, der Alte hat bestimmt eine Menge Verständnis für eure Situation, aber er steht momentan ziemlich unter Druck bei den Aufsichtsräten. Die vielen Fehler, die bei euch in der Abteilung passiert sind …«

»Nicht meine Schuld«, unterbrach Robert

»Stimmt, trotzdem bist du der Abteilungsleiter. Da ist es egal, ob du selbst Dreck am Stecken hast oder ob deine Mitarbeiter Mist gebaut haben. Letztendlich trägst du die Verantwortung.«

»Es gibt hier ein paar Probleme mit Theresa, die ich unbedingt klären muss.«

»Ich sag ja nur, wie es ist. Ich bin bei den Aufsichtsratssitzungen dabei und weiß, dass einige Leute geradezu darauf warten, dass deine Abteilung den nächsten Bock schießt.«

»Und dann?«

»Dann wird der Alte ausgewechselt … und wahrscheinlich auch du.«

Robert schnaufte ins Telefon. Das hätte ihm gerade noch gefehlt, wenn nun auch sein Job wegbrechen würde.

»Noch ist es nur ein Szenario, Robert. Ich als dein Freund würde dich schon rechtzeitig auf gefährliche Tendenzen aufmerksam machen. Aber heute kommen wichtige Kunden. Wenn du da kurzfristig freinimmst, könnte das ein Steinchen mehr im Mühlwerk sein.«

Robert hatte schließlich zugestimmt, im Büro zu erscheinen. Vorher wollte er Lena zumindest noch einmal ins Gewissen reden.

Seine Frau saß in der Küche neben Marias verwaistem Platz.

»Bist du mir noch böse, Schatz?«, fragte er vorsichtig und gab ihr einen Kuss in den Nacken. Lena zuckte zusammen. Sie war an dieser Stelle furchtbar kitzelig.

»Nein«, antwortete sie sofort. Ihr Gesicht wirkte jedoch noch ernster als gestern.

»Über was hast du dich denn mit Theresa unterhalten?«

»Wir haben viele Möglichkeiten durchgesprochen«, erzählte Lena und lächelte zufrieden. »Und nun kristallisiert sich bereits ein erster Plan heraus.«

Robert runzelte die Stirn. »Möglichkeiten? Plan? Was um alles in der Welt redest du da?«

Lena rutsche ungeduldig auf ihrem Stuhl herum. »Die Ziemer arbeitet ehrenamtlich in einer Kirchengemeinde. Kannst du dir das vorstellen? Eine niederträchtige Person wie die ausgerechnet bei der Kirche.« Lena verzog das Gesicht. »Sie gibt Essen aus bei irgendeiner Armenstube. Dort werde ich sie treffen. Natürlich ganz zufällig.«

»Wozu soll das gut sein?«, wollte Robert wissen.

»Ich werde ihr Vertrauen gewinnen. Wir werden uns anfreunden.«

»Was willst du damit erreichen? Willst du sie gegen ihren Mann ausspielen? Das ist doch verrückt. Außerdem, so leicht freundet man sich nicht an.«

»Wir werden uns gewiss schnell anfreunden«, antwortete Lena bestimmt. »Sie hatte nämlich ein ähnliches Schicksal wie ich. Auch ihr Bruder starb, als sie noch ein Kind war. Auch sie hatte eine schwere Jugend gehabt. Eine Menge Bezugspunkte für ein erstes, intensives Gespräch.«

Robert schmierte sich eine Scheibe Brot und stellte den Kaffeebecher auf den Tisch. Seine Kehle fühlte sich trocken an und er hatte das Gefühl, ihm würde der Boden unter den Füßen weggezogen. »Woher willst du denn das alles bloß wissen?«

»Theresa hat es mir erzählt.«

»Theresa?« Robert schüttelte ungläubig den Kopf und seine Gedanken schlugen Purzelbäume. Was hatte Theresa mit all dem zu tun? Handelte es sich bei der ganzen Geschichte vielleicht um eine Art Therapie? Versuchte Theresa, seine Frau mental aufzubauen, indem sie ihr Aufgaben stellte und die Familie des Unfallfahrers damit aus der Anonymität holte? Sollte Lena verstehen, dass hinter den Menschen, die ihre Tochter auf dem Gewissen hatten, Gesichter und Identitäten standen, denen es im Augenblick selbst äußerst dreckig ging? Theresa hatte sich stets für Psychologie interessiert. Ein Crashkurs für die Seele war ihr durchaus zuzutrauen. Dennoch hätte sie das vorher unbedingt mit ihm besprechen sollen.

Ihm fiel noch etwas anderes ein. »Soweit ich weiß, hast du mit keinem Polizisten gesprochen, außer mit Schütt. Dennoch war dir der Name des Unfallfahrers bekannt.«

»Theresa hat eben ihre Quellen.«

»Das weißt du auch von Theresa?«, fragte er erstaunt nach.

»Ja.«

Robert blickte durch das Küchenfenster in den wolkenbehangenen Himmel und verzog den Mund. Langsam war es nicht mehr lustig, was Theresa mit ihr anstellte. Wie klug war es denn, Lena mit solchen Informationen zu versorgen? Glaubte Theresa wirklich, Lena würde auf diese Weise ihren Seelenfrieden wiederfinden?

»Ich finde, Theresa geht ein bisschen zu weit. Am liebsten würde ich mir freinehmen, aber leider stehen heute ein paar sehr dringende Termine an. Ich möchte aber so bald wie möglich mit deiner Freundin sprechen.«

»Vielleicht ist sie ja noch da, wenn du kommst.«

»Oh nein«, sagte Robert lauter als beabsichtigt. »Du richtest ihr bitte aus, dass sie gefälligst auf mich warten soll.«

»Wie redest du denn?«, zischte Lena erbost und knallte ihr Messer auf den Tisch.

»Ich will mit ihr sprechen, ist das klar?« Robert merkte, wie die Wut in ihm hochkochte. War es wirklich zu viel verlangt, dass die Frauen einfach mal warteten, bis er nach Hause kam? Mit zwei hastigen Schritten verließ er die Küche und verabschiedete sich brummend von seiner Frau. Er wollte nicht böse auf Lena sein. Theresa war es, mit der er ein Hühnchen zu rupfen hatte. …