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A. G. Howard - „Dark Wonderland – Die Herzkönigin“

ISBN: 9-783-5701-6319-1

Klappentext:

Alyssa kann Blumen und Insekten flüstern hören, eine Gabe, die schon ihre Mutter um den Verstand brachte. Denn sie sind die Nachfahrinnen von Alice Liddell – besser bekannt als Alice im Wunderland. Als sich der Zustand ihrer Mutter verschlechtert, kann Alyssa ihr Erbe nicht mehr leugnen, sie muss jenen Fluch brechen, den Alice damals verschuldet hat. Durch einen Riss im Spiegel gelangt sie in das Reich, das so viel finsterer ist, als sie es aus den Büchern kennt, und zieht dabei ihren besten Freund und geheime Liebe Jeb mit sich. Auf der anderen Seite erwartet sie jedoch schon der zwielichtige und verführerische Morpheus, der sie auf ihrer Suche leitet. Aber wem kann sie wirklich trauen?

Inhalt:

Allison hat es nicht leicht im Leben. Ihre Liebe geht mit einer anderen und die andere sorgt dafür, dass ihre Liebe nach London geht und sich die beiden auch noch aus den Augen verlieren.

Allisons Mutter sitzt in der Irrenanstalt und redet mit Blumen und Insekten und auch bei Allison setzt der Fluch ein und sie beginnt die Stimmen der Insekten  zu hören. - Das macht ihr Angst und sie kann sich niemandem anvertrauen.

Als ihre Mutter dann auch noch mit Elektroschocks behandelt werden soll, will Allison dem nicht mehr tatenlos zusehen. Sie will ihrer Mutter helfen. Doch dazu muss sie ins Wunderland und muss die Dinge wieder in Ordnung bringen.

Sie begibt sich auf die Reise. Doch die Sache läuft nicht so, wie sie das eigentlich für sich geplant hatte. Auf diese Weise hilft sie nicht nur ihrer Mutter, sondern auch ihrer Liebe auf die Sprünge.

Eine düstere Geschichte mit Happy End. Aber das Wunderland habe ich mir anders vorgestellt.

Leseprobe:

… Nachdem ich auf einen Erdhügel geklettert bin, werfe ich einen Blick in die Runde. Ein Blumengarten überragt mich und wirft riesige Schatten. Zwischen den stammartigen Stielen hindurch sehe ich den Strand eines endlosen Sees. Am Ufer liegt ein leeres Ruderboot – riesig im Vergleich zu mir. Salz und Blütenstaub würzen die Luft.

»Das kann nicht sein«, donnert Jebs Stimme.

Ich wirbele auf dem Absatz zu ihm herum und halte mir die Ohren zu. Ein riesiges Auge späht durch die Tür des Kaninchenlochs heraus.

»Trink aus der braunen Flasche«, antworte ich.

»Ich kann dich nicht hören.« Sein Gemurmel erschüttert den Boden unter meinen Füßen.

Ich stelle pantomimisch Trinken dar und halte einen Zeigefinger hoch, um die Zahl eins zu signalisieren.

Dann ist er fort.

Ich hoffe, er trägt während der Verwandlung den Rucksack. Nach der gegenwärtigen Größe meiner Kleider zu urteilen, wird alles, was ihn berührt, schrumpfen.

In Sekundenschnelle kommt Jeb mit dem Rucksack herausgestürzt. Die Tür schlägt hinter ihm zu, mit dem Schlüssel auf der anderen Seite.

Er umfasst meine Taille und zieht mich an sich. »Was hast du dir dabei gedacht?«

»Tut mir leid.«

»›Tut mir leid‹ bringt uns nicht aus diesem Schlamassel heraus. Wir sind so groß wie Insekten und unser einziger Ausgang ist verschlossen.«

»Aber du bist derjenige, der den Schlüssel stecken gelassen hat!«

Er wird rot. »Was sollen wir jetzt machen?«

»Wir nehmen einen Bissen von dem Kuchen und werden wieder groß.«

Er schlägt sich übertrieben an die Stirn. »Natürlich. Wir essen einfach ein Stück hundert Jahre alten Zauberkuchen.«

»Du kannst so klein bleiben, wenn du willst. Ich stecke dich dann in meine Tasche.«

Knurrend nimmt Jeb den Rucksack ab. »Was auch immer. Lass es uns einfach tun. Verflixt und zugenäht, wir sind kleiner als die stinkenden Blumen …«

»Der Junge findet, wir stinken, Ambrosia.« Eine raue, hexenartige Stimme erklingt plötzlich aus dem Nichts. Durch den Garten fegt eine Bewegung, als blase der Wind in die Blüten.

Jeb und ich weichen zurück und stolpern beinahe über den am Boden liegenden Rucksack.

Eins der riesigen Gänseblümchen beugt sich tief herab und wirft einen langen blauen Schatten. Ein verzerrter Mund weitet sich in dem gelben Blütenkorb und auf jedem Blütenblatt zwinkern reihenweise Augen. »In der Tat, Duftende. So eine Unverschämtheit«, sagt sie. »Wenn hier jemand stinkt, wäre es wohl er. Wir haben keine Schweißdrüsen.«

Jeb zerrt mich hinter sich und wechselt die Richtung. »Ehm, Al? Ich bin nicht der Einzige, der eine sprechende Blume hört, oder?«

Ich klammere mich an ihn und mein Herz schlägt an seinem Rücken. »Du wirst dich daran gewöhnen.« Ich versuche, die aufkommende Panik zu unterdrücken.

»Was soll das heißen?«

Ich habe keine Chance zu antworten, denn Jeb stößt mit mir gegen einen riesigen Stiel.

Eine Kapuzinerkresse beugt sich knurrend vor. Hundert graue Augen schmiegen sich an ihre leuchtend orangefarbenen Blütenblätter. »Passt auf, wo ihr hintretet, ja?«

Mehrere Löwenzahnpflanzen nicken mit ihren flaumigen Köpfen und schimpfen. Winzige Augäpfel ragen aus ihren Federbüschelsamen wie Schneckenfühler.

Ich unterdrücke einen Schrei, als sie alle gleichzeitig zu reden beginnen: »Wie lange ist es her, seit wir solch köstliche Besucher hatten?«

»In den hinter uns oder in den vor ihnen liegenden Jahren?«

»Spielt eigentlich keine Rolle. Es ging mir mehr um die Tatsache selbst.«

Jeb schiebt uns in eine kleine Lichtung inmitten der plappernden Kreaturen und dreht mich zu sich um. »Haben sie uns gerade ›köstlich‹ genannt?«

Hinter uns niest ein Löwenzahn. Seine Samen platzen büschelweise vom Kopf und hinterlassen kahle Stellen. »Meine Augen! So fang doch jemand meine Augen auf!« Er streckt die Blätter aus und versucht, sie zu einzufangen.

Ein bisschen weiter unten beugt sich eine Geranie herab und öffnet einen Eimer auf dem Boden. Darauf glitzert das Wort Blattläuse in roter Farbe. Die Blume fischt ein rosa Insekt von der Größe einer Maus heraus, stopft sich das zappelnde Opfer in den Mund und kaut, und Sabber rinnt ihr über die Blütenblätter. Seine Lider schließen sich unter dem Sabber.

Jebs Gesichtsausdruck wird wild. »Eine Blume, die eine Blattlaus verschlingt. Die Fresser werden zu Gefressenen! Menschen essen manchmal Blumen, Al. Köstlich …«

Mein leichtes Unbehagen fühlt sich jetzt mehr wie ein Schlag in den Magen an. »Wir sollten …«

»Lauf!« Jeb nimmt mich an der Hand und reißt mich mit in einem Sprint zur Tür des Kaninchenlochs.

»Wie kommen wir hinein?« Meine Oberschenkel ächzen bei jedem Schritt.

»Wir brechen das verdammte Schloss auf.«

Ich stolpere beinahe mit meinen Stiefelabsätzen. Jeb ist gnadenlos und zerrt mich weiter. »Wir brauchen nicht so schnell zu laufen! Die Blumen sind in der Erde verwurzelt!«

»Verlass dich lieber nicht darauf«, sagt er.

Ich folge seinem Blick über meine Schulter. Es ist wie ein Zombiefilm – die Blumen stöhnen und reißen ihre Stiele aus der Erde; ihre Münder dehnen sich weit, offen gehalten von langen, spindeldürren Zähnen, durchsichtig und von Sabber triefend wie schmelzende Eiszapfen. Der erkahlende Löwenzahn kommt als Erster frei und ihm wachsen menschenähnliche Arme und Beine. Er benutzt seine Wurzeln zusätzlich als Antrieb, als würde er von Schlangen vorangepeitscht. Er schwingt einen Efeu und schlingt ihn um Jebs Knöchel wie ein Lasso. Mit einem Ruck wirft er Jeb zu Boden.

»Jeb!« Ich bekomme seine Handgelenke zu fassen und es kommt zu einem Tauziehen gegen die zischende Blume.

»Es gibt nicht den gleichen Weg hinaus, den ihr hereingekommen seid«, knurrt eine andere Blume, die sich einige Schritte entfernt aus ihrem Erdgrab windet. Das ist der Moment, in dem ich begreife, dass keine von ihnen eine Blume ist, nicht wirklich, genau wie bei dem Löwenzahn erscheinen Arme und Beine, als sie aus dem Boden brechen.

Sie sind zum Teil menschenartig, zum Teil Pflanze – vieläugige Mutanten.

»Das Kaninchenloch führt nur in unser Reich. Die Pforten, die sich zu eurer Welt öffnen, werden in den Burgen jenseits des Sees bewacht, im pulsierenden Herzen von Wunderland«, sagt eine Blume, während sie mit einem Arm wedelt. Ranken klammern sich an das grünliche Fleisch ihres nackten Bizeps. »Das ist die einzige Fluchtmöglichkeit. Denkt ihr, wir wären noch hier, wenn es einen Ausgang aus dem Loch gäbe?«

Ich stelle mir all die Möbel vor, die mit Efeu an der Tunnelwand befestigt sind. Also hatten sie versucht, einen Weg in unsere Welt zu bauen? Ich schaudere.

Jeb kämpft unter den Ranken, die sich jetzt auch um seine Taille geschlungen haben. »Al, lauf«, murmelt er.

»Ja, lauf«, höhnt der Löwenzahnmutant. Er umfasst mein Kinn mit moosigen Fingerspitzen und neigt den Kopf, um mich mit seinen drei verbliebenen Augäpfeln anzusehen. »Lauf oder lass dich fressen.«

Wieder läuft es mir kalt den Rücken hinunter. Aber ich besiege das Entsetzen, als mir eine Erkenntnis kommt: Der Netherlingsjunge aus meinen Erinnerungen hat mich einmal gelehrt, wie ich diese Blume besiegen kann. …