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Anneliese Koch - ¨... und das Huhn hieß Ilsabein¨

ISBN: 9-78149-919-901-7

Klappentext:

Ein bewegendes Kinderschicksal der Nachkriegszeit und spannend aus der Sich eines Kindes erzählt:

„Zuerst starb meine Schwester Lilibeth und kurz darauf auch Mama, während unser Vater verletzt im Lazarett lag. Man bedrängte ihn, seine noch drei lebenden Kinder zur Adoption freizugeben.

Hans, Lena und mich...

Zwei „braune Schwestern“ teilten uns in drei Familien auf. Mit meinem neuen Vati verstand ich mich sofort. Jedoch, obwohl ich mich bemühte, konnte ich die hohen Erwartungen von Mutti nicht erfüllen.“

Inhalt:

Anneliese verliert als kleines Mädchen auf sehr tragische Weise ihre Mutter. Der Vater liegt zu diesem Zeitpunkt schwer verletzt im Lazaret und gibt seine noch verbliebenen drei Kinder zur Adoption frei.

Anneliese trifft es dabei nicht so gut. Sie kommt zu Leuten, die gut und gern auch ihre Großeltern sein könnten. Die Mutti tut erst so, als würde sie sich tierisch freuen, dass sie endlich ein kleines Mädchen zum Umsorgen hat, aber nach und nach zeigt sie ihre wahre seit.

Die Frau ist nie in der Lage, sich bei dem Kind zu entschuldigen, wenn sie sie wieder einmal bestraft hat für etwas, was sie gar nicht begangen hat.

Nie kann Anneliese etwas gut genug machen und für die kleinsten Vergehen bekommt sie Schläge.

Einzig ihr Vater scheint sie zu verstehen, verschafft ihr glückliche Moment, sagt auch mal etwas gegen seine Frau. Allerdings muss der Vater arbeiten und ist den ganzen Tag nicht zu Hause.

Anneliese meistert ihren Alltag so gut es geht, aber gerecht geht es dabei in den seltensten Fällen zu.

Leseprobe:

… Morgens ließ ich die Hühner aus dem Stall, und Ilsabein pickte frech an meinem schönen Verband. Nach dem Frühstück konnte ich es kaum erwarten Margot mein Bein zu zeigen. „Kannst du damit überhaupt laufen?“ fragte sie mitleidig.

In der Schule war ich plötzlich der Mittelpunkt, alle wollten wissen was mit meinem Bein los sei. Sogar Fräulein Schneider sah sich mein Bein an. Margot und ich sollten in den Pausen im Klassenzimmer bleiben, damit ich nicht umgerannt würde. Noch nie hatte mir Schule so gut gefallen, ich war richtig glücklich.

Die Schulspeise kam, und alle Kinder wollten mir mein Essen holen. Margot wollte das aber für mich machen, sie konnte gut zwei Essenträger tragen. Als dann die Schule aus war warteten wir bis alle Kinder draußen waren, dann gingen auch wir zwei aus dem Schulhaus. Der Schulhof war schon fast leer. Ein paar Buben riefen mir nach: „Hinkepiss!“

Auf unserem Heimweg kamen wir an dem Hutgeschäft vorbei. Wir schauten wieder ins Schaufenster. Der verrückte Hut war nicht mehr da, stattdessen war ein Strohhut ausggestellt mit einem ganzen Obstgarten darauf. Margot lachte: „Bestimmt hat deine Mutti den Hut gekauft.“ Mir lief es kalt über den Rücken bei dem Gedanken: Mutti mit dem schrecklichen Hut und ich müsste mit ihr zur Oma fahren.

Am Kindergarten setzten wir uns wieder auf die Bank um uns auszuruhen. Margot wurde nachdenklich und meinte: „Deine Mutti wird doch wissen, dass du mit dem Bein nicht so schnell laufen kannst? Meine Mutter hat noch nie auf die Uhr geschaut, wenn ich von der Schule gekommen bin. Du hast schon eine komische Mutter, aber es ist ja nicht deine richtige.“

„Das stimmt, aber es nutzt mir nichts, meine richtige Mutter ist ja tot.“ sagte ich traurig. „Das hast du mir doch noch gar nicht erzählt“, versucht sie etwas aus mir heraus zu locken. „Ich kann es dir jetzt nicht erzählen“, vertröstete ich sie, „Dafür brauche ich Zeit, und dann muss ich weinen. Ich erzähle es dir, wenn wir wieder allein spazieren gehen.“

Wir gingen das letzte Stück Heimweg. Margot hampelte und tänzelte auf der Straße herum. Ich meinte sie solle nicht hin fliegen, aber sie lachte und sagte: „Bei dir liegt es an den Schuhen, ich habe bessere Schuhe.“

Wir trennten uns an der Kreuzung, wo der Hund wohnte. Ängstlich schlich ich an dem Haus vorbei, aber der Hund war nicht draußen. Mutti war im Obstgarten, ich konnte sie schon sehen. Am Gartentürchen wartete Ilsabein auf mich. Ich nahm sie auf den Arm, doch ihr gefiel das heute nicht. Sie flatterte mit den Flügeln und strampelte mit den Füßen. Als sie mich gekratzt hatte, ließ ich sie wieder auf den Boden. Trotzdem streichelte ich sie ein wenig.

Mutti war mit dem Apfelpflücker dabei „Landsberger Renette“ zu ernten. Ich solle meinen Ranzen ins Haus bringen und die Schürze umbinden, dann könne ich ihr helfen. Als ich zurückkam musste ich die Äpfel aus dem Apfelpflücker nehmen und in den Korb legen. Sie meinte die Äpfel sollten wir heute noch pflücken, da sie reif wären. Meine Hausaufgaben könne ich danach machen. „Heute brauchst du nichts ins Krankenhaus, Vati kann auch mal allein bleiben.“ „Und mein Bein?“ jammerte ich. „Das kann ich dir auch verbinden“, wollte sie mich beruhigen, „da muss man auch nicht jeden Tag dran rumfummeln!“ Am liebsten hätte ich jetzt geheult, aber ich konnte mich beherrschen. Sie würde den Verband nie so hin bekommen wie die Schwester im Krankenhaus. Dann müsste ich mich schämen wenn ich morgen damit in die Schule gingen, dann würde ich lieber den Verband dran lassen, bis ich wieder ins Krankenhaus durfte.

Aber bis dahin waren die Äpfel und die mussten in den Keller ins Regal. Während ich die Äpfel in den Korb legte, fiel mir ein, dass ich nicht nach dem Hut geschaut hatte. Hatte sie ihn wirklich gekauft, wie Margot vermutete?

Die Hausaufgaben hatte ich fast alle in den Pausen in der Schule gemacht. Margot hatte die Idee gehabt und jetzt war ich froh darüber. Ganz in Gedanken machte ich ordentlich meine Arbeit und in meinem Kopf übte ich das Lied, das wir heute gelernt hatten – Ein Männlein steht im Walde-. Plötzlich schrak ich zusammen, Mutti schrie mich an: „Wird es bald? Du sollst aufs Wort gehorchen!“ Ich hatte keine Ahnung was los war und schaute sie ängstlich an. Vatis Worte schossen mir durch den Kopf: „Mutti ist wie das Wetter, das kann sich plötzlich änderen.“ Sie warf den Apfelpflücker auf die Wiese und ich bekam rechts und links eine Ohrfeige. Nun fing ich an leise zu weinen: „Was habe ich denn verbrochen? Ich habe in Gedanken das lied gelernt, was wir als Hausaufgabe aufhaben.“ „Das kann ich ja nicht wissen, geh den Milchtopf ins Haus bringen, den hab eich vergessen.“ sagte sie und schnappte hörbar nach Luft. Es gab kaum einen Tag an dem sie den Milchtopf nicht vergaß, dachte ich aber ich traute mich niht es zu sagen. „Den Milchtopf habe ich schon in die Küche gestellt, als ich meinen Ranzen ins Haus gebracht habe.“ sagte ich leise. Alles was sie darauf sagte war: „So.“

Sie nahm die zwei Körbe mit den Äpfeln, um diese in den Keller zutragen. Ich ging hinterher um ihr beim Einräumen zu helfen. Mein Bein tat mir weh, weil ich es ja wegen der Schiene nicht beugen konnte. Da stand eine Kiste, und ich wollte den Korb darauf stellen damit ich mich nicht immer so bücken musste. Die Kiste kam ihr jedoch gerade recht, und sie stellte ihren Korb darauf. „Du bist jung, du kannst dich besser bücken als ich!“ fauchte sie mich an. Warum war sie denn nur so boshaft, dachte ich im Stillen.

Ich werde sie nie lieb haben können, das wusste ich ganz gewiss. Warum sie mich nicht leiden konnte war mir rätselhaft. Wahrscheinlich passte es ihr nicht, dass Vati und ich so gut miteinander auskamen. Ja, sie war bestimmt eifersüchtig.

Wir räumten die Äpfel ein, pflückten Neue und räumten dann die ins Regal – bis es Abend war.

Sie hatte wieder kein Essen gekocht, und auch der Nachmittags-Kaffee fiel aus.

Mit letzter Kraft versorgte ich meine Hühner und das Schweinchen und schloss die Türen. Dann ging ich in die Wohnung und legte mich erschöpft aufs Sofa. Kaum lag ich da, hörte ich Frau Bollmann an der Treppe putzen. ...