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Karel Verleyen - „Die Hexe von Bodmin Moore“

ISBN: 9-783-5703-0192-0

Klappentext:

Zwei starke Frauen kämpfen gegen Vorurteile und Verfolgung. Ein junges Mädchen taucht in Saint Brewards auf. Schön, stumm, verletzlich und Mary Finnmore wie aus dem Gesicht geschnitten. Mary Finnemore, die vor 15 Jahren aus dem Dorf verschwunden ist. Der Pastor und der Landlord haben ihre eigenen Gründe, die Jagd auf die angebliche Hexe zu eröffnen...

Inhalt:

Bodmin Moore, ein eher friedlicher und verschlafender Landstrich. Bis zu dem Tag, an dem diese junge Schönheit auftaucht, die Mary Finnmore so verteufelt ähnlich sieht. Ein junger Mann verliebt sich in sie, hilft ihr mit der Kräuterfrau zusammen, aber seiner Mutter ist dieses Mädchen nicht geheuer. Sie geht zum Geistlichen des Ortes und tritt damit etwas los, was sie sicher selber so nicht wollte.

Die heilige Inquisition ist im Nachbarort und der Scheiterhaufen glimmt noch, als auch auf die Kräuterfrau und das Mädchen Jagd gemacht wird. Einzig der Junge sucht sich Hilfe beim Pfarrer des Nachbarortes, der nicht so fanatisch und verblendet ist. Dieser Mann und die geheimnisvolle Frau bringen das Fass dann entgültig zum Überlaufen und alles nimm ein sehr unerwartetes Ende.

Leseprobe:

… Thomas nickte, beugte sich vor und wollte dem Mädchen die Hand reichen. »Nein, du musst sie unter den Armen packen. Sie kann nicht mit dem Fuß auftreten und ich kann sie nicht allein hochheben.«

Thomas trat zögernd einen Schritt näher. Er fühlte sich unbeschreiblich lächerlich, wie er da stand: barfuß und im Nachthemd. Der würde sie nichts bemerken.

»Ich habe sie verfolgt«, sagte Thomas. »Sie war in der Hütte bei unserem Haus und wollte Käse stehlen. Dann ist sie abgehauen. Ich habe sie gehört, ich wollte…«

Er brach ab. Die Kräuterfrau schien nicht zuzuhören und das Mädchen sah ihn wütend und auch ein wenig triumphierend an. Er warf den Hirtenstab ins Heidegras, packte sie recht unsanft und zog sie hoch. Sie war schwerer, als er vermutet hatte. Ihr Kleid fühlte sich noch leicht feucht an. Wieder dieser sonderbare Geruch, der ihm durch und durch ging. Thomas stöhnte, nicht nur wegen der körperlichen Anstrengung. Dusker kam zu ihnen und schnüffelte am Mantel des Mädchens.

»Leg den Arm um meine Schulter«, keuchte Thomas, aber das Mädchen reagierte nicht. Die Kräuterfrau packte ihre linke Hand und legte sie um Thomas’ Schulter. Das Mädchen hatte einen Fuß angezogen und biss sich vor Schmerz auf die Lippe. Die Kräuterfrau kniete sich vor sie hin und betastete mit langen, schlanken Fingern den Knöchel, der dick angeschwollen war.

»Wir müssen sie so schnell wie möglich zu meiner Hütte tragen. Ich helfe dir, so gut ich kann.«

»Mein Stock!«

Die Kräuterfrau bückte sich, um den Hirtenstab aufzuheben. Sie war nicht mehr jung, schien aber noch sehr gelenkig zu sein. Merkwürdig, dachte Thomas, ich kenne noch nicht mal ihren Namen. Alle nannten sie »Kräuterfrau«.

Da stand er also mit einem Mädchen, das von den Toten auferstanden war, und einer Frau, die Kräutertinkturen mischte. Und er im Hemd!

»Was stehst du noch herum, du Träumer? Ich muss sie so schnell wie möglich versorgen, der Fuß sieht schlimm aus!«

Schon nach einer Minute wusste Thomas, dass er es nicht schaffen würde. Die Hütte der Kräuterfrau lag hinter dem zweiten Hügel. Und dann mussten sie auch noch den steilen Hang neben dem Steinbruch hoch!

»Kann ich nicht bei ihr bleiben, während du… Ich habe keine Schuhe an. Vielleicht kannst du ein paar Kräuter holen?«

»Glaubst du wirklich, dass ich nur ein paarmal in die Hände klatschen muss, ein paar Kräuter auf den Fuß lege, und dann kann sie zurückgehen? Ich kann nicht zaubern, weißt du!«

Thomas schüttelte den Kopf. »Dann lass mich erst nach Hause gehen und Kleider und Schuhe anziehen. Meine Füße tun weh und zu dir ist es noch weit.«

Die Kräuterfrau sah ihn prüfend an.

»Hast du Angst?«

Thomas wollte schon protestieren, er habe keine Angst vor einem alten Weib, aber als die Kräuterfrau ihn eindringlich ansah, merkte er, dass sie Recht hatte. Er hatte tatsächlich Angst: Angst vor dem Unbekannten, vor der unwiderstehlichen Anziehungskraft dieses menschlichen Mysteriums, vor Sachen, die es gab, die er aber nicht verstand.

»Gut«, sagte die Kräuterfrau mit kurzem Nicken. »Geh nach Hause, zieh dir was an und komm dann zurück, um zu helfen. Wenn du jemanden bitten kannst mitzukommen, umso besser. Dann können wir sie tragen.«

Thomas lächelte mühsam und ging. Auf einmal spürte er wieder jeden spitzen Stein unter seinen Fußsohlen, das Pieksen des harten Grases, jedes Kratzen der holzigen Heidesträucher, das Streicheln der weichen Farnblätter. Seine Sinne waren geschärft, so sehr, als würde er doppelt intensiv leben.

Erst zu Hause merkte er, dass er den Hirtenstab seines Großvaters vergessen hatte. Jetzt musste er auf jeden Fall zurück. Dieser Gedanke erschreckte ihn. Hatte er etwa vorgehabt…? Ja, stimmt, er hatte nicht die Absicht gehabt zurückzugehen.

Irgendetwas sagte ihm, dass das Mädchen etwas entfesseln und eine Spur des Elends in Saint Breward hinterlassen würde und dass er nie mehr von ihr loskommen würde. Es sei denn, er würde heute Nacht…

Trotzdem, er konnte nicht so tun, als wüsste er nicht, dass die Kräuterfrau und das Mädchen da draußen im Bodmin Moor saßen und in die Nacht starrten.