ich-geb-dir.info
Home.
Delfine.
Hunde.
Literatur.

Eva Völler - „Die magische Gondel“

Zeitenzauber 1

ISBN: 9-783-8432-1070-6

Klappentext:

Die 17-jährige Anna verbringt ihre Sommerferien in Venedig. Bei einem Stadtbummel erweckt eine rote Gondel ihre Aufmerksamkeit. Seltsam. Sind in Venedig nicht alle Gondeln schwarz? Als Anna kurz darauf mit ihren Eltern eine historische Bootsparade besucht, wird sie im Gedränge ins Wasser gestoßen - und von einem unglaublich gut aussehenden jungen Mann in die rote Gondel gezogen. Bevor sie wieder auf den Bootssteg klettern kann, beginnt die Luft plötzlich zu flimmern und die Welt verschwimmt vor Annas Augen …

Inhalt:

Anne verbringt ihre Ferien bei ihren Eltern in Venedig. Ihre Eltern müssen arbeiten, und so ist das Kulturprogramm auf das Wochenende verschoben. - Anne kommt das sehr gelegen und sie durchstreift  Venedig auf eigene Faust.

Mit Matthias, den sie im Hotel kennen gelernt hat, kauft sie eine Katzenmaske. Eigentlich war die als Souvenir gedacht, aber genau diese Maske versetzt Anne in das Abenteuer ihres Lebens.

An einem sonnigen Tag, es ist gerade ein großes Ereignis in Venedig, landet Anne im Vendig von 1499. Zunächst weiß sie nicht was los ist, aber schon bald kommt raus, dass sie erst eine Aufgabe zu erledigen hat, bevor sie wieder in ihre eigene Zeit zurück kann. Was das für eine Aufgabe ist, kann ihr allerdings keiner sagen, weil sonst das Zeitgefüge zu sehr durcheinander geraten würde.

Anne muss sich zunächst mit den Gegebenheiten von 1499 arrangieren. Und Clarissa ist ihr dabei eine große Hilfe. Dann findet sie auch heraus, was sie für eine Aufgabe erledigen muss und schwebt ab dann in großer Gefahr.

Als dann auch noch Sebastiano, ihr Reiseführer zwischen den Zeiten, krank wird, ist sie auf sich allein gestellt. Und das Zeitfenster, was sie wieder in ihre Zeit zurück bringen kann, rückt näher und näher.

Leseprobe:

… »Es ist kein Traum. Und keine Wahnvorstellung. Es ist alles echt. Eine echte Welt. Die echte Vergangenheit. Und es führt kein Weg zurück, jedenfalls nicht für mich.«

Mir wurde auf einmal sehr schlecht und fast hätte ich den Nachttopf benutzt, um mich zu übergeben. Doch das Rumpeln in meinen Gedärmen übertraf den Drang zu kotzen. In Stresssituationen neige ich leider zu Durchfall. Ich musste aufs Klo, und zwar sofort.

Ich räusperte mich. »Gibt es hier im Haus eine Toilette?«

Das heißt, ich hatte Toilette sagen wollen, aber es kamAbtritt heraus.

»Ich bring dich hin, dann weißt du beim nächsten Mal gleich, wo es ist«, sagte Clarissa. Sie ging mit der Kerze voraus und ich folgte ihr nach unten. Der große Raum im Erdgeschoss, den ich vorhin bei meiner Ankunft nicht näher betrachtet hatte, war in der Mitte durch eine Theke abgeteilt, auf der allerlei Gegenstände aufgereiht waren. Ich erkannte eine Waage, Papier und Schreibfeder und einen Kerzenhalter. Ringsum an den Wänden gab es deckenhohe Regale, in denen Mengen von Gläsern, Tiegeln und Tongefäßen in allen Größen standen, neben Säckchen und Kästchen und anderem Kram. Von einem Deckenbalken hingen getrocknete Pflanzenbüschel.

»Ist das ein Gewürzladen?«

»Eine Kräuterhandlung«, sagte Clarissa. »Das ist Matildas Laden. Ich bin ihre Gehilfin.«

Sie öffnete eine Tür, die in einen Raum mit niedriger, rußgeschwärzter Decke führte.

»Unsere Küche«, erklärte Clarissa.

In einer Ecke sah ich eine gemauerte Feuerstelle, über der von einer Kette ein Topf baumelte. Daneben an der Wand waren Geschirrborde angebracht. In der Mitte des Raums stand ein Tisch mit ein paar Schemeln drum herum. Der Raum hatte etwas Anheimelndes, obwohl alles so primitiv war.

Durch eine weitere Tür führte Clarissa mich ins Freie. Im Licht der Kerze sah ich einen Innenhof, der von efeuberankten Mauern umgeben war. An einer Seite stand ein Holzschuppen und direkt daneben gab es einen kleinen Anbau.

»Der Abtritt«, sagte Clarissa, auf den Anbau deutend. Sie reichte mir zuvorkommend die Kerze.

Ich betrat das Häuschen und bereute es sofort. Es stank widerwärtig und erinnerte mich an die Erzählungen meiner Oma, die bei jeder Familienfeier ihre Kindheitserinnerungen hervorkramte. Eine davon handelte von dem Plumpsklo, mit dem sie quasi aufgewachsen war. Noch heute hätte sie den Gestank in der Nase, pflegte sie zu sagen. Jetzt wusste ich, was sie damit meinte. Und außerdem wusste ich nun definitiv, dass ich wirklich in der Vergangenheit war. Nicht mal das kreativste Unterbewusstsein konnte sich diesen bestialischen Geruch und den Anblick eines breiten Holzbalkens mit einem arschgroßen Loch in der Mitte ausdenken.

Das gab mir buchstäblich den Rest. Der schlimmste Durchfall aller Zeiten überkam mich. Hastig stellte ich den Kerzenhalter ab, raffte meine Kleidung nach oben, wedelte ein paar dicke Fliegen weg und hockte mich auf das grässlich stinkende Loch. Blieb nur zu hoffen, dass ich vor dem nächsten Mal wieder in meiner eigenen Zeit war, schon weil ich hier nirgends Klopapier fand. Es gab nur eine Holzschüssel, in der Blätter von irgendwelchen Pflanzen lagen. Immerhin fühlten sie sich weich an, also benutzte ich sie einfach.

»Du kannst mich alles fragen«, erklärte Clarissa, als ich wieder ins Freie trat. »Aber wir müssen leise sprechen. Sobald jemand uns hören könnte, der nicht eingeweiht ist, bringst du die Worte nicht heraus. Es ist so eine Art Sperre, dagegen lässt sich nichts tun.«

Ich musste erst mal tief durchatmen, um den Sauerstoffmangel zu beheben. »In welchem Jahr sind wir?«, fragte ich dann.

»Vierzehnhundertneunundneunzig«, sagte sie.

»Lieber Himmel«, flüsterte ich schockiert.

»Ich komme aus dem Jahr Siebzehnhundertdreiundneunzig. Und du?«

Ich wollte es sagen, aber es ging nicht. Hilflos blickte ich Clarissa an, die frustriert den Kopf schüttelte. »Du kommst aus meiner Zukunft. Deshalb kannst du es nicht sagen. Du brauchst es gar nicht erst zu versuchen. Alles, was du mir aus deiner Zeit erzählen willst, würde dir im Hals stecken bleiben. Was ist deine Muttersprache?«

»Deutsch. Du sprichst es übrigens sehr gut, genau wie Bartolomeo und Matilda. Man hört überhaupt keinen Akzent.« Verwirrt hielt ich inne. »Eigentlich finde ich das sehr merkwürdig.«

»Ich spreche kein Deutsch«, sagte Clarissa. »Ich komme aus Frankreich und rede Französisch, sonst nichts.«

Ungläubig blickte ich sie an. »Aber wieso …«

»Wieso wir uns alle verstehen? Ich dich und du mich und Bartolomeo oder alle anderen, denen du hier begegnen wirst? Das liegt in der Natur der Sache. Reisende in der Zeit passen sich an, ein jeder von ihnen versteht die Sprache der anderen, und er spricht so, dass alle anderen es verstehen. Von ganz allein.«

Ich wusste nicht recht, was ich davon halten sollte. Wurde einem bei der Zeitreise eine Art intergalaktischer Translator eingepflanzt? Unglaublich, aber auf jeden Fall sinnvoll und praktisch. Schade, dass es diese Methode nicht bei uns an der Schule gab. In Latein oder Englisch hätte ich das gut brauchen können.

Die Unterhaltung geriet kurz ins Stocken. Ich überlegte, was ich über das achtzehnte Jahrhundert in Frankreich wusste. In etwa so viel wie bei meiner letzten Geschichtsarbeit zu dem Thema, nämlich so gut wie nichts. Doch, halt – die französische Revolution! Hatte die nicht ungefähr um die Zeit stattgefunden?

Ich versuchte mein Glück. »Kennst du Marie Antoinette?«

Clarissa zuckte zusammen. »Wer kennt sie nicht, die arme gefallene Königin.«

»Äh … als du dort weg bist, war sie da schon …?«

»Unter dem Fallbeil?« Clarissa nickte bedrückt. »Ich sah sie sterben und vergoss endlose Tränen.«

»Äh … ich sah über sie neulich ein Kostümstück mit einer Schauspielerin.« Eigentlich wollte ich sagen einen Film mit Kirsten Dunst, aber das wurde automatisch zu dem mir schon geläufigen Kostümstück abgewandelt. Was mich sofort zu meiner nächsten Frage brachte. »Wer hat das eigentlich so eingerichtet? Ich meine, die Sache mit der Sprache und der Sperre?«

Sie zuckte die Achseln. »Keine Ahnung. Doch dafür kann ich dir erklären, wie es funktioniert: Wer aus der Zukunft hierherkommt, spricht die Sprache dieser Zeit von ganz allein. Aber niemand kann etwas äußern, was die Zeit in Unordnung bringt.«

»Was meinst du mit Unordnung?«, fragte ich.

»In Unordnung kommt die Zeit, wenn Wissen aus der Zukunft preisgegeben wird, denn das könnte jemand dazu benutzen, die Zukunft zu verändern.«

»Und wenn man es einfach aufschreibt?«

»Dann ist es noch schlimmer. Die Hand mit der Feder ist wie gelähmt. Verräterische Worte, die man niederschreiben will, lassen sich nicht zu Papier bringen oder verändern sich von allein.«

»Werden die Worte beim Schreiben ins Italienische übersetzt?«

Clarissa nickte. »Ich glaube schon. Man merkt jedoch nichts davon, genau wie beim Sprechen – es sieht einfach so aus, wie man es gelernt hat. Doch wehe, man will etwas aufschreiben, in dem Hinweise enthalten sind! Seit Jahren versuche ich, einen Brief zu schreiben. Für meine Mutter, der ich berichten möchte, was mit mir geschehen ist. Aber ich schaffe nicht einmal eine halbe Zeile.« Sie blickte mich hoffnungsvoll an. »Du könntest es versuchen! Bestimmt kannst du gut schreiben!«

»Na ja, gut ist was anderes. Aber selbst wenn ich es hinkriege – wie willst du dafür sorgen, dass deine Mutter den Brief in dreihundert Jahren bekommt? Ich meine, die Post braucht im fünfzehnten Jahrhundert bestimmt enorm lange, aber so lange sicher auch wieder nicht.« …