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Eva Völler - „Die goldene Brücke“

Zeitenzauber 2

ISBN: 9-783-8432-1080-5

Klappentext:

Band 2 der romantischen Zeitreise-Saga endlich im Taschenbuch: Nachdem Anna sich dem Geheimbund der Zeitwächter angeschlossen hat, lässt das nächste Abenteuer nicht lange auf sich warten. Mitten in ihrer Abiturprüfung ereilt sie eine Schreckensnachricht aus Paris: Sebastiano ist verschollen - und zwar im 17. Jahrhundert! Anna begibt sich auf eine gefährliche Reise und findet ihren Freund tatsächlich in Paris wieder. Doch es gibt ein neues Problem: Er hält sich für einen Musketier und hat keine Ahnung, wer Anna ist. Schafft sie es, seinem Gedächtnis auf die Sprünge zu helfen?

Inhalt:

Anna hat gerade erfolgreich ihre schriftlichen Literaturprüfungen geschrieben, als sie auch schon zur nächsten Zeitreise aufbrechen muss. Ihr Sebastiona ist zwischen den Zeiten gefangen. Er hängt im Paris 1825 fest, glaubt er sei ein Musketier und es droht das Missglücken der Mission.

Anna ist voller Zuversicht und glaubt, dass sie Sebastiano schnell wieder auf ihre Seite gezogen hat. - Dem ist aber nicht so.

Anna hat schwer zu kämpfen, um überhaupt erst einmal die Aufmerksamkeit des Musketiers auf sich ziehen zu können. Und dann muss sie mit ansehen, wie er mit anderen Frauen die Kneipe verlässt.

Anna kämpft, Anna bekommt in der Zeit auch noch eine eigene Aufgabe, die sie nur um Haaresbreite erfolgreich beenden und und am Ende steht fest, dass sie und Sebastiano schon wieder einen Auftrag zwischen den Zeiten haben.

Leseprobe:

… Das war Philippe! Sofort war ich hellwach und sprang auf. Das heißt, ich wollte aufspringen, aber in Wahrheit war es ein mühevolles, langsames, von Ächzen begleitetes Hochstemmen, behindert durch das Laken, das sich um meine Beine gewickelt hatte wie eine überdimensionale Schlange. Die Kissen lagen überall um mich herum verteilt auf dem Boden, ich hatte auf den nackten Dielen geschlafen. Mein Körper fühlte sich an wie nach einem Sturz aus großer Höhe (zumindest stellte ich mir vor, dass es sich so anfühlen musste), ich konnte kaum aufrecht stehen vor Schmerzen. Das Schlimmste war, ich wusste nicht, was mehr wehtat, mein Kopf oder der ganze Rest halsabwärts.

»Cécile! Anna!«, kam es ungeduldig von draußen.

»Ich bin wach«, krächzte ich in Richtung Fenster.

»Es hat eben neun geschlagen!«, rief Philippe zurück.

Ich hatte verschlafen! Entsetzt blickte ich im Zimmer umher. Am liebsten wäre ich sofort zu Philippe hinausgerannt, damit er mich gleich zu Gaston bringen konnte, denn der wusste ja als Einziger, wo Sebastiano steckte. Doch in dem Zustand konnte ich mich unmöglich unter Leute wagen.

»Ich komme sofort!«, rief ich.

Schuhe. Ich brauchte unbedingt Schuhe!

»Cécile, kannst du mir ein paar Schuhe borgen?«

Vom Bett her war ein Stöhnen zu hören. Ein weißblonder Wuschelkopf bewegte sich kurz und lag dann wieder still. Leises Schnarchen entstieg den Kissen. Cécile würde ganz bestimmt nicht so schnell aufstehen. Der Einfachheit halber wertete ich das Stöhnen als Ja und die kurze Bewegung als Nicken.

Von den Schuhen, die überall herumlagen, konnte sie sicher ein Paar entbehren. Leider waren sie alle viel zu groß für meine Füße, da reichte ein einziger Blick. Trotzdem waren große Schuhe besser als gar keine. Ich suchte mir nach kurzem Probieren ein Paar Ledersandalen heraus, die man mit Bändern verschnüren konnte, so hielten sie wenigstens an den Füßen, auch wenn die Sohle vorn drei Fingerbreit unter meinen Zehen hervorragte. Anziehen musste ich mich praktischerweise nicht, denn ich hatte mich in der Nacht gar nicht erst ausgezogen. Das sackartige Gewand war aus so grobem Stoff, dass ein paar zusätzliche Knitter und Flecke überhaupt nicht auffielen.

Jetzt noch schnell ein bisschen frisch machen.

Ich ging eilig auf den Topf, dann nahm ich einen Kamm von Céciles Schminktisch – und fuhr bei meinem Anblick im Spiegel erschrocken zurück. Ich sah grauenhaft aus. Bleich, hohläugig, zottelig – die Mutter aller Zombies. Beim Kämmen riss ich mir Mengen von Haaren aus, überall waren Knoten. Damit die lange Mähne nicht wieder so durcheinandergeraten konnte, flocht ich mir einen festen Zopf und band ihn mit einem der Seidenbänder zusammen, die auf dem Boden herumlagen. Damit sah ich schon wieder halbwegs passabel aus. Auf dem Wandbord stand eine Waschschüssel, aber das Wasser darin sah benutzt aus, und der dazugehörige Krug war leer. Egal, zum Händewaschen taugte es auf alle Fälle. Dann ein Sprühstoß aus einem der Parfümflakons vom Schminktisch (es roch durchdringend nach Veilchen), zweimal kräftig in die Wangen gekniffen – das musste reichen. Zähneputzen musste ich vertagen, auch wenn es schwerfiel. Vielleicht konnte mir Philippe unterwegs einen Schluck Wasser besorgen. Kaffee hatten sie hier nicht, das würde noch ein paar Jahrzehnte dauern – was ich auch nur zufällig deshalb wusste, weil es die ersten Kaffeehäuser in Venedig geben würde. Bis zur Verbreitung von Tee und Kakao war es ebenfalls noch eine ganze Weile hin.

»Wiedersehen«, sagte ich zu Cécile. »Und vielen Dank für alles. Die Schuhe gebe ich Philippe, der kann sie dir später zurückbringen.«

Es kam keine Reaktion, sie schlief wie ein Stein.

Verkatert und übernächtigt verließ ich Céciles Zimmer. Die Haustür stand sperrangelweit offen, draußen auf der Gasse spielten fröhlich kreischende Kinder. Sie jagten ein gackerndes Huhn umher, das aufgeregt mit den Flügeln flatterte. Jetzt wusste ich auch, warum ich vor dem Aufwachen von Ferien auf dem Bauernhof geträumt hatte. Der Lärm verdoppelte das Hämmern in meinem Kopf. Das grelle Tageslicht brannte mir derart in den Augen, dass ich erst ein paar Mal blinzeln musste, bis ich mich daran gewöhnt hatte.

Philippe wartete vor dem Haus, die geborgte Nachtleuchte in der Hand. Er hatte sie treu und brav wieder mitgebracht. Ich bot ihm an, sie schnell zu Cécile reinzubringen, was er dankend annahm. Dafür durfte ich hinterher ein paar kräftige Schlucke Wasser aus der Feldflasche nehmen, die er an seinem Gürtel trug. Danach kam mir das Geschrei der Kinder nicht mehr ganz so durchdringend vor, und auch das Sonnenlicht war besser zu ertragen. Aber es war ziemlich warm, ich fing bereits an zu schwitzen. Aufgebrochen war ich im März, angekommen im Sommer. Schon am frühen Morgen herrschte brütende Hitze, Grund genug, dass wir uns zügig auf den Weg machten.

»Meinetwegen können wir los«, sagte ich.

Bei Tageslicht hatte ich nun Gelegenheit, die Umgebung genauer zu betrachten. Cécile lebte in einem vierstöckigen Mietshaus mit einer schäbigen Fassade, und die Straße, in der es sich befand, sah auch nicht sonderlich anheimelnd aus. Philippe nannte mir den Namen – Rue Percée –, damit ich das Haus wiederfand, falls ich noch mal hierher zurückmüsste. Was ich allerdings für ausgeschlossen hielt, schon deswegen, weil ich keine Lust hatte, noch einmal auf dem Fußboden zu schlafen. Bestimmt hatte Sebastiano eine bessere Bleibe. Dort würden wir gemeinsam die Zeit bis zur Rückreise zubringen, und falls ihn eine besondere Aufgabe, die er in dieser Zeit zu erfüllen hatte, an einer Rückkehr in die Gegenwart hinderte, würden wir das ebenfalls zusammen erledigen. Ich würde alles gemeinsam mit ihm durchstehen. Und ihm bis zu unserer Abreise nicht mehr von der Seite weichen. Wenn ich mit Sebastiano zusammen war, konnte ich alles ertragen. Vielleicht hatte er dort, wo er wohnte, sogar einen Badezuber und ein Stück ordentliche Seife. Damit ließ sich schon viel ausrichten.

Neugierig wandte ich mich an Philippe. »Warst du eigentlich derjenige, der Sebastiano Gastons Botschaften überbracht hat?«

Er nickte. »Ich war zweimal bei ihm und gab ihm Gastons Nachrichten. Beim ersten Mal verdächtigte er mich unsittlicher Absichten, worauf ich ihm beteuern musste, dass nicht ich sein Erscheinen auf der Brücke wünschte, sondern der Verfasser der Botschaft. Beim zweiten Mal befahl er mir, mich fortzuscheren und meinem Auftraggeber auszurichten, er solle sich gefälligst selbst blicken lassen, wenn er etwas von ihm wolle. Was Gaston dann ja auch tat – mit dem bekannten Ergebnis.«

Philippe führte mich durch ein Viertel, in dem jede Menge Leute unterwegs waren. Manche schoben Karren vor sich her, die mit Gemüse oder Brennholz beladen waren, andere schleppten Körbe oder Kübel mit sich. Fast alle waren ärmlich gekleidet, die Frauen mit schmuddeligen Schürzen über den langen Röcken, die Männer mit schäbigen Kniehosen und abgestoßenen Schuhen, die Kinder mit billigen Holzschuhen. Manche sahen regelrecht zerlumpt aus. Ich fiel mit meinem rustikalen Outfit gar nicht auf. Dagegen wirkte Philippe schon beinahe adrett. Seine Kleidung war zwar ebenfalls schlicht, aber sie saß erstaunlich gut und war sauber und gepflegt. Sein langes blondes Haar hatte er sorgfältig gekämmt und mit einer Samtschleife zurückgebunden. Außerdem waren sein helles Hemd und seine Strümpfe fleckenfrei und kaum geflickt, was im siebzehnten Jahrhundert schon was heißen wollte. Den Hut – ein dunkles Barett, wie man es zu dieser Zeit trug – hatte er wegen der Wärme abgenommen, die Hemdsärmel hochgekrempelt.

An der nächsten Ecke deutete er auf ein schmalbrüstiges Haus mit einem vorkragenden Obergeschoss und einer Fachwerkfassade. »Hier wohne ich. Das ist das Haus meiner Eltern. Mein Vater ist Schneider. Ich habe dasselbe Handwerk erlernt wie er, doch im Moment macht er noch fast alles selbst. Ich werde wohl erst in einigen Jahren das Geschäft übernehmen. Bis dahin befasse ich mich hauptsächlich mit dem Entwerfen neuer Schnitte. Ich zeichne gern.«

»Das ist überaus bemerkenswert.« (In Wahrheit hatte ich nur ein Wort gesagt, nämlich cool). »Und wie bist du an diese … Zusatztätigkeit für Gaston gekommen?« …