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Eva Völler - „Das verborgene Tor“

Zeitenzauber 3

ISBN: 9-783-8339-0273-4

Klappentext:

Anna und Sebastiano sollten eigentlich nur einen Ingenieur nach London in das Jahr 1813 begleiten. Doch dort angekommen, erwartet sie eine weitaus gefährlichere Mission: Jemand versucht, sämtliche Zeitreise-Tore zu zerstören, und nur Anna und Sebastiano können es verhindern. Getarnt als Geschwister tauchen sie in die High Society des Londoner Adels ein und stellen schon bald fest, dass an jeder Ecke Intrigen und Gefahren lauern …

Inhalt:

Anna und Sebastiano haben einen neuen Auftrag. Die Abreise nach London im Jahr 1813 ist sehr überstürzt und auch genaue Informationen über den Auftrag müssen sie sich selber zusammen suchen.

Es stellt sich heraus, dass einer der Zeitwächter nacheinander alle Tore zerstört. Auf diese Weise zerstört er die Zeitlinie und eliminiert alle Jahre, außer 1813. Das Jahr widerholt sich dann immer und immer wieder.

Anna und Sebastiano leben in gehobenen Kreisen, fallen am Ende aber trotzdem auf die falschen Leute herein. Das führt so weit, dass die beiden aus ihrem eigenen Haus fliehen müssen und dem eigenen Personal nicht mehr trauen können.

Nur mit einer Finte kann das Unternehmen noch gleingen und der Zeitfluss kann weiter gehen.

Leseprobe:

… »Das klang hier gerade nach einem gewaltig lauten Amen«, meinte sie leutselig. »Oder vielleicht doch eher nach einer Ladung Schwarzpulver?«

»Jerry, bitte warte eine Weile auf uns«, bat Sebastiano. »Wir sind hier noch nicht fertig.«

»Ja, aber …«

Sebastiano machte ihm die Tür vor der Nase zu, ehe er seinen Protest in Worte fassen konnte.

»Was hast du vor?«, fragte ich.

»Warten. Könnte ja sein, dass José gleich zurückkommt.«

Wir klopften uns den Staub von der Kleidung und setzten uns auf eine der Kirchenbänke. Dabei bemühten wir uns, dem vorwurfsvollen Starren des hölzernen Christus auszuweichen und auch nicht allzu genau den kaputten Fußboden neben der Säule zu betrachten. Sebastiano legte den Arm um mich, und gemeinsam hingen wir bedrückenden Gedanken nach.

Etwa fünf Minuten tat sich nichts. Dann wurde auf einmal die Tür zur Sakristei aufgerissen und ein Geistlicher platzte herein, der uns misstrauisch anblickte. Als er den ruinierten Fußboden sah, fing er sofort an zu zetern, und Sebastiano konnte ihn nur mit Mühe davon abhalten, die Polizei zu rufen. Der Geistliche jammerte ein ums andere Mal, er habe diesem einäugigen Schurken von Anfang an nicht getraut.

»Ich hätte niemals sein Geld nehmen dürfen, denn mir war klar, dass er die Kirche nur für dunkle und widernatürliche Zwecke missbraucht!«

Damit lag er ziemlich richtig, aber Sebastiano schaffte es, den Zorn des Mannes mit passenden Gegenmaßnahmen zu dämpfen. Eine Rolle Banknoten wechselte den Besitzer.

»Das sollte für einen neuen Fußboden reichen«, sagte er. »Vom Rest können Sie das Dach machen lassen. Oder eine neue Jesusfigur anschaffen.«

Der Geistliche wies uns entrüstet darauf hin, dass der hölzerne Heiland von seinem Bruder gefertigt worden sei, einem wahren Meister der Schnitzkunst, doch gleichzeitig zählte er in Windeseile das Geld und ließ uns dann gnädig ziehen.

Als wir aus der Kirche kamen, wurde der arme Jerry immer noch von Molly Flanders belagert.

»Ich habe der Weibsperson eine Guinee gegeben«, klagte er. »Aber sie will nicht verschwinden.«

»Du hast mir das Geld doch für meine Gesellschaft gegeben«, gab Molly vernünftig zurück. »Das ist für gewöhnlich der Handel, den ich mit liebebedürftigen Herren abschließe.«

»Ich bin nicht liebebedürftig.«

»Oh, aber sicher bist du das. Alle jungen Gentlemen in deinem Alter sind es, nur stellen die sich nicht so verschüchtert an wie du.«

Sie lächelte den Groom Jacko an, der auf dem rückwärtigen Trittbrett der Kutsche stand und zahnlos zurückgrinste. »Sogar dieser steinalte Kerl da weiß die Reize einer schönen Dame zu würdigen, stimmt’s?«

Jacko zwinkerte zustimmend.

Sebastiano half mir in die Kutsche. »Ich schlage vor, ihr setzt diese Unterhaltung ein andermal fort. Wir müssen los.«

Jerry erklomm erleichtert den Kutschbock. »Zurück zum Grosvenor Square, Mylord?«

»Nein, zuerst zu deinem Großvater, Jerry.« Sebastiano stieg zu mir in die Kutsche und zog den Schlag zu. Während der Fahrt berieten wir uns leise, was wir jetzt tun sollten, doch weil wir keine Ahnung hatten, was genau geschehen war, hatten wir auch keine zündende Idee für irgendwelche besonderen Maßnahmen. Deshalb beschlossen wir, zunächst einfach so weiterzumachen wie ursprünglich geplant, nämlich wie es in Josés Notiz vorgesehen war. Es sei denn, Mr Scott hatte einen besseren Plan.

Der alte Buchhändler bat uns wieder in sein Hinterzimmer, damit wir ungestört reden konnten. Nachdem Sebastiano ihm erzählt hatte, was geschehen war, machte er eine sehr ernste Miene.

»Mr Marinero hatte bereits die Befürchtung geäußert, dass so etwas geschehen könnte, doch er hoffte, dass das Portal in der Kirche verschont werden würde, weil es klein und unbedeutend und kaum bekannt ist.«

»Verschont wovon?«, wollte Sebastiano wissen.

»Von der Zerstörung. Es ist nicht das erste Tor, das während der Benutzung vernichtet worden ist. Mr Marinero erwähnte, dass es in den letzten Tagen mehrere erwischt hat.«

Vor Schreck hätte ich fast den kleinen Sisyphus fallen lassen, den ich auf den Arm genommen hatte, weil er so einsam aussah. Seine Geschwister waren verschwunden, anscheinend hatten sie inzwischen ein neues Zuhause gefunden.

»Was hat er sonst noch gesagt?«, fragte Sebastiano. Ich konnte sehen, dass er unter seiner Sonnenbräune blass geworden war.

»Dass er noch ein oder zwei Trümpfe hätte und dass er, falls bei dem Übertritt etwas schiefgehen würde, sein Bestes geben wird, durch ein anderes Tor zurückzukommen – sofern in England noch eins übrig bleibt.«

»Übrig bleibt?«, echote ich entsetzt. »Was ist mit dem Hauptportal auf dem Trafalgar Square?«

Mr Scott schüttelte nur sorgenvoll den Kopf.

Jerry, der bisher stumm zugehört hatte, platzte verblüfft heraus: »Daher kommt das große Loch, das heute Morgen mitten auf dem Platz entdeckt wurde, oder? Die Leute meinten, in der Nacht müsse ein Blitz dort eingeschlagen haben, aber es hat überhaupt kein Gewitter gegeben. Andere sagten, irgendwer habe den Platz wohl mit einer Kanone beschossen, doch dann hätte man ja eine Kugel finden müssen. Es war aber keine da.«

»Hat Mr Marinero irgendetwas darüber gesagt, wer für die Zerstörung der Tore verantwortlich ist?«, hakte Sebastiano nach.

»Feindliche Mächte«, antwortete Mr Scott. »Er meinte, er habe das nicht erwartet, denn es sei jemand beteiligt, mit dem er nicht gerechnet habe. Er sagte, es könne zum Schlimmsten kommen.«

Schockiert hielt ich die Luft an, während Sisyphus ein leises Quieken von sich gab. Offenbar hatte ich ihn in meinem Schreck ein bisschen zu fest an mich gedrückt. Vorsichtig setzte ich ihn zurück in den Hundekorb, aus dem er jedoch sofort wieder herauskletterte und tapsig um meine Fußknöchel strich.

»Hat er das noch näher erläutert?«, fragte Sebastiano.

»Nein. Aber er hat etwas für Sie hinterlassen.« Mr Scotts Holzbein klopfte auf den Fußboden, als er zu einem der Regale humpelte und ein schweres, in Leder gebundenes Buch hervorzog. Er reichte es Sebastiano, der irritiert die goldgeprägten Lettern auf dem Band betrachtete. »Ein Sammelwerk mit Stücken von Shakespeare?«

»Er hat etwas darin markiert.«

Sebastiano fing an zu blättern und hielt schließlich inne. »Hier ist was unterstrichen. Sogar doppelt. Gleich im ersten Akt von Heinrich dem Fünften.« Er las es langsam vor. »Ein Reich zur Bühne, Prinzen drauf zu spielen, Monarchen, um der Szene Pomp zu schau’n!«

»Was soll das bedeuten?«, fragte Jerry.

»Wenn ich das wüsste, wäre mir wohler«, gab Sebastiano zurück. Er blätterte noch ein bisschen, fand aber auf Anhieb keine unterstrichenen Stellen mehr. »Wir suchen zu Hause weiter«, sagte er schließlich. »Ich nehme das Buch mit, wenn Sie erlauben.«

»Natürlich.« Mr Scott begleitete uns zur Ladentür. »Zögern Sie nicht, mich jederzeit aufzusuchen, wenn Sie Fragen haben.«

Jerry hob Sisyphus auf, der hinter mir her gezockelt war. »He, wo willst du hin, du Naseweis?« Ein Grinsen trat auf sein sommersprossiges Gesicht. »Ich glaube, er hat sich in Sie verliebt, Mylady.«

Wie zur Bestätigung gab Sisyphus ein kleines Winseln von sich. Mir wurde ganz wehmütig zumute, als ich in die großen Hundeaugen blickte, doch Sebastiano nahm meinen Arm und zog mich aus dem Laden. »Ich sagte doch, denk nicht mal dran.« …