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Sebastian Fitzek - „Splitter“

ISBN: 9-783-4265-0372-0

Klappentext:

Was wäre, wenn Sie die Erinnerung an die schlimmsten Ereignisse Ihres Lebens für immer aus Ihrem Gedächtnis löschen könnten? Und was, wenn etwas dabei schiefginge? Viel mehr als der Splitter, der sich Marc Lucas in den Kopf gebohrt hat, schmerzt ihn die seelische Wunde – denn seine Frau hat den Autounfall, an dem er die Schuld trägt, nicht überlebt. Da hört Marc von einem psychiatrischen Experiment, das ihn von der quälenden Erinnerung befreien könnte. Nach dem ersten Test jedoch beginnt ein Alptraum: Marcs Wohnungsschlüssel passt nicht mehr. Ein anderer Name steht an der Tür. Und dann öffnet ihm seine hochschwangere Frau …

Inhalt:

Marc hat seine Frau mit samt dem ungeborenen Kind bei einem Autounfall verloren. Er hält sich für den Mörder der beiden und damit quält er sich sehr. Wie gerufen kommt da die Anzeie „Lernen Sie vergessen“. Einfach das Hirn neu programmieren und neu anfangen.

Was so vielversprechend klingt, entpuppt sich als Horrortrip. - Die Wohnung, die plötzlich nicht mehr die eigene ist. Die verstorbene Frau, die plötzlich überall herum läuft und der andere, der das eigene Leben zu leben scheint... - Und dann der Splitter im Nacken... ist er nun da oder nicht?

Das Verwirrspiel gipfelt in einem Finale, welches kaltblütig, etwas abartig, aber auch irgendwie logisch ist.

Leseprobe:

»Das kann nicht sein«, sagte Marc erschöpft, obwohl er wusste, dass sein Schwiegervater die Wahrheit sprach. Er hatte es in der Sekunde gewusst, in der sein Schlüssel passte und die Tür aufschwang. Ebenso wie hier im Wohnzimmer sah alles noch genauso aus, wie er es heute Vormittag zurückgelassen hatte.

Sandra war sicherlich nie eine Pedantin gewesen und hatte ebenso wie er die Gabe besessen, ein aufgeräumtes Zimmer im Handumdrehen in ein Schlachtfeld zu verwandeln. Aber sie liebte Pflanzen über alles und hätte ihren Lieblingsbonsai niemals achtlos herausgerissen und neben seiner Blumenerde liegen gelassen. Und dieser Fakt ließ nur einen Rückschluss zu ’«

Sandra war nicht hier. War es nie gewesen.

Marc spürte, wie Constantin sich neben ihn setzte, ohne ihn zu berühren.

»Ich verliere den Verstand«, flüsterte er mit geschlossenen Augen.

»Nein, tust du nicht.«

»Doch.« Marc massierte sich die Schläfen und spürte erst durch den angenehmen Gegendruck wieder die Übelkeit, die ununterbrochen in ihm schwelte. »Ich habe sie gesehen. Ich hätte meine Hand nach ihr ausstrecken und sie berühren können.«

»Hier, nimm das.«

Marc sah auf. Sein Schwiegervater musste in der Küche einen Plastikbecher gefunden haben, den er ihm jetzt reichte. Er selbst hatte sich ein geschliffenes Whiskeyglas gegriffen, dessen Rand leicht abgesplittert war. »Trink, es ist nur Wasser. Wenn du unter Schock stehst, benötigst du viel Flüssigkeit.« Die weißen Rillen des dünnen Bechers knackten, als Marc zugriff. Im Zwielicht schimmerte das Wasser wie die Oberfläche eines dunklen Sees, und Marc hielt mitten in der Bewegung inne. »Nur Wasser?«

»Für wen hältst du mich?«

Constantin setzte sein Glas auf dem Couchtisch ab. Dann nahm er Marc den Plastikbecher wieder ab und leerte ihn mit einem Zug. »Zufrieden?«

Er stand auf und sah mit väterlicher Miene auf Marc hinab.

»Tut mir leid.«

Constantin nickte und griff sich wieder sein Glas. Auf dem Couchtisch zeichnete sich ein Wasserfleck ab. »Aber ich müsste dir wirklich etwas zur Beruhigung geben. Ich mache mir ernsthaft Sorgen um dich, Marc.«

»Ich auch.«

Ich fühle mich wie ein Mensch, der einen Magneten verschluckt hat, der nicht Metall, sondern den Wahnsinn auf sich zieht. Und ich habe große Angst, dass seine Wirkung von Sekunde zu Sekunde stärker wird.

»Komm, es wird spät. Lass uns in die Klinik fahren.« Constantin stellte das leere Glas passgenau auf den Wasserrand und reichte ihm die Hand, doch Marc schloss wieder die Augen. Schon als kleiner Junge hatte er gelernt, dass er besser nachdenken konnte, wenn nicht alle seine Sinne aktiviert waren. Als er sie wieder öffnete, stand sein Schwiegervater vor dem Fenster. Sein Zeigefinger folgte dem Verlauf eines Regentropfens, der wie eine Träne die Scheibe hinabglitt. »Wie oft denkst du noch an den Tag, damals im Mai?«

Constantins Stimme war belegt. »Wann war es genau?« Der Tag im Mai.

Sie hatten ihn nie anders genannt. In ihren Gesprächen war es nie der Tag gewesen, »an dem Sandra überfallen worden war«, oder »der Tag, an dem man sie geknebelt und mit einer Drahtschlinge an den Küchenherd gebunden hatte«. Es war auch nicht »der Tag, an dem Sandra ihn eigentlich auf eine Fortbildung hätte begleiten sollen und wegen ihrer Übelkeit zu Hause in der Villa ihres Vaters geblieben war«.

»Christian wäre jetzt drei«, sagte Marc leise. »Genau. Drei Jahre ist das jetzt her.«

Constantin seufzte, als wäre seither eine Ewigkeit vergangen. Und im übertragenen Sinne war es das auch. Sandra war damals schon einmal schwanger gewesen. Die Einbrecher kamen, als sie gerade mit einer Familienpackung Creme-brulee- Eis auf dem Schoß eine alte King 01 Queens-Folge auf DVD sehen wollte. Sechs Stunden dauerte es, bis Constantin endlich nach Hause kam. Bis dahin hatten die beiden Kerle mit den Skimasken den Tresor aufgestemmt und neben den teuren Originalen an den Wänden sämtliches Tafelsilber, Bargeld, eine Uhrensammlung und den alten Laptop mitgenommen.

Sechs Stunden.

Die Blutungen der Fehlgeburt hatten schon eine Dreiviertelstunde früher eingesetzt.

»Habt ihr euch deshalb für euer zweites Baby keinen Namen mehr aussuchen wollen?«

Marc nickte. »Ja. Der Tag hat so vieles zerstört. Wir dachten, Sandra könne nie wieder Kinder bekommen. Als es dann doch funktionierte, wollten wir das Unglück nicht heraufbeschwören. Aberglaube.« Er lachte freudlos. »Ist es nicht eine Ironie des Schicksals?«

Constantin drehte sich um und wirkte auf einmal unendlich alt. »Du irrst dich.«

Marc sah auf. »Wie meinst du das?«

»Du hast gesagt, der Tag damals habe vieles zerstört. Das ist natürlich richtig. Aber so grausam es klingt, das Unglück hat euch auch drei weitere schöne Jahre geschenkt.«

»Das verstehe ich nicht.«

»Sandra wollte dich damals verlassen, Marc.«

»Wie bitte?«

Marc fröstelte und zog die Schulter zusammen wie jemand, der damit rechnet, gleich einen Eiswürfel in den Nacken gelegt zu bekommen.

»Ich bin nicht sicher, aber ich glaube, deshalb war sie bei uns in Sakrow. Sie wollte mit mir reden, sobald ich aus der Klinik komme.« Constantin atmete schwer. »Sie rief an und sagte, es gehe um eure Beziehung und um einen anderen Mann, dem sie erst kürzlich begegnet sei.«

»Das kann nicht sein«, sagte Marc, obwohl er allen Grund hatte, seinem Schwiegervater zu glauben. Alte, drückende Erinnerungen erkämpften sich einen Platz in der vorderen Reihe seines Bewusstseins. Er hatte es damals verdrängen wollen und Sandras Verhalten auf hormonell bedingte Stimmungsschwankungen während der Schwangerschaft geschoben. Zuerst war sie nur abwesend, still; dann zog sie sich immer mehr in sich zurück, bis die Nachdenklichkeit in eine Depression umzuschlagen schien. Er wollte alle Termine absagen, bis zur Geburt bei ihr zu Hause bleiben, doch das lehnte sie ab. Stattdessen ging sie stundenlang allein spazieren, auch in Gegenden, um die sie normalerweise einen großen Bogen machte. Eines Tages, er hatte gerade die Eltern eines notorischen Schulschwänzers in Neukölln besucht, sah er, wie sie aus einem schäbigen Straßencafe kam und gedankenverloren in ein Taxi stieg. Als er sie am Abend darauf ansprach, wurde sie wütend und warf ihm an den Kopf, sie verweigere die Aussage, »Herr Anwalt«. »Wer war der andere ?«, stellte er die Frage, die ihn damals schon gequält hatte.

Constantin zuckte mit den Achseln. »Ich habe wirklich keine Ahnung. Es kam nie zu einem klärenden Gespräch. Denn als sie nach der Not-OP erwachte, wollte sie kein Wort mehr darüber verlieren. Sie wollte nur noch dich sehen.« Marc spürte einen leichten Krampf in der Wade und stand mühsam auf. Seltsamerweise erinnerte er sich ausgerechnet jetzt an den müden Witz seines Alten Herrn, der ihm erklärt hatte, man erkenne Männer ab fünfzig daran, dass sie sowohl beim Hinsetzen als auch beim Aufstehen stöhnten. So gesehen war er heute an einem einzigen Tag um achtzehn Jahre gealtert.

»Warum erzählst du mir das gerade jetzt?«, fragte Marc und griff sich den leeren Pappbecher, den Constantin vorhin ausgetrunken und auf den Couchtisch gestellt hatte. Er musste ins Bad; den Kopf unter Wasser halten und endlich die Medikamente nehmen. Constantin antwortete erst, als Marc bereits die Tür des Badezimmers hinter sich geschlossen hatte. »Weil du mich vorhin gefragt hast, warum ich dich immer noch als meinen Sohn betrachte. Eine Tragödie hat manchmal die unglaubliche Kraft, Menschen, die sich lieben, zusammenzuschweißen.«

»Na prima, dann sag mir mal Bescheid, wenn du mich nicht mehr leiden kannst. Dann bring ich einfach noch jemanden um … »

Marc sah auf die Stelle an der Wand, an der eigentlich ein Spiegel hätte hängen müssen, während er sich mit beiden Armen auf das Waschbecken stützte. Er war froh, sich auch darum bislang noch nicht gekümmert zu haben. So blieb ihm sein ausgezehrter Anblick erspart.

»Hör auf, dich hinter deinem Humor zu verstecken. Das ist nichts anderes als Selbstmitleid«, hörte er Constantin dumpf durch die Tür hindurch.