ich-geb-dir.info
Home.
Delfine.
Hunde.
Literatur.

Sebastian Fitzek - „Die Therapie“

ISBN: 9-783-9426-5616-0

Klappentext:

Keine Zeugen, keine Spuren, keine Leiche. Josy, die zwölfjährige Tochter des bekannten Psychiaters Viktor Larenz, verschwindet unter mysteriösen Umständen. Ihr Schicksal bleibt ungeklärt. Vier Jahre später: Der trauernde Viktor hat sich in ein abgelegenes Ferienhaus zurückgezogen. Doch eine schöne Unbekannte spürt ihn dort auf. Sie wird von Wahnvorstellungen gequält. Darin erscheint ihr immer wieder ein kleines Mädchen, das ebenso spurlos verschwindet wie einst Josy. Viktor beginnt mit der Therapie, die mehr und mehr zum dramatischen Verhör wird …

Inhalt:

Ein Psychiater in psychiatrischer Behandlung. Er erzählt, wie er den Verlust seiner Tochter erlebt hat. Wie seine frau damit umgegangen ist, und was er erlebt hat, als er sich auf die Nordseeinsel Parkum zurück gezogen hat. Wie eine Frau namens Anna Spiegel zu ihm kam, um sich von ihm behandelt zu lassen. Wie er Stück für stück erfahren hat, was aus seiner Tochter geworden ist. Allerdings wurde er auch immer kränker und dann die Fakten, die eigentlich nicht sein konnten... Alles wird ziemlich verworren.

Doch Herr Fitzek löst die Fäden. Wenn auch anders als erwartet.

Leseprobe:

… »Also, das Einzige, was hier nicht stimmt, ist bisher die eingeschlagene Scheibe an der Hintertür. Doch ich bezweifle, dass die Sachbeschädigung etwas mit Josy zu tun haben kann. Annas Erzählung hin oder her.«

»Wieso?«

»Weil die Spuren zu frisch sind. Das Fenster wurde erst vor wenigen Tagen eingeschlagen und nicht vor Monaten, geschweige denn vor Jahren.«

Während Viktor seine nächste Frage stellte, öffnete Kai alle Schränke und den Kühlschrank.

»Wie kann man an den Scherben erkennen, wann ein Fenster zu Bruch gegangen ist?«

»Nicht an den Scherben. Am Fußboden. Im Bereich der Hintertür liegt Parkett. Wenn die Scheibe bereits vor längerer Zeit eingeschmissen worden wäre, müsste das Holz irgendwelche Witterungseinwirkungen aufweisen. Das Loch ist so groß, dass Regen, Schnee und Schmutz locker hindurchwehen könnten. Der gesamte Eingangsbereich ist aber trocken und genau so verstaubt wie der Rest des Hauses. Außerdem sehe ich kein Ungeziefer, das …«

»Ist ja gut, ist ja gut. Ich glaub dir.«

Viktor ging wieder zu der Telefonbank am Kamin zurück, weil ihm der Apparat in der Hand langsam zu schwer wurde.

»In Annas Vision wurde sie von Charlotte in den Bungalow geschickt, um nachzusehen, ob etwas fehlt. Kannst du das mal überprüfen?«

»Wie stellst du dir das vor, Viktor? Ich habe keine vollständige Liste mit euren Einrichtungsgegenständen. Vielleicht fehlt ein Milchaufschäumer in der Küche? Oder ein Picasso im Wohnzimmer? Woher soll ich das wissen? Im Kühlschrank ist jedenfalls kein Bier mehr, wenn du das meinst.«

»Fang bitte mit Josys Zimmer an«, überging Viktor den Scherz. »Es liegt am Ende des Flurs, gegenüber vom Bad.«

»Zu Befehl.«

Kais Gummisohlen hörten auf zu quietschen, da sie jetzt nicht mehr auf Laminat, sondern auf Steinfußboden trafen. Viktor schloss die Augen und zählte die fünfzehn Schritte im Geiste mit, die der Privatdetektiv bis zur Kunststofftür brauchte.

»Freunde sind willkommen« stand auf dem Plastikschild, das er jetzt im Schein der Taschenlampe lesen konnte, bevor er die Tür aufmachte. Das Quietschen der Scharniere signalisierte Viktor, dass er richtig vermutete.

»Bin da.«

»Und?«

»Ich steh auf der Schwelle im Türrahmen und schau rein. Alles o.k.«

»Beschreib mir, was du siehst.«

»Ein normales Kinderzimmer. Ein Einzelbett mit einem vergilbten Baldachin, es steht parallel zum Fenster. Vor dem Bett befindet sich ein Flokati. Mittlerweile ein Milbenwohnheim, wenn ich mir die Bemerkung erlauben darf. Schätze, er ist die Quelle des muffigen Geruchs hier.«

»Was siehst du noch?«

»Ein Bild von Ernie und Bert. Riesengroß und hinter Glas, mit schwarzem Rahmen. Es ist so aufgehängt, dass man direkt draufschaut, wenn man auf dem Bett liegt.«

»Das ist …«

Viktor rieb sich mit dem Handrücken eine Träne aus dem rechten Augenwinkel und verschluckte den Rest des Satzes, damit Kai seine brüchige Stimme nicht hören konnte.

… ein Geschenk von mir.

»Das ist die Sesamstraße, ich weiß. Und gleich, wenn man zur Tür reinkommt, steht zur Linken das obligatorische Ikea-Regal mit den Plüschtieren. Ein Steiff- Elefant, irgendwelche Disney-Figuren …«

»Warte, warte, warte …«, unterbrach Viktor den Detektiv.

»Was?«

»Noch einmal zurück zum Bett. Leg dich drauf.«

»Warum?«

»Tu mir den Gefallen. Leg dich aufs Bett!«

»Du bist der Boss.«

Drei Schritte. Rascheln. Husten. Dann sprach Kai wieder ins Handy.

»Hoffentlich hält die Liege mich aus. Die Sprungfedern haben sich schon beschwert.«

»Okay. Jetzt noch mal von vorne. Was siehst du?«

»Also, links ist der Wald. Vermute ich jedenfalls wegen der verschmutzten Scheibe. Und wie ich schon sagte: Geradeaus starre ich auf das Bild an der Wand.«

»Sonst nichts?«

»Rechts ist das Regal und …«

»Nein, nein«, unterbrach ihn Viktor. »Direkt vor dir. Steht da nichts weiter?«

»Nein. Und ich mache dir jetzt einen Vorschlag …« Ein kurzes atmosphärisches Rauschen verschluckte zwei Wörter von Kai.

»Ich … jetzt wieder … Bett auf, okay?«

»Okay.«

»Und jetzt ist Schluss mit den Spielchen. Jetzt sagst du mir, was ich hier in diesem Zimmer erkennen soll.«

»Gut. Gib mir einen Moment.«

Viktor schloss die Augen, um noch stärker zurückzugehen. Zurück nach Sacrow. Im Bruchteil einer Sekunde war er dort: Er schloss die Vordertür auf, zog sich die Schuhe aus und stellte sie in den indischen Schuhschrank in der Diele. Er winkte Isabell zu, die auf der weißen Rolf-Benz-Couch vor dem offenen Kamin lag und die Gala las. Er roch den Duft verbrannter Tannenzweige. Er spürte die Wärme, die ein Haus ausstrahlt, wenn zufriedene Bewohner in ihm leben. Und er hörte die Musik, die aus dem hinteren Zimmer kam. Langsam legte er den Mantel ab und ging zu Josy. Die Musik wurde lauter. Er drückte die Klinke nach unten, und als er die Tür aufmachte, wurde er kurz von dem Licht geblendet, das durch das Fenster strahlte. Und dann sah er sie. Josy saß an ihrem Kinderschminktisch und probierte den neuen orange-gelben Nagellack aus, den sie sich von ihrer besten Freundin geborgt hatte. Die Musik war so laut, dass sie ihn nicht kommen hörte. Der Sender, der gerade lief, hieß …

»Was fehlt?«, unterbrach Kai seine Gedanken. Viktor öffnete die Augen.

MTV.

»Ein Fernseher.«

»Ein Fernseher?«

»Ja, von Sony.«

»Nein. Den gibt’s hier nicht.«

»Und ein Schminktisch daneben mit einem runden Kristallglasspiegel.«

»Nein. Nicht in diesem Zimmer.«

»Das ist es, was fehlt.«

»Ein Kinder-Schminktisch und ein Fernseher? Nimm’s mir nicht übel, Viktor, aber das sieht nicht wie ein herkömmlicher Einbruch aus.«

»Eben. Weil es kein herkömmlicher Einbruch ist.«

Sondern, weil Annas Geschichte mit Josy zu tun hat. Irgendwie. Und ich werde es herausfinden.

»Alles klar. Aber willst du nicht doch die Polizei rufen, Viktor? Immerhin wurde ja etwas gestohlen.«

»Nein. Noch nicht. Aber ich bitte dich jetzt, die anderen Räume zu überprüfen. Es sei denn, es gibt sonst noch etwas, was dir in Josys Zimmer auffällt.«

»Na ja …« Es raschelte wieder im Hörer, und Viktor vermutete, dass Kai sich am Hinterkopf kratzte. Der einzigen Stelle, wo er noch volles Har hatte.

»Was?«

»Das hört sich jetzt vielleicht ganz dumm an …«

»Raus mit der Sprache.«

»Ich denke, in dem Zimmer fehlt mehr als nur ein Möbelstück.«

»Was denn noch?«

»Atmosphäre.« Kai hustete nervös.

»Wie bitte?«

»Ja. Ich hab kein besseres Wort dafür. Aber ich wäre keine gute Spürnase, wenn ich nicht meinem Instinkt folgen würde. Und der sagt mir, dass das nicht das Zimmer einer Zwölfjährigen ist.«

»Erklär das!«, forderte Viktor.

»Ich hab zwar selbst keine Tochter, aber meine Nichte Laura wird nächste Woche dreizehn. Als ich sie das letzte Mal besucht habe, war ihr Zimmer ihr ganz privates Königreich. An der Tür stand nicht ›Freunde willkommen‹, sondern ›No Entry‹.«

»So war Josy nicht. Sie war nicht rebellisch.«

»Ich weiß. Aber bei Laura waren die Wände voll mit Boygroup-Postern. Am Spiegel steckten Karten von Pop-Konzerten, die sie besucht hatte. Neben den Postkarten, die ihr die älteren Jungs aus Mallorca geschickt hatten. Verstehst du, was ich meine?«

Etwas fehlt. ---