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Sebastian Fitzek - „Der Seelenbrecher“

ISBN: 978-3-426-55370-1

Klappentext:

Sie wurden nicht vergewaltigt. Nicht gefoltert. Nicht getötet. Ihnen geschah viel Schlimmeres ... Drei Frauen – alle jung, schön und lebenslustig – verschwinden spurlos. Nur eine Woche in den Fängen des Psychopathen, den die Presse den »Seelenbrecher« nennt, genügt: Als die Frauen wieder auftauchen, sind sie psychisch gebrochen – wie lebendig in ihrem Körper begraben. Kurz vor Weihnachten wird der Seelenbrecher wieder aktiv, ausgerechnet in einer psychiatrischen Luxusklinik. Ärzte und Patienten müssen entsetzt feststellen, dass man den Täter unerkannt eingeliefert hat, kurz bevor die Klinik durch einen Schneesturm völlig von der Außenwelt abgeschnitten wurde. In der Nacht des Grauens, die nun folgt, zeigt der Seelenbrecher, dass es kein Entkommen gibt.

Inhalt:

Caspar fühlt sich zwar ganz wohl in der psychiatrischen Klinik auf dem Teufelsberg, hat aber trotzdem  den Drang zu gehen. Seine Ärztin, zu der er sich seltsam hingezogen fühlt, bekommt das mit. Sie bittet ihn noch eine Nacht zu bleiben. Dann will sie ihm eine Information zu seinem Leben geben.

Caspar bleibt, doch diese eine Nacht wird wohl die schrecklichste seines Lebens sein. - Der Seelenbrecher schlägt in der Klinik zu. Die Ärztin ist in einer Hypnose gefangen.

Caspar, seine Mitpatienten und zwei Angestellte der Klinik versuchen zu überleben.

Außerdem muss die Ärztin, und mit ihr die Information, geschützt werden. Ein verwirrendes Katz- und Mausspiel beginnt, dessen Ende ganz anders ist, als anfangs geglaubt.

Und die Probanten des Experiments... Hat ihnen die Lektüre nun geschadet, oder ist alles nur ein Fake?

Leseprobe:

… Die Sprossen der Regalleiter knarrten laut unter dem ungewohnten Gewicht von Caspars Körper. Vermutlich war sie in den letzten Jahren nicht mehr benutzt worden, weil die Bücher in den oberen Fächern nur dekorative Zwecke erfüllten. Und auch Caspar wäre nicht auf die Idee gekommen, dort nach den medizinischen Nachschlagewerken zu suchen, wenn Bachmann ihm nicht gesagt hätte, dass Raßfeld hier einige seiner ausgemusterten Bände lagerte.

»Was soll das denn jetzt werden?«, fragte Schadeck. Er stand neben Yasmin und versuchte gerade einen Schürhaken in die Kopfstützenhalterung des Rollstuhls zu stecken, damit er den Infusionsbeutel daran aufhängen konnte.

»Ich bin mir nicht sicher …«, antwortete Caspar, ohne sich umzudrehen. Dann zog er den vorletzten Band eines alten Medizinlexikons aus dem obersten Fach unter der Decke heraus und blätterte zum Buchstaben S. Schon wenige Sekunden später fand er den Eintrag, nach dem er gesucht hatte. »Also doch.«

»Was?«

»Frau Dr. Dorn ist Psychiaterin. Sie kennt ihre eigene Diagnose.«

»Und die lautet?«

Bachmann sah fragend zu ihm hinauf, und auch Schadeck unterbrach seine Bastelarbeiten an dem provisorischen Tropf.

Caspar drehte sich auf der Treppe seitwärts, streckte den Band an einem Arm von sich weg und las vor: »Schlaflähmung, eine qualvolle Variante der quantitativen Wahrnehmungsbeeinträchtigung. Betroffene verharren in einer Wach-schlaf-Zwischenwelt, aus der sie sich nur mit Hilfe starker, meist negativer Reize befreien können, wie zum Beispiel Schmerz, heftiges Zucken, Schreie et cetera.«

Caspar hob den Kopf und zitierte den letzten Satz des Absatzes, ohne in das Lexikon zu schauen: »Diese Störung ist auch bekannt unter dem Namen Topor, lateinisch für …«, er zögerte, »… für Todesschlaf.« »Todesschlaf?«, fragte Bachmann ungläubig. »Soll das heißen, wir müssen sie einfach nur aufwecken?« Schadeck lachte höhnisch auf, aber Caspar nickte zustimmend. Dann streckte er sich gefährlich weit nach rechts, um ein weiteres Buch aus dem Regal zu ziehen. Mit seinen länglichen Ausmaßen wirkte der Band wie ein etwas zu dick geratener Schüleratlas.Neuropsychologie, 2. Auflage prangte in schwarzen Lettern auf dem orangefarbenen Deckel. Da das Buch zu unhandlich war, um es gleich auf der Leiter zu öffnen, stieg er wieder herunter und legte es vor dem Berg mit den ausgekippten Lebensmitteln auf den Tisch. Nach einem kurzen Blick in den Index schlug Caspar Seite 502 auf und tippte auf den letzten Absatz:

»Bei der Schlaflähmung handelt es sich um eine Lähmung, die während der Übergangsphase zwischen Schlaf und Wachsein entsteht. Sie dauert normalerweise recht kurz, gelegentlich jedoch auch bis zu zwanzig Minuten. Fast jeder zweite Mensch hat schon einmal eine Schlaflähmung erlitten.«

»Das kenne ich«, rief Yasmin aufgeregt. »So was ist echt krass. Einmal hab ich geträumt, dass ein Mann in meinem Zimmer ist. Ich wusste, er ist weg, sobald ich aufwache. Aber ich hab einfach meine Augen nicht aufbekommen. Ich konnte mich nicht bewegen und musste mich wach schreien.«

»Und dadurch haben Sie sich selbst aus der Schlaflähmung befreit«, stimmte ihr Caspar zu.

»Wollt ihr mich jetzt kollektiv verarschen?«, fragte Schadeck mit Blick auf Sophia. Da es ihm immer noch nicht gelungen war, den Tropf an dem Schürhaken zu befestigen, hatte er die Ärztin mitsamt Rollstuhl an den Tisch geschoben und drückte hier Yasmin wieder den Beutel in die Hand.

»Zwanzig Minuten? Die sind bei unserer Patientin doch wohl schon lange abgelaufen.«

»Das ist richtig. Und deshalb wissen wir jetzt auch, was der Seelenbrecher mit seinen Opfern anstellt.« »Hä?«

»Er versetzt sie in den Todesschlaf. Ich habe keine Ahnung, wie er das anstellt. Aber Bruck muss eine psychologische Methode herausgefunden haben, sie auf Dauer in der Lähmungsphase zwischen Alptraum und Aufwachen gefangen zu halten. Sophia steckt in einer Dauerschleife des Horrors, wenn man so will. Das ist es, was sie uns die ganze Zeit sagen wollte.«

Tom kniff skeptisch die Augenbrauen zusammen, fuhr sich durch seine gegelten Haare, strich sie wieder glatt und schnalzte dann verächtlich mit der Zunge. »Okay, Mr. Sherlock Holmes, dann verrat mir doch jetzt nur noch eins.«

Caspar verspannte sich in der Erwartung der Frage, die jetzt kommen musste und auf die er keine Antwort hatte.Noch nicht.

»Woher weißt du das alles? Wieso kennst du dich so gut in Erster Hilfe aus, legst unserer hübschen Ärztin einen Zugang und zitierst jetzt auch noch blind aus psychiatrischen Fachbüchern?«

»Keine Ahnung.« Jetzt war es Caspar, der die Hände hob. »Vielleicht bin ich ja Arzt, Apotheker oder Psychologe? Du hast selbst gesagt, wir könnten Kollegen sein, oder ich hab einfach nur gut in meinem Erste-Hilfe-Kurs aufgepasst? Ich wünschte, ich wüsste es.«

»Ja, klar. Versteck dich nur hinter deiner Amnesie. Ich nehm dir das nicht ab.« Tom wandte sich an Bachmann. »Wann ist er eingeliefert worden?«

Der Hausmeister kraulte sich wieder nachdenklich seine Koteletten. »Vor etwa zehn Tagen, glaube ich.« »Und wann genau riss die Serie des Seelenbrechers ab?«

»Was willst du damit andeuten?«

Caspar schlug wütend das Buch zu und sprang vom Tisch auf.

»Du hast uns doch den Wahnsinnigen hier reingeschleppt.Du hast doch dafür gesorgt, dass wir hier keine Hilfe holen können, indem du mit deinem Krankenwagen den Telefonkasten zerstört hast.«

Caspar unterstrich jedes ›du‹ mit einer wütenden Armbewegung, ähnlich einem Ringrichter, der einen angeschlagenen Boxer anzählt. Doch seine verbalen Treffer schienen wirkungslos an Schadeck abzuprallen. Er blinzelte nicht einmal. Trotzdem meinte Bachmann die beiden Streithähne trennen zu müssen und schob sich schnaufend dazwischen.

»Hey, hey, hey … Das bringt doch nichts. Wir müssen zusammenhalten. Und uns vertrauen.«

Vertrauen? Caspar musste daran denken, wie Linus ihm die manipulierte Benzinleitung hatte zeigen wollen und Bachmann auf einmal hinter dem Schneemobil aufgetaucht war.

Ich kann hier keinem trauen, dachte er. Ich kenne hier niemanden. Noch nicht einmal mich selbst.

Er setzte sich wieder an den Tisch, presste mit beiden Händen seine zitternden Knie gegeneinander und starrte auf das Nachrichtenmagazin, das Bachmann aufgeschlagen liegen gelassen hatte.

Während Schadeck und der Hausmeister hinter ihm weiterstritten, verschwammen die Buchstaben vor seinen Augen. Aber er wollte weder zuhören noch sprechen oder lesen. Auf einmal war er unendlich müde, sein Gehirn musste dringend einen Gang herunterschalten, am besten in den Leerlauf, um nach einer kurzen Pause der Ruhe vielleicht einen Neustart in diesen Wahnsinn zu wagen.

Er zwang sich, an nichts zu denken, und im ersten Augenblick schien es sogar zu funktionieren. Doch dann beging er den Fehler, seine Augen zu schließen. Und da er etwas zu lange das Foto des zweiten Opfers in der Zeitschrift angestarrt hatte, glühte das Bild der Lehrerin auf seiner Netzhaut nach, und mit der Ruhe war es vorbei. Dieses Mal hörte er das Quietschen der Gleise, bevor der beißende Rauch der Lokomotive wieder seine Nase füllte. Er öffnete die Augen, und der Erinnerungszug fuhr ein. …