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Sebastian Fitzek - „Abgeschnitten“

ISBN: 978-3-426-41569-6

Klappentext:

Rechtsmediziner Paul Herzfeld findet im Kopf einer monströs zugerichteten Leiche die Telefonnummer seiner Tochter. Hannah wurde verschleppt – und für Herzfeld beginnt eine perverse Schnitzeljagd. Denn der psychopathische Entführer hat eine weitere Leiche auf Helgoland mit Hinweisen präpariert.

Herzfeld hat jedoch keine Chance, an die Informationen zu kommen. Die Hochseeinsel ist durch einen Orkan vom Festland abgeschnitten, die Bevölkerung bereits evakuiert. Unter den wenigen Menschen, die geblieben sind, ist die Comiczeichnerin Linda, die den Toten am Strand gefunden hat. Verzweifelt versucht Herzfeld sie zu überreden, die Obduktion nach seinen telefonischen Anweisungen durchzuführen. Doch Linda hat noch nie ein Skalpell berührt. Geschweige denn einen Menschen seziert …

Inhalt:

Prof. Herzberg muss eine sehr übel zugerichtete Leiche untersuchen. Dabei entdeckt er in deren Kopf eine Handynummer. - Die Nummer seiner Tochter.

Ein Anruf bestätigt dann den Verdacht der Enführung. Herzberg muss seine Tochter finden, und das schnell, wenn er sie lebend widersehen will.

Um an weitere Hinweise zu kommen, muss Herzberg auf die Insel Helgoland kommen. Allerdings ist das wegen eines starken Unwetters nahezu unmöglich. Aber auf Helgoland wird die nächste Leiche von einer unbeteiligten Passantin gefunden, die diese Leiche dann nach Anweisung Herzbergs obduziert. - Weitere Hinweise und weitere Leichen folgen.

Die Zeit wird immer knapper und auch Herzbergs verlängerter Arm auf Helgoland wird wieder von ihrem Stalker heimgesucht... - Ein grandioses Finale mach den Deckl auf die Story. Allerdings etwas anders, als erwartet.

Leseprobe:

… »Vorsicht«, mahnte er und wollte die Kerze festhalten, als er die Tastatur sah, die Ingolf freigelegt hatte.

Der morbide Altar war um einen Laptop herumgebaut, für das flüchtige Auge unsichtbar mit Tüchern und Servietten bedeckt. Lilys DIN-A4-Foto klebte nicht auf einer hölzernen Rückwand, wie Herzfeld bislang vermutet hatte, sondern auf einem flachen Computermonitor.

Plötzlich hörte er ein leises Summen, dann begann sich das Abbild des lachenden Mädchens gespenstisch zu verfärben.

»Der Laptop hat noch Saft«, stellte Ingolf fest. Herzfeld legte sein Handy neben den Computer, hauchte sich etwas Atem in die vor Kälte starren Finger, dann löste er das Foto vom Monitor, dessen Hintergrundbeleuchtung die Gesichter der beiden in ein kaltes, blaues Licht tauchte.

Das Eingabefeld für ein Passwort tauchte auf. Herzfeld tippte, ohne nachzudenken, den Vornamen von Martineks Tochter ein, und Sekunden später baute sich die typische Benutzeroberfläche eines Heimcomputers auf. Die Desktopansicht wirkte sehr aufgeräumt, nahezu leer. Neben den üblichen Icons für ein Textverarbeitungs- und Mailprogramm, Internetbrowsern und einer Steuerverwaltungssoftware gab es keine auffälligen Dateien oder Shortcuts, die es sich auf den ersten Blick zu öffnen gelohnt hätte, zumal Herzfeld keine Ahnung hatte, wonach er auf der Festplatte hätte suchen sollen.

»Sehen Sie mal im Verlauf nach«, riet Ingolf, und Herzfeld folgte dem klugen Ratschlag, indem er unter »Zuletzt verwendet« im Startmenü die Namen der Dateien überflog, die Martinek in letzter Zeit geöffnet hatte.

Er war nicht verwundert, dass er nur einen einzigen Eintrag fand; der Endung des Dateinamens nach war es ein Videofile:

•••seethetruth.mp4•••

»Sieh die Wahrheit?«, übersetzte Ingolf, während Herzfeld sich wieder so fühlte wie vor wenigen Minuten, als er kurz davorgestanden hatte, das Leichentuch von einem Klumpen Fleisch zu ziehen.

Und leider war er sich sehr sicher, dass es diesmal kein Schweinekopf wäre, den sie zu sehen bekommen würden. Martinek hatte sich das Video in den letzten Wochen mehrfach angesehen oder überarbeitet.

Die Zeit rennt.

Entgegen der warnenden Stimme in seinem Kopf, es besser nicht zu tun, klickte Herzfeld die Datei an und beobachtete die Veränderungen auf dem Bildschirm.

Es dauerte geraume Zeit, bis sich das graue Fenster, das nicht größer war als das eines YouTube-Videos, mit Inhalt füllte.

Schon auf den ersten Blick entlarvte es sich als eine amateurhafte Collage: überbelichtet, unscharf und verwackelt, was den gezeigten Bildern aber nicht ihre Intensität nahm, obwohl man zunächst nur erahnen konnte, was genau die Kamera im Fokus hatte. Erst als die Aufzeichnung etwas schärfer wurde, löste sich das Bilderrätsel.

»Füße?«, fragte Ingolf und bat, das Video größer zu ziehen, aber anscheinend sah das Abspielprogramm keine Vollbildfunktion vor. Dafür war es möglich, den Bildschirm von der Tastatur zu entkoppeln, wie Herzfeld bemerkte, als Ingolf zwei Hebel am Seitengehäuse des Laptops umlegte und ihm den losgelösten Monitor reichte. Derweil zeigte die Aufnahme einen Frauenkörper, das Gesicht hatte der Kameramann ausgespart.

Glatte, jugendliche Haut; der Größe und Statur nach zu urteilen, ein Mädchen im Alter zwischen dreizehn und siebzehn Jahren.

Um sich von dem Grauen auf dem Video abzulenken, war Herzfeld in seinen professionellen Obduktionsmodus verfallen.

Sie liegt in einem geöffneten Leichensack auf einem Tisch, der dem im Esszimmer des Herrenhauses ähnelt. Die Hüfte ist schmal, rasierte oder gewachste Bikinizone, keine besonderen äußeren Kennzeichen, mit Ausnahme einer Tätowierung am linken Knöchel, verdammt …

Die Tätowierung riss Herzfeld aus dem Zustand des neutralen Beobachters und machte ihn wieder zum angsterfüllten Vater.

Ist das Hannah?

Er kannte diese Tätowierung nicht, aber das hatte nichts zu sagen. Vielleicht hatte sie sie sich erst vor kurzem stechen lassen. Und überhaupt, wie sollte er anhand einer schlechten, im Bierdeckelformat präsentierten Aufnahme seine Tochter identifizieren können?

Plötzlich war die Leiche des Mädchens nicht mehr allein im Bild. Martinek, der keine Scheu zu haben schien, sein Gesicht zu zeigen, trat vor die Kamera und blickte traurig in die Linse. In der einen Hand hielt er ein Sektionsmesser, in der anderen etwas, das zuerst wie eine Metallstange aussah, sich dann aber als das Ende eines Besenstiels entpuppte. Herzfeld konnte einige Einkerbungen im Holz ausmachen, die Martinek dem Stock mit dem Messer beigebracht haben musste.

»Und nun?«, fragte Ingolf neben ihm, als die Aufnahme zu Ende zu sein schien, denn der Bildschirm in Herzfelds Händen hatte sich wieder schwarz verfärbt. Eine Zeitlang sah man nur weißes Rauschen, doch dann lief die Aufzeichnung aus einer anderen Perspektive weiter. Martinek hatte das Stativ, auf dem die Handkamera stand, gedreht, so dass es jetzt seitlich zum Tisch stand. Man konnte sehen, wie er den Brustkorb des Mädchens öffnete.

»Nein!«, riefen Ingolf und Herzfeld fast gleichzeitig wie Kinobesucher, die sich vor der nächsten Szene des Horrorfilms fürchten, nur dass die immer größer werdende Wunde kein Spezialeffekt war.

»Ich liebe dich, Papa«, hörte Herzfeld in Gedanken seine Tochter sagen und wollte sich abwenden, weil er, wenn er zwischen zwei Übeln wählen müsste, lieber unwissend sterben als Martinek dabei zusehen wollte, wie der den Körper seiner Tochter aufschnitt. Doch das war nicht nötig. Die Aufnahme riss ab, noch bevor das Sektionsmesser den Bauchnabel des Mädchens erreicht hatte.

»Was macht er?«, fragte Ingolf. Für die folgenden Sequenzen hatte Martinek die Kamera selbst in die Hand genommen. Der weiße Leichensack war wieder fest verschlossen, wenn auch an mehreren Stellen von außen mit Blut verschmiert. Auf einem Schneidebrett am Kopfende des Tisches lagen die ausgeweideten Organe der jungen Frau, erst jetzt konnte man, dank eines kurzen Schwenks zum Fußboden, erkennen, dass der gesamte Raum mit einer wasserdichten Plane ausgelegt war.

Bislang hatte sich Martinek ohne Ton gefilmt, doch jetzt hörte man das Rascheln des Plastiks, als der Rechtsmediziner den Leichensack über den Tisch zog. Martinek legte kurz die Handkamera ab, um beide Hände frei zu haben, und in einem auf dem Kopf stehenden, eingeschränkten Ausschnitt konnte Herzfeld erkennen, wie sein ehemaliger Kollege den Sack auf eine bereitstehende Schubkarre hievte. Dann gab es den nächsten Schnitt, und die Aufnahme sprang ins Freie.

»Er bringt sie hierher zum Bootshaus«, kommentierte Ingolf unnötigerweise. Martinek musste sich die Kamera an einer Schlaufe um den Hals gehängt haben, die Kamera befand sich etwa in Brusthöhe und filmte aus dieser Perspektive das hintere Grundstück des Herrenhauses samt Bootshaus, Steg und See.

Außer keuchenden Atembewegungen und dem Knirschen des Schnees war auf dem schaukelnden Video nichts weiter zu hören. Die Reifen der Schubkarre hatten den Steg erreicht, der auf den vereisten See hinausführte.

»Was hat er vor?«, murmelte Ingolf gerade, da eilte Herzfeld bereits mit dem Bildschirm aus dem Schuppen hinaus.

Draußen war es trübe, aber noch nicht dunkel, weshalb er kein Problem damit hatte, die Geschehnisse auf dem Bildschirm zu verfolgen und sich zwischendurch mit raschen Blicken in der Umgebung zu orientieren, um die Aufnahme mit der Gegenwart abzugleichen. Der Steg nahm seinen Ursprung drei Meter versetzt hinter dem Bootshaus. Eine schmale Rampe führte über das Ufer, an dessen Kranz Schilfpflanzen wie Finger aus der Schneedecke hervorstachen. ...