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Sebastian Fitzek - „Das Kind“

ISBN 978-3-426-55831

Klappentext:

Als Strafverteidiger Robert Stern diesem ungewöhnlichen Treffen zugestimmt hatte, wusste er nicht, dass er damit eine Verabredung mit dem Tod einging. Noch weniger ahnte er, dass der Tod 1,43 m messen, Turnschuhe tragen und lächelnd auf einem gottverlassenen Industriegelände in sein Leben treten würde.« Simon, von nun an Sterns ständiger Begleiter, ist ein zehnjähriger Junge – und fest davon überzeugt, in einem früheren Leben ein Mörder gewesen zu sein.

Inhalt:

Der Strafverteidiger Robert Stern stimmt seiner Exfrau zuliebe einem Treffen mit einem neuen Mandanten zu. Der neue Mandant ist aber gerade mal eben 10 Jahre alt. Seit einer Rückführung, die er zum Geburtstag geschenkt bekam, glaubt er ein Mörder zu sein. In seinem vergangenen Leben will er Menschen umgebracht haben. Stern glaubt die Sache aber erst, als er unter Anleitung des Jungen wirklich eine Leiche findet.

Bei den laufenden Ermittlungen ist der Junge sein ständiger Begeleiter. Doch der Fall entwickelt sich in eine ganz andere Richtung, als ursprünglich gedacht.

Robert Stern wird eine Video von seinem verstorbenen Sohn zugespielt. Das alles soll auch mit seinem Fall zu tun haben. - Doch am Ende kann alles aufgeklärt werden und auch Robert bekommt ein Stück Vertrauen in die Menschheit zurück.

Leseprobe:

… Borchert hatte vorgeschlagen, die Nacht in der Diskothek eines anderen Bekannten zu verbringen, die über ein verstecktes Hinterzimmer verfügte, das angeblich selbst der härtesten Polizeirazzia standhielt.

»Weißt du, was Simon uns jetzt sagen würde, wenn er wach wäre?«, fragte Stern wütend und gab gleich selbst die Antwort: »Lasst mich in Ruhe.«

Carina schüttelte energisch den Kopf. »Nein, im Gegenteil. Er würde sagen: ›Lasst mich nicht allein.‹ Ich weiß von ihm, dass er die Nächte nicht mag. Er bekommt Angst. Sowohl im Heim wie im Krankenhaus. Ihr habt doch selbst mitbekommen, wie er sich vorhin gefreut hat. Im Zoo, im Auto und beim Tanzen.«

»Und er hat geweint, Tote gesehen und Krämpfe gehabt.« »Unter diesen Symptomen leidet er sowieso. Wir können sie abmildern, indem wir bei ihm sind, wenn er aufwacht. Und außerdem scheinst du eines überhaupt nicht zu begreifen, Robert Stern. Hier geht es nicht nur um dich und um Felix, sondern zuerst einmal um Simon. Der Junge wird sterben. Und ich will nicht, dass er es in dem Glauben tut, einen Menschen ermordet zu haben, verstehst du? Deshalb bin ich zu dir gekommen. Wir können seinen Tod nicht abwenden. Aber wir können ihm seine Schuldgefühle nehmen. Du weißt gar nicht, wie sensibel er ist. Zu glauben, einem anderen Leid angetan zu haben, zerreißt ihn förmlich. Und das hat er nach all dem Dreck, durch den er in seinem kurzen Leben schon marschieren musste, einfach nicht verdient.« Stern wusste nicht, was er auf Carinas emotionalen Ausbruch erwidern sollte, und starrte durch die Windschutzscheibe. Im Grunde genommen war sie mit ihren Überlegungen zu den gleichen Ergebnissen gekommen wie er

selbst. So wahnsinnig es war, mit einem krebskranken Kind vor der Polizei zu fl iehen, um hinter das Geheimnis seiner Wiedergeburtsphantasien zu gelangen, so wenig sprach dafür, sich jetzt zu stellen. Engler würde sie stundenlang verhören und danach allesamt in Untersuchungshaft stecken. Auf keinen Fall aber würde der Kommissar ihnen Glauben schenken und versuchen, das bevorstehende Treffen zweier Mörder auf irgendeiner Brücke zu verhindern. Wie auch – in der Hauptstadt gab es mehr Brücken als in Venedig. Was für ein Verbrechen auch immer übermorgen früh um sechs Uhr geschah, es würde unbeobachtet passieren. Stern würde es weder verhindern können noch jemals erfahren, was damals mit Felix auf der Säuglingsstation geschehen war, sollten sie jetzt von Simon und seinem unerklärlichen Wissen getrennt werden.

»Und du kannst den Kleinen wirklich gut allein versorgen, ja?« Borchert, der sich unerwartet in die Unterhaltung einmischte, sah kurz in den Rückspiegel zu Carina. »Ich kann keine Garantien geben. Aber ich habe alles dabei. Cortison, seine Antiepileptika und ganz zur Not auch Diazepam-Rektiolen.«

Stern beobachtete, wie ein Motorradfahrer vor ihnen alle zehn Sekunden die Spur wechselte, als würde er für ein Slalomrennen üben.

»Das reicht aber nicht«, sagte er nach einer Weile. Er hob beide Arme und verschränkte sie hinter seinem Kopf. »Warum nicht?«, fragte Carina von hinten. »Er hat eine Krankenschwester, einen Anwalt und einen Bodyguard rund um die Uhr an seiner Seite. Was fehlt ihm denn noch?«

»Das wirst du gleich sehen.«

Stern nahm seinen rechten Arm wieder herunter und gab

Borchert ein Zeichen, die Stadtautobahn an der Ausfahrt Köpenick zu verlassen. Zehn Minuten später parkten sie vor einer Tür, deren Schwelle er eigentlich niemals im Leben hatte überschreiten wollen.

11.

Als sie ihm mit der fl achen Hand ins Gesicht schlug, wusste

er, dass sie bleiben durften. Der erste Schlag, ein halbherziger Stoß gegen seine Brust, war lächerlich wirkungslos geblieben, was Sophie nur noch wütender gemacht hatte. Danach holte sie nochmals aus. Er hätte sich drehen, die Ohrfeige mit einem Arm abfangen oder zumindest abmildern können, doch er schloss nur die Augen und wartete auf das Klatschen, gefolgt von dem siedenden Schmerz, der seine linke Gesichtshälfte vom Ohr bis hin zum Unterkiefer überzog.

»Wie konntest du nur?«, fragte seine Exfrau mit einer Stimme, die klang, als läge unter ihrer Zunge eine Glasmurmel. Stern wusste, dass sie ihm damit drei Fragen auf einmal stellte: Warum hast du mir Felix aus dem Arm genommen, als ich ihn noch nicht loslassen wollte? Weshalb kommst du zehn

Jahre später mit diesem Flittchen zu mir? Und wie konntest

du die Erinnerung in Gestalt eines todkranken Kindes in

mein Heim tragen?

Er trat an das Keramikspülbecken, hielt ein frisches Geschirrhandtuch unter den kalten Wasserstrahl und wischte sich damit über die feuerrote Wange. Die Landhausküche

mit ihren hellen, warmen Holzmöbeln war für einen Streit wie diesen eine denkbar unpassende Kulisse. Wie überall in dem Köpenicker Einfamilienhaus spürte man auch hier die sorglose, friedliche Atmosphäre, die sich Sophies neue Familie geschaffen hatte.

Kein Wunder, dass sie ihn nicht hereinlassen wollte, als er vor zwanzig Minuten unangemeldet auf der Klinkertreppe ihrer Veranda gestanden hatte. Borchert hatte sie abgesetzt und war dann weitergefahren, um sich sein eigenes Versteck zu suchen. Nur die Tatsache, dass Robert den schlafenden Simon in seinen Armen hielt, ließ Sophie zögern. Etwas zu lange. Stern hatte den Moment genutzt und war einfach eingetreten.

»Die Polizei war schon da.« Sophie stützte sich erschöpft auf dem Kochblock in der Mitte des Raumes ab, über dem eine Auswahl von antik anmutenden Messingtöpfen hing. Robert war sich nicht sicher, ob sie wirklich benutzt wurden oder nur zu dekorativen Zwecken dort angebracht waren. Aber der strahlende Ehemann auf dem Kühlschrankfoto wirkte wie ein Hobbykoch, der mit solchen Utensilien umzugehen wusste. Vermutlich standen sie nach einem harten Arbeitstag gemeinsam am Herd, schmeckten die Bratensoße ab und jagten lachend die Zwillinge ins Wohnzimmer zurück, wenn sie naschen wollten.

Schon aus diesem Grund war es die richtige Entscheidung von Sophie gewesen, ihn zu verlassen. Das einzige Mal, als er sie kulinarisch überraschen wollte, war ihm sogar die Tiefkühlpizza misslungen.

»Was hast du ihnen gesagt?«, fragte er.

»Die Wahrheit. Ein Kommissar Brandmann war bei mir. Ich hatte ja tatsächlich keine Ahnung, wo du steckst und was du getan hast. Und ganz ehrlich, Robert, ich will es auch gar nicht wissen.«

»Mami?«

Sophie fuhr herum zur Tür, in der Frida barfuß mit einer Puppe in der Hand stand. Das ausgewaschene Snoopy-TShirt schlackerte ihr bis weit über die Knie. »Was ist denn, mein Schatz? Du solltest doch schon längst im Bett sein.« »Ja. War ich schon. Aber ich wollte Simon noch Cinderella zeigen.«

»Dann mal schnell.«

»Aber sie hat keine Strümpfe!«

Das blondgelockte Mädchen streckte ihrer Mutter schmollend die nackten Plastikfüße ihrer Lieblingspuppe entgegen. Sophie zog eine Schublade auf und förderte zwei fi ngerhutgroße Baumwollsocken zutage.

»Suchst du etwa die hier?

»Ja!« Frida strahlte, nahm Sophie die Söckchen aus der Hand und stapfte aus der Küche.

»Ich komm gleich Licht ausmachen«, rief diese ihr hinterher. Dann erstarb das mütterliche Lächeln, und Robert blickte wieder in dasselbe zornige Gesicht wie vor der Unterbrechung. Eine Minute verlor keiner von ihnen ein Wort, bis Robert auf das Telefon an der Wand deutete. »Ruf die Polizei, wenn du willst. Ich kann gut verstehen, wenn du in meine Probleme nicht reingezogen werden willst, noch dazu, wo dein Mann seit heute Morgen auf Geschäftsreise ist.«

Sophie legte den Kopf schief, und ihre Augen verdunkelten sich. »Du hast dich nicht verändert, was? Glaubst du immer noch, ich brauche einen starken männlichen Beschützer im Haus, damit ich im Leben klarkomme?«

»Ich weiß nicht. Ich kenn dich ja nicht mehr.« »Warum bist du dann ausgerechnet zu mir gekommen?«

»Weil ich erpresst werde.«

»Von wem?«

»Von jemandem, der mir eine Aufnahme zugespielt hat, auf der Felix stirbt.«

Sophie sah aus, als wolle sie plötzlich durchsichtig werden, so schnell wich die Farbe aus ihrem Gesicht. »Ist es das? Hast du mich deswegen mitten in der Nacht angerufen?«

Stern nickte und versuchte, ihr die Geschichte so schonend wie möglich beizubringen. Er erzählte ihr von der DVD, den letzten Aufnahmen ihres gemeinsamen Babys und der Forderung der anonymen Stimme. Dabei ließ er das Bild des Jungen mit dem Feuermal bewusst aus. Genauso wenig erwähnte er die Drohungen des Killers gegen die Zwillinge. Im Gegensatz zu ihm hatte Sophie es fast geschafft, die Schwelle zu einem neuen Leben zu überschreiten. Ein erneuter Zweifel an Felix’ Tod würde sie mit einer Dampframme in eine Welt aus Depressionen, Sorge und Selbstmitleid zurückstoßen. Gleiches galt, wenn sie den plötzlichen Tod ihrer Kinder fürchten musste. Also log er sie an. Erzählte ihr, die »Stimme« habe ihm das Video als Beweis ihrer Allmacht zugespielt und würde nun mit der Ermordung von Simon drohen, wenn er nicht kooperiere.

Als Robert mit der abgeänderten Version seiner Erlebnisse endete, sah Sophie aus, als läge das Gewicht eines Stahlbetonträgers auf ihrer Brust.

»Bist du dir wirklich sicher, dass …?«, begann sie stockend und wollte nochmals ansetzen, ließ aber davon ab, als Robert nickte. ...