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Sebastian Fitzek - „Amokspiel“

ISBN: 9-783-8289-8988-7

Klappentext:

Dieser Tag soll ihr letzter sein. Die renommierte Kriminalpsychologin Ira Samin hat ihren Selbstmord sorgfältig vorbereitet. Zu schwer lastet der Tod ihrer ältesten Tochter auf ihrem Gewissen. Doch dann wird sie zu einem brutalen Geiseldrama in einem Radiosender gerufen. Ein Psychopath spielt ein makabres Spiel: Bei laufender Sendung ruft er wahllos Menschen an. Melden die sich am Telefon mit einer bestimmten Parole, wird eine Geisel freigelassen. Wenn nicht, wird eine erschossen. Der Mann droht, so lange weiterzuspielen, bis seine Verlobte zu ihm ins Studio kommt. Doch die ist seit Monaten tot. Ira beginnt mit einer aussichtslosen Verhandlung, bei der ihr Millionen Menschen zuhören …

Inhalt:

Ira Samin ist Unterhändlerin der Polizei und Alkoholikerin. Eigentlich will sie nur noch eine Cola trinken und sich dann das Leben nehmen. Doch als sie sich die Cola besorgt, wird sie von ihren Kollegen verhaftet und zu einem Fall von Geiselnahme gebracht.

Der Geiselnehmer hat nichts mehr zu verlieren.

Er weiß ganz genau, dass seine Freundin nicht tot ist, man will ihm aber weiß machen, es wäre so. Also versucht er durch eine Geiselnahme die Wahrheit ans Licht zu bringen.

Ira und der Geiselnehmer verhandeln öffentlich. Ihre Gespräche werden im Radio übertragen. Und dann muss Ira erfahren, dass auch ihre Tochter im Sendestudi ist.

Für Ira beginnt eine Gratwanderung zwischen Alkoholentzug, dem Leben ihrer Tochter und ihrem eigenen Selbstmord.

Leseprobe:

… Ira formte die Worte lautlos mit den Lippen, während sie sich das Headset aufsetzte, auf das sie den Studioanruf umgeleitet hatte, um beim Telefonieren durch den Raum gehen zu können. Herzberg zuckte nur kurz mit den Achseln und tippte dann weiter irgendetwas in seinen Computer. Auch Igor sah sie nur fragend an. Beide hatten die Verhandlungszentrale erst vor wenigen Sekunden wieder betreten, nachdem Steuer ihnen Gott weiß was für Instruktionen gegeben hatte, nur der Chefredakteur war von seinem Gang zur Kaffeeküche noch immer nicht zurückgekehrt.

»Es war mir immer bewusst, dass ich privilegiert war, Ira. Ich stand mein gesamtes Leben lang auf der Sonnenseite«, hörte sie Jan sagen, und es schwang ein leises Bedauern in seiner Stimme mit. »Ich besaß alles, was man sich nur wünschen kann: einen angesehenen Beruf, ausreichend Geld und eine wunderhübsche Frau. Doch eines Tages, wie aus heiterem Himmel, wird mir alles Stück für Stück wieder entrissen. Meine Freundin wird entführt, ich stelle Nachforschungen an, und von diesem Moment an zerbricht mein Leben zu einem wertlosen Scherbenhaufen.«

»Moment! Warum glauben Sie, jemand hätte Leoni entführt?«, hakte Ira nach.

»Nicht jemand. Der Staat.«

»Das klingt etwas ...«

»Unglaubwürdig? Ich weiß. Aber nur der Staat hat die Macht, das zu tun, was mir angetan wurde.«

»Was wurde Ihnen angetan?«

»Gegenfrage: Mal abgesehen von der Liebe. Was macht einen Menschen aus? Was brauchen Sie, um zu existieren? Um zu atmen. Um morgens die warme Decke zurückzuziehen und den Fuß in die kalte Welt zu setzen?«Meine Kinder, schoss es Ira als Erstes durch den Kopf. Aber Liebe hatte er ja ausgeklammert. »Ich meine: Worauf könnten Sie wirklich nicht verzichten? Was darf man Ihnen nicht wegnehmen, weil Sie sonst nur noch ein Schatten wären?«

»Ich weiß nicht«, zögerte Ira. »Vielleicht meine Musik.« In dem Moment, als sie es aussprach, wünschte sie sich schon, sie könnte es wieder zurücknehmen. Tatsächlich war sie sich überhaupt nicht klar darüber, warum sie es überhaupt gesagt hatte. Früher, in einem anderen Leben, hatte sie sehr viel Musik gemacht. Schlagzeug gespielt. Viele Jahre lang hatte sie Unterricht genommen und noch länger zahlreiche Bands mit ihrem Einsatz zusammengehalten. Es war ihr fast peinlich, dass sie vergessen hatte, wie schön die Zeit gewesen war, als sie noch Auftritte in den drittklassigen Berliner Hinterhofkneipen bestritten. Und dass es ihr erst wieder einfiel, als sie von einem Geiselnehmer und Mörder danach gefragt wurde. »Musik ist eine gute Antwort«, sagte Jan. »Bei manchen ist es Sex. Bei einigen der Sport. Und bei mir war es die Arbeit. Ich war Psychologe. Ich war ganz gut. Führte meine eigene Praxis und musste mir über Geld keine Sorgen machen. Aber das ist nicht das Wesentliche. Kennen Sie den Unterschied zwischen Job und Beruf? Für mich war das Praktizieren kein Job, sondern ein Beruf, weil dieses Wort sich für mich von >Berufung< ableitet. Ohne meine Arbeit kann ich nicht existieren. Und die haben sie mir genommen.«

»Wer sind die? Und wie haben die das gemacht?«

»Nun, als ich die ersten Fragen stellte, da gab man sich noch freundlich. Der Mann vom Bezirksamt zeigte mir den Totenschein. Die Polizei gab mir das Autopsiefoto. Doch als ich Leonis Leiche sehen wollte, wiegelten sie ab. Nicht möglich. Dann wollte ich Einsicht in die Ermittlungsakten haben, die sich mit dem angeblichen Unfall beschäftigen. Immerhin war der Wagen ja explodiert.« »Explodiert?«Ira erinnerte sich an die Zeitungsfotos, die ihr Götz gerade gezeigt hatte.

»Ja. Schon ungewöhnlich, wenn auf einmal zwei Reifen abfallen. Aber das gab ja erst den Anstoß für den Kurzschluss in der Lichtmaschine. Kabelbrand. Verursacht durch ein falsches Ersatzteil, das ich angeblich selbst eingebaut haben soll. Ich! Dabei breche ich mir schon beim Ölstandmessen fast die Hände. Niemals würde ich freiwillig an einer Lichtmaschine rumschrauben. Aber das ist praktisch, oder?«

»Wie meinen Sie das?«

»Na ja, der Hersteller ist fein raus, weil es nicht sein Fehler war. Und ich kann mich nirgendwo beschweren, weil die Versicherung der Werkstatt für alle Schäden aufkam. Aber es kommt noch besser.«

Ira schrieb beim Zuhören eine Erinnerung auf einen gelben Post-it-Zettel und pappte ihn auf den Ordner mit dem Obduktionsbericht. Wo ist die Ermittlungsakte?

»Ich wollte das Auto sehen. Es war natürlich schon verschrottet. Können Sie sich das vorstellen? Der Tank fliegt in die Luft, meine Freundin verbrennt, aber es gibt kein Verfahren wegen fahrlässiger Tötung? Stattdessen gehen auf meinem Konto einhundertfünfundzwanzigtausend Euro von der Versicherung ein. Und noch mal einhunderttausend Euro vom Hersteller. Ohne Gerichtsverfahren, ohne Urteil. Obwohl es offiziell hieß, ich wäre schuld.«

»Das klingt unglaublich.«

»Abwarten, es kommt noch besser: Ich wollte den Fall publik machen und schrieb an so ziemlich jede TV-, Zeitungs- und Radioredaktion, die ich kannte. Sogar hier an 101Punkt5. Doch niemand antwortete mir. Stattdessen bekam ich Besuch von zwei Herren, vermutlich vom Bundesnachrichtendienst. Sie gaben mir sehr deutlich zu verstehen, was mit mir geschehen würde, wenn ich nicht augenblicklich meine Nachforschungen einstellen würde.«

»Doch sie hörten nicht auf?«

»Nein. Und die beiden Kollegen in ihren schwarzen Anzügen hielten Wort. Als Erstes fand man bei einer Geschwindigkeitskontrolle Drogen in meinem Kofferraum. Die Kammer entzog mir ohne Anhörung meine Zulassung. Und nahm mir damit das Einzige, was mir neben der Trauer um Leoni noch geblieben war. Meinen Beruf.«

»Hören Sie ...«

Ira griff dankbar nach dem Pappbecher, den Herzberg ihr reichte, und nahm einen Schluck. Entweder er hatte ihre spröden Lippen und den hauchdünnen Schweißfilm auf der Stirn gesehen oder die bereits angestaubte Stimme be-merkt. Vielleicht steckte in seiner Milchbubi-Haut doch ein aufmerksamer Gentleman.

»Das hört sich alles sehr schlimm an, Jan. Fast unglaublich. Und ich merke, dass ich nicht mal annähernd nachvollziehen kann, was Sie in den letzten Wochen durchmachen mussten. All das, was Sie mir erzählt haben, ist sicher ungerecht, zynisch und grausam. Es ist womöglich ein Beweis für die Willkür unseres Staates, in dem einige Menschen mehr Rechte haben als andere. Aber es ist kein Beweis dafür, dass Leoni noch lebt.« Sie nahm einen zweiten Schluck. Das Wasser war kalt. Jedoch nicht so kalt wie Jans letzte Worte, bevor er die Verbindung wieder unterbrach.

»Ich denke, wir verschwenden unsere Zeit, Ira. Wir sollten nicht reden, sondern lieber das tun, wofür wir eigentlich hier sind. Sie finden Leoni. Und ich spiele Cash Call.« …