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Sebstian Fitzek - „Der Augenjäger“

ISBN: 9-783-4265-0373-7

Klappentext:

Dr. Suker ist einer der besten Augenchirurgen der Welt. Und Psychopath. Tagsüber führt er die kompliziertesten Operationen am menschlichen Auge durch. Nachts widmet er sich besonderen Patientinnen: Frauen, denen er im wahrsten Sinne des Wortes die Augen öffnet. Denn bevor er sie vergewaltigt, entfernt er ihnen sorgfältig die Augenlider. Bisher haben alle Opfer kurz danach Selbstmord begangen. Aus Mangel an Zeugen und Beweisen bittet die Polizei Alina Gregoriev um Mithilfe. Die blinde Physiotherapeutin, die seit dem Fall des Augensammlers als Medium gilt, soll Hinweise auf Sukers nächste "Patientin" geben. Zögernd lässt sich Alina darauf ein - und wird von dieser Sekunde an in einen Strudel aus Wahn und Gewalt gerissen ...

Inhalt:

Johanna Strom bekommt im Krankenhaus Besuch. Der Besuch bedeutet aber nichts Gutes für sie. Denn niemand glaubt einer psychisch kranken Frau. - Sie vermisst ihre Tochter, doch die Polizei glaubt, dass sie ausgerissen ist.

Die Tochter unterdessen, befindet sich in der Gewalt das Augenjägers. Den glaubt man in Gefangenschaft, muss ihn aber wieder frei lassen. - Alexander Zorbach bleibt dem vermeintlichen Täter aber auf den Fersen. Er vermisst seinen Sohne und will endlich wissen, was mit ihm geschehen ist.

Ein vervenaufreibendes Katz- und Mausspiel beginnt. In das wird auch die blinde Physiotherapeutin hinein gezogen. - Am Ende können sich die Gefangenen zwar befreiden, aber der Täter ist wieder ein anderer und ist weiterhin auf freiem Fuß.

Leseprobe:

… Es war kurz vor Mitternacht, und ich war nicht länger allein mit meinen Schmerzen. Mit mir im Zimmer befanden sich noch zwei Polizisten und ein Arzt, und alle redeten über mich hinweg, als wäre ich gar nicht anwesend, was ich ihnen bei dem Anblick, den ich bot, kaum verübeln konnte. Ich hätte auch nicht versucht, eine Unterhaltung mit jemandem zu führen, der in Embryonalhaltung gekrümmt auf einem durchgeschwitzten Laken lag und mit weit aufgerissenen Augen in Richtung Heizkörper starrte.

Was weder Scholle noch Stoya wissen und Roth nur ahnen konnte, war, dass meine Kopfschmerzen in dieser Position etwas leichter zu ertragen waren. Überhaupt schien sich mein Zustand gebessert zu haben, seitdem Roth das Radio verstellt hatte. Die innere Unruhe, die mich vor etwa drei Stunden gepackt hatte, als ich den Radiomoderator hörte, hatte das stechende Ziehen unter meiner Schädeldecke etwas in den Hintergrund geschoben, und das, obwohl Roth bislang nicht dazu gekommen war, mir die abendliche Beruhigungsspritze zu setzen.

»Okay, Zorbach«, sagte Stoya und trat an mein Bett, so dass ich seine für die Jahreszeit viel zu dünnen Schnürschuhe sehen konnte, von deren Senkeln Schmelzwasser zu Boden tropfte. »Wie wir alle wissen, bist du momentan nicht der Gesprächigste. Aber ich muss dir jetzt ein paar Fragen stellen. Der Doktor sagt, dass Kopfschütteln oder Nicken dir eventuell weh tut, also bitte ich dich, einfach nur zu blinzeln, okay? Einmal für ein Ja, zweimal für ein Nein. Geht das?«

Ich blinzelte einmal, und Stoya begann mit der Befragung. »Als Alina bei dir war, hat sie da über einen gewissen Zarin Suker geredet?«

Ich signalisierte ihm ein Ja.

»Hat sie dir erzählt, was sie während der Shiatsu-Massage in Erfahrung gebracht hat?«

Meine Augenlider zuckten einmal, und Scholle stieß irgendwo außerhalb meines Gesichtsfelds einen Triumphlaut aus. »Siehst du, es hat funktioniert.«

Stoya stöhnte, und sein Kopf verschwand aus meinem Blick.

»Kannst du bitte kurz den Mund halten oder rausgehen?«, zischte er. »Nichts hat funktioniert.«

»Aber wieso? Ich hab doch gewusst, dass sie weich wird, wenn sie Zorbach sieht.«

»Erzähl keinen Scheiß. Das war pure Boshaftigkeit von dir, keine Strategie.«

»Quatsch.«

»Quatsch? Ich sag dir, was Quatsch ist«, flüsterte Stoya wütend, und ich war erstaunt, wie gut meine Sinne auf einmal funktionierten. Hass hatte meine Lebensflamme am Köcheln gehalten. Angst und Gefahr brachten sie offenbar zum Lodern. Ich konnte fast jedes Wort von Stoya verstehen.

»Quatsch ist, dass keiner von uns dabei war, als sie mit Zorbach gesprochen hat. Du kannst Alina nicht leiden und hast sie völlig unvorbereitet hierher gelotst, nur um sie zu schocken. Damit hast du nicht nur Zorbachs Tarnung aufs Spiel gesetzt, sondern dafür gesorgt, dass ihre Zeugenaussage jetzt in seinem durchlöcherten Kopf steckt. Also tu mir bitte den Gefallen und halt die Schnauze und unterbrich mich nicht noch mal. Das Ganze ist schon schwierig genug hier.«

»Wasschischpaschiiert?«

Ich konnte erkennen, wie alle Anwesenden zusammenzuckten. Offensichtlich hatte niemand damit gerechnet, dass ich mich von alleine im Bett aufrichten und sprechen würde. Am wenigsten ich selbst.

»Sehr gut, sehr gut«, sagte Dr. Roth und trat rasch an mein Bett, um mir den Puls zu fühlen. »Wie geht es Ihnen?«

Beschissen, dachte ich, wollte meine Energie aber nicht mit Kraftausdrücken verschwenden und sagte daher nur: »Alina?«

Stoya und Scholle sahen sich kurz an, als wüssten sie nicht, wer mir die schlechte Nachricht überbringen sollte, dann trat Stoya vor. »Vor drei Stunden ging ein merkwürdiger Anruf in der Zentrale ein. Ein Wirt meldet, ein Gast sei aus seiner Kneipe verschwunden. Wir vermuten eine harmlose Zechprellerei, aber als die Beamten eintreffen, erzählt ihnen der Wirt, dass die Frau blind war, noch gar nichts getrunken und ihren Hund allein an der Theke zurückgelassen hatte. Der Wirt wundert sich nach einer Weile, weshalb die Blinde nicht wieder vom Klo zurückkommt. Als er nachsehen geht, entdeckt er den aufgebrochenen Hinterausgang. Und damit fängt die Story erst an, denn als er in den Kneipenraum zurückgeht, um die Polizei anzurufen, ist plötzlich auch der Hund verschwunden. Die Spurensicherung kommt, untersucht die Toilettenkabine und findet Kampfspuren. Und bei der Vernehmung sagt der Wirt, die Blinde hätte ihren Hund TomTom genannt.« Stoya atmete schwer aus. »Es tut mir leid, aber wir müssen davon ausgehen, dass deine Freundin entführt wurde.«

Ich wusste es zu schätzen, dass der Chefermittler nicht lange um den heißen Brei herumredete. Einmal, weil ich nicht abschätzen konnte, wie lange ich noch zur Aufmerksamkeit fähig sein würde, bis mir wieder schwarz vor Augen wurde oder der Schmerz zurückkam. Zum anderen, weil sich eine Entführung in den ersten vierundzwanzig Stunden entscheidet. Aus meiner Zeit als Polizeipsychologe wusste ich, dass in dieser ersten Phase die Täter-Opfer-Situation noch chaotisch und desorganisiert ist. Beide Parteien müssen sich aufeinander einstimmen, das Opfer muss erst noch an den finalen Bestimmungsort verbracht werden. Hier geschehen die meisten Fehler, die man ausnutzen kann, um den Täter zu finden und seine Geisel zu befreien.

»Das alles geschah, kurz nachdem sie dich besucht hat, Zorbach.« Stoya sah mich an. »Und deshalb muss ich dich jetzt fragen: Hat sie dir gesagt, dass sie sich von Zarin Suker bedroht fühlt?«

Nein, nicht direkt. Ich überlegte, wie ich am besten antworten sollte. Alina hatte von der Entführung einer Frau gesprochen, die auf einer öffentlichen Toilette stattfinden sollte, während das Radio lief. Aber der Moderator hatte sich versprochen, und daher war Alina von einem falschen Datum ausgegangen. Außerdem hatte sie geglaubt, dass das Opfer eine ehemalige Patientin dieses Suker sein würde. Doch das half in Anbetracht der gegenwärtigen Umstände alles nicht weiter, also blinzelte ich ein Ja. Dann versuchte ich einen Satz mit meinen trockenen Lippen zu formen, scheiterte aber schon nach den ersten beiden Worten.

»Wiekonn …?«

»Wie das passieren konnte?«, hörte ich Scholle einwerfen. »Suker, der Dreckskerl, ist gestern entlassen worden. Die Zivilfahnder haben seine Spur vor sechs Stunden auf dem Bahnhof Alexanderplatz verloren, als er am Ende des Bahnsteigs direkt vor einen einfahrenden Zug sprang und in den U-Bahnschacht lief.«

»Die Presse wird uns schlachten«, ergänzte Stoya. »Aber du weißt ja selbst am besten, dass wir nicht die Mittel und das Personal dazu haben, um jeden Irren in Berlin zu beschatten. Seitdem die nachträgliche Sicherheitsverwahrung verboten wurde, müssten wir uns allein um vier Pädophile kümmern, von denen wirwissen, dass sie wieder rückfällig werden.«

Ich öffnete meinen Mund, um zustimmend zu grunzen, aber alles, was ich hervorbrachte, war ein Speichelfaden, der mir das Kinn herablief.

»Ich fürchte, Sie müssen zum Schluss kommen, meine Herren«, hörte ich Roth sagen, und erst jetzt fiel mir auf, dass ich meine Augen mittlerweile geschlossen hatte. Erstaunlicherweise schien die Unterhaltung mich nicht aufzuregen, sondern zu ermüden. …