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Sebastian Fitzek - „Der Nachtwandler“

ISBN: 9-783-4265-0374-4

Klappentext:

In seiner Jugend litt Leon Nader an Schlafstörungen. Als Schlafwandler wurde er während seiner nächtlichen Ausflüge sogar gewalttätig und deswegen psychiatrisch behandelt. Eigentlich glaubte er geheilt zu sein - doch eines Tages, Jahre später, verschwindet Leons Frau unter unerklärlichen Umständen aus der gemeinsamen Wohnung. Ist seine Krankheit etwa wieder ausgebrochen? Um zu erfahren, wie er sich im Schlaf verhält, befestigt Leon eine bewegungsaktive Kamera an seiner Stirn – und als er am nächsten Morgen das Video ansieht, macht er eine Entdeckung, die die Grenzen seiner Vorstellungskraft sprengt: Sein nächtliches Ich steigt durch eine ihm völlig unbekannte Tür hinab in die Dunkelheit …

Inhalt:

Leon hat als Kind seine Eltern bei einem Autounfall verloren. Verschiedene Pflegefamilien wollten ihn immer wieder los werden, da er an Schlafstörungen litt und sein Verhalten deswegen sehr seltsam war.

Heute lebt er als Architekt mit seiner Frau in einer Wohnung. Die Frau verlässt ihn, sieht dabei sehr lädiert aus und macht ihn glauben, dass er ihr das angetan hat. Leon glaubt, seine Nachtaktivität hat wieder begonnen und nimmt Kontakt zu seinem Psychiater auf. Der verhält sich aber sehr seltsam. Verweigert ihm sogar die Hilfe... Leon will den Dingen selber auf den Grund gehen, kauft sich eine Schlafkamera, deren Aufzeichnungen ihn nur noch mehr verwirren. Er sieht horrormäßige Taten, entdeckt geheime Räume und Gänge im Haus, fndet seine Frau und macht eine entsetzliche Entdeckung.

Leseprobe:

… Er war zehn Jahre alt gewesen, damals hieß er noch Wieler mit Nachnamen, als ihm sein leiblicher Vater Roman zum ersten Mal die Legende von den Unternächten erzählte. Später machte Sarah Wieler ihrem Mann deswegen große Vorwürfe. Sie war der Meinung, derartige Schauergeschichten seien nichts für Kinder in Leons Alter und würden seine Schlafstörungen nur noch verschlimmern. Und sie sollte recht behalten. Noch in derselben Nacht träumte Leon von Rauhgeistern im Schrank und dem Unglück, das diese schon über so manche Familie gebracht hatten.

»Weißt du, weshalb deine Mama zwischen Weihnachten und Neujahr keine Wäsche wäscht?«, hatte Roman das Schauermärchen begonnen, und Leon hatte instinktiv nach der Hand seines Vaters gegriffen, als hätte er Angst, allein die Antwort könnte ihn ins Stolpern bringen.

Wann immer er daran zurückdachte, so wie jetzt auf allen vieren in der Dunkelheit, war ihm jedes Detail dieses Sonntagsspaziergangs präsent: der kalte Wind im Gesicht, der Schnee unter den Stiefeln, ihre ineinander verschränkten, behandschuhten Finger, die Weihnachtsbeleuchtung in den Fenstern der Nachbarn.

»Du hast vermutlich noch nie etwas von den Rauhgeistern gehört, oder? Sie leben das gesamte Jahr im Verborgenen. Es gibt nur eine Zeit, zu der sie sich vorwagen. Und die beginnt in wenigen Tagen. In den Unternächten, so nennt man die Zeit zwischen den Jahren.«

»Was tun diese Geister denn?«, wollte Leon wissen.

Sein Vater nickte, als hätte er eine besonders kluge Frage gestellt.

»Sie sind das Gegenteil von Schutzengeln. In den Häusern, in denen sie wohnen, zieht das Pech ein. Und dieser Tage sind sie wieder auf der Suche nach einer neuen Familie.«

»Kommen sie auch zu uns?«

»Nur, wenn wir die Waschmaschine benutzen. Das wissen nämlich die wenigsten: Rauhgeister brauchen nasse Wäsche zum Überleben. Sie kriechen in die feuchten Laken, in Socken oder in deine Hose, und wenn alles getrocknet ist, bleiben sie ein Jahr daran haften.«

Leon wusste bis heute nicht, aus welcher Region der Welt dieser Aberglaube stammte, aber nach jenem Spaziergang hatte er penibel darauf geachtet, dass seine Anziehsachen in den kommenden Tagen nicht einmal in die Nähe des Waschkellers kamen.

Umso entsetzter war er gewesen, als er an Silvester die Blusen seiner großen Schwester auf der Wäscheleine entdeckte, die ihn auslachte, als er sie anflehte, die feuchten Kleidungsstücke sofort aus dem Haus zu entfernen.

Von jenem Tag an lebte er in der irrationalen Gewissheit eines Zehnjährigen, der fest davon ausging, dass das Böse in seinem Schlafzimmer eingezogen sei. Alle Beschwichtigungsversuche seiner Eltern blieben erfolglos.

Es dauerte Monate, bis seine Mutter vor dem Lichtausmachen nicht mehr unter dem Bett oder im Schrank nachsehen musste, ob sich dort womöglich ein Rauhgeist versteckt hielt. Erst in der Nacht zum siebten Mai hatte Leon sich wieder vollständig beruhigt und zum ersten Mal nicht mehr an die Unternächte gedacht. Er konnte sich deshalb so genau an das Datum erinnern, weil es die Nacht vor dem Unfall gewesen war.

Schicksal?

Leon schüttelte sich vor Kälte, die ihm wegen seiner starren Haltung auf dem harten Untergrund in die Glieder gefahren war, und riss sich aus seiner erinnerungserfüllten Paralyse. Seit dem Unfall hatte er keine Wäsche mehr zwischen den Jahren gewaschen. Umso verstörender war es für ihn, ausgerechnet hier unten mit dem Duft von Weichspüler und Waschmittel konfrontiert zu werden. Wer immer dafür verantwortlich war, kannte die Legende von den Unternächten nicht.

Oder er ignorierte sie.

Leon aktivierte wieder das Display des Handys, dessen Bildschirmschoner sich in die Dunkelheit verabschiedet hatte, und bemerkte, dass er nicht länger zu kriechen brauchte. Der schwache Wäscheduft war ebenfalls verschwunden, oder vielleicht roch Leon ihn auch nur nicht mehr, da seine Sinne vollständig davon in Beschlag genommen wurden, die neue Umgebung zu erkunden.

Der Gang, der sich vor ihm erstreckte, wirkte, als wäre er mit grobem Gerät wie ein Bergwerksstollen in den Stein getrieben worden. Pechschwarze, unebene Wände verliefen in unregelmäßigen Abständen zueinander. Auch die Deckenhöhe veränderte sich, und er musste die Hand nach oben strecken, um nicht Gefahr zu laufen, gegen einen Vorsprung zu stoßen.

Der Boden unter seinen Füßen fühlte sich merkwürdig an. Er federte beim Gehen leicht nach wie ein Waldweg, und als Leon sich hinkniete, konnte er etwas Erde lösen. Die Strecke verlief abschüssig, was das unangenehme Gefühl verstärkte, sich einer Unterwelt zu nähern, die man besser nicht betreten sollte.

Mit jedem Schritt wuchs Leons Anspannung, die mittlerweile so heftig war, dass er sich einbildete, eine feine Vibration zu verspüren, die sich im gesamten Körper ausbreitete.

Er war kein Klaustrophobiker, aber im Augenblick konnte er sich sehr gut in Menschen hineinversetzen, die enge Räume mieden. Wann immer das Handy aussetzte und er für den Bruchteil einer Sekunde in kompletter Finsternis stand, war es, als schlage ihm die Dunkelheit ins Gesicht. Dann spürte er das Herz in der Brust hämmern, hörte das Blut in den Adern rauschen und fühlte, wie sein Mund trocken wurde.

»Natalie?«, rief er zaghaft, als er am Ende des Gangs angelangt war und vor einer Gabelung stand. Den Namen seiner Frau zu rufen hatte vermutlich ähnlich geringe Erfolgsaussichten, wie das Tunnelsystem hier unten auf eigene Faust zu erkunden. Aber was sollte er sonst tun? Zurückgehen? Nach oben? Volwarth anrufen? Oder die Hausverwaltung?

Er kam zu dem Schluss, dass das vermutlich keine so schlechte Idee war, wie er anfangs gedacht hatte. Zumindest konnte er jetzt einen Beweis präsentieren, dass es sehr wohl einen zweiten Zugang zu seiner Wohnung gab, der vermutlich aus gutem Grund in keinem Bauplan verzeichnet war.

Aber wer hat ihn angelegt? Und weshalb? Und was hat Natalies Handy hier unten zu suchen?

Leon leuchtete nach rechts, in den kürzeren Teil des Abzweigs. Schon nach wenigen Schritten endete der Weg an einer Mauer, an der ein Warnschild hing: »ACHTUNG« stand in einer altertümlichen Schrift darauf, direkt über einem Piktogramm, das mit einem Blitz vor elektrischer Hochspannung warnte.

Leon beschloss, sich erst einmal mit Dr. Volwarth in Verbindung zu setzen. In ihm hätte er einen Zeugen, der beweisen konnte, dass er nicht halluzinierte. Da fiel ihm ein, dass der Psychiater längst im Flieger nach Tokio sitzen musste.

Dennoch wollte er umkehren, schon aus Angst, sich hier unten zu verlaufen. Wer wusste schon, wie viele Abzweigungen es noch gab? Am Ende war er in ein Labyrinth geraten. Immerhin war der Architekt dieses Hauses, Albert von Boyten, auch als genialer Landschaftskünstler bekannt geworden, dessen kunstvoll gestaltete Irrgärten weltweit für Aufsehen gesorgt hatten. Hatte er am Ende auch dieses Haus mit einem Irrgarten versehen, nur nicht aus mannshohen Hecken, sondern aus Stein geformt?

Leon rief noch einmal den Namen seiner Frau, bevor er den Rückweg antreten wollte, doch dazu sollte es nicht mehr kommen, denn auf einmal begriff er, dass er sich geirrt hatte. Die Vibration, die er bislang als Sinnestäuschung abgetan hatte, war real. Sie existierte – und zwar nicht inner-, sondern außerhalb seines Körpers, und plötzlich konnte er sie nicht nur fühlen, sondern auchhören.

Leon legte den Kopf schräg und ging einen Schritt auf die Klangquelle zu, in den längeren Gang des Abzweigs hinein. Das Licht des Handydisplays hatte einen leichten Grünstich, was es noch schwerer machte, etwas zu erkennen. Wenn Leon sich nicht irrte, waren die Wände in diesem Teil des Tunnels glatt und eben.

Vorsichtig, als könnten sie unter Strom stehen, tastete er zu beiden Seiten: Zu seiner Linken spürte er eine gleichmäßige Oberfläche. Zu seiner Rechten war das Mauerwerk mit etwas gröberem Material verkleidet.

Mit jedem Schritt wurden die Hintergrundgeräusche lauter. Leon vermutete, dass es unhörbare, tiefe Bässe waren, die in regelmäßig wiederkehrenden Abständen jene Vibrationen erzeugten, die sich von den Wänden auf ihn übertrugen.

Und was zum Teufel ist … das?

Er war erst wenige Meter gegangen, als er auf eine Türklinke stieß. …