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Alex Berg - „Tochter der Angst“

ISBN: 978-3-426-51319-4

Klappentext:

Als die Oberärztin Marion sich in Paris auf einen Auslandseinsatz bei Ärzte ohne Grenzen vorbereitet, lernt se bei einer befreundeten Familie das syrische Flüchtlingsmädchen Zahra kennen. Marion allein gelingt es, das Vertrauen des verstörten Kindes zu gewinnen, und bald schon schließt sie die Kleine in ihr Herz.

Was sie nicht weiß: Es handelt sich um die Tochter eines politisch sehr einflussreichen Wirtschaftsbosses aus Syrien, die ganz und gar nicht zufällig nach Frankreich gelangte, sondern Teil eines äußerst brisanten Deals ist.

Ehe sich Marion versieht, geraten sie und das Mädchen zwischen die Fronten und in Lebensgefahr.

Inhalt:

Marion ist Oberärztin. Sie gibt ie Stelle aber auf, um ein Jahr bei „Ärzte ohne Grenzen“ mitzuarbeiten. Das Vorbereitungsseminar ist in Paris, wo sie bei langjährignen Bekannten wohnt. Außerdem wohnt da auch Zahra. Ein sehr verstörtes syrisches Flüchtlingsmädchen. - Marion ist die Einzige, die Zugang zu dem Kind findet. Außerdem findet Marion in einer Fotoausstellung ihre Vergangenheit. Ihre Eltern sind nicht ihre Eltern, aber Marion muss sich um Zahra kümmern. Ihre Nichte ist Geheimnisträgerin und viele Leute sind hinter diesem Geheimnis her.

Leseprobe:

...Ich verstand Leroux´ Bedenken, seine Behörde zu involvieren. Es wäre nicht das erste Mal, dass jemand als Haupverdächtiger galt, der später unschuldig verurteilt wurde, weil sich die Ermittlungen nur noch in diese Richtung bewegten. Un din ihrem Fall kam erschwerend hinzu, dass jemand äußerst geschickt Morel als Täter ausliefern wollte. Mit wem hatte sich der Mann bloß angelegt? Was hatte er – vermutlich zufällig – ausgegraben, das ihm nun in solche Schwierigkeiten brachte! Und wieder wanderten seine Gedanken zu dem Mädchen, das die Bonniers aufgenommen hatten. Irgendetwas hatte das Kind mit alledem zu tun. Er stellte sich das Mädchen vor wie das Zentrum eines sechszackigen Sterns, von dem die einzelnen Zacken ausgingen. An einem Ende stand Zahit Ayans Tod, an einem weiteren das Attentat, an einem dritten Eric Henri, mit dem er hoffentlich gleich sprechen würde. Und an einem vierten Zacken hing Jean, am fünften die Bonniers, und was sich hinter dem sechsten verbarg, war bislang das große Fragezeichen.

Der Taxifahrer hielt vor dem Haupteingang des Krankenhauses. Baptiste zahlte, stieg aus und blickte gleich darauf an der Fassade des Gebäudes empor. Er verabscheute Krankenhäuser, der sterile Geruch, der jedem Raum, selbst der Cafeteria anhaftete, stieß ihn ab, und die Arrogant der Ärzte, die ihm immer das Gefühl vermittelten, er hätte seinen Verstand bei Betreten des Hauses abgegeben, machte ihn ungeduldig und wütend. Als er jedoch Augenblicke später einen der langen, hellereleuchteten Krankenhausflure entlangeilte und ihm zwei jener Götter in Weiß entgegen kamen, dachte er bei ihrem Anblick unwillkürlich an die deutsche Ärztin, die er bei Louise Bonnier kennengelernt hatte. Marion war ihre Name gewesen. Sie hatte erzählt, dass sie Oberärztin in einem Krankenhaus war, und er stellte sie sich in einem langen Artzkittel mt weißen Hosen darunter vor und einem Stethoskop in der Brusttasche, und sein Feindbild zeigte ungwollt Risse.

Die Abteilung, in der Eric Henri lag, war abgeriegelt. Zugang gab es nur gegen die Vorlage eines Dienstausweises und vorherige Anmeldung. Das Pflegepersonal war handverlesen.

Als Baptiste an die Tür klopfte, antwortete ihm eine weibliche Stimme. Sylvie Henri saß zusammen mit ihren Söhnen am Bett ihres Mannes und hielt seine Hand. Sie war informiert worden, dass ihr Mann aus dem künstlichen Koma geholte wurde, und war umgehend mit ihren Kindern aus Orleans angereist.

„Madame Henri, ich freue mich, sie wiederzusehen“, begrüßte er sie und sah dann zu Eric Henri hinüber, der leicht aufgerichtet in seinem Bett saß und fragend von einem zum anderen blickte. Seine Reaktionen waren deutlich verlangsamt, vermutlich stand er unter starkem Schmerzmittel.

„Monsieur Baptiste ist von der Polizei“, erklärte seine Frau ihm leise, und Baptiste konnte einen Hauch ihres Parfums durch den Raum hindurch wahrnehmen, ein kühler Duft, der ihr herbes Äußeres und ihre spröde Arte perfekt ergänzte. Seiner Ansicht nach verrieten Duftwasser, ob sie nun von Frauen oder Männern benutzt wurden, sehr viel über den Charakter eines Menschen. Mehr, als manch einer glauben mochte. Und dieser Dufthauch verriet ihm, dass es nicht leicht werden würde, sie davon zu überzeugen, dass er allein mit ihrem Mann sprechen wollte. „Es wird nicht lang dauern, Madame“, ließ er sie wissen, „und es ist besser für Ihre Söhne, wenn sie nicht dabei sind.“

Sie hielt seinem Blick trotzig stand. „Was sollten sie noch hören, was sie nicht schon in den Medien und durch den Klatsch erfahren haben, der in den vergangenen Tagen durch die Presse gegangen ist?“

Baptiste unterdrückte ein Seufzen. Natürlich war der Mordanschlag auf Eric Henri ein gefundenes Fressen für die Boulevardpresse gewesen. Baptiste hatte die Auszüge gelesen, die auch auf seinem Schreibtisch gelandet waren. Es hatte Mutmaßungen und Verdächtigungen gegeben, die Journalisten hatten im Familienleben der Henris gegraben und versucht, über Nachbarn und Bekannte etwas herauszufinden, das sich für eine Story eignete. Viel war nicht dabei zusammengekommen, aber für die Familie war dieser Einbruch in ihre Intimsphäre für ein ganzes Leben genug.

„Madame Henri, geben Sie mir zehn Minuten mit Ihrem Mann, mehr brauche ich nicht.“

Widerwillig stand sie auf, und an der zögerlichen Bewegung mit der Henri ihre Hand gehen ließ und gleichzeitig seinem Blich auswich, erkannte Baptiste, dass der Mann nicht erpicht darauf war, mit ihm zu sprechen. Ganz im Gegenteil.

Genauso fruchtbar war ihre Konversation zunächst auch. Henri gab sich begriffsstutzig und wich aus, bis Baptiste schließlich der Kragen platzte. „Monsieur, ich möchte jetzt einmal ganz deutlich werden: Sie haben fünfzehn Mobilfunkkarten gekauft, angeblich für den Geburtstag ihres Sohnes, aber diese Karten sind weg, und eine der Karten wurde im Rahmen eines Mordes kontaktiert. Wenn Sie nicht bereit sind zu kooperieren, werde ich Ihnen wegen Mitwisserschaft und Verdunkelung eines Kapitalverbrechens ein Verfahren anhängen. Wollen Sie das Ihrer Familie Wirklich antun, nach allem, was Ihre Frau und Ihre Söhne bisher durchgemacht haben?“

Eric Henri wurde noch blasser, als er sowieso schon war.

„Das würden Sie nicht wagen, oder?“

„Doch, das würde ich“, versicherte ihm Baptiste. „Was haben Sie mit den Prepaidkarten gemacht?“

Henri mied seinen Blick. „Ich habe sie in einen Umschlag gesteckt und in einem Postfach in Orleans deponiert. Was danach damit geschehen ist, weiß ich nicht.“ Tränen sprangen ihm in die Augen. „Mein Gott, Sylvie darf das nie erfahren, versprechen Sie mir das!“

Baptiste beobachtet ihn eine Weile schweigend. „Warum haben Sie die Karten gekauft?“, fragte er schließlich. „Die Geschichte mit dem Geburtstag Ihres Sohnes und diesem Geocaching ist eine gute Ausrede, aber das hätten Sie auf andere Weise kostengünstiger lösen können, nehme ich an.“

Henri schwieg.

„Sie haben diese Karten auf Ihren Namen gekauft. Ihnen muss doch klar gewesen sein, dass alles, was damit geschieht, auf Sie zurückfallen wird.“ …