ich-geb-dir.info
Home.
Delfine.
Hunde.
Literatur.

Sebastian Fitzek - „P.S. Ich töte dich“

ISBN: 978-3-426-40701-1

Klappentext:

Ein plötzlicher Schneesturm in den Bergen zwingt den Psychiater Martin Vahl, in einem abgeschiedenen Hotel einzuchecken. Weil Vahl in dem heruntergekommenen Zimmer kein Auge zutun kann, greift er sich die Bibel aus dem Nachttisch und beginnt zu lesen. Kurz bevor ihm die Augen zufallen, löst sich ein kleiner Zettel aus den Seiten: »Nicht einschlafen – oder sie bringen Dich um …«

Wollen Sie mehr? Sitzen Sie bequem, haben Sie es warm und hell? Gut so, denn genauso wie Sebastian Fitzek werden Val McDermid, Michael Connelly, Markus Heitz, Steve Mosby und noch einige andere Thrillerautoren der Spitzenklasse dafür sorgen, dass Ihnen das Blut in den Adern gefriert – für weitaus länger als die zehn Minuten, die es zum Lesen jeder Story braucht. Denn sie alle lieben es düster, beherrschen die Klaviatur des Grauens perfekt …

Inhalt:

Sebastian Fitzek hat hier als Herausgeber fungiert und Kurzgeschichten seiner Kollegen zu einer Anthologie zusammen gestellt. Dabei entstand eine bunte Mischung aus Spannung und Langeweile. Vom klassischen Krimi bis zum spannenden Thriller ist für jeden etwas dabei. Eine bunte Mischung.

Leseprobe:

… Nachdem einer der Assistenten des Gerichtsmediziners die Fingerabdrücke des Einbrechers genommen hatte, fuhren Bosch und Braxton mit Nikolai Servan zur Hollywood Division.

Bosch scannte die Fingerabdrücke ein und mailte sie an das Fingerabdrucklabor im Parker Center. Dann führte er eine offizielle Vernehmung mit Servan durch und nahm diese auf Band auf. Obwohl der Pfandleiher das Gleiche aussagte, was er auch schon im Geschäft erzählt hatte, war es Bosch wichtig, seinen Bericht aufzuzeichnen.

Als er mit der Vernehmung fertig war, lag bereits eine Nachricht von einem Fingerabdruck-Spezialisten namens Tom Rusch vor. Die Abdrücke stammten von einem 39-jährigen Ex-Sträfling namens Montgomery George Kelman. Kelman war nach einer Verurteilung wegen Einbruchs auf Bewährung freigelassen worden.

Nach drei Telefongesprächen hatte Bosch Kelmans Bewährungshelfer sowie die Adresse und den Arbeitgeber des Toten ausfindig gemacht. Kelman hatte in einem Restaurant in Hillview als Spüler gearbeitet, in der Frühschicht. Der Bewährungshelfer hatte bereits von dem Restaurantbesitzer erfahren, dass Kelman nicht zur Arbeit erschienen war, sich aber auch nicht krankgemeldet hatte, wie es seine Bewährungsauflagen vorschrieben. Der Bewährungshelfer schien sich darüber zu freuen, dass ihm nun ein Haufen Papierkram wegen Verstoßes gegen die Bewährungsauflagen erspart blieb.

»Fröhliche Weihnachten!«, sagte Bosch noch, ehe er auflegte.

Er rief bei Edgar an und erfuhr, dass die Kriminaltechniker immer noch mit der Leiche und dem Tatort beschäftigt waren. Dann teilte Bosch seinem Partner mit, das Opfer sei inzwischen als Kelman identifiziert worden und dass er sich nun mit Braxton zu dessen Adresse begeben werde, die er vom Bewährungshelfer erhalten habe. Nikolai Servan müsse so lange in einem der Vernehmungsräume der Dienststelle warten.

Monty Kelman hatte ein Apartment am Los Feliz Boulevard in der Nähe von Griffith Park bewohnt. Bosch klopfte, und eine junge Frau in Shorts und einem Hemd mit Stehkragen öffnete. Sie war so dünn, dass sie fast schon ausgezehrt wirkte, und ganz eindeutig drogensüchtig. Nachdem sie ihr die schlechte Nachricht überbracht hatten, verkroch sie sich mit angezogenen Knien auf die Couch. Braxton versuchte sie zu trösten und gleichzeitig etwas Interessantes in Erfahrung zu bringen. Bosch sah sich rasch in dem Zweizimmerapartment um. Wie erwartet, deutete nichts darauf hin, dass dies die Wohnung eines Einbrechers war. Im Gegenteil: Sie war seine Fassade, hier hatte er seinen Bewährungshelfer empfangen und ihm ein gesetzestreues Leben vorspielen können. Bosch wusste, dass jeder Einbrecher, der mit Bewährungsauflagen lebte, eine zweite, geheime Wohnung besaß, einen Zufluchtsort, an dem er seine Werkzeuge und seine Beute aufbewahrte.

Im Schlafzimmer stand ein kleiner Schreibtisch, in dem Kelman sein Scheckbuch und seine Papiere aufbewahrt hatte. Bosch blätterte das Scheckbuch durch, das keine Unregelmäßigkeiten aufwies. Dann durchsuchte er die ganze Schreibtischschublade, fand aber nichts, was Aufschluss über Kelmans Zufluchtsort gegeben hätte. Dieser war ihm aber auch nicht sonderlich wichtig, er hatte Braxton, der mit Eigentumsdelikten befasst war, zu interessieren und nicht ihn.

Als er sich umdrehte, um das Schlafzimmer zu verlassen, bemerkte er in der Ecke ein Saxophon auf einem Ständer. Die Größe verriet ihm, dass es sich um ein Altsaxophon handelte. Er hob es hoch. Es war recht alt, wirkte aber sehr gepflegt. Das Messing war poliert, und das Poliertuch steckte im Schalltrichter. Bosch hatte nie Saxophon gespielt, hatte es nicht einmal probiert, aber dessen Klang war die einzige Musik, die ihn ernsthaft berührte.

Er hielt das Instrument mit einer Ehrfurcht in den Händen, die er nur selten für Personen und Dinge aufbrachte. Einen Augenblick lang spielte er mit dem Gedanken, das Mundstück an die Lippen zu führen und zu versuchen, einen Ton zu spielen. Stattdessen hielt er das Instrument nur so vor sich, wie er es bei unzähligen Musikern – angefangen von Art Pepper bis hin zu Wayne Shorter – gesehen hatte.

»Was gefunden, Harry?«, fragte Braxton aus dem anderen Zimmer.

Bosch trug das Saxophon mit dem Ständer ins Wohnzimmer. Die Frau saß jetzt, die Arme vor der Brust verschränkt, auf der Couch. Tränen liefen ihr über die Wangen. Bosch wusste nicht, ob sie ihrer verlorenen Liebe oder ihrer Rauschgiftquelle nachtrauerte.

Er hielt das Saxophon in die Höhe.

»Wem gehört das?«

Sie schluckte und antwortete dann:

»Das ist Montys. Ich meine, es gehörte Monty.«

»Hat er gespielt?«

»Er versuchte es. Er liebte Jazz. Er sagte immer, dass er Stunden nehmen wollte, aber er tat es nie.«

Noch mehr Tränen flossen.

»Es muss geklaut sein«, sagte Braxton an Bosch gewandt, wobei er die Frau ignorierte. »Ich kann das überprüfen, wenn wir zurück sind. Bei diesen Dingern sind der Name des Herstellers und die Seriennummer in den Schalltrichter eingraviert.«

Er deutete auf den Trichter der Kanne.

»Da drin. Es würde mich nicht wundern, wenn er es bei einem seiner früheren Einbrüche in Servans Laden mitgenommen hätte.« Bosch zog das Poliertuch aus der Öffnung und schaute hinein. Das gebogene Messing wies eine Inschrift auf, die er jedoch nicht lesen konnte. Er ging zum Fenster und drehte das Instrument, bis das Sonnenlicht in den Trichter fiel. Er beugte sich ganz nahe an das Saxophon heran, um die Gravur entziffern zu können.

Calumet Instruments

Chicago, Illinois

Spezialanfertigung für Quentin McKinzie, 1963

»The Sweet Spot«

Bosch las sie ein weiteres Mal und dann noch ein drittes Mal. Seine Schläfen fühlten sich plötzlich so an, als hätte jemand etwas Heißes dagegengedrückt. Eine Erinnerung blitzte auf, erfüllte seine Gedanken. Er sah einen Musiker vor sich, der auf einem Schiffsdeck unter einem Baldachin saß. Soldaten drängten sich um ihn. Die in Rollstühlen, die Männer, denen Gliedmaßen fehlten, ganz vorne. Der Mann mit dem Saxophon tänzelte wie Sugar Ray Robinson, wenn er aus der Ecke des Boxrings kam. Die Musik war wunderbar und leicht, der Klang besser als alles, was er je gehört hatte. Es war dieses verdammte Licht am Ende des Tunnels. …