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Sebastian Fitzek - „Berlin Blutrot“

ISBN: 978-3-940610-13-3

Klappentext:

Wieder haben Deutschlands beste Krimiautoren zugeschlagen: Am Bahnhof Zoo, am Brandenburger Tor oder am Alex. Einfach überall. In der Hauptstadt türmen sich die Leichen.Die Bestsellerautoren Sebastian Fitzek und Michel Birbæk haben die Messer gewetzt, die Friedrich-Glauser-Preisträger Zoë Beck, Christoph Spielberg und der Deutsche Krimipreisträger Oliver Bottini die Lunten gelegt. Tatort-Kommissar Jochen Senf und Tatort-Autorin Ulrike Bliefert haben die Pumpgun geladen. Die Thrillerspezialisten Stephan Hähnel, Andrea Vanoni und Viktor Iro die Axt geschwungen. Krimi-Shootingstar Vincent Kliesch und Altmeister -ky im Giftschränkchen gewühlt. Die Auftragsmörder Marcel Feige, Lena Blaudez und Kai Hensel die Schlingen geknüpft. Und zum Schluss hat der Cleaner Lothar Berg sie alle beerdigt.Mit einem Vorwort von U. A. O. HeinleinHrsg.: Andreas Izquierdo & Angela Eßer.

Inhalt:

Herr Fitzek hat hier 15 seiner Kollegen zu Wort kommen lassen. Zusammen mit seiner eigenen Story sind in dem Buch 34 Menschen ums Leben kommen. Und alle sind sie in Berlin gestorben.

Leseprobe:

… Oben bei ihrer Wohnung angekommen, stoppte Ada ihren sportlichen Dauerlauf. Sie freute sich auf ihre gemütlichen Räume und die große Dachterrasse, auf der es dschungelgleich wucherte. Jetzt stutzte sie: Ihre Wohnungstür stand einen Spaltbreit offen. Dass sie sie nicht offen gelassen hatte, war sie sich mehr als sicher. Das tat sie nie. Allerdings hatte sie vorgehabt, ein ordentliches Sicherheitsschloss einbauen zu lassen. Jetzt hatte sie wirklich einen Grund dazu, denn das alte war aufgebrochen. Aber zuerst einmal musste sie feststellen, ob der ungebetene Besucher noch da war. Leise stieß Ada die Tür ein Stückchen weiter auf.

Das Chaos war extrem. Es stand nichts mehr am alten Platz. Ihre schöne Wohnung war ein Schlachtfeld. Selbst ihr bis zur Decke reichendes Bücherregal war ausgeräumt, die Bücher lagen verstreut am Boden. Okay, versuchte Ada positiv zu denken, ich wollte sie sowieso längst wieder ordnen.

Irgendjemand musste sie beobachtet haben. Dachte wohl, das Köfferchen mit den kostbaren Steinen wäre bei ihr versteckt. Andererseits hätte doch wohl jeder nicht völlig Blinde bemerken können, dass Pia mit dem Koffer im Bahnhof verschwunden ist. Nachdem Ada einen Schlüsseldienst beauftragt hatte, machte sie sich auf den Weg in ihr Büro.

In der Bleibtreustraße hatte sie wie immer das Gefühl, hier würden alle Menschen ihre Prada-Klamotten der letzten Saison für die armen Neger in Afrika spenden, wären Elternsprecher in der Privatschule ihrer Kids und könnten zu Leuten, die ihren Müll nicht trennen, echt ungemütlich werden.

Immerhin wirkte die bürgerlich-verlässliche Adresse auf dem Briefkopf auf potentielle Klienten anziehend. Und ihr Büro mit den drei geräumigen hellen Räumen, die sparsam im Bauhausähnlichen Stil eingerichtet waren, war wirklich hübsch.

Ada berichtete Nelly ausführlich von den Neuigkeiten des Tages: Ein Raubvogel-Schläger, nun mit Beule, Frau Pia Freitag unterwegs nach Holland, Papiere, Geldbündel und ein Säckchen Diamanten. Soweit so vorbei. Aber ihre verwüstete Wohnung …

Was nun?

„Mal sehen, was es über Madame Freitag so gibt.“ Nelly war wie immer pragmatisch-optimistisch. Sie googelte und surfte, warf alle möglichen und unmöglichen Suchmaschinen an und rief Seiten auf. Von Pia Freitag keine Spur. „Und was ist mit dem Raubvogel?“, sinnierte Nelly. „Vielleicht hatte er von der Übergabe Wind bekommen und wollte absahnen. Zu dumm, dass du aber auch gar nichts in seinen Taschen gefunden hast. So kommen wir nicht weiter.“

Ada wechselte in ihren Büroraum und warf den Computer an. Kaum hatte sie sich auf ihrem Lederdrehstuhl niedergelassen, öffnete sich die Tür und Nelly steckte den hübschen blond gelockten Kopf herein.

„Die Polizei ist da.“ Sie flötete es so fröhlich, als sage sie: Kaffeewasser

kocht.

Zwei Typen traten ein und senkten die Raumtemperatur. Der eine, etwa Anfang 30, war klein, schlank und hübsch, hatte einen olivfarbenen Teint, dunkle Haare und Augen. Er war der Gute, tippte Ada. Der große war um die 50, hatte einen Bürstenhaarschnitt unter dem die Kopfhaut hervorschimmerte und ein narbiges Gesicht. Er eignete sich bestens, um den bad guy zu geben. Und so kam es auch.

„Wo waren Sie heute zwischen vier und fünf Uhr früh?“, fragte Mr. Bad mit einem täuschend müden Blick aus eisgrauen Augen mit Schlupflidern.

„Spazieren. Wieso fragen Sie denn bitte?“, entgegnete Ada scharf. Und sah zu Nelly. Sollte sie lieber die Aussage verweigern?

„Wieso haben Sie ihn denn ermordet?“

Ada erstarrte innerlich. Hatte sie ihn über den Jordan geschickt? So ein Weichei. Ein kleiner Schlag und schon … Ihr wurde etwas übel.

„Und Sie wissen sicher auch nicht, dass es sich bei dem Toten um den Assistenten der Geschäftsführung der Fondsgemeinschaft für alternative Investitionen, FAI, handelt! Einer international tätigen Gruppe, die besonders in Afrika aktiv ist. Afrika, das sagt Ihnen ja gar nichts!“ Die Stimme von Narbengesicht war süßlich, zynisch und gemein.

Ada zog nur die Brauen hoch.

„Ich habe keine Ahnung …“, weiter kam sie nicht.

„Wir können Sie auch gerne mit aufs Revier nehmen, wenn Ihnen das lieber ist!“, giftete er. „Sagen Sie uns doch nur, warum Sie ihn erschossen haben. Vielleicht war es ja Notwehr? Immer raus mit der Sprache und schon sind wir wieder weg.“ Hohn troff aus seinen herabgezogenen Mundwinkeln.

„Erschossen? Tut mir leid, das ist unmöglich!“, entfuhr es Ada.

„Erläutern Sie uns doch bitte Ihren letzten Auftrag? Wer war zuletzt hier?“ ermunterte sie Mr. Good.

Ada gab die Version zum Besten, die sie sicherheitshalber vorher mit Nelly ausgearbeitet hatte. Nur für alle Fälle, getreu dem alten Grundsatz: Bleibe bei Lügen immer so nahe an der Wahrheit wie es geht. Eine Unbekannte hatte sie um Schutz gebeten, der Auftrag war aber nicht zustande gekommen. Sie ist am Schlosspark während ihres frühmorgendlichen Spaziergangs überfallen worden und hat sich nur gewehrt. Pias Name, Köfferchen, Diamanten und Aufträge blieben selbstverständlich unerwähnt. Jetzt endlich schaltete sich Nelly ein und herrschte die beiden Bullen in ihrer schönsten Anwaltsmanier an. Normalerweise konnte sie mit ihrer Stimme heiße Quellen schockgefrieren. Da ließ sich der Hübsche zu einer Auskunft herab: „Ein älterer Herrmit Hund hat Frau Simon gesehen und sich die Autonummer notiert. Ein sehr aufmerksamer Mitbürger.“

Nelly leistete nun ganze Arbeit und haute ihnen Rechte und Gesetze um die Ohren, dass es nur so funkte.

„Wir erwarten Sie morgen Nachmittag um 15 Uhr im Revier, da können Sie dann Ihre Aussage machen.“

Ada atmete tief durch.

„Wir werden Sie im Auge behalten“, versprach Mr. Bad, als sie endlich gingen.

„Er ist erschossen worden. Jemand war nach dir dort. Jemand, dem der Kerl noch mehr auf die Nerven fiel als dir. Warte, ich werde seinen Namen und mehr über diese Gesellschaft erfahren und dann sehen wir weiter. Wozu hat der Mensch Kontakte?“ Nelly hing bereits am Telefon und winkte Ada noch lässig mit der Hand, die sich ihrerseits an Computerrecherchen machte. Wenig später klingelte ihr Handy. Die Stimme klang wie warmes Öl ins Ohr geträufelt. Wer’s mag … Ada machte sie aggressiv. Ob man sich am Lietzensee treffen könne? Wer? Es ginge um den Toten am Schlosspark. Bitte sehr! Was sollte schon geschehen, am helllichten Tag?

Der kleine Lietzensee lag blitzend in der Sonne, die Äste der Trauerweide hingen bis ins Wasser und ließen das Licht darunter märchenhaft grün leuchten. Ein paar Enten prügelten sich um die Brotkrumen, die eine alte krumme Frau ins Wasser warf und ein junger elternteilzeitaktiver Papi zeigte die „Gagagas“ so stolz seinem Sprössling, als hätte er sie persönlich hergestellt. Wie üblich waren die Wiesen und Wege voller kreativer Aktivisten.

Zwei Frauen stolzierten storchenhaft vorbei. Konzentriert rissen sie ein Knie hoch, streckten dann das Bein lang aus, um es in Zeitlupe wieder auf den Boden zu setzen. Auf der Wiese standen zwei ganz in orange gekleidete Typen auf dem Kopf und unterhielten sich leise. Eine Dame hielt einen Baumstamm liebevoll umschlungen und machte mit geschlossenen Augen

und seligem Lächeln Atemübungen.

Ada sah sich um. Wer kam in Frage? Es ging um den Toten. Assistent der Geschäftsführung einer international tätigen Finanzierungsgesellschaft. Um den Koffer mit Geld. Diamanten. Geschickt wich sie einem Pulk Damen in neonfarbener teflonbeschichteter multifunktioneller Laufkleidung aus, die im Marschschritt vorbeidonnerten und angriffslustig große Skistöcke schwenkten. Die Reflektoren an ihrer Kleidung leuchteten im Sonnenlicht.

Das musste er sein! Ein Mann kam auf Ada zu, elegant, weltgewandt, mit einem Lächeln, für das sich sein Zahnarzt eine hochseetaugliche Segelyacht gekauft hatte. Der Leinenanzug, das Hemd, die Manschettenknöpfe, die Krawatte, die Frisur. Zusammen sicher so teuer wie das Bruttoinlandsprodukt eines südostasiatischen Schwellenlandes. Zumindest eines kleinen. Die Haltung hatte etwas Anmaßendes.

„Hallo, Frau Simon?“ Er gab Pfötchen. Gewollt kräftig, befand Ada.

„Ja, schauen Sie“, begann er, während er neben Ada den Kiesweg am Ufer entlang trottete. Wer beginnt so einen Satz? „Wir wollen doch alle keinen Ärger, nicht wahr? Und da Sie nun sogar des Mordes verdächtig sind, sollten Sie doch alles tun, um zusätzlichen Ärger zu vermeiden, nicht wahr? Also geben Sie doch Ihrem Herzen einen Stoß!“ Sonst macht er das oder wie? Mit einem kleinen feinen Messerchen? „Sie müssen mir nur das geben, was Sie bei dem jüngst Verstorbenen gefunden haben. Das ist schon alles.“

„Vorstellen wollen Sie sich nicht?“

„Was sind schon Namen? Es reicht, wenn Sie wissen, dass ich im Auftrag der Agro-Invest-Gruppe, AGI, handele. Eine zukunftsorientierte Gesellschaft, die sich um eine vernünftige,

nachhaltige Nutzung der weltweiten Ackerflächen kümmert. Es geht um wichtige Investitionen in die armen Länder, die Arbeitsplätze schaffen. …