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Cindy Büscher - „Der Fluch des Oryex“

ISBN: 978-3-99038-565-4

Klappentext:

Die Schüler des Internats Oryex werden von Geburt an von der Außenwelt abgegrenzt. Sie haben einen strikten Tagesablauf und leben nach strengen Regeln, um sich auf ihre wichtige Rolle als Weltorganisatoren vorzubereiten. Während die Mehrheit der Schüler ihre Bestimmung akzeptiert, werden Destiny und Jason misstrauisch. Die beiden Freunde planen, gemeinsam mit allen Mitschülern aus dem Internat auszubrechen. Leider misslingt ihr Plan teilweise, weil nicht alle Schüler ihnen glauben. So kommt es, dass sich statt den 25 Schülern nur sechs mit dem Tagebuch des Professors in die freie Welt aufmachen. Dort treffen sie auf faszinierende Personen und dunkle Geheimnisse, die mehr mit dem Internat zu tun haben, als ihnen lieb ist.

Inhalt:

Destiny lebt auf dem Oryex. Ein Internat, wie es viel gibt. Doch nur auf den ersten Blick. Denn die Schüler werden zu stark überwacht, als dass es noch normal wäre...

Destiny träumt. Das sollte sie aber nicht, da die Tabletten das eigentlich verhindern. Doch jede Nacht erfährt sie durch den Traum etwas mehr. Sie erfährt, dass der Professor es gar nicht so gut meint. Und dass es die versprochenen Posten gar nicht gibt...

Sie und ein paar andere Schüler können fliehen. Dabei landen sie am Ende bei der Familie des Professors. Aber das wissen sie nicht. Sind sie wirklich in der Sicherheit, in der sie sich wähnen?

Leseprobe:

...Übrig blieben jetzt noch die gelbe Pille, die uns zu einer guten Stimmung verhelfen sollte (denn die Weltorganisatoren sollten positiv gestimmt sein, um den Leuten später freundlich gegenübertreten zu können und ihnen bei ihren Problemen zu helfen), die rote, die irgendetwas mit unseren Hormonen zu tun hatte, und die grüne Tablette, deren Wirkung wir nicht kannten.

Mrs. Montez trichterte uns immer ein, dass wir brav alle unsere Tabletten einnehmen sollen, denn sie würden uns ein gesundes Leben bescheren. Wir durften selbst entscheiden, wann genau am Tag wir sie uns zuführen wollten. Am Abend wurde dann jeweils unser Kästchen von Mrs. Montez oder Mrs. Jersey kontrolliert, damit wir auch keine vergaßen. Bevor ich mein Kästchen schloss, nahm ich die grüne Tablette heraus, spülte sie ins Waschbecken hinunter und lief dann mitsamt Sporttasche aus dem Zimmer.

Unser Internatsareal setzte sich aus drei Gebäuden zusammen: der Sporthalle mit dem Schwimmbecken im Untergeschoss, dem Gebäude, in dem sich das Arbeitszimmer des Professors befand und dem Hauptgebäude, in dem wir Schüler die meiste Zeit verbrachten. In der Garderobe zog ich mich mit den anderen Mädchen für den Sportunterricht um. Wir hatten nie mit den Knaben Sport. Montags waren die Mädchen in der Halle und die Knaben im Schwimmbecken, freitags dann genau umgekehrt.

Ich mochte das Schwimmen lieber als den Kampfsport, weil ich mir dann immer vorstellte, ich würde im Meer schwimmen. Wenn ich tauchte, schloss ich oftmals die Augen und malte mir aus, dass viele kleine bunte Fische um mich herumschwimmen, wenn ich sie wieder öffnete. Das Wasser war natürlich türkisblau und klar, und unter meinen Füßen würde ich den Sand spüren. Salziges Wasser, das an meiner Haut klebte, Korallen, Muscheln und Seepferdchen, so träumte ich von Ferien am Meer. Wenn ich sie schon nicht erleben durfte, dann begnügte ich mich eben mit meiner Fantasie.

Mrs. McKenzie erwartete uns in ihrem Trainingsanzug in der Halle. Sie war neu hier. Früher wurden wir von Mr. Rees im Kampfsport unterrichtet, dem einzigen anderen männlichen Wesen im Internat nebst dem Professor. Doch seit drei Monaten unterrichtete uns Mrs. McKenzie, weil Mr. Rees uns verlassen hatte. Warum wussten wir nicht. Schade war nur, dass ich ihn wirklich gemocht hatte.

„Heute werden wir uns ein paar Verteidigungsübungen ansehen“, verkündete uns Mrs. McKenzie und legte ihre Schreibunterlagen auf den Boden, damit sie es uns demonstrieren konnte.

„Theresa, würden Sie bitte nach vorne kommen!“

Ohne zu zögern, trat Thessy zur Professorin.

Während Mrs. McKenzie uns erklärte, wie wir uns gut vor unerwarteten Angriffen verteidigen konnten und sie dabei Theresa immer Anweisungen gab, was sie zu tun hatte, schauten wir anderen Mädchen den beiden gebannt zu.

Mrs. Jersey hatte uns immer wieder die Wichtigkeit des Kampfunterrichts eingeschärft, denn wir müssten uns zu verteidigen wissen, wenn wir an unserem zwanzigsten Geburtstag das Internat verlassen und unsere Posten einnehmen würden. Die Welt da draußen war gefährlich. Nichts war sicher, so wie wir es vom Internat gewohnt waren. Das sagten jedenfalls die Professorinnen. Wir könnten stolz darauf sein, dass wir unsere Kindheit und Jugend an der Oryexschule hatten verbringen können, die uns genug Schutz bot. Als kleines Mädchen hatte ich mir das Internat wie eine Insel vorgestellt, abgegrenzt und geschützt vor der gefährlichen Außenwelt. Doch heute fragte ich mich schon, was denn so gefährlich da draußen war? Mussten die anderen Schüler aus New City und anderen Teilen der Welt auch Kampfunterricht nehmen, um sich verteidigen zu können?

„So, dann geht mal in Zweiergruppen“, befahl uns Mrs. McKenzie, nachdem sie ihre Vorführübungen beendet hatte.

Wir waren dreizehn Mädchen, weshalb es nie aufging, wenn wir Gruppen zu bilden hatten. Theresa schloss sich Eli und mir an, und zu dritt machten wir nach, was Mrs. McKenzie uns präsentiert hatte. Der Kampfunterricht verlief nicht immer ganz schmerzfrei, denn einige Übungen waren ziemlich aggressiv. Mrs. McKenzie lief in der Halle herum, sah uns zu und korrigierte uns immer wieder.

„Du musst härter zugreifen, Eli!“, schrie sie zu uns herüber.

Als Eli an meinem Handgelenk fester zudrückte und mich so drehte, dass ich mich nicht mehr wehren konnte, hielt ich den Atem an, um den Druck weniger zu spüren.

„Gut, Elizabeth!“, wurde sie dafür von der Sportlehrerin gelobt.

Als Eli den Druck wieder etwas löste, drehte ich mich flink um, packte sie am Arm und packte sie zu meinen Gunsten.

„Das haben Sie toll gemacht, Destiny!“, würdigte Mrs. McKenzie mein Überraschungsmanöver, bevor sie sich anderen Gruppen zuwandte.

„Jetzt bin ich dran!“, rief Thessy und ich trat zur Seite, um mich ihnen nicht in den Weg zu stellen, und sah auf die Uhr an der Wand. Noch zehn Minuten, dann war der Nachmittagsunterricht für heute beendet!

Während ich meine Hausaufgaben im Zimmer erledigte, sah ich immer wieder auf meine Nachttischuhr und wartete sehnsüchtig darauf, dass sich der kleine Zeiger auf der Uhr zur Vier und der große Zeiger zur Zwölf schieben würden.

Kurz vor vier Uhr schwang ich mir dann meine Handtasche über die Schulter und schlenderte zur Rezeption, die sich im Erdgeschoss befand.

Dort wurde ich von Mrs. Collins freundlichem Lächeln begrüßt: „Hey Destiny.“

Ich streckte ihr mein Handgelenk entgegen, damit sie mir ein Armband umlegen konnte. Während sie auf ein paar Knöpfe auf dem Band drückte und dabei immer wieder auf ihren PC sah, beobachtete ich sie so unauffällig wie möglich, Sie hatte feines helles Haar, das ihr gerade auf die Schultern fiel. Sie war jung, jünger als die anderen Professorinnen im Internat und auch hübscher als die meisten. Sie pflegte ihr äußeres Erscheinungsbild und schminkte sich dezent.

Ich kannte sie zwar kaum, aber sie schien nett zu sein. Schon als kleines Kind hatte ich sie wegen ihrer Ausstrahlung immer bewundert, die uns die Sonne im Internat zu ersetzen schien. Aber in ihrem Gesichtsausdruck lag auch ein Hauch von Trauer, der immer wieder die sonst so fröhlichen Augen sorgenvoll eintrübte.

Eines Nachts, bevor wir die blaue Tablette einnehmen mussten, hatte ich sogar das Gefühl gehabt, von Mrs. Collins geträumt zu haben. Es war ein schöner Traum gewesen, kein beunruhigender.

Als es dunkel war und alle schliefen, war sie in mein Zimmer gekommen und hatte mir ganz leise zugeflüstert: „Nimm die grüne Tablette nicht! Du bist stark genug, um ohne sie auszukommen! Wirf sie fort!“

Dann war sie wieder von mir gegangen, und als ich am nächsten Morgen noch zwei Tabletten zur Einnahme bekommen hatte, spülte ich die grüne Tablette heimlich die Toilette hinunter. Seit diesem Tag warf ich die grüne Tablette immer fort, egal wo, ob in die Toilette, ins Waschbecken oder in einen Eimer in der Stadt. Ich wusste nicht, wieso ich das genau tat. Aber ich hatte langsam Gefallen daran gefunden, dass ich selbst etwas entscheiden konnte und somit fast rebellisch, wenn auch unbemerkt gegen die Regeln verstieß. Nur Jason hatte ich davon erzählt, sonst niemandem.

„Und bis jetzt ist dir noch nichts passiert?“, hatte der kleine Jason damals erschrocken gefragt.

Ich schüttelte den Kopf und lächelte selbstbewusst.

„Ich werde es auch mal versuchen!“, hatte er dann beschlossen. Ob er es heute immer noch tat, wusste ich nicht.

Mrs. Collins öffnete eine Schublade, notierte ein paar Dinge in ein Dokument und sah mich dann lächelnd an: „Gut, alles klar. Dann viel Spaß!“

Als ich Richtung Tür lief, sah ich mich noch einmal um. Mrs. Collins blickte freundlich hoch und winkte dann. Sie war wirklich nett. Sehr nett.

Der Wachposten hielt mir die Tür auf, damit ich einfacher passieren konnte. Es war ein stämmiger Mann mit Uniform mit dunkler Hautfarbe und vielen Muskeln. Seine Mimik war irgendwie ausdruckslos wie bei einer in Stein gemeißelten Statue. Mir wäre es aber wohl gleich ergangen, wenn ich sechs Stunden lang einfach nur so hätte herumstehen müssen, um den Leuten die Tür aufzuhalten. Ich wusste gar nicht, warum sie hier überhaupt Wachposten brauchten. Als ob hier jemand auf die Idee käme einfach abzuhauen! …