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Kathy Reichs - „Tote lügen nicht“

ISBN: 9-783-45343-559-9

Klappentext:

Als wissenschaftliche Mitarbeiterin am gerichtsmedizinischen Institut wird die Anthropologin Tempe Brennan immer dann zu Rate gezogen, wenn die Mordkommission mit ihrem Latein am Ende ist. So auch in diesem Fall: Die Leiche der 23jährigen Isabelle Gagnon, die zerstückelt in Müllsäcken aufgefunden wird, gibt Rätsel auf. Schnell entdeckt Tempe Parallelen zu einem ein Jahr zurückliegenden Mord an einer jungen Frau, was in ihr den Verdacht auf Serienmord aufkommen läßt. Doch Detective Luc Claudel glaubt ihrer Theorie nicht. Durch Nachforschungen auf eigene Faust macht sich Tempe nicht nur Claudel zum Feind, sondern provoziert auch die Wut des Killers. Sie, ihre Freundin Gabby sowie ihre Tochter Katy geraten in tödliche Gefahr.

Inhalt:

Tempe Brennan plant einen Wochenendausflug, als sie zu einem seltsamen Knochenfund gerufen wird. Sie hofft, dass es sich um die Überreste eines alten Friedhofs handelt, doch wird enttäuscht Es handelt sich um die Überrreste einer ermordeten Frau. Sie wurde brutal misshandelt und Tempe sieht Parallelen zu einem anderen Fall, der schon etwas länger zurück liegt.

Über die ganzen Ermittlungen hat sie nicht nur einen Mörder zu finden, sondern auch ihre Polizeikollegen von ihrer Serienmördertheorie zu überzeugen.

Doch Dempe wird durch ihre Ermittlungen schnell von der Jägerin zur Gejagten. Und genau als ihr der Polizeischutz wieder genommen wurde, komm tes zum großen Showdown.

Leseprobe:

… Während sie knisternd davonflog, tastete ich den Boden nach meiner Taschenlampe ab, die beim Aufprall ausgegangen war. Als ich sie endlich gefunden hatte, ließ sie sich zuerst nicht mehr einschalten. Erst nachdem ich sie mehrmals gegen meinen Handballen geschlagen hatte, flammte die Birne kurz auf, um gleich darauf wieder zu verlöschen. Als ich noch einmal fester zuschlug, blieb das Licht an, aber es flackerte und machte keinen sehr zuverlässigen Eindruck. Lange würde ich mich wohl nicht mehr darauf verlassen können.

Eine Weile stand ich unschlüssig in der Dunkelheit und überlegte mir, was ich als nächstes tun sollte. Wollte ich wirklich hier weitersuchen? Was versprach ich mir eigentlich davon? Ein heißes Bad und mein angenehm warmes Bett kamen mir auf einmal sehr viel verlockender vor.

Ich schloß die Augen und konzentrierte mich auf die Geräusche ringsum. Dabei versuchte ich, aus dem Sturm jede Art von menschlich erzeugten Lauten herauszufiltern. Später habe ich mir diese Szene wieder und wieder in Erinnerung gerufen und mich gefragt, ob ich damals nicht doch etwas überhört hatte. Das Knirschen von Kies zum Beispiel. Das Quietschen einer rostigen Torangel. Das Brummen eines Automotors. Vielleicht war ich nicht aufmerksam genug, vielleicht überdeckte aber auch das nahende Gewitter jedes andere Geräusch. Auf jeden Fall bemerkte ich nichts.

Ich holte tief Luft und spähte in die Dunkelheit hinter der Mauer. Ich erinnerte mich daran, wie ich in Ägypten einmal in einer Grabkammer im Tal der Könige gewesen war. Urplötzlich war damals das Licht ausgegangen, und ich war nicht nur von gewöhnlicher Dunkelheit, sondern von der totalen Abwesenheit jeglichen Lichts umgeben gewesen. Es war ein Gefühl, als hätte jemand die Welt einfach ausgeblasen. Jetzt, als ich angestrengt versuchte, in der schwarzen Leere hinter dem Tor irgend etwas zu entdecken, hatte ich wieder dieses Gefühl. Ich fragte mich, wo wohl die schwärzeren Geheimnisse verborgen lagen. Im Inneren eines Pharaonengrabs oder in der Dunkelheit jenseits dieser Mauer?

Das X hat etwas zu bedeuten. Es ist da drinnen. Geh hinein.

Ich ging wieder zurück um die Ecke und den Zaun entlang bis zum Seiteneingang. Wie konnte ich das Schloß öffnen? Ich leuchtete das Tor mit der Taschenlampe ab, als auf einmal ein Blitz die Szene für Bruchteile von Sekunden in grelles Licht tauchte. Die Luft roch nach Ozon, und ich spürte ein Kribbeln an Kopfhaut und Händen. Während des Blitzes war mir ein Schild aufgefallen, das rechts von dem Tor am Zaun hing.

Im Licht der Taschenlampe stellte sich heraus, daß es eine kleine, an einem Eisenpfosten des Zaunes festgenietete Metallplatte war. Entrée interdite. Betreten verboten. Das Schild war rostig und nicht mehr gut lesbar, aber an diesen Worten war nichts zu deuteln. Ich trat noch näher heran, um auch das Kleingedruckte darunter entziffern zu können. Es war Irgendwas de Montréal. Das erste Wort sah aus wie Erzherzog. Der Erzherzog von Montreal? Ich hatte nicht einmal gewußt, daß es einen gab.

Unter den Worten entdeckte ich einen kleinen Kreis, und als ich mit dem Daumennagel den Rost abgekratzt hatte, erschien dort ein Wappen, das mir irgendwie bekannt vorkam. Dann fiel es mir wie Schuppen von den Augen. Das erste Wort bedeutete Erzdiözese. Die Erzdiözese von Montreal. Natürlich. Das Grundstück gehörte der Kirche. Darauf stand vielleicht ein aufgelassenes Kloster oder etwas Ähnliches. Die Provinz Quebec war voll davon.

Okay, Brennan, sagte ich mir. Du bist Katholikin, und als solche genießt du auf einem Grundstück, das der Kirche gehört, besonderen Schutz von ganz oben. Dieser Anflug von Religiosität, der da zusammen mit Adrenalinschüben und düsteren Vorahnungen in mir aufstieg, überraschte mich.

Ich steckte die Taschenlampe wieder in den Hosenbund, packte die Kette mit der rechten und eine der rostigen Eisenstangen des Tores mit der linken Hand. Als ich an der Kette reißen wollte, gab sie ohne größeren Widerstand nach und rutschte Glied für Glied über mein Handgelenk wie eine Schlange, die sich von einem Ast gleiten läßt. Ich ließ das Tor los und zog mit beiden Händen an der Kette. Es gelang mir nicht, sie vollständig herauszuziehen, denn das Vorhängeschloß verkeilte sich zwischen den Stäben des Tores. Es hing noch am letzten Kettenglied, aber es war offen.

Ich entfernte das Schloß und zog den Rest der Kette zwischen den Stäben heraus. Dann stand ich mit Kette und Schloß in Händen eine Weile da und starrte in die Dunkelheit. Inzwischen hatte sich der Wind gelegt und war einer beunruhigenden Stille gewichen, die mir in den Ohren zu dröhnen schien.

Nachdem ich die Kette an den rechten Flügel des Tores gehängt hatte, zog ich den linken in meine Richtung. Ohne das Heulen des Windes kam mir das Kreischen der rostigen Angeln schrecklich laut vor. Kein anderes Geräusch durchdrang die Stille. Kein Froschquaken. Kein Grillenzirpen. Keine weit entfernten Pfiffe einer Lokomotive. Es war, als hielte das Universum den Atem an und warte darauf, was das Gewitter als nächstes tun würde.

Ich betrat das Grundstück und schloß das Tor hinter mir. Dann ging ich mit knirschenden Schritten einen Kiesweg entlang und ließ den Strahl der Taschenlampe abwechselnd auf das Dickicht rechts und links davon wandern. Nach zehn Metern blieb ich stehen und leuchtete nach oben. Über dem Weg spannte sich ein dichtes, von keinem Windhauch bewegtes Blätterdach.

Hansel und Gretel verliefen sich im Wald… Toll. Jetzt fing ich schon mit Kinderliedern an. Ich zitterte vor Anspannung und hatte das Gefühl, als hätte ich genügend Kraft in mir gespeichert, um dem gesamten Pentagon einen neuen Anstrich zu verpassen. Gib acht, daß du nicht durchdrehst, Brennan, warnte ich mich. Denk an Claudel. Nein, denk an Gagnon und Trottier und Adkins.

Ich drehte mich nach rechts und leuchtete mit der Taschenlampe die Bäume am Wegrand ab. Sie standen einer hinter dem anderen, so weit der Lichtstrahl reichte, aber als ich dasselbe auf der linken Seite tat, entdeckte ich einige Meter vor mir eine schmale Lücke.

Ich hielt das Licht unverwandt auf diese Lücke gerichtet und ging vorsichtig darauf zu. Als ich näherkam, sah ich, daß es sich gar nicht um eine Lücke zwischen den Bäumen handelte, die hier in genau denselben Abständen gepflanzt worden waren wie die auf der anderen Seite des Weges. Trotzdem sah die Stelle irgendwie anders aus. Schließlich fiel mir auf, woran das lag. Es waren nicht die Bäume, sondern das Unterholz. Hier war der Boden nicht ganz so dicht mit Ranken und Buschwerk bedeckt wie an den anderen Stellen. Es sah aus wie eine Rodung, die langsam wieder zuwuchs.

Diese Pflanzen sind jünger als die anderen, dachte ich. Ich leuchtete in alle Richtungen. Die neue Vegetation schien sich auf einen schmalen Streifen zu begrenzen, der sich wie ein kleiner Bach zwischen die Bäume schlängelte. Oder wie ein Pfad. Ich schloß die Finger fester um die Taschenlampe und ging los. Beim ersten Schritt fort vom Hauptweg brach das Gewitter los.

Der leichte Regen ging urplötzlich in einen wahren Wolkenbruch über, und der Wind fuhr in die Bäume und ließ ihre Äste flattern wie Papierdrachen. Blitze zuckten, gefolgt von krachenden Donnerschlägen. Der Wind war jetzt so stark, daß er den Regen fast horizontal vor sich hertrieb.

In kürzester Zeit waren meine Haare und Kleider patschnaß. Das Wasser rann mir übers Gesicht, so daß ich nur noch verschwommen sehen konnte, und brannte in der Schürfwunde an meiner Wange. Ich blinzelte, schob die Haare hinter die Ohren und fuhr mir mit der Hand über die Augen. Dann zog ich einen Hemdzipfel aus dem Hosenbund und hielt ihn über die Taschenlampe, um sie vor dem Regen zu schützen. Mit eingezogenen Schultern arbeitete ich mich langsam auf dem Pfad voran und schaute dabei nur auf den schwachgelben Strahl der Taschenlampe, den ich wie einen schnüffelnden Spürhund über die Gebüsche rechts und links von mir huschen ließ.

Nach etwa fünfzig Metern sah ich es. Im Nachhinein kommt es mir so vor, als hätten sich innerhalb einer Nanosekunde zwei Synapsen in meinem Kopf geschlossen, als hätte ich augenblicklich eine visuelle Sinneswahrnehmung mit einem erst kürzlich erlebten Ereignis verknüpft. Auf irgendeiner Wahrnehmungsebene wußte ich bereits, was ich sehen würde, noch bevor mein Bewußtsein das Bild richtig verarbeitet hatte.

Erst als das Licht der Taschenlampe meinen Fund immer mehr aus der Dunkelheit hervorholte, erkannte ich, was ich entdeckt hatte. Ich spürte, wie mir der Mageninhalt hochkam.

Im zittrigen Lichtstrahl sah ich einen braunen, halb von Schlamm bedeckten Müllsack, dessen zusammengedrehtes und verknotetes Ende aus dem nassen Laub ragte wie die Schnauze eines Seelöwen, der zum Luftholen an die Oberfläche des Meeres kommt.

Während sich ein weiches Gefühl in meinen Knien breitmachte, sah ich, wie der Regen auf den Sack und die Erde ringsum prasselte. Das herabstürzende Wasser verwandelte das Erdreich auf dem improvisierten Grab in Schlamm und legte langsam, aber beständig den Müllsack immer weiter frei.

Ein Blitz riß mich aus meiner Erstarrung. Ich sprang förmlich auf den Sack zu und ging in die Hocke, um ihn genauer zu untersuchen. Nachdem ich die Taschenlampe wieder in den Hosenbund gesteckt hatte, zog ich an dem Knoten, aber der Sack steckte noch zu tief in der Erde, als daß er sich bewegt hätte. Als nächstes versuchte ich, den Knoten zu lösen, aber meine nassen Finger rutschten an der glatten Plastikfolie ab. Ich hielt meine Nase an den Knoten und sog die Luft ein. Sie roch nach Schlamm und Plastik, sonst nichts. …