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Thomas Gottschalk - „Herbstblond“

ISBN: 9-783-45320-084-5

Klappentext:

98 Prozent aller Deutschen kennen Thomas Gottschalk. Zwei Generationen sind mit ihm aufgewachsen. Er brachte frischen Wind ins Radio und prägte einen neuen Stil der Fernsehunterhaltung. Als Kinostar und Werbefigur wurde er zum Kult, als Showmaster ist er Legende. Zum ersten Mal erzählt er jetzt aus seinem Leben: von der Kindheit und Jugend im fränkischen Kulmbach, von seinem Aufstieg zum Medienstar und seinen Begegnungen mit den Großen dieser Welt, von Rückzugsorten und Glücksvorstellungen, von Familie und Freunden, tragischen und glanzvollen Momenten. – So nah wie in diesem Buch ist Thomas Gottschalk uns noch nie gekommen: nachdenklich, selbstironisch, lebensklug und ehrlich!

Inhalt:

Thomas Gottschalk hat in diesem Buch sein Leben noch einmal Revue passieren lassen. Alles beginnt mit der einschneidendden Erfahrung, dass sein Vater recht früh an Krebs verstorben ist. Dann berichtet er von seiner Schulischen Laufbahn, bei der er nicht immer glänzte und wie er dann übers Radio zu Film und Fernsehen kam.

Was seine Frau und Kinder angeht, das Thema hat er nicht vertieft, hat aber immer mal etwas davon in die Erzählungen einfließen lassen.

Die Kapitel sind mit Songtiteln überschrieben. Scheint wohl der Soundtrack seines Lebens zu sein.

Leseprobe:

… Ich hatte alle Ideen unserer und seiner Mitarbeiter auf den Müll geschmissen, und als er seine Wette verlor, musste er mir alsEinsatz seinen Geldbeutel aushändigen. Ich wollte wissen, ob das Portemonnaie des reichsten Manns der Welt von Tausendern überquoll oder ob er mit seinen Kreditkarten Memory spielen konnte. Der Clou: Bill Gates besitzt keinen Geldbeutel, genau wie der Papst. Er ist entweder von Menschen umgeben, die für ihn bezahlen, weil er sie dafür bezahlt – oder er kauft nichts, weil er schon alles hat.

Die Einlösung einiger verlorener Wetten hat mich mehr Nervengekostet als die ganze dazugehörige Sendung. Faye Dunaway hatte sich einmal bereit erklärt, im Dirndl mit mir aufs Oktoberfest zu gehen, ließ mich aber stundenlang im Hotel warten, während sie verschiedene Outfits probierte, von denen ihr keins gefiel. Wir kamen gerade auf der Theresienwiese an, als die Zelte dichtmachten. Ein andermal musste ich dem Radweltmeister Rudi Altig 50 Kilometer auf einem Rennrad hinterherfahren. Er ist zwar ein paar Tage älter als ich, dafür ist bei ihm im Gegensatz zu mir der Hintern bereits versteinert. Auch die Wettschuld, mit einem Trabbi von Erfurt nach Berlin zu fahren, hat weder mir noch meinen Bandscheiben besonders gutgetan.

Aber egal, worum es bei Wetten, dass..? ging: Die Nation nahm es zur Kenntnis, und wir drehten ein großes Rad. In meinen Anfangszeiten saßen auf der Couch Menschen, mit denen jeder etwas anfangen konnte. Jeder Enkel kannte Inge Meysel und Willy Millowitsch, jeder Opa Michael Jackson und die Spice Girls. Jeder Rockfan wusste, wer Niki Lauda, und jeder Autofan, wer David Bowie war. Das war die Gästeliste des 20. Jahrhunderts. In den Nullerjahren wurde es langsam enger, und gegen Ende des ersten Jahrzehnts nach dem Millenniumswechsel hat sich das Ganze atomisiert. Heidi Klums frisch gekürtes »Topmodel« hat eine Halbwertszeit von zwei Monaten, der Dschungelkönig eine von zwei Wochen. 50 Cent ist fünfzig Wochen lang der größte Star der Popgeschichte, und der aktuelle Spiderman muss schnell eingeladen werden, bevor der nächste Batman den neuen Superman wieder von den Kinokassen verdrängt. Das junge Publikum lebt in einer anderen Welt als das ältere, und mein Versuch, den großen Deckel über beide zu stülpen und sie damit auf dem Fernsehsofa kurzfristig wiederzuvereinen, kann nicht mehr funktionieren.

Ich will nicht klagen – mein Verfallsdatum als Showmaster kommt exakt zum richtigen Zeitpunkt. Es gibt kein größeresGlück, als zur richtigen Zeit am richtigen Ort gewesen zu sein, wenn exakt der Job vergeben wurde, für den man geschaffen ist. Was hätte Steve Jobs gemacht, wenn er zwanzig Jahre früher geboren wäre? Auf keinen Fall Apple erfunden. Genauso wenig, wie Mark Zuckerberg Facebook in den Sechzigern zum Laufenhätte bringen können. Ich habe den größten Dampfer der deutschen Unterhaltungsgeschichte zu einer Zeit gesteuert, als alle noch Schiffsreisen machen wollten.

Als Mitte der Neunzigerjahre eine neue Form der Talentshow inden USA große Erfolge feierte, wurde ich nervös. America’s Got Talent war als Das Supertalent auch auf dem Weg nach Deutschland. Ich wollte diesem Format das Wasser abgraben, bevor es uns gefährlich werden konnte. Meine Idee: Bei Wetten, dass..? auf einen Showact zu verzichten und stattdessen einem Zuschauer, der sich für Elvis, Sinatra oder Pavarotti hielt, die Chance zum großen Auftritt zu geben. Eine deutsche Hausfrauen-Madonna zwischen der originalen Celine Dion oder Shakira hättebeim Publikum sicher funktioniert. Meine Idee wurde von den Verantwortlichen des ZDF beiseitegewischt; von Formatverwässerung war die Rede und vom Alleinstellungsmerkmal einer Kultsendung wie Wetten, dass..?

Aber an dem war bereits genagt worden. Kai Pflaume und seinKlein gegen Groß in der ARD war nichts anderes als eine Kopie von Kinder-Wetten, dass..?, das wir in den Neunzigern ein paarmal gesendet hatten, aber dann zugunsten der einen oder anderen Kinderwette in den regulären Sendungen wieder aus dem Programm nahmen. Das ZDF selbst wilderte im eigenen Revier, als es mit Jörg Pilawas Superhirn die Geisteswetten quasi auslagerte und damit ein neues Format etablierte. Zusehends bemerkte ich, dass die Kreativität der angebotenen Wetten nachließ. Nach knapp dreißig Jahren kein Wunder. Was ertastet werden konnte, war ertastet, was errochen werden konnte,errochen worden. Es gab aber zwischendurch auch immer wieder Wetten mit völlig neuen Ideen, und es gab Sendungen, in denenweder von den Ermüdungserscheinungen noch von der nachlassenden Attraktivität unserer prominenten Gäste etwas zu spüren war. Die Quote lag immer noch weit über dem, was andere einspielten, und wir taten alles, um den Sturz in die »Einstelligkeit« zu verhindern.

Nach dem Abschied von Sascha Arnz kurz nach der Jahrtausendwende hatte Frank Hof als Regisseur die Kommandobrücke betreten und versucht, den behäbigenUnterhaltungsdampfer etwas windschlüpfriger zu gestalten und dem Zeitgeist gerechter zu werden. Trotzdem machten die Castingshows, die RTL gegen uns setzte, langsam Boden gut. Aber nicht nur der Kölner Sender zeigte neues Selbstbewusstsein, es wurde nun von allen Seiten gegen uns programmiert.

Wir waren es gewohnt gewesen, keine Konkurrenz zu haben. Wenn früher Wetten, dass..? im Programm des ZDF stand, wagten die anderen Sender nicht, dem Panzerkreuzer in die Quere zu kommen. Sie schwenkten in schöner Einstimmigkeit die weiße Fahne, recycelten Schrott oder hielten sich mit Wiederholungen über Wasser. Die ARD sendete jahrelang  eine Dauerschleife aus alten James-Bond-Filmen. Damit war plötzlich Schluss. RTL klaute uns die Jungen, und das Erste ließ die Schunkel- und Lederhosenfraktion auf uns los. Die Volksmusikfans sind glücklich, wenn man sie mitklatschen lässt und dafür Sorge trägt, dass sie dabei nicht aus dem Takt geraten. Bei Wetten, dass..? war ein Mindestmaß an Flexibilität nötig, denn da saß schon mal der Kritikerpapst Marcel Reich-Ranicki mit offenem Mund auf der Wettcouch und sah dem schwarzen Multitalent Will Smith beim Rappen zu (»Wasss issst dasss?«).

In der Zange zwischen Castingshow und Volksmusik mussten wir Federn lassen, und die Medien hatten uns ebenfalls ins Visiergenommen. Es gab in den Neunzigern Montage, an denen ich die Zeitungen auf der Suche nach Reaktionen auf die Wetten, dass..?-Show des vergangenen Samstags vergeblich durchblätterte. Wir gehörten zum Inventar des deutschen Wohnzimmers. Es lohnte sich nicht, zu berichten, dass das Sofa immer noch dort war, wo es immer gestanden hatte.

Das änderte sich nach der Jahrtausendwende mit den Onlinemedien. Die nahmen mit Vehemenz alles unter die Lupe, was nach Old School aussah. Und Wetten, dass..? war in den Augen der hippen Netzgemeinde nicht nur von gestern, sondern von vorgestern. Es liegt in der Natur der deutschen Sache, dass wir eine begrenzte Zah an vorzeigbaren Stars aus Eigenanbau haben. Die Karawane der durchziehenden Berühmtheiten lief irgendwann im Kreis: Peter Maffay, Veronica Ferres, TilSchweiger, Udo Lindenberg … Ich brauchte immer das größte gemeinsame Vielfache: Leute, die jeder kannte, Gäste, die jeder sehen wollte. Klar, dass man uns bei dieser Vorhersehbarkeit irgendwann durch den Kakao ziehen konnte. Beim dritten Kandidaten, der durch Ertasten von Körperteilen zum Wettkönig wird, merkt auch der schwachsinnigste Redakteur, dass man da einhaken kann. Und wir hatten mehr als drei solcher Fummler.

Dass ich auf meinem schicken Moderationssofa für einen Onlineredakteur auf seiner durchgesessenen Ikea-Couch eine Provokation darstelle, sehe ich ein. Die Printkollegen wollten beweisen, dass nicht nur Blogger bissig sein können, und irgendwann waren sich alle einig: Wetten, dass..? ist ein Auslaufmodell. Der Moderator sei ein Gralshüter des Herrenwitzes, der seine Position dazu missbrauche, weiblichen Gästen schamlos ans Knie zu gehen, anstatt sie, wie es seine öffentlich-rechtliche Pflicht wäre, journalistisch präzise undpolitically correct nach dem Woher und Wohin zu fragen.

Ich halte dies ür ein großes Missverständnis. Vom Publikum wurde mir niemals vorgeworfen, meine Gäste keiner hochnotpeinlichen Befragung unterzogen zu haben, aber Journalisten bliesen oft empört die Backen auf, wenn es um meine Leistung als Interviewer ging. Sie saßen fassungslos vor der Glotze und mussten mit ansehen, wie ich Tom Cruise zu einem Duell herausforderte, in dem er auf dem Motor- und ichauf dem Dreirad unterwegs war. Dumme Kindereien, statt den Mann wegen seiner scientologischen Verirrungen an die Wand zu nageln. Sie vermissten literarisches Feingefühl bei meinem Gespräch mit Isabel Allende, cineastischen Hintergrund bei Roman Polanski, politischen Ernst bei Gorbatschow und fußballerisches Know-how bei Pelé. Perlen vor die Säue! Was hätte man aus diesen Gästen alles herausholen können! Stattdessen witzelte sich da ein journalistisch überforderter Gastgeber durch ein seichtes Gespräch, das auch noch in die Frage mündete, ob sich der Gast vorstellen könne, dass Anton Hammer aus Wuppertal seine Ehefrau Antonia mit seinem Schaufelbagger ausziehen könnte.

Ich habe diese Vorwürfe immer deswegen geduldig ertragen, weil ich journalistische Aushorchereien meiner Gäste an dieser Stelle als Themenverfehlung begriffen hätte. Wetten, dass..? war für mich nichts anderes als eine unbeschwerte Party, und meine einzige Sorge als Gastgeber war, dass meine Gäste hinterher fröhlich und unbeschadet nach Hause kamen. Ich wusste mich in dieser Denkhaltung bei meinem Publikum, was mir aber in der öffentlichen Bewertung meiner Leistung am Montag nach der Show wenig half.

Am Schluss kamen also mehrere Faktoren zusammen: Die Presse begann, sich auf uns einzuschießen, die Wetten wirkten wie Aufgüsse aus vorangegangenen Ausgaben, und es wurdeimmer schwieriger, hochkarätige Gäste in die Show zu karren. Das Personal in Hollywood gab sich zusehends zickiger, und selbst bei größtem journalistischem Wohlwollen gab es nichts, was mich an Kinderstars wie Justin Bieber und Miley Cyrus wirklich interessierte. Die deutsche A-Prominenz hatten wir schon mehrmals durch die Mangel gedreht, die B-Prominenz wurde immer unübersichtlicher – und C kam nach wie vor nicht infrage. Dazu war die Quote nun endgültig das Maß aller Dinge geworden. Und sie rutschte. In allen Berichten zum Niedergang der Samstagabendunterhaltung im Allgemeinen und von Wetten, dass..? im Besonderen gab es Grafiken, in denen die Erfolgskurve steil nach unten zeigte. Da wir aus lichten Höhen von fast 20 Millionen Zuschauern kamen, sahen die knappen neun oder die guten acht auch wirklich mickrig aus.

Natürlich wurde als Schuldiger auch immer der Moderator in die Mithaftung genommen. Der Mann kam nach Einschätzungenjunger Kritiker aus dem Gestern und war nie im Heuteangekommen. Ich war dieser Mann und kam langsam in eineSituation, in der ich es mir vorstellen konnte, den goldenen Löffel abzugeben. Aber ich geriet nicht in Hektik, denn 1992 hatte ich mich schon einmal vorzeitig verabschiedet und war dannreumütig zurückgekehrt. …