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Kathy Reichs - „Knochenarbeit“

ISBN: 9-783-45343-557-5

Klappentext:

Die Wahrheit der Knochen Grauenvolles erwartet die forensische Anthropologin Tempe Brennan, als sie in den kleinen Ort St. Jovice gerufen wird: ein niedergebranntes Haus mit sieben Leichen, zwei davon Babys, denen das Herz fehlt. Nur zu gern widmet sie sich deshalb ihrem anderen Auftrag - der Exhumierung der Ordensschwester Elisabeth Nicolet zwecks posthumer Heiligsprechung. Doch erst liegt die Nonne in einem falschen Grab, und dann entdeckt Tempe gemeinsam mit Detective Ryan eine entsetzliche Parallele zu dem Fall von St. Jovice.

Inhalt:

Temperance Brennan macht Ausgrabungen in einer kleinen, alten Kirche. Dabei kann sie das Gesuchte zunächst aber nicht finden. - Eine Ordensschwester kann ihr am helfen und die beiden Frauen wollen in Kontakt bleiben. Genau dieser Kontakt soll Temperance dann aber bei einem Fall helfen. Denn die in dem abgebrannten Haus gefundenen Leichen, führen irgendwie auf die selbe Spurt wie die verschwundene Nichte der Ordensschwester.

Dazwischen mischt aber auch erst einmal die Schwester von Tempe mit. Die wohnt nämlich bei ihr, weil sie von ihrem Guru für sehr fähig gehalten wird. Ein weiterführendes Seminar entpuppt sich dann aber als gar nicht so harmlos. Die Schwester von Tempe bleibt verschwunden und weil Tempe ihre Schwester sucht, kann dann auch der Fall aufgeklärt werden.

Die Nonne läuft in der Geschichte nur noch nebenher, aber auch der Fall findet ein Ende.

Leseprobe:

...Ich versuchte eine andere Richtung. »Bis vor kurzem war doch die Kirche verantwortlich für alle Geburtsscheine in Quebec, nicht?« Das wusste ich von Father Ménard.

»Ja. Bis vor ein paar Jahren.«

»Aber für Élisabeth ist keiner zu finden?«

»Nein.« Eine Pause entstand. »Wir hatten im Lauf der Jahre einige tragische Brände. 1880 bauten die Schwestern von Notre Dame ein wunderschönes Mutterhaus am Fuß des Mount Royal. Leider brannte das dreizehn Jahre später bis auf die Grundmauern ab. Unser eigenes Mutterhaus wurde 1897 zerstört. Hunderte von unschätzbaren Dokumenten gingen bei diesen Bränden verloren.«

Einen Augenblick lang schwiegen wir beide.

»Schwester, was meinen Sie, wo könnte ich sonst noch Informationen über Élisabeths Geburt finden? Oder über ihre Eltern?«

»Ich … nun, ich schätze, Sie könnten es in den weltlichen Bibliotheken versuchen. Oder bei der Historischen Gesellschaft. Oder vielleicht in einer der Universitäten. Die Familien Nicolet und Bélanger haben einige für die frankokanadische Geschichte wichtige Persönlichkeiten hervorgebracht. Ich bin mir sicher, dass sie in historischen Abrissen erwähnt werden.«

»Vielen Dank, Schwester, das werde ich tun.«

»Es gibt da eine Professorin an der McGill, die in unseren Archiven recherchiert hat. Meine Nichte kennt sie. Sie beschäftigt sich hauptsächlich mit religiösen Bewegungen, interessiert sich aber auch für die Quebecer Geschichte. Ich weiß nicht mehr, ob sie Anthropologin oder Historikerin oder sonst was ist. Aber sie kann Ihnen vielleicht weiterhelfen.« Sie zögerte. »Natürlich sind ihre Quellen andere als die unseren.«

Dessen war ich mir ziemlich sicher, aber ich sagte nichts.

»Erinnern Sie sich an ihren Namen?«

Es gab eine lange Pause. In der Leitung hörte ich andere Stimmen, von weit weg, als würden sie über einen See kommen. Jemand lachte.

»Das ist schon lange her. Tut mir leid.«

»Vielen Dank, Schwester. Ich werde dem nachgehen.«

»Dr. Brennan, was glauben Sie, wann Sie mit den Knochen fertig sind?«

»Bald. Wenn nichts mehr dazwischenkommt, sollte ich meinen Bericht am Freitag abschließen können.«

»Und Sie rufen uns an?«

»Natürlich. Sobald ich fertig bin.« Eigentlich war ich bereits fertig, und ich wusste auch, was in meinem Bericht stehen würde.

Warum sagte ich es ihr nicht gleich?

Wir verabschiedeten uns, dann unterbrach ich die Verbindung, wartete auf das Freizeichen und wählte noch einmal. Am anderen Ende der Stadt läutete das Telefon.

»Mitch Denton.«

»Hallo Mitch. Tempe Brennan.«

»Hallo, hallo. Von wo aus rufst du an?«

»Aus Montreal. Bist du noch immer Chef in deinem Laden?«

Mitch war Dekan der Anthropologischen Fakultät und hatte mich zu Beginn meiner Zeit in Montreal als Teildozentin engagiert. Seitdem waren wir Freunde. Sein Spezialgebiet war das französische Paläolithikum.

»Ich klebe noch immer auf dem Stuhl. Willst du für uns im Sommer einen Kurs übernehmen?«

»Nein, danke. Ich habe eine Frage.«

»Schieß los.«

»Erinnerst du dich an diesen historischen Fall, von dem ich dir erzählt habe? Den ich im Auftrag der Erzdiözese bearbeite?«

»Die Heilige in spe?«

»Genau die.«

»Klar. Ist mal was ganz anderes als das Zeug, das du sonst so machst. Hast du sie gefunden?«

»Ja. Aber mir ist da was Komisches aufgefallen, und ich möchte gern mehr über sie erfahren.«

»Was Komisches?«

»Was Unerwartetes. Hör zu, eine der Nonnen hat mir von einer Frau an der McGill erzählt, die über Religion und Quebecer Geschichte arbeitet. Klingelt da was bei dir?«

»Dingdong. Das ist unsere Daisy Jean.«

»Daisy Jean?«

»Für dich Dr. Jeannotte. Professorin für Religiöse Studien und beste Freundin der Studenten.«

»Klartext, Mitch.«

»Ihr Name ist Daisy Jeannotte. Offiziell gehört sie zur Fakultät für Religiöse Studien, aber sie gibt auch einige Geschichtskurse. ›Religiöse Bewegungen in Quebec. Alte und moderne Glaubenssysteme.‹ So in der Richtung.«

»Daisy Jean?« Ich wiederholte die Frage.

»Das ist ein interner Kosename. Damit anreden sollte man sie nicht.«

»Warum?«

»Sie kann ein bisschen … komisch sein, um deinen Begriff zu benutzen.«

»Komisch?«

»Unerwartet. Sie ist aus den Südstaaten, musst du wissen.«

Ich ignorierte das. Mitch stammte aus Vermont. Und konnte sich eine Spitze gegen meine südliche Heimat nie verkneifen.

»Warum sagst du, dass sie die beste Freundin der Studenten ist?«

»Daisy verbringt ihre gesamte Freizeit mit Studenten. Sie macht mit ihnen Ausflüge, berät sie, verreist mit ihnen, lädt sie zu sich zum Abendessen ein. Die Schlange armer Seelen vor ihrer Haustür, die Trost und Rat suchen, reißt nie ab.«

»Klingt bewundernswert.«

Er wollte etwas sagen, verkniff es sich aber. »Vermutlich.«

»Könnte es sein, dass Dr. Jeannotte etwas über Élisabeth Nicolet oder ihre Familie weiß?«

»Wenn dir jemand helfen kann, dann Daisy Jean.«

Er gab mir ihre Telefonnummer, und wir vereinbarten, uns bald einmal zu treffen.

Eine Sekretärin sagte mir, dass Dr. Jeannotte zwischen ein und drei Uhr Bürostunden abhalte, und ich beschloss, nach dem Mittagessen dort vorbeizuschauen.

Man braucht schon die analytischen Fähigkeiten eines Stadtplanungsingenieurs, um zu begreifen, wann und wo man in Montreal sein Auto abstellen darf. Die McGill University liegt direkt im Stadtzentrum, und auch wenn man versteht, wo Parken erlaubt ist, ist es einem so gut wie unmöglich, einen freien Platz zu finden. Ich entdeckte schließlich eine Lücke an der Stanley, die ich als legal interpretierte von neun bis fünf, vom 1. April bis zum 31. Dezember, ausgenommen Dienstag- und Donnerstagnachmittag von eins bis zwei. Eine Anwohnerlizenz war nicht erforderlich.

Unter fünfmaligem Vor- und Zurückrangieren und mit heftigem Kurbeln am Lenkrad schaffte ich es, den Mazda zwischen einen Toyota Pick-up und ein Oldsmobile Cutlass zu quetschen. Keine schlechte Leistung an einem so steilen Hügel. Als ich ausstieg, schwitzte ich trotz der Kälte. Ich sah mir die Abstände zwischen den Stoßstangen an. Mindestens siebzig Zentimeter. Insgesamt.

Das Wetter war nicht mehr so eisig wie noch vor ein paar Tagen, aber der bescheidene Temperaturanstieg hatte auch eine erhöhte Luftfeuchtigkeit mit sich gebracht. Eine Wolke aus kalter, feuchter Luft drückte auf die Stadt, und der Himmel hatte die Farbe alten Zinns. Schneetreiben setzte ein, als ich den Hügel hinunter zur Sherbrooke ging und dann nach Osten abbog. Die ersten schweren, nassen Flocken schmolzen, als sie den Asphalt berührten, die nächsten blieben schon länger liegen. Bald würde es eine geschlossene Schneedecke sein.

Auf der Mansfield stapfte ich hügelan und betrat das McGill-Gelände durch das Westtor. Der Campus lag über und unter mir, die grauen Steingebäude kletterten von der Sherbrooke zur Docteur Penfield den Hügel hoch. Menschen eilten umher, die Schultern eingezogen gegen die feuchte Kälte, Bücher und Pakete vor dem Schnee schützend. Ich ging an der Bibiliothek vorbei und hinten um das Redpath-Museum herum. Durch das Osttor verließ ich den Campus wieder, wandte mich nach links und ging die Rue University hoch. Meine Waden fühlten sich an wie nach drei Stunden Skilanglauf. Vor der Birks Hall wäre ich beinahe mit einem großen jungen Mann zusammengestoßen, der mit gesenktem Kopf, Haare und Brille voller Schneeflocken von der Größe von Schmetterlingen, dahintrottete. …