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Dominique Strebel - „Weggesperrt“

ISBN: 978-3-85569-439-6

Klappentext:

Wer nicht "recht tat", wurde eingesperrt - ohne Gerichtsurteil. Die Beobachter-Spurensuche zu den administrativ Versorgten - einem dunklen Kapitel Schweizer Geschichte. Die 17-jährige Ursula Biondi muss ihr Baby in einem Gefängnis zur Welt bringen, und nur dank ihres erbitterten Widerstands kommt es nicht zur Zwangsadoption. Als der Beobachter diesen Fall aufdeckte, meldeten sich Dutzende weiterer Opfer - Frauen und Männer: Sie alle waren ohne Gerichtsverfahren ins Gefängnis oder in eine Arbeitsanstalt gesteckt worden, administrativ versorgt, wie das damals hiess. Tausende waren betroffen, so schätzt man heute. Behördliche Stempel wie "Unsittlicher Lebenswandel", "Liederlichkeit" oder "arbeitsscheu" genügten für eine Einweisung; wer sich nicht benahm wie erwartet, wurde ohne gerichtliches Urteil eingesperrt. Eine gängige Praxis bis 1981.

Die Beobachter-Spurensuche gibt den Betroffenen ein Gesicht, dokumentiert ihren Weg zur Rehabilitierung und fragt, wie sich die Ungerechtigkeiten wiedergutmachen lassen. So entsteht das Bild eines dunklen Kapitels Schweizer Geschichte, das noch nicht lange der Vergangenheit angehört.

Inhalt:

Dominique Strebel berichtet in diesem Buch von Menschen, die in ihrer Jugend in Gefängnissen ¨erzogen¨ worden.

Im Interview berichten Betroffene, wie sie die Situation selber gesehen und empfunden haben. Wie sie erst Jahre später erfuhren, warum ihnen das angetan wurde und von wem. Im selben Atemzug bekommt auch der Leser so etwas wie Akteneinsicht.

Interesant sind außerdem die Aussagen von Denunzianten und so genannten Behördenmitarbeitern. - Die sehen das Unrecht nicht einmal ein!

Leseprobe:

...Die Ohnmacht des Beobachters

Auch der Beobachter zeigt sich bis in die 1970er-Jahre hilflos und weiss keinen Rat, wie man mit schwererziehbaren Jugendlichen am besten umgeht. Dies wird deutlich, als die Fürsorgebehörde Wald (ZH) ihn 1978 anfragt, was man mit der 16-jährigen A. machen solle. Die Jugendliche ist in schwierigen Familienverhältnissen aufgewachsen, läuft von zu Hause weg, weil der Stiefvater sie schlägt, und flieht immer wieder aus Erziehungsheimen. Eine typische Entwicklung von kleinen, lösbaren Problemen hin zur ausweglosen Situation nimmt ihren Lauf. In einem Teufelskreis folgen sich Heim, Prügel, Flucht und Einweisung in ein strengeres Heim. Nach zweijährigen Bemühungen sind die Fürsorgebehörde, der Vormund, die Mutter und der Stiefvater «am Ende des Lateins», wie die Behörde in einem dreiseitigen Brief schreibt. «Wir sehen nur noch zwei Möglichkeiten: Einerseits die absolute Freiheit, das Laufenlassen und der Verzicht auf jegliche behördliche Einmischung, anderseits die Einweisung nach Hindelbank, um A. endlich in einer absolut geschützten Umgebung zur Ruhe kommen zu lassen. Beide Varianten können nicht befriedigen.»

Der Beobachter kann nicht raten. Redaktor Hans Caprez schreibt den Walder Fürsorgebehörden, es existiere leider keine jugendpsychiatrische Klinik oder eine ähnliche Institution, in der Jugendliche mit solchen Problemen wirksam behandelt werden könnten. Er weist daraufhin, dass es in Hindelbank nun immerhin eine Jugendabteilung gebe, doch Probleme entstünden trotzdem, da diese für viele erziehungsschwierige Mädchen Endstation bedeute. «Das Beispiel von A. zeigt, wie wichtig es wäre, solche Jugendliche in ganz speziellen Heimen unterzubringen», schliesst Caprez seinen Brief und verspricht, dass sich der Beobachter für Verbesserungen in dieser Richtung einsetzen werde. Die Fürsorgebehörden von Wald weisen die 16-jährige A. trotzdem in die Strafanstalt Hindelbank ein.

Es fehlt also die Bereitschaft, Jugendliche in die Eigenverantwortung zu entlassen und zu vertrauen, dass sie den richtigen Weg selbst finden. Trotzdem: Will man den damaligen Vormundschaftsbehörden gerecht werden, muss man berücksichtigen, dass bis Anfang der 1980er-Jahre geeignete therapeutische Einrichtungen fehlen, um schwierige Jugendliche adäquat zu betreuen.

Aber auch dieses Problem ist seit Jahrzehnten erkannt, ohne dass etwas unternommen wird. So führen Artikel des Reporters Peter Surava und Bilder des berühmten Fotoreporters Paul Senn bereits 1944 dazu, dass die Zustände in der Luzerner Erziehungsanstalt Sonnenberg einen öffentlichen Skandal auslösen. Die Antwort der Behörden: Sie schliessen die Anstalt kurzerhand. Bereits in den 1950er-Jahren planen Bund und Kantone ein ärztlich-pädagogisches Zentrum für schwersterziehbare Jugendliche; entstehen tut es nie. Und bereits 1957 stellen Vollzugsbehörden in einem Fachartikel fest, dass eine Strafanstalt wie Hindelbank nicht geeignet sei, junge Frauen zu erziehen, die nie straffällig geworden seien. Auch das bewirkt nichts. …