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Barbara Wood - „Der Fluch der Schriftrollen“

ISBN: 9-783-10400-233-0

Klappentext:

In das geordnete Dasein von Benjamin Messer platzt eine Briefsendung aus Israel. Sein alter Professor, Dr. Weatherby, ist dort bei Ausgrabungen auf einen sensationellen Fund gestoßen: Nahezu unversehrte Handschriften, seit fast 2000 Jahren in Tonkrügen verborgen. Bens Aufgabe ist es, den Text der Handschriften zu übersetzen. Benjamin Messer, ein Mittdreißiger und selbst jüdischer Herkunft, ist Dozent für Orientalistik an der Universität von Los Angeles. Die Entzifferung alter Handschriften ist sein Spezialgebiet, und er macht sich mit Feuereifer an die herausfordernde Übersetzungsarbeit. Zu seiner Überraschung handelt es sich bei den Texten nicht um religiöse Aufzeichnungen, wie etwa bei den berühmten Qumran-Rollen, sondern um die Niederschrift einer Art Lebensbeichte. David Ben Jona, ein jüdischer Bewohner Palästinas, hat sie im ersten Jahrhundert, wenige Jahrzehnte nach Christi Tod, für seinen Sohn verfasst. Binnen kurzem ist Benjamin Messer von deren Inhalt wie verhext. Erinnerungen an seine eigene verdrängte Vergangenheit werden wach, an seine streng orthodoxe Erziehung, an den Vater, der in Majdanek ermordet wurde ... Die Texte beginnen mit einem „Fluch des Mose“ gegen alle, die sich die Schriften unrechtmäßig aneignen.

Inhalt:

Benjamin Messer ist Schriftgelehrter, unterrichtet an der Uni in Los Angeles und ist verlobt. Alles scheint in bester Ordnung zu sein. Doch dann bekommt er abfotografierte Schriftrollen zu gesendet, die er übersetzen soll. Benjamin geht die Arbeit leicht von der Hand, aber mit jeder weiteren Rolle steigert er sich in etwas sehr eigenartiges hinein. Er glaubt mehr und mehr, dass der Geist des Schreibers der Rollen von ihm Besitz ergreift. Er lässt seine Verlobte ziehen und fängt etwas mit seiner Studentin an, von der er sich verstanden fühlt.

Nun fiebern beide jeder neuen Rolle entgegen. Doch was ist mit Benjamin los? Gehört er vielleicht besser in eine Psychiatrie?

Leseprobe:

Ich muß ihm wohl mein Leid in bezug auf Re bekka und meine Armut geklagt haben, denn er sagte: »Es gibt nur einen sicheren Weg, das Herz einer Frau zu gewinnen, und zwar durch Geld. Du mußt dein Studium nicht aufgeben, um von ihr ein Heiratsversprechen zu erlangen. Du mußt nur beweisen, daß du eines Tages in der Lage sein wirst, gut und anständig für sie zu sorgen. Dann wird sie sich einverstanden erklären, auf dich zu warten. Ich weiß das, denn die Frauen sind überall auf der Welt gleich.« Ich gab mir große Mühe, sein Gesicht deutlich zu sehen, aber ich vermochte es nicht. Wie aus weiter Ferne konnte ich Saul in Gesellschaft einiger Männer lachen hören. Unser Tisch war beladen mit Wein und Käse und Schweinswürsten, und alles war so köstlich, daß ich mich bis obenhin damit vollstopfte. Ich war ebenso berauscht vom Essen wie vom Wein und achtete daher nur wenig darauf, was ich sagte. Ich mußte Salmonides gegenüber wohl mein kleines Geldversteck erwähnt haben, denn er fuhr fort: »Geld wächst, wie es die Zeder und die Palme tun. Pflanze deine Schekel, mein redlicher Jude, und beobachte, wie sie zu großen Sesterzen sprießen.«

»Wer seid Ihr?« fragte ich. »Ein Hexenmeister?«

»Ich bin ein Händler aus Antiochia in Syrien. Übermorgen läuft eine Flotte von Joppe nach Ägypten aus. Sie werden dort große Mengen Korn für Rom an Bord nehmen, und wenn alle Schiffe es bis Ostia schaffen, wird das Unternehmen einen Riesengewinn abwerfen.« »Was wollt Ihr von mir?«

»Der Kapitän dieser Schiffe braucht Geld, um seine Mannschaft zu bezahlen. Als Gegenleistung wird er seine Gewinne teilen. Du, mein Freund, hast nun Gelegenheit, dir einen Anteil an diesem Gewinn zu sichern. Gib mir das Geld, das du besitzt, und in sechs Monaten gebe ich dir dafür eine Riesensumme.«

»Und wenn die Schiffe untergehen?« fragte ich. »Das ist das Risiko, das alle Geldverleiher auf sich nehmen müssen. Wenn sie untergehen, wie es zuweilen vorkommt, wirst du dein Geld verlieren. Wenn sie es dagegen mit dem Korn bis Ostia schaffen…«

Wäre ich nüchtern gewesen, mein Sohn, hätte ich den Griechen nur ausgelacht und ihn stehenlassen. Aber ich war nicht nüchtern. Ich war siebzehn und betrunken und zu allem fähig, um Rebekka zu gewinnen.

Ich weiß nicht, zu welchem Zeitpunkt ich die Schenke verließ, aber Saul hatte mich wohl nicht gesehen, denn später sagte er, er habe meine Abwesenheit nicht bemerkt. Wie dem auch sei, irgendwie fand ich den Weg zu Eleasars Haus, stolperte, ohne jemanden zu wecken, die Treppe hinauf in mein Zimmer, holte meinen kleinen Geldschatz aus dem Versteck und wankte zurück zur Schenke. Als ich zurückkam, hatte der Grieche bereits einen Vertrag in zwei Ausfertigungen aufgesetzt, und ohne ihn durchzulesen, unterschrieb ich ihn bereitwillig. Salmonides nahm mein Geld und Und das ist alles von diesem Abend, woran

ich mich erinnere. Saul erzählte mir tags darauf, daß er einmal zufällig aufgeblickt und mich schlafend an einem Tisch gesehen habe, an dem ich allein saß. Und so habe er sich von der Gruppe, mit der er zusammengesessen hatte, verabschiedet, mich auf seinen breiten Schultern nach Hause getragen und dort zu Bett gebracht. Der nächste Tag sollte der schlimmste meines Lebens werden. Die Scham war größer als irgendeine Last, die ich in meinem Leben getragen hatte. Ich erniedrigte mich vor Eleasar und schüttete ihm mein Herz aus. Während ich mit gesenktem Blick sprach, hörte er in ernster Stille zu. Ich erzählte ihm, daß ich mich in der Öffentlichkeit betrunken hatte, daß ich mich in der Gesellschaft nackter Mädchen und schändlicher Heiden aufgehalten hatte, daß ich reichlich Schweinefleisch gegessen und schließlich Salmonides mein ganzes Geld gegeben hatte. gab mir dafür das Stück Papier.

Als ich fertig war, saß Eleasar für einen Augenblick in tödlichem Stillschweigen da. Dann stieß er einen solchen Schrei aus, daß ich vor Angst zitterte. Er schlug sich an die Brust, raufte sich das Haar und schrie heraus: »Womit habe ich das verdient, o Herr? Worin habe ich gefehlt? War es nicht dieser Knabe, in den ich meine größten Hoffnungen setzte und der als größter Rabbiner in Judäa meine Nachfolge hätte antreten sollen? Womit habe ich das nur verdient, o Herr?«

Eleasar fiel auf die Knie und tat lautstark kund, welches Unglück ihm widerfahren sei. Er gab sich selbst die Schuld an meiner Missetat, klagte, daß er als Lehrer versagt habe, und jammerte, daß er Gott enttäuscht habe, indem er seinen besten Schüler vom rechten Weg abgehen ließ.

Ich weinte mit ihm, bis die Tränen meine Ärmel durchnäßt hatten und ich nicht mehr weinen konnte. Als ich nur noch trockene Schluchzer von mir gab, schaute ich zu Eleasar auf und sah auf seinem Gesicht, wie groß sein Schmerz war. »Du hast Gottes heiliges Gesetz besudelt«, sagte er erbarmungslos. »David Ben Jona, durch dein eigenes Tun hast du den Bund Abrahams mit Füßen getreten und alle Juden vor Gott beschämt. Habe ich dich nicht recht gelehrt? Wie konntest du nur derart in die Irre gehen und so tief sinken?«

Saul, den der Wein nicht betrunken gemacht hatte, der das Schweinefleisch zurückgewiesen und kein Geld an einen Griechen verloren hatte, war bei Eleasar ebenfalls nicht mehr gut angesehen, und doch war es nicht dasselbe. Eleasar war auf Saul nicht so stolz gewesen wie auf mich. Er hatte in Saul nicht den Nachfolger für sein eigenes erhabenes Amt und für die Weiterführung der Tradition erblickt. Und wegen alldem blieb Saul ein Verweis von der Schule erspart. Anders verhielt es sich mit mir. Eleasar betrachtete meine abscheulichen Sünden als eine ihm persönlich zugefügte Schmach. …