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Kathy Reichs - „Lasst Knochen sprechen“

ISBN: 9-783-45343-657-2

 

Klappentext:

Die erfolgreichste Forensikerin der Welt Ein ermordetes Mädchen, die Überreste zweier Motorradfahrer und der ausgegrabene Schädel einer jungen Frau - damit hat die forensische Anthropologin Tempe Brennan im wahrsten Sinne des Wortes alle Hände voll zu tun. Doch als sie einen brisanten Zusammenhang zwischen den Toten und zwei verfeindeten Motorrad-Banden erahnt, gerät nicht nur Tempe in Lebensgefahr. Leider entwickelt auch ihr Neffe Kit ein verhängnisvolles Faible für Motorräder ...

 

Inhalt:

Tempe bekommt ein Mädchen auf den Tisch, welches zwischen die Bandenkriege von Bikern geraten ist. Sie schwört sich, diesen Fall aufzuklären, da sie gerade bei Kindern ein doch sehr zart besaitetes Fell hat.

Bei den Bikern selber, stößt sie auf eine Mauer des Schweigens. Keiner will es gewesen sein alle schützen sich gegenseitig. - Nur ein inhaftierter Exbiker, der Hinweise auf verbuddelte Biker liefern kann, packt aus. Bei den Ausgrabungen finden sie auch noch Knochen, von denen bisher keiner etwas gewusst hat. Auch hier handelt es sich um ein junges Mädchen.

Während Tempe voll in den Ermittlungsarbeiten steckt, hat sie Besuch von ihrem Neffen. Seine Mutter, die wir aus früheren Bänden kennen, ist auf einer Reise mit ihrem neuen Freund und stellt ihren Jungen quasie bei der Schwester ab. Nur verschweigt sie ihr, dass der Junge gerade in einer schwierigen Phase steckt und eigentlich dafür prädestiniert ist, sich die falschen Freunde auszusuchen.

Es kommt, wie es kommen muss. Der Junge freundet sich mit Bikern an, die genau zu den rivalisierenden Banden gehören, gegen die Tempe gerade ermittelt...

Bones muss ermitteln, um ihr Leben bangen und auch Angst um ihren Neffen haben. Gut, dass sie in manchen Dingen so abgeklärt ist.

 

Leseprobe:

… »Ich wollte nur sagen, dass mir der Samstagabend sehr gut gefallen hat und es mich freuen würde, wenn wir beide uns mal treffen könnten.«

Sehr originell.

»Hätten Sie irgendwann diese Woche Zeit, mit mir zu Abend zu essen?«

»Tut mir Leid, aber das ist im Augenblick nicht möglich. Ich ersticke in Arbeit.«

Auch wenn ich Zeit hätte bis ins nächste Jahrtausend, würde ich mit Lyle Crease nicht zum Essen gehen. Der Mann war für meinen Geschmack zu schleimig.

»Nächste Woche?«

»Nein, ich glaube nicht.«

»Verstehe. Kann ich dann als Trostpreis Ihren Neffen haben?«

»Was?«

»Kit. Er ist ein fabelhafter Junge.«

Fabelhaft?

»Ich habe einen Freund, der einen Motorradladen besitzt. Er hat mindestens fünftausend Harley-Davidson-Accessoires auf Lager. Ich glaube, Kit würde das interessieren.«

Dass mein so leicht zu beeindruckender junger Neffe unter den Einfluss eines aalglatten Medienfuzzis geriet, war wirklich das Letzte, was ich wollte.

»Das glaube ich gern.«

»Dann ist es okay, wenn ich ihn anrufe?«

»Natürlich.« So okay wie Durchfall.

Fünf Minuten nachdem ich aufgelegt hatte, erschien Quickwater in meiner Tür. Er bedachte mich wie üblich mit seinem versteinerten Blick und warf mir dann einen Aktendeckel auf den Schreibtisch.

Ich musste mich wirklich für den passenden Song entscheiden.

»Was ist das?«

»Formulare.«

»Die ich ausfüllen soll?«

Quickwater bereitete sich eben darauf vor, meine Frage zu ignorieren, als sein Partner dazukam.

»Ich vermute, das bedeutet, dass Sie mit leeren Händen dastehen.«

»So leer wie Al Capones Schließfach«, erwiderte Claudel. »Keine einzige Übereinstimmung. Nicht einmal annähernd.«

Er deutete auf den Stapel auf meinem Schreibtisch.

»Wenn Sie diese Papiere ausfüllen, kann ich mich ins CPIC einloggen, während Martin das NCIC macht. Bergeron bearbeitet die Zähne.«

CPIC ist die Abkürzung für Canadian Police Information Centre, das Informationszentrum der kanadischen Polizei, und NCIC steht für das vom FBI betriebene National Crime Information Centre,  das amerikanische nationale Informationszentrum über Verbrechen. Beide sind landesweite elektronische Datenbanken, die einen schnellen Zugang zu Informationen ermöglichen, die wesentlich sind für die Verbrecherjagd. Obwohl ich das CPIC schon ein paar Mal benutzt hatte, bin ich vertrauter mit dem amerikanischen System.

NCIC ging 1967 online, und zwar mit Daten über gestohlene Autos, Nummernschilder, Waffen und Immobilien sowie über gesuchte Personen und Flüchtige. Im Lauf der Jahre kamen immer mehr Dateien hinzu, und aus den ursprünglich zehn Datenbanken wurden siebzehn, darunter der bundesstaatenübergreifende Identifikationsindex, die Personenschutzdaten des US-Geheimdienstes, die Datei über ausländische Flüchtlinge, die Datei über gewalttätige Banden und Terroristen und die Dateien über vermisste und nicht identifizierte Personen.

Der Zentralcomputer des NCIC befindet sich in Clarksburg, West Virginia, und Zugriffsterminals stehen in Polizeirevieren und Sheriff-Büros in den ganzen Vereinigten Staaten, Kanada, Puerto Rico und auf den amerikanischen Virgin Islands. Einträge können nur von Polizeibeamten gemacht werden. Und von diesen wird das System auch rege genutzt. Im ersten Jahr verzeichnete das NCIC zwei Millionen Transaktionen. Heute bearbeitet das System so viel pro Tag.

Die 1975 eingerichtete NCIC-Datei über vermisste Personen wird benutzt, um Leute aufzuspüren, nach denen zwar nicht gefahndet wird, deren Aufenthaltsort jedoch unbekannt ist. Einträge können gemacht werden für vermisste Jugendliche und für Leute, die behindert oder in Gefahr sind. Entführungsopfer und Leute, die nach einer Katastrophe verschwunden sind, passen ebenfalls in dieses Raster. Von den Eltern oder dem Vormund, dem Hausarzt, Zahnarzt oder Optiker der vermissten Person wird ein Formular ausgefüllt, und die Daten werden in der örtlichen Polizeistation eingegeben.

1983 wurde die Datei über nicht identifizierte Personen hinzugefügt, um Daten über geborgene Überreste mit denen über vermisste Personen abgleichen zu können. Anfragen können gemacht werden zu nicht identifizierten Leichen und Leichenteilen, zu lebenden Personen und zu Katastrophenopfern.

Dieser Stapel war es, den Quickwater mir auf den Tisch geworfen hatte.

»Wenn Sie das NCIC-Formular ausfüllen, können wir beide Netzwerke absuchen. Es sind ja im Wesentlichen dieselben Daten, nur andere Codierungssysteme. Wie lange brauchen Sie dazu?«

»Geben Sie mir eine Stunde.« Mit nur drei Knochen hatte ich wenig zu sagen.

Sobald sie gegangen waren, machte ich mich an das Formular. Hin und wieder musste ich im Handbuch nachsehen, um mir die entsprechenden Codes herauszusuchen.

So fand ich zum Beispiel EUD für nicht identifizierte Tote.

Ein S schrieb ich in die Kästchen 1, 9 und 10 des Abschnitts Leichenteile, was bedeutete, dass ein skelettierter Schädel sowie ein linker und ein rechter Oberschenkelknochen geborgen worden waren. Alle anderen Kästchen erhielten ein N für nicht geborgen.

Ich schrieb F für female, weiblich, W für weiß und gab die ungefähre Größe an. Die Kästchen für geschätztes Geburtsjahr und geschätzten Todestag ließ ich leer.

Im Abschnitt für persönliche Merkmale schrieb ich SHUNT CERB für zerebralen ventrikulären Shunt und kreuzte diesen Punkt auf dem Zusatzformular an. Das war alles. Keine Brüche, keine Missbildungen, Tätowierungen, Muttermale oder Narben.

Da ich weder Kleidung noch Schmuck, keine Brille, Fingerabdrücke, Blutgruppe und Todesursache hatte, blieb der Rest des Formulars leer. Ich konnte lediglich noch ein paar Informationen über den Fundort der Leiche hinzufügen.

Ich füllte eben die Abschnitte über die Art der anfragenden Behörde und die Fallnummer aus, als Quickwater wieder auftauchte. Ich gab ihm das Formular. Er nahm es, nickte und ging wortlos.

Was war nur los mit diesem Kerl?

Ein Bild blitzte kurz vor mir auf und verschwand wieder. Ein trüber Augapfel in einem Marmeladenglas.

Quickwater?

Unmöglich. Trotzdem beschloss ich, weder Claudel noch seinem Carcajou-Partner etwas von dem Vorfall zu sagen. Ich hätte mit Ryan darüber reden, hätte ihn um Rat fragen können, aber Ryan war verschwunden, und ich war auf mich allein gestellt.

 

Ich schloss die Berichte über Gately und Martineau ab und brachte sie ins Sekretariat. Als ich zurückkam, saß Claudel mit einem Computerausdruck in der Hand in meinem Büro.

»Sie hatten Recht mit dem Alter, aber beim Todesdatum lagen Sie etwas daneben. Zehn Jahre reichen nicht.«

Ich wartete, dass er fortfuhr.

»Ihr Name war Savannah Claire Osprey.«

Im Französischen klang das wie Ouh-spriie, mit dem Akzent auf der zweiten Silbe. Trotzdem verriet mir der Name, dass das Mädchen eine Südstaatlerin war oder zumindest dort geboren wurde. Nur wenige Leute außerhalb des Südostens nannten ihre Töchter Savannah. Erleichtert, aber neugierig ließ ich mich in meinen Stuhl sinken.

»Woher?«

»Shallotte, North Carolina. Ist das nicht Ihre Heimatstadt?«

»Ich bin aus Charlotte.«

Kanadier haben Schwierigkeiten mit Charlotte, Charlottesville und den beiden Charlestons. Wie auch viele Amerikaner. Ich hatte es aufgegeben, ihnen die Unterschiede zu erklären. Aber Shallotte war eine kleine Küstenstadt, die eigentlich nichts mit dieser Namensverwirrung zu tun haben sollte.

Claudel las vom Ausdruck ab. »Sie wurde im Mai 1984 als vermisst gemeldet, zwei Wochen nach ihrem sechzehnten Geburtstag.«

»Das ging aber schnell«, sagte ich, während ich die Information verdaute.

»Oui.«

Ich wartete, aber er sagte nichts mehr. Ich gab mir Mühe, mir meine Verärgerung nicht anmerken zu lassen.

»Monsieur Claudel, jede Information, die Sie haben, kann mir helfen, diese Identifikation zu bestätigen.«

Eine Pause. Und dann: »Der Shunt und die Gebissmerkmale waren so einzigartig, dass der Computer den Namen sofort ausspuckte. Ich rief bei der Polizei in Shallotte an und konnte sogar mit der Beamtin sprechen, die diese Vermisstenanzeige aufgenommen hatte. Nach ihren Angaben gab die Mutter die Anzeige auf, meldete sich dann aber nicht mehr. Anfangs gab es die übliche Medienhysterie, aber dann wurde es still um den Fall. Die Ermittlung lief monatelang, ergab aber nie etwas.«

»Ein Problemkind?«

Eine längere Pause.

»Es gibt keine Angaben über Drogen- oder Disziplinprobleme. Der Wasserkopf verursachte eine leichte Lernbehinderung und beeinträchtigte ihr Sehvermögen, aber sie war nicht zurückgeblieben. Sie ging auf eine normale High School und war eine gute Schülerin. Sie wurde nie als potenzielle Ausreißerin betrachtet.

Allerdings verursachte der Shunt Probleme, und es gab häufige stationäre Aufenthalte. Anscheinend verstopfte das Ding immer wieder, und sie musste dann ins Krankenhaus, um das korrigieren zu lassen. Diesen Episoden gingen immer Lethargie, Kopfschmerzen und manchmal geistige Verwirrung voraus. Eine Theorie lautet, dass sie in einer Phase der Desorientierung einfach davonwanderte.«

»Und sich in Luft auflöste? Wie lautet die andere Theorie?«

»Der Vater.«

Claudel klappte einen kleinen Spiralblock auf.

»Dwayne Allen Osprey. Ein echter Charmeur mit einem Vorstrafenregister länger als die Transsibirische Eisenbahn. Damals erschöpfte sich Dwaynes häuslicher Alltag in Jim Beam Trinken und seine Familie Verprügeln. Nach der ursprünglichen Aussage der Mutter, die sie später zurückzog, mochte ihr Mann Savannah nicht, und das wurde immer schlimmer, je älter das Mädchen wurde. Er scheute sich nicht, sie gegen eine Wand zu schleudern. Anscheinend empfand Dwayne seine Tochter als Enttäuschung. Er nannte sie Wasserkopf.«

»Glaubt man, dass er seine eigene Tochter umgebracht hat?«

»Es ist zumindest eine Möglichkeit. Whiskey und Wut sind eine tödliche Mischung. Die Theorie damals lautete, dass die Sache außer Kontrolle geriet, er sie umbrachte und dann die Leiche beseitigte.«

»Und wie kam sie nach Quebec?«

»Eine sehr intelligente Frage, Dr. Brennan.«

Und damit stand er auf und zupfte sich die Manschetten des frischesten, weißesten Hemds, das ich je gesehen hatte, zurecht.

Ich warf ihm einen »Du kannst mich mal«-Blick zu, aber er war bereits durch die Tür verschwunden.

Ich seufzte und lehnte mich zurück.

Da können Sie Ihren festen kleinen Arsch drauf verwetten, dass das eine sehr intelligente Frage ist, Monsieur Claudel. Und ich werde sie beantworten.