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Julia Navarro - „Die stumme Bruderschaft“

ISBN: 9-783-44237-499-1

 

Klappentext:

Nach einem Brandanschlag auf den Turiner Dom wird eine Leiche geborgen - mit abgeschnittener Zunge. Die Ermittlungen führen Kommissar Valoni, die attraktive Archäologin Sofia Galloni und die spanische Journalistin Ana Jiménez zu dem heiligen Grabtuch Christi, das in der Kathedrale aufbewahrt wird, und zu zwei rivalisierenden Geheimbünden. Ihr Konflikt wurzelt tief in der Vergangenheit des Christentums - und noch heute schrecken diese Bruderschaften selbst vor Mord nicht zurück …

 

Inhalt:

Eine Kirche, welche gerade saniert wird, brennt. Darin war eigentlich das Grabtuch von Turin als heilige Reliquie der Kirche in einer Vitrine ausgestellt. Schnell ist der Polizei klar, dass auch dieser Brandanschlag das Ziel hatte, das Grabtuch zu entwenden.

Seltsam ist nur, dass eine verbrannte Leiche gefunden wird, die schon zu Lebzeiten keine Zunge mehr hatte. Genau so, wie der seltsame Gefangene im Gefängnis. Auch er ist stumm, da er keine Zunge mehr hat und scheint sich seinem Schicksal zu ergeben.

Was steckt hinter dieser Serie von Brandanschlägen und warum haben die Täter die Fähigkeit zu sprechen verloren?

Die Turiner Polizei tappt im Dunkeln, während die Täter des letzten Anschlages Buße tun, da sie das große Ziel auch dieses Mal nicht erreicht haben. Sie können entkommen, doch die Polizei kommt ihnen, trotz ihres Schweigens, dann doch irgendwann auf die Schliche.

 

Leseprobe:

… »Wie es aussieht, nur der Hausmeister, ein älterer Mann von fünfundsechzig Jahren. Die aus dem Büro gehen um zwei zum Essen und kommen ungefähr um halb fünf zurück. Der Brand geschah so um drei, da war nur der Hausmeister da. Der Mann hat einen Schock erlitten. Als ich ihn befragte, fing er an zu weinen. Er war sehr verstört. Er heißt Francesco Turgut. Er ist Italiener, hat einen türkischen Vater und eine italienische Mutter. Er ist in Turin geboren. Sein Vater hat bei Fiat gearbeitet, und seine Mutter war die Tochter des Hausmeisters der Kathedrale.Als Kind hat er seiner Mutter geholfen, das Kirchenschiff zu putzen. Die Hausmeisterfamilie hat eine Wohnung neben dem Gebäude, und als seine Eltern heirateten, sind sie, weil sie kein Geld hatten, zu den Schwiegereltern in die Wohnung gezogen. Francesco ist dort geboren, die Kathedrale ist sein Zuhause. Er sagt, er fühle sich schuldig, weil er den Brand nicht habe verhindern können.«

»Hat er etwas gehört?«, fragte Minerva.

»Nein, er hat ferngesehen und dabei gedöst. Er steht immer sehr früh auf, um die Kathedrale und die dazugehörigen Büroräume aufzuschließen. Er sagt, plötzlich habe es bei ihm geklingelte, und ein Passant habe ihn darauf aufmerksam gemacht, dass Rauch aus dem Gebäude kam. Er ist losgelaufen, hat den Brand entdeckt, die Feuerwehr gerufen, und jetzt ist er am Boden zerstört, er heult nur noch.«

»Pietro, glaubst du, dass der Brand auf eine Unachtsamkeit zurückgeht oder dass er absichtlich gelegt wurde?«

»Also, wenn wir nicht die Leiche mit der herausgeschnittenen Zunge gefunden hätten, würde ich sagen, es war Unachtsamkeit. Was wollte der Mann da? Wie ist er hineingekommen? Der Hausmeister sagt, er mache immer einen Rundgang durch die Kathedrale, bevor er abschließe. Er hat niemanden gesehen. Es gehört zu seinen Aufgaben sicherzustellen, dass niemand eingeschlossen wird. Er schwört, als er das Licht löschte, sei die Kathedrale leer gewesen.«

»Vielleicht hat er den Mann einfach nicht bemerkt, er ist schließlich schon älter«, mutmaßte Sofia.

»Oder er lügt«, warf Pietro ein.

»Nein, es war anders, es ist jemand hineingekommen, nachdem die Kathedrale abgeschlossen war«, sagte Giuseppe.

»Stimmt«, fuhr Pietro fort, »jemand hat die Seitentür aufgebrochen, die zu den Büros führt. Von dort gelangt man in die Kathedrale. Das Schloss war aufgebrochen. Der Mann wusste genau, was er tat. Der Beweis ist, dass er keinen Lärm machte, er blieb völlig unbemerkt. Er wusste, dass niemand in den Büros war.«

»Wir sind sicher«, sagte Giuseppe, »dass der Dieb oder die Diebe jemanden kennen, der in der Kathedrale arbeitet oder in irgendeiner Beziehung dazu steht. Jemand muss ihm gesteckt haben, dass an diesem Tag und um diese Uhrzeit keine Menschenseele da sein würde.«

»Wieso seid ihr euch da so sicher?«, fragte Minerva.

»Weil bei diesem Brand«, führte Giuseppe aus, »genau wie bei dem versuchten Diebstahl vor zwei Jahren, dem Brand von 1997 und den anderen Zwischenfällen die Diebe immer gewusst haben, dass sich niemand in der Kathedrale aufhielt. Es gibt außer dem Haupteingang für das Publikum nur noch den Seiteneingang, der zu den Büros führt. Alle anderen Eingänge sind zugemauert. Jedes Mal ist dieser Seiteneingang aufgebrochen worden. Die Tür ist gepanzert, aber für einen Profi ist das kein Problem. Wir glauben, dass noch andere Männer bei unserem Toten ohne Zunge waren und dass sie geflohen sind. Man bricht nicht allein in eine Kathedrale ein. Wir haben auch festgestellt, dass all die getürkten Einbrüche immer dann erfolgten, wenn in der Kathedrale gebaut wurde. Sie nutzen das aus, um einen Kurzschluss zu erzeugen und Chaos zu stiften. Aber auch diesmal haben sie nichts mitgenommen. Also stellt sich weiterhin die Frage, was sie eigentlich suchen?«

»Das Grabtuch«, antwortete Marco, ohne zu zögern, »aber wofür? Um es zu zerstören? Um es mitzunehmen? Ich weiß es nicht. Ich frage mich, ob die aufgebrochene Tür nicht eine falsche Spur ist, es ist zu offensichtlich … Ich weiß nicht. Minerva, was hast du herausgefunden?«

»Ich kann noch hinzufügen, dass Umberto D’Alaqua an dem Bauunternehmen COCSA beteiligt ist. Ich habe es Sofia schon gesagt. COCSA ist ein seriöses, solventes Unternehmen, das in Turin und ganz Italien für die Kirche arbeitet. D’Alaqua ist ein bekannter und im Vatikan geschätzter Mann. Er ist eine Art Finanzmanager, er hat ihnen zu ein paar einträglichen Investitionen verholfen und Geld für Operationen bereitgestellt, bei denen der Vatikan offiziell nicht auftauchen wollte. Er ist ein Vertrauensmann des Heiligen Stuhls, er war auch an heiklen diplomatischen Missionen beteiligt. Seine Geschäfte sind weit gespannt: Bau, Stahl, Ölförderung et cetera. An der COCSA hat er eine beachtliche Beteiligung.

Ein interessanter Mann. Junggeselle, trotz seiner siebenundfünfzig Jahre attraktiv, genügsam. Er prahlt nicht mit seinem Geld und seiner Macht. Man hat ihn nie auf Jetset-Partys gesehen, und es ist auch nichts über eine Freundin bekannt.«

»Ist er homosexuell?«, fragte Sofia.

»Nein, auch nicht. Er ist nicht einmal beim Opus Dei oder irgendeinem weltlichen Orden. Aber es ist, als hätte er ein Keuschheitsgelübde abgelegt. Sein Hobby ist die Archäologie, er hat einige Ausgrabungen in Israel, Ägypten und der Türkei finanziert und war zeitweilig sogar selbst an einer Ausgrabung in Israel beteiligt.«

»Ich denke nicht, dass D’Alaqua mit diesem Lebenslauf in Verdacht steht, das Grabtuch rauben oder zerstören zu wollen«, bemerkte Sofia. »Nein, aber er ist ein eigenartiger Mensch«, insistierte Minerva.

»Wie auch dieser Professor Bolard. Also, Chef, dieser Professor ist ein anerkannter französischer Wissenschaftler. Er ist Chemiker, Fachmann für Mikroanalysen und einer der renommiertesten Kenner des Grabtuchs. Er beschäftigt sich seit fünfunddreißig Jahren damit und überprüft immer wieder seinen Zustand. Alle drei bis vier Monate kommt er nach Turin. Die Kirche hat ihn damit betraut, für die Erhaltung des Grabtuchs zu sorgen. Es wird kein Schritt unternommen, ohne ihn zu konsultieren. «

»Genau«, sagte Giuseppe. »Bevor das Tuch in die Bank transportiert wurde, hat Pater Yves mit Bolard gesprochen. Der hat klare Anweisungen gegeben, wie der Transport zu erfolgen hat. Im Tresorraum der Bank gibt es seit Jahren einen kleinen Raum mit optimalen Bedingungen, der nach Anleitung von Professor Bolard und anderen Professoren eingerichtet wurde, und dort wird das Grabtuch aufbewahrt.« …