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Boris von Smercek - „Der zweite Gral“

ISBN: 9-783-404-15378-7

 

Klappentext:

Um an die Formel zur Lebensverlängerung zu gelangen, erscheint manchen Menschen kein Preis zu hoch ...Die Gemeinschaft der Gerechten, ein Orden, dessen Wurzeln in die Zeit des dritten Kreuzzuges zurückreichen, existiert bis zum heutigen Tag. Ihr Anliegen: Gerechtigkeit schaffen, wo Recht versagt. Bei einer Mitgliederversammlung in Schottland wird ein blutiger Anschlag verübt, bei dem fast alle Mitglieder des Ordens ums Leben kommen. Eine der Überlebenden ist Lara Mosehni, und die junge Frau setzt alle Hebel in Bewegung, um die Hintermänner des Anschlags ausfindig zu machen. Die Spur führ in ein kleines Dorf im Sudan, wo immer wieder Kinder, schwangere Frauen und Greise verschwinden, und nach Arabien, wo ein Scheich behauptet, den Heiligen Gral, eine Formel zur Lebensverlängerung, gefunden zu haben …

 

Inhalt:

Der Orden des Rosenschwerts kämpft gegen die verschiedensten Ungerechtigkeiten auf der Welt. Und ein Treffen des Ordens soll allen mal wieder Bestätigung und neue Lösungsansätze bringen. Doch, statt dessen wird die Burg zerstört und alle bereits anwesenen Ordensmitglieder lassen ihr Leben. - So ist zumindest der Plan, eines abtrünnigen Mitgliedes. Doch der geht nich ganz auf. Denn Emmet und Lara bleiben am Leben und wollen heraus finden, warum dem Orden das widerfahren ist und vor allen Dingen warum.

Bei ihren Untersuchungen machen Emmet und Lara ein verschollen geglaubtes Ordensmitglied ausfindig. Er war einem Scheich auf der Spur, der immer wieder Schwarze entführt hat, die man dann nie wieder gesehen hat. Und genau diesem Scheich kommen die beiden auch auf die Schliche. Was sie allerdings aufdecken, ist alles andere als angenehm für die beiden, denn der Scheich und seine Gefolgsleute experimentieren um an ewiges Leben zu gelangen. Hierfür brauchen sie ihre Entführungsopfer. - Doch so lang die Mitglieder des Rosenschwertordens noch kämpfen können, werden sie gegen solcherlei Ungerechtigkeiten angehen.

 

Leseprobe:

… Emmet Walsh dankte der Dame am Informationsschalter für diese Durchsage und blickte sich um. Das Flughafengebäude machte auf ihn den Eindruck, als entstamme es den späten Sechzigerjahren, obwohl es erst 1981 fertig gestellt worden war. Weiße Säulen und Platten aus Beton beherrschten das Bild, aufgelockert durch mintgrüne Plastik-Sitzgruppen, die entfernt an Ufos erinnerten. Eigenartigerweise waren die meisten Plätze frei, obwohl es hier nur so von Menschen wimmelte. Aber viele bevorzugten es, auf eigenen kleinen Teppichen auf dem Boden zu sitzen und zu beten – Gläubige, die auf dem Weg zum nahen Mekka auf ihren Reisebus warteten, oder die Mekka bereits besucht hatten und sich nun wieder auf die Heimreise begaben. Das wusste Emmet von der Dame am Info-Schalter.

Er spürte eine Berührung an der Schulter und drehte sich um. Lara Mosehni stand ihm gegenüber.

»Mister Fitzgerald, nehme ich an?«, schauspielerte sie.

»Ganz recht«, antwortete Emmet. »Brian Fitzgerald. Willkommen in Jeddah, Miss Watson.« Er schnappte die Sporttasche, die sie neben sich abgestellt hatte. »Ist das Ihr gesamtes Gepäck?«

»Ja.«

»Dann schlage ich vor, dass ich Ihnen jetzt Ihr Hotel zeige.« Mit diesen Worten ging er voran. Von dem vermeintlichen Araber, der nur einen Meter weiter an der Info-Theke stand und etwas in sein Handy eintippte, nahmen weder er noch Lara Notiz.

Tom Tanaka betrachtete das Display auf seinem Handy – das Porträt von Lara Mosehnis Begleiter, das er soeben heimlich aufgenommen und per MMS an die Interpol-Zentrale in Lyon versandt hatte. Er kannte den Mann auf dem Bild nicht. Vielleicht konnten die Kollegen in Frankreich etwas über ihn herausfinden.

Tanaka kam sich lächerlich vor in seiner Tarnung, auch wenn er aussah wie viele Menschen hier am Flughafen. Er trug typisch arabische Herrenkleidung: ein knöchellanges, schneeweißes Gewand, den so genannten Dishdash, dazu als Kopfbedeckung eine schwarz-weiße Kefije, ein quadratisches Baumwolltuch, das zu einem Dreieck zusammengelegt und von einem Akalzusammengehalten wurde, einer dunklen Schnur aus gedrehtem Ziegenhaar. Um seine fernöstlichen Gesichtszüge zu kaschieren, hatte Tanaka sich einen buschigen, schwarzen Vollbart angeklebt. Seine Augen bedeckte eine altmodische Sonnenbrille mit Gläsern so groß wie Fernseherbildschirme.

Tom Tanaka klappte sein Handy zusammen und verstaute es in seinem Umhang. Dann griff er nach seinem Koffer und folgte Lara Mosehni und ihrem Begleiter nach draußen.

Im Mietwagen, einem betagten Mercedes, der jedoch in tadellosem Zustand war, konnten Emmet und Lara ihre Tarnung fallen lassen.

»Erzähl schon«, drängte Lara. »Ich bin gespannt wie ein Bogen. Was war los im Sudan? Aus den Andeutungen, die du mir auf dem Anrufbeantworter hinterlassen hast, konnte ich nicht schlau werden.«

Während sie stadteinwärts zum Hotel fuhren, berichtete Emmet ausführlich, was er in Wad Hashabi und Aqiq erlebt hatte.

»Ich nehme an, Anthony hat dieselbe Spur verfolgt«, schloss er. »Dabei ist er Scheich Assads Leuten zu nahe gekommen -und die haben getan, was sie am besten können: Sie haben ihn entfuhrt.«

»Nur, dass sie diesmal in New York zugeschlagen haben.«

»Genau. Und sie haben aus Anthony herausgepresst, für wen er arbeitet. Deshalb zerstörten sie Leighley Castle. Skrupellos genug wären diese Leute jedenfalls. Und die nötigen Mittel hätten sie auch gehabt. Hubschrauber und Waffen, meine ich. Assad ist sicher steinreich, oder nicht?«

»Vielleicht nicht ganz so reich, wie man es von einem Ölscheich erwarten würde«, antwortete Lara. »Aber er besitzt genug Geld, um eine eigene kleine Armee zu unterhalten.«

»Eine Privatarmee?« Emmet schüttelte ungläubig den Kopf. »Dann haben wir uns diesmal aber einen richtig schweren Brocken als Gegner ausgesucht.«

Tom Tanaka hielt gebührenden Abstand zu dem Fahrzeug, das er verfolgte. Er selbst saß in einem uralten Ford, den Interpol am Flughafen für ihn bereitgestellt hatte. Ein unauffälliger Wagen, der sich nahtlos ins hiesige Straßenbild einfügte.

Trotz heruntergekurbelter Fenster verwandelte die glühende Mittagssonne das Auto in einen Backofen. Der angeklebte Vollbart begann zu jucken, aber Tanaka wagte nicht, ihn abzureißen. Vielleicht benötigte er seine Tarnung später noch.

Seine Gedanken schweiften zurück. Der »Rosenschwert-Fall«, mit dem man ihn vor sechs Monaten betraut hatte, war selbst für einen langjährigen Interpol-Mitarbeiter wie ihn ungewöhnlich. Er jagte einen Verbrecherring, der auf der ganzen Welt agierte und an jedem Tatort ein Signum hinterließ. Ein Medaillon mit Gravur: eine Rose und ein Schwert, die gekreuzt übereinander lagen. Was immer das zu bedeuten hatte.

In gewisser Weise sympathisierte Tom Tanaka sogar mit dieser Bande. Sie kämpfte gegen Zustände, die man nur als ungerecht bezeichnen konnte. Besser gesagt: Sie zogen gegen Menschen zu Felde, die diese Zustände ausnutzten oder gar verschlimmerten. Doch die Methoden, mit denen die Rosenschwert-Mitglieder ihre Ziele durchsetzten, konnte Tanaka nicht gutheißen. Sie kümmerten sich nicht um Gesetze und griffen viel zu schnell zu den Waffen, wobei es immer wieder Verletzte gab, in seltenen Fällen sogar Tote. Interpol musste dem einen Riegel vorschieben. Ein global agierender, Selbstjustiz übender Verbrecherring konnte nicht geduldet werden.

Interpol hatte die Bande von Anfang an unterschätzt. Als vor einem Jahr die ersten Rosenschwert-Medaillons aufgetaucht waren, hatte man die Sache auf die leichte Schulter genommen und sie den örtlichen Polizeibehörden überlassen. Man hatte geglaubt, Kriminelle, die eitel oder sogar dumm genug waren, auf ihre Taten aufmerksam zu machen, seien schnell zu fassen. Heute umfasste die Akte mehr als zweihundertfünfzig Fälle – hundert, bei denen die Medaillons gefunden worden waren, und weitere hundertfünfzig, die länger als ein Jahr zurücklagen; in diesen Fällen waren keine Medaillons zurückgelassen worden, aber die Handschrift war unverkennbar. Es waren Fälle, in denen Unbekannte mit Waffengewalt gegen Drogenbosse, Hochseepiraten oder Pelztierjäger vorgingen. Interpol mutmaßte, dass in den letzten zehn Jahren über tausend Straftaten auf das Konto der Rosenschwert-Bande gingen. Je weiter man in der Vergangenheit herumstöberte, desto mehr wurden es.

Seit sechs Monaten widmete Tom Tanaka sich ausschließlich diesem Verbrecherring. Inzwischen empfand er jedes Medaillon beinahe als Verhöhnung, als persönliche Beleidigung. Als Fingerzeig auf seine eigene Unfähigkeit. Vor acht Wochen aber war ihm der Zufall zu Hilfe gekommen. Ein neugieriges Zimmermädchen in einem Teheraner Hotel hatte bemerkt, dass. sich im Gepäck eines Gasts ein auffälliges Medaillon befand. Die Angestellte besah sich das Schmuckstück genauer und erinnerte sich daran, dass sie die Gravur schon einmal als Abbildung in der Zeitung gesehen hatte – im Zusammenhang mit einem Polizeibericht. Also hatte sie Meldung erstattet. Auf diese Weise war Tom Tanaka auf Lara Mosehni aufmerksam geworden. Seitdem folgte er ihr auf Schritt und Tritt in der Hoffnung, dass sie ihn zu ihren Komplizen führe.

Genau das hatte sie dann auch getan, davon war Tanaka überzeugt. Leighley Castle war die Zentrale, und Layoq Enterprises der Deckname der Rosenschwert-Bande. Leider lag die Burg nun in Schutt und Asche.

Tanaka vermutete, dass die Zerstörung des alten Gemäuers ein Vergeltungsschlag gewesen war, verübt von jemandem, der mächtig sauer auf Layoq war. Aber offenbar waren nicht alle Bandenmitglieder ums Leben gekommen, denn schon zwei Tage nach dem Anschlag hatte Tanaka einen Anruf von seinem Verbindungsmann in Isfahan erhalten und erfahren, dass Lara Mosehni wieder in ihrer Wohnung aufgetaucht sei. Mehr noch: Sie habe angefangen, Interpol hinterherzuschnüffeln. Daraufhin war Tanaka in den Iran gereist, um die Beschattung der Frau fortzusetzen – noch vorsichtiger als beim letzten Mal. Heute Morgen war er ihr dann nach Saudi Arabien gefolgt. Und nun folgte er ihr in einem alten Ford.

Sein Handy klingelte. Er zog es aus seinem Umhang und warf einen Blick aufs Display, das die Nummer der Zentrale in Lyon anzeigte. Er nahm das Gespräch an.

»Hier Tanaka. Was gibt’s?«

Pierre Dumont war am Apparat, Tom Tanakas Chef. »Es geht um das Bild, das Sie uns vorhin geschickt haben. Miserabler Schnappschuss.«

»Was hätte ich tun sollen? Den Typen am Flughafen bitten, einen Moment stillzuhalten und freundlich zu lächeln?«

»Müssen Sie alles persönlich nehmen, Tanaka? Ich wollte damit nur sagen, dass ein besseres Bild ein schnelleres Ergebnis ermöglicht hätte. Aber wir haben den Kerl dennoch identifizieren können. Er heißt Emmet Garner Walsh. Fünfundfünfzig Jahre alt, ein Meter dreiundachtzig groß. Geboren in Edinburgh. Geschäftsmann. Laut Polizeiakte ein ziemlich unbeschriebenes Blatt. Wir haben nur deshalb etwas über ihn herausgefunden, weil er vor acht Jahren am Londoner Flughafen festgenommen wurde. Hatte ein Gewehr bei sich, das zwar vom Detektor nicht erkannt worden war, aber bei einer spontanen Gepäckdurchsuchung zum Vorschein kam. Walsh hatte ein Ticket nach Moskau in der Tasche. Behauptete, er wolle von dort aus weiter nach Archangelsk in Sibirien, zur Jagd auf Rentiere. Natürlich klang das verdächtig, aber niemand konnte ihm etwas anderes nachweisen. Außerdem hatte er einen Waffenschein und eine Jagdlizenz der Moskauer Behörden in der Tasche. Deshalb ließ man ihn laufen.«

Tanaka bemerkte, dass der Abstand zu dem verfolgten Wagen sich vergrößert hatte, und überholte einen Lkw, um wieder aufzuschließen. Der Motorenlärm, der durchs offene Fenster drang, übertönte Dumonts Handy-Stimme.

»Können Sie das bitte wiederholen?«, fragte Tanaka, nachdem er sich wieder in seine Spur eingereiht hatte. »Alles ab der Moskauer Jagdlizenz. Hier war es so laut, dass ich nichts verstehen konnte.«

»Dann haben Sie das Beste verpasst. Ich sagte, dass Walsh Geschäftsführer von Layoq Enterprises und Besitzer von Leighley Castle ist. Mit anderen Worten: Er ist mit ziemlicher Sicherheit der Kopf der Rosenschwert-Bande!«

Tanaka dachte fieberhaft nach. Jemand hatte sich bei der Zerstörung der schottischen Burg viel Mühe gegeben. Was, wenn es sich dabei gar nicht um einen Vergeltungsschlag gehandelt hatte, sondern um einen Bluff? Vielleicht waren nicht nur Lara Mosehni und Emmet Walsh noch am Leben, sondernalle? Er berichtete Dumont von seinem Verdacht.

»Sie meinen, diese Leute haben geahnt, dass wir ihnen auf der Spur sind, und daraufhin ihre Burg zerbombt, um Beweise verschwinden zu lassen?«

»Nicht nur wegen der Beweise. Auch um ihren eigenen Tod vorzutäuschen und so dem Gesetz zu entgehen. Walsh und die anderen wussten, dass es Monate dauern wird, bis Interpol sich durch den verkohlten Trümmerhaufen gearbeitet hat – Zeit genug, alle notwendigen Vorkehrungen zu treffen, um Interpol wieder abzuhängen.«

Nach einer kurzen Pause sagte Dumont: »Ich möchte, dass Sie in Jeddah ein Team zusammenstellen, das Walsh und Mosehni rund um die Uhr überwacht. Wenn Ihre Theorie mit dem Bluff stimmt, werden die beiden sich vermutlich mit den anderen Bandenmitgliedern treffen. Ich will Fotos von allen, die verdächtig erscheinen. Ich will wissen, mit wem sie telefonieren und worüber sie sich unterhalten. Vor allem will ich wissen, was sie in Saudi Arabien zu suchen haben.«

»Wer ist unser Kontaktmann in Jeddah?«, fragte Tanaka.

»Jussuf Ishak. Nachrichten- und Überwachungstechniker. Seit sieben Jahren bei Interpol. Haben Sie etwas zum Schreiben?«

»Ich sitze im Auto.«

»Dann schicke ich Ihnen seine Adresse und Telefonnummer per SMS.«

»Einverstanden.« Tanaka beendete das Gespräch und trat aufs Gas, weil der Mercedes, den er verfolgte, schon wieder Vorsprung gewonnen hatte. …