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Kathy Reichs - „Durch Mark und Bein“

ISBN: 9-783-453-43654-1

 

Klappentext:

Hochspannung garantiert! Flug 228 der TransSouth Air ist über Swain County, North Carolina, abgestürzt, und die forensische Anthropologin Tempe Brennan wird mit der Identifikation der Opfer betraut. Ein grausiger Fund in der Nähe des Unglücksorts bringt sie auf die Fährte eines schrecklichen Verbrechens. Auch in ihrem vierten Roman garantiert Kathy Reichs ihren Fans Nervenkitzel und Hochspannung – und eine Geschichte, die im wahrsten Sinne des Wortes durch Mark und Bein geht.

 

Inhalt:

Ein Flugzeugabsturz ruft Bones in einen kleinen Ort. Zunächst sieht alles danach aus, als wäre es eine Routine. Leichenteile einsammeln, identifizieren und zuordnen. Doch dann findet sie während einer kleinen Pause im Wald einen einzelnen Fuß. Sie sammelt ihn ein, beginnt ihn zu untersuchen und kann kein Passagier der Maschine finden, zu der der Fuß passen könnte.

Eine Suche beginnt. Die Suche nach dem Besitzer des Fußes, seinem Schicksal und dem Rest des Körpers. Doch dann wird sie von der Unfallstelle entfernt und man wirt ihr unsachgemäßen Umgang während der Ermittlungen vor.

Temperance bleibt aber an dem Fall dran. Sie kommt Leuten nach und nach auf die Spur und mit jedem Schritt, den sie vorwärts geht, wird es gefährlicher für sie. Weil die Vereinigung, der sie auf die Spur gekommen ist, sich nicht auf die Schliche kommen lassen will...

 

Leseprobe:

...Ryan hatte mir eine auf einem Farbdrucker produzierte Fotomontage gegeben. Es waren drei Bilder, von denen jedes ein Stück Plastik zeigte. Auf dem ersten konnte ich die Buchstaben B-I-O-G-E-F-A-H erkennen. Auf dem zweiten den verstümmelten Begriff: -abor-Servic-. Das rote Symbol auf dem dritten Bild sprang mich förmlich an. Ich hatte es schon oft im Institut gesehen und erkannte es sofort.

Ich schaute Ryan an.

»Das ist ein Biogefahr-Behälter.«

Er nickte.

»Der in den Flugpapieren nicht verzeichnet war.«

»Nein.«

»Und jeder glaubt, dass er einen Fuß enthielt.«

»Die Meinungen gehen in diese Richtung.«

Boyd stupste meine Hand an, und ich hielt ihm abwesend den Rest meines Sandwiches hin. Er schaute mich an, wie um sich zu versichern, dass das kein Versehen war, schnappte sich dann die Beute und trollte sich. Offensichtlich wollte er eine gewisse Distanz zwischen uns schaffen, für den Fall, dass es doch ein Missverständnis sein sollte.

»Sie geben also zu, dass der Fuß nicht zu einem Passagier gehört?«

»Nicht unbedingt. Aber sie stehen dieser Möglichkeit aufgeschlossener gegenüber.«

»Was bedeutet das in Bezug auf den Durchsuchungsbefehl?«, fragte ich Crowe.

»Hilfreich ist es nicht.«

Sie trat von der Treppe zurück, stand dann mit gespreizten Füßen da und setzte ihren Hut wieder auf.

»Aber unter dieser Mauer stinkt irgendwas, und ich habe vor, herauszufinden, was.«

Sie zeigte uns ihr Sheriff-Crowe-Nicken, drehte sich um und ging den Plattenweg entlang. Augenblicke später sahen wir ihren Streifenwagen langsam den Hügel hinunterfahren.

Ich spürte Ryans Blick und wandte mich wieder ihm zu.

»Warum hat der Amtsrichter den Durchsuchungsbefehl verweigert?«

»Anscheinend ist der Kerl ein Verfechter der Theorie, dass die Erde eine Scheibe ist. Außerdem will er mich wegen Behinderung der Justiz verhaften lassen, falls ich auch nur eine Hautschuppe abstoße.« Meine Wangen brannten vor Wut.

Boyd überquerte mit gesenkter Schnauze und baumelndem Kopf die Veranda. Als er die Schaukel erreichte, beschnupperte er mein Bein, setzte sich dann und schaute mich mit hängender Zunge an.

Ryan nahm einen letzten Zug aus seiner Zigarette und schnippte sie auf den Rasen. Boyds Blick schnellte zur Seite und richtete sich dann wieder auf mich.

»Was hast du über H&F herausgefunden?«

Ryan war in sein »Büro« gegangen, um in Delaware anzurufen.

»Ich dachte mir, dass die Anfrage vielleicht ein bisschen zügiger bearbeitet wird, wenn sie vom FBI kommt, deshalb habe ich McMahon gebeten, dort anzurufen. Ich bin den ganzen Nachmittag in der Wiederaufbau-Halle, aber ich kann ihn heute Abend fragen.«

Wiederaufbau. Das Zusammensetzen des Flugzeugs, wie es vor dem Unfall gewesen war. Ein völliger Wiederaufbau verlangt einen ungeheuren Aufwand an Zeit, Geld und Arbeitskraft, wovon die NTSB sehr wenig hat. Er wird nicht bei jedem Großunfall gemacht, sondern nur, wenn das öffentliche Geschrei es verlangt. Bei TWA 800 war ein Wiederaufbau gemacht worden, weil die Briten es mit der PanAm 102 gemacht hatten und die NTSB sich nicht gern übertrumpfen ließ.

Bei fünfzig toten Studenten war der Wiederaufbau ein Muss.

In den vergangenen zwei Wochen hatten Lastwagen die Wrackteile der TransSouth Air 228 über die Berge in einen angemieteten Hangar auf dem Flughafen von Asheville transportiert. Die Teile wurden entsprechend ihrer Positionen an der Fokker-100 auf Gitternetzen aufgelegt. Teile, die nicht mit spezifischen Abschnitten des Flugzeugs in Verbindung gebracht werden konnten, wurden anhand ihres Strukturtyps sortiert. Nicht identifizierbare Teile wurden nach ihrer Fundstelle sortiert.

Wenn dann jedes Teilchen katalogisiert und einer Reihe von Tests unterzogen war, würden sie auf einem Rahmen aus Holz und Draht wieder zusammengefügt werden. Mit der Zeit würde so ein Flugzeug Gestalt annehmen, wie in einer rückwärts laufenden Zeitlupe, in der sich Millionen von Fragmenten zu einem wieder erkennbaren Objekt zusammenfügen.

Ich war bei anderen Abstürzen in solchen Wiederaufbau-Hallen gewesen und konnte mir die mühselige Prozedur deshalb vorstellen. In diesem Fall würde es etwas schneller gehen, weil die TransSouth Air 228 sich nicht in den Boden gerammt hatte. Sie war in der Luft zerbrochen und dann in großen Trümmern zur Erde getaumelt.

Aber sehen konnte ich das alles nicht. Man hatte mich verbannt. Anscheinend stand mir die Verzweiflung deutlich ins Gesicht geschrieben.

»Ich kann die Besprechung auch ausfallen lassen.« Ryan legte mir die Hand auf die Schulter.

»Ich bin okay.«

»Was hast du heute Nachmittag vor?«

»Erst bleibe ich hier sitzen und beende mein Mittagessen mit Boyd. Dann fahre ich in die Stadt und kaufe Hundefutter, Rasierer und Shampoo.«

»Stehst du das durch?«

»Vielleicht kriege ich Schwierigkeiten, die mit der Doppelklinge zu finden. Aber ich bleibe hartnäckig.«

»Du kannst einem ganz schön auf die Nerven gehen, Brennan.«

»Siehst du. Mir geht’s gut.«

Ich schaffte ein schwaches Lächeln.

»Geh zu deiner Besprechung.«

Als er verschwunden war, gab ich Boyd die letzten Pommes.

»Irgendwelche Lieblingsmarken?«, fragte ich.

Er antwortete nicht.

Ich vermutete, dass Boyd außer gekochten Eiern so ziemlich alles fraß.

Gerade stopfte ich Sandwich- und Pommes-Hüllen in die braune Einkaufstüte, als Ruby aus der Tür geschossen kam und mich am Arm packte.

»Kommen Sie! Kommen Sie schnell!«

»Was ist –«

Sie zerrte mich von der Schaukel und ins Haus. Boyd trottete hinter mir her und schnappte nach meinen Jeans. Ich war mir nicht sicher, ob es Rubys Drängen war, was ihn so erregte, oder die Tatsache, dass er eine verbotene Zone betreten durfte.

Ruby zerrte mich direkt in die Küche, wo ein Bügelbrett mit einer Levi’s darauf stand. Darunter sah ich einen Weidenkorb, der überquoll vor zerknitterter Wäsche. Sauber gebügelte Kleidung hing an jedem Schranktürknauf.

Ruby deutete auf einen kleinen Schwarzweißfernseher auf einer Anrichte gegenüber dem Bügelbrett. Ein Laufband am unteren Rand des Bildschirms kündigte wichtige Nachrichten an. Ein Sprecher verlas mit grimmigem Gesicht und ernster Stimme die Meldung. Obwohl der Empfang schlecht war, hatte ich keine Schwierigkeiten, die Gestalt hinter seiner linken Schulter zu erkennen.

Meine Umgebung versank. Ich registrierte nur noch die Stimme und das verschneite Bild.

»… aus Insider-Kreisen verlautete, dass eine Anthropologin entlassen wurde und Ermittlungen im Gange sind. Noch wurde keine Anklage erhoben, und es ist nicht klar, ob die Absturzermittlungen beeinträchtigt oder die Opferidentifikation in Mitleidenschaft gezogen wurden. Dr. Larke Tyrell, der Oberste Leichenbeschauer von North Carolina, hatte auf Anfrage keinen Kommentar. In anderen Nachrichten…«

»Das sind Sie, nicht?«

Ruby brachte mich in die Wirklichkeit zurück.

»Ja«, sagte ich.

Boyd hatte aufgehört, durch die Küche zu rennen, und beschnupperte den Boden unter dem Waschbecken. Er hob den Kopf, als ich sprach.

»Was sagt er da?« Rubys Augen waren groß wie Frisbees.

Etwas in mir machte klick, und ich brauste auf.

»Es ist ein Missverständnis. Ein verdammtes Missverständnis.« Es war meine Stimme, schrill und barsch, obwohl ich die Worte nicht bewusst ausgesprochen hatte.

Plötzlich wurde es heiß in der Küche, der Geruch nach Dampf und Weichspüler machte die Luft stickig. Ich drehte mich um und stürzte zur Tür.

Boyd rannte hinter mir her, und seine Pfoten flogen über den Teppich, als wir den Korridor entlangliefen. Ruby musste wohl denken, ich sei vom Satan besessen.

Als ich die Autotür öffnete, sprang Boyd hinten hinein, setzte sich auf den Rücksitz und steckte den Kopf in die Lücke zwischen den Vordersitzen. Ich hatte nicht die Willenskraft, ihn zu stoppen.

Ich setzte mich hinters Steuer und atmete ein paar Mal tief durch, weil ich hoffte, so eine Seite in meinem Bewusstsein umzublättern. Mein Herzschlag normalisierte sich. Ich bekam ein schlechtes Gewissen wegen meines Ausbruchs, aber ich brachte es nicht über mich, in die Küche zurückzukehren, um mich zu entschuldigen.

Boyd wählte genau diesen Augenblick, um mein Ohr zu lecken.

Wenigstens zieht der Chow-Chow meine Integrität nicht in Zweifel, dachte ich.

»Fahren wir.«

Während der Fahrt nach Bryson City beantwortete ich Anruf um Anruf auf meinem Handy; jeder kam von einem Reporter. Nach sieben »Kein Kommentar« schaltete ich es aus.

Boyd wechselte zwischen seinem Platz in der Mitte und dem linken hinteren Fenster hin und her und reagierte mit demselben tiefen Knurren auf Autos, Fußgänger und andere Tiere. Nach einer Weile hörte er auf, jedem zu demonstrieren, was für ein Kerl er war, und starrte nur friedlich nach draußen, während die Bilder und die Geräusche der Berge an uns vorbeizogen.

Ich fand alles, was ich brauchte, in einem Ingles-Supermarkt am Südrand der Stadt. Herbal Essence und Gillette Good News für mich, Kubbles N’Bites für Boyd. Ich spendierte ihm sogar noch eine Schachtel Milkbone-Jumbos.

Ein wenig aufgeheitert, weil ich die Rasierer bekommen hatte, beschloss ich, einen Ausflug zu machen.

Knapp fünf Kilometer hinter Bryson City wird aus der Everett Street eine Panoramastraße, die sich über dem Nordufer des Lake Fontana durch den Great Smoky Mountains National Park windet. Offiziell heißt dieser Highway Lakeview Drive. Die Einheimischen nennen ihn nur die Straße nach Nirgendwo.

In den 1940ern führte eine zweispurige Teerstraße von Bryson City an den Flüssen Tuckasegee und Little Tennessee vorbei zum Deals Gap in der Nähe der Staatsgrenze von Tennessee. Da man erkannte, dass das Aufstauen des Lake Fontana den Highway überfluten würde, versprach die TDA eine neue Straße entlang des Nordufers. 1943 wurde mit den Bauarbeiten begonnen, und sogar ein vierhundert Meter langer Tunnel wurde noch gegraben. Dann hörte plötzlich alles auf, und Swain County saß da mit einer Straße, einem Tunnel nach Nirgendwo und mit verletztem Stolz, weil es in der universellen Ordnung der Dinge so wenig zählte.

»Willst du eine Spazierfahrt machen, Junge?«

Boyd zeigte seine Begeisterung, indem er mir die Schnauze auf die rechte Schulter legte und meine Wange leckte. Eine Sache, die ich an ihm sehr bewunderte, war sein liebenswürdiges Wesen.

Die Fahrt war schön und der Tunnel ein perfektes Denkmal für staatliche Torheit. Boyd gefiel es, von einem Ende zum anderen zu laufen, während ich in der Mitte stand und ihm zuschaute.

Obwohl mich der Ausflug etwas aufheiterte, war meine Stimmungsverbesserung nur von kurzer Dauer. Kurz nachdem ich den Nationalpark wieder verlassen hatte, gab mein Motor ein merkwürdiges Klingeln von sich. Drei Kilometer vor der Stadtgrenze klingelte er noch einmal, krachte heftig und verlegte sich dann auf ein andauerndes lautes, ratschendes Geräusch.

Ich fuhr aufs Bankett, schaltete den Motor ab, legte die Arme ums Lenkrad und stützte die Stirn darauf. Meine vorübergehende Aufheiterung ging nun wieder unter in Verzagtheit und Angst.

War dies eine normale Panne, oder hatte sich jemand an meinem Auto zu schaffen gemacht? …