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C. J. Daugherty - „Und Gewissheit wirst du haben“

Night School Band 5

ISBN: 9-783-789-13337-4

 

Klapptentext:

Nicht nur, dass sie ihre Großmutter schmerzlich vermisst, auch die NIGHT SCHOOL droht ohne Lucindas führende Hand nun gänzlich auseinanderzubrechen. Allie ist mehr denn je davon überzeugt, dass jeder, den sie liebt, sterben muss. Da wendet sich das Blatt: Studenten aus allen Teilen der Welt reisen an, um sich dem Kampf gegen Nathaniel anzuschließen. Sogar Allies Bruder Christopher will die Seiten wechseln und Nathaniel verlassen. Aber Allie weiß nicht, ob sie ihm trauen kann.

 

Inhalt:

Allie hat ihre Großmutter verloren. - Sie trauert umd diese großartige Frau aber auch um ihren entführten Freund Carter. Der sitzt nun bei Nathaniel in einem Keller und hofft darauf, dass Allie den Schrieb von Nathaniel unterzeichnet, dass er am Leben bleiben kann.

Doch Allie denkt nicht daran ihre Unterschrift unter dieses Papier zu setzen. Zu sehr würde sie der Verlust der Schule schmerzen. Klar, auf die Organisation kann sie verzichten, aber eben nicht auf das Schulgebäude und und die gewohnte Umgebung.

Es ist schwer, in einen normalen Schulalltag hinein zu finden. Die Klassen sind mächtig geschrumpft und ständig muss man die Attacken von Nathaniel und seinen Leuten fürchten. - Doch auch die Chimera hat aufgerüstet. Mit Computern und High Tech geht es nun in den Kampf gegen Nathaniel, den sie dann mit einer Liste ködern, um ihre Schule behalten zu können.

 

Leseprobe:

… Charlotte war etwa so groß wie Allie und trug das schulterlange, goldbraune Haar zu einem Pferdeschwanz gebunden. Ihren ernsten, grünbraunen Augen schien nichts zu entgehen. Alec war ein wortkarger Schlaks mit dunklem Haar und Brille. Beide sahen aus wie dreizehn.

Sie standen vor dem Schulgebäude und warteten auf Allie, die verzweifelt versuchte, den Empfänger am Ohr anzubringen, was sich, obwohl er recht klein war, gar nicht so einfach gestaltete. Während sie noch mit dem Gerät kämpfte, waren die meisten anderen Gruppen schon in ihre Sektoren unterwegs, andere blieben noch, weil sie Fragen hatten oder noch mal die Regeln durchgehen wollten.

»Mist«, brummte Allie, als der Ohrstöpsel zum x-ten Mal rausfiel.

»Versuch’s mal andersrum«, schlug Alec vor.

Leise vor sich hin grummelnd, befolgte sie seinen Rat, und plötzlich saß er perfekt.

»Danke«, sagte sie und sah den Jungen zum ersten Mal genauer an. Irgendwie kam er ihr bekannt vor.

»Dich kenne ich doch.«

Alec wurde rot. »Neulich Nacht«, stammelte er, »da hab ich mich verlaufen, und ihr habt mich zurückgebracht.«

Sofort erinnerte Allie sich wieder an den Jungen, den die beiden Bodyguards durch die Finsternis geschleppt hatten. Die Brille zerbrochen. Blasses, verschrecktes Gesicht.

»Ach, du warst das?«

Er zuckte die Achseln und blickte auf seine Füße. »Ich konnte Zoes Tempo nicht mithalten. Die läuft einfach zu schnell.«

»Wo du recht hast, hast du recht«, erwiderte Allie trocken. »Aber oben bei Dom hab ich dich doch auch gesehen, oder?«

»Ja.« Unter seinen dichten, geraden Brauen schaute er zu ihr hinauf. »Zu Hause vertreib ich mir die Zeit mit Hacken. Zum Spaß, weißt du. Spiele und so.«

Allie versuchte sich vorzustellen, wie sie sich in seinem Alter mit Computer-Hacken die Zeit vertrieben hätte. Einfach undenkbar.

Mittlerweile waren alle anderen Schülertrupps Richtung Wald aufgebrochen.

»Wir müssen langsam mal los«, sagte sie. »Wir haben Sektor 6, das ist unten bei der Kapelle. Wir laufen langsam und gleichmäßig. Ihr weicht mir nicht von der Seite. Und verlauft euch nicht.« Sie warf Alec einen Blick zu. »Wenn alles gut geht, kommen wir alle heil zurück. Wir müssen nur die nächsten beiden Stunden überstehen.«

Keine besonders inspirierende Ansprache, das wusste sie selbst. Doch mehr war in Anbetracht der Umstände nicht drin.

Sie joggten los über die weite Rasenfläche.

Die Nacht war klar und kühl. Knapp über dem Horizont stand die schmale Sichel des Mondes und leuchtete erstaunlich hell, über den Bäumen schimmerten die Sterne.

»Ich sehe kaum was«, sagte Charlotte.

»Deine Augen werden sich daran gewöhnen«, erwiderte Allie. Sie drosselte das Tempo ein wenig, damit die beiden mehr Zeit hatten, sich in der nächtlichen Finsternis zurechtzufinden.

Sie nutzte die Gelegenheit, um sich ihre Schützlinge näher anzusehen.

Charlotte war alles andere als schlank, genauer gesagt ein Pummelchen mit Pausbacken, trotzdem hielt sie gut mit. Ihr Stil war geschmeidig, als wäre sie zum Laufen geboren – wie Allie.

Alec machte als Erster schlapp. Schon nach wenigen Minuten japste er nach Luft.

»Versuch, mehr aus dem Zwerchfell zu atmen«, riet Allie ihm.

»Und das bedeutet?«, nörgelte er keuchend.

»Das bedeutet, dass du tief einatmen sollst«, erwiderte sie. »Nutz deine gesamte Lunge. Da ist jede Menge Raum. Oder hast du Asthma?«

»Ich hab kein Asthma.« Er wich ihrem Blick aus. Offenbar war er verlegen. Irgendwie schien ihn alles verlegen zu machen. Ein hoffnungsloser Fall von Unbeholfenheit.

Allie zwang sich zur Geduld. Sie versuchte, sich bewusst zu machen, wie sie selbst lief.

»Du musst einen Rhythmus finden. Atme ein und dann aus, bei jedem zweiten Schritt. Also einatmen, linker Fuß, rechter Fuß. Dann ausatmen, linker Fuß, rechter Fuß.« Sie joggte neben ihm her und sah kritisch zu, während Alec mit unübersehbarem Unwillen ihre Methode ausprobierte.

Obwohl sie keine Probleme hatte, machte auch Charlotte mit. Sie atmete in dem Rhythmus, den Allie vorgeführt hatte, und behielt Alec im Auge.

Allie begann, sie zu mögen.

»Besser so?«, fragte sie.

Der Junge zuckte die Schultern. »Hm, weiß nicht.«

Doch er sah schon viel besser aus, und sein Gesicht war etwas weniger knallrot.

»Prima.« Allie tat so, als hätte er sich für die Hilfestellung bedankt. Dadurch fiel es ihr leichter, ihm keine reinzuhauen. »Jetzt arbeite an deinen Füßen. Nicht so: bomm-bomm-bomm. Sondern so: Ferse-Zeh, Ferse-Zeh.«

»Oh, Mann«, maulte er.

Allie, der jetzt langsam der Geduldsfaden riss, beschleunigte, bis sie neben Charlotte herlief.

»Und? Kommst du klar, Charlotte?«

»Nenn mich doch Charlie«, sagte das Mädchen schüchtern. »Charlotte sagt nur meine Mutter.«

Allie musste lächeln. Genau das Gleiche hatte sie selbst mindestens eine Million Mal gesagt.

»Okay, Charlie.«

Sobald sie im Wald waren, wurde es viel dunkler. Der kalte Mondschein drang kaum durch die Baumwipfel. Die einzigen Geräusche waren das Tappen ihrer Füße und das raue Keuchen von Alecs unregelmäßigem Atem.

Allie lief nun ein Stückchen vorneweg, um rechtzeitig jedes Anzeichen von Gefahr zu erkennen. Das Tempo war viel langsamer als gewohnt, und sie wäre gern schneller gelaufen. Aber sie wollte auch nicht, dass Alec zusammenbrach oder Charlie sich den Knöchel verstauchte. Und so brauchten sie eine geschlagene Viertelstunde, bis sie die Kapelle erreichten.

Obwohl sie damit schon jetzt dem Zeitplan hinterherhinkten, versuchte Allie, positiv zu klingen, als sie leise verkündete: »Das ist unser Sektor.«

Die jüngeren Schüler tauschten ratlose Blicke.

»Äh … und was jetzt?«, fragte Alec.

»Wir suchen jetzt so leise wie möglich unseren Sektor ab und achten auf alles, was uns ungewöhnlich vorkommt.«

»Zum Beispiel?«

»Anzeichen für ein blutiges Gemetzel oder so. Denk dir was Hübsches aus.«

»Au weia!«, brummte er. »Wie Panne ist das denn?«

Ich will nie, nie, niemals Lehrer werden, schwor Allie sich.

Das Tor zum Friedhof war fest verschlossen, doch Allie entschied, trotzdem dort und in der Kapelle nachzusehen. Nur für den Fall …

Sie schob den metallisch klappernden Riegel hoch. Knarrend öffnete sich die Tür.

Der Friedhof lag still da. Der Geruch von frisch gemähtem Gras war verflogen. Allie vermied es, in Richtung von Lucindas Grab zu schauen.

Kühl und diszipliniert scannte sie den Friedhof auf Ungewöhnliches, doch alles war unverändert.

Mit ihren Schützlingen im Schlepptau schlug sie den Pfad zur Kapelle ein. Es kostete sie einige Anstrengung, den Eisenring, der als Türgriff diente, zu drehen.

Drinnen herrschte völlige Finsternis. Und da es keinen Stromanschluss gab, konnten sie auch kein Licht einschalten.

Allie holte ihre Taschenlampe heraus.

»Was – du hast die ganze Zeit eine Taschenlampe dabeigehabt?«, rief Alec ungläubig.

»Pssst!«, fuhr Allie ihn an.

Sie ließ den Strahl der Lampe in der Kapelle umherwandern, über die Wandgemälde – den Drachen, den Baum des Lebens – und die akkurat ausgerichteten Kirchenbänke, die auf den nächsten Gottesdienst warteten – oder auf den nächsten Toten.

Der leichte Lilienduft, der noch in der Luft hing, erinnerte sie an die Hunderte Blumen, die vor nicht langer Zeit hier gestanden hatten.

Doch jetzt war die Kapelle verlassen.

»Die Luft ist rein. Gehen wir.« Sie knipste die Lampe aus.

Im selben Augenblick hörten sie es. Ein Huschen.

Allie lief es kalt den Rücken herunter. Ihr war nichts Verdächtiges aufgefallen.

Charlie schnappte hörbar nach Luft.

Rasch knipste sie ihre Taschenlampe wieder an und richtete den Strahl auf den rückwärtigen Teil der Kapelle. Nichts.

Da hörten sie das Geräusch wieder. Wie Hände, die gegen eine Mauer schlagen, ganz leise. Oder wie Fingernägel auf Stein.

Es klang nicht … menschlich.

Plötzlich kam etwas aus der Dunkelheit direkt in den Lichtstrahl geflogen. Allie machte einen Satz und ließ die Lampe fallen.

Charlotte entfuhr ein unterdrückter Schrei. Alec packte sie und zog sie zur Seite.

Das Ding flatterte um Allies Gesicht herum und streifte mit den Häuten seines Flügels ihr Gesicht.

Ihr schlug das Herz bis zum Hals, sie schnappte nach Luft.

Als sie sah, dass die anderen völlig verschreckt waren, zwang sie sich, regelmäßig zu atmen.

»Ist nur eine Fledermaus, Leute«, sagte sie.

»Nur eine Fledermaus?«, fauchte Charlie so ungläubig, als hätte Allie gesagt, es sei nur ein Triceratops gewesen.

Warum auch immer, Allie fand das so zum Brüllen, dass sie ihr Lachen unterdrücken musste.

Die anderen beiden starrten sie an.

»Tut mir leid«, flüsterte sie und kriegte sich wieder ein. »Keine Gefahr, Ehrenwort.«

Sie hob die Taschenlampe vom Boden auf und zog die Tür hinter ihnen zu. In Kolonne, Allie vorneweg, gingen sie zum Tor zurück, das sie offen gelassen hatten.

Die Erleichterung nach einer Schrecksekunde kann leichtsinnig machen. Das berauschende Gefühl, die Gefahr überstanden zu haben, verdrängt einen Moment lang alle Angst, die Wachsamkeit lässt nach.

Vielleicht bemerkte sie ihn deshalb erst, als sie das Tor erreichten.

Er stand gleich auf der anderen Seite, im Schatten. Das Mondlicht ließ sein Haar blond erscheinen.

»Allie«, sagte er. »Du bist’s wirklich.«

Charlie schrie vor Schreck auf, sprang rückwärts und stieß gegen Alec, der sie gerade noch auffing.

Allie tat gar nichts. Stand einfach nur wie angewurzelt da und starrte den Mann unter dem Torbogen an.

»Christopher?« …