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Susanne Erpenbeck - „Gehen ging gegangen“

ISBN: 9-783-81350-370-8

 

Klappentext:

Entdeckungsreise zu einer Welt, die zum Schweigen verurteilt, aber mitten unter uns ist Wie erträgt man das Vergehen der Zeit, wenn man zur Untätigkeit gezwungen ist? Wie geht man um mit dem Verlust derer, die man geliebt hat? Wer trägt das Erbe weiter? Richard, emeritierter Professor, kommt durch die zufällige Begegnung mit den Asylsuchenden auf dem Oranienplatz auf die Idee, die Antworten auf seine Fragen dort zu suchen, wo sonst niemand sie sucht: bei jenen jungen Flüchtlingen aus Afrika, die in Berlin gestrandet und seit Jahren zum Warten verurteilt sind. Und plötzlich schaut diese Welt ihn an, den Bewohner des alten Europas, und weiß womöglich besser als er selbst, wer er eigentlich ist. Jenny Erpenbeck erzählt auf ihre unnachahmliche Weise eine Geschichte vom Wegsehen und Hinsehen, von Tod und Krieg, vom ewigen Warten und von all dem, was unter der Oberfläche verborgen liegt.

 

Inhalt:

Richard, pensionierter Professor, hat nun plötzlich viel Zeit im Leben. Er wird auf die Asylbewerber, welche auf dem Oranienplatz gegen ihre Situation protestieren. Als sie von dort in ein Heim einquartiert werden, sucht er den Kontakt zu ihnen. Er möchte ihren Alltag kennen lernen, möchte ihre Fluchtgründe wissen. Er geht mit zum Deutschunterricht und ist am Ende sogar Lehrer für zwei Menschen, die schon vortgeschritten sind.

Doch dann eskaliert die Situation. Die Männer sollen in ein anderes Heim ziehen. Das bedeutet, dass man mit vielem von vorne anfangen muss. - Eine Windpockeninfektion kann den Umzug verhindern.

Doch dann bekommen die Männer ihren Antrag abgelehnt. Sie sollen die Heimreise wieder antreten, müssen aus dem Heim ausziehen und verlieren sämtlichen Anspruch auf staatliche Unterstützung. - Der Professor und seine Freunde versuchen so viele Menschen wie möglich in Deutschland unterzubringen. Dem einen jungen Mann kauft er sogar von seinem Ersparten ein Stück Land in seinem Land...

 

Leseprobe:

… Weißt du, dass es in Berlin einmal eine Mauer gab, die den einen Teil der Stadt vom andern getrennt hat?

I don’t know.

Einige Jahre nach dem Krieg wurde sie hier gebaut. Weißt du, dass es hier einmal Krieg gab?

No.

Einen Weltkrieg?

No.

Hast du den Namen Hitler schon einmal gehört?

Who?

Hitler, der den Krieg begonnen und all die jüdischen Menschen umgebracht hat?

He killed people?

Ja, er hat Menschen getötet – aber nur ein paar, sagt Richard schnell, denn schon tut es ihm leid, dass er sich beinahe dazu hätte hinreißen lassen, diesem Jungen, der gerade vor dem Schlachten in Libyen geflohen ist, vom Schlachten hier zu erzählen. Nein, Richard wird diesem Jungen nie davon erzählen, dass in Deutschland, gerade mal ein Lebensalter entfernt, das fabrikmäßige Ermorden von Menschen erfunden wurde. Er schämt sich dafür plötzlich so sehr, als sei das, was jeder hier in Europa weiß, sein ganz persönliches, niemandem auf der Welt zumutbares Geheimnis. Und gleich darauf, um nichts weniger heftig, trifft ihn seine eigene Hoffnung, durch die Ahnungslosigkeit dieses Jungen selbst noch einmal in ein Deutschland vor alldem versetzt zu werden, das schon, und auf immer, verloren war zur Zeit seiner Geburt. Deutschland is beautiful. Schön wäre das. Schön ist gar kein Ausdruck dafür.

 

Dann sind sie da. Der Vorraum, der Flur, die Küche, das Wohnzimmer mit Durchblick zur Bibliothek, die Treppe nach oben.

Du lebst hier mit deiner Familie?

Meine Frau lebt nicht mehr, antwortet Richard.

Oh, sorry. Du hast Kinder?

Nein.

Du lebst hier ganz allein?

Ja, sagt Richard. Komm, ich zeige dir das Klavier.

Das Klavier steht in dem kleinen Zimmer neben dem Eingang, von Richard und seiner Frau das Musikzimmergenannt. Seine Frau, Bratschistin bis zur Auflösung ihres Orchesters, hat hier früher geübt. Manchmal hat Richard sie auf dem Klavier begleitet, aber das alles ist schon eine Ewigkeit her. In letzter Zeit betritt er das Zimmer eigentlich nur noch, um für seinen Steuerberater die Rechnungen und Verträge zusammenzusuchen. In den Regalen ringsum stehen Aktenordner und Mappen, auch Fotoalben, alte Tonbänder, alte Kassetten, alte Schallplatten und ein paar Noten.

Richard klappt den staubigen Deckel des Instruments auf, räumt den Klavierhocker, auf dem ein Papierstapel liegt, frei und fragt: Brauchst du Noten?

Er weiß nicht, ob der Junge wirklich Klavier spielen kann. Aber vielleicht hat er ja irgendwo in Libyen gekellnert, und der Barpianist hat ihm Stunden gegeben. Oder Osarobo hat an einem Klavier, das irgendwo stand, selbst zu improvisieren begonnen.

Bach? Mozart? Jazz? Oder Blues?

Osarobo schüttelt den Kopf.

Gut, dann lass ich dich jetzt hier allein. Komm, setz dich.

Der Junge setzt sich auf den Hocker und schaut Richard nach, als der ihm zunickt, den Raum dann verlässt und die Tür hinter sich schließt.

 

Richard hat gerade das Wohnzimmer erreicht, als er die ersten Töne hört. Mal einen, mal zwei, mal drei schlägt Osarobo an, Dissonanzen, mal hoch, mal tief, wieder und wieder. Das ist kein Johann Sebastian Bach, ist auch kein Mozart, kein Jazz und kein Blues. Osarobo hat noch nie zuvor in seinem Leben ein Klavier berührt, soviel ist sicher. Richard legt sich mit einer Zeitung aufs Sofa, liest ein, zwei Artikel, dann wird er müde, schläft unter der Kamelhaardecke ein, in seinen Vormittagstraum fallen die Töne, mal einer, mal zwei, mal drei, sie reiben sich aneinander, sind wieder still, versuchen es hier noch einmal und da, und die Stille zwischen den Tönen ist immer lebendig, so als würde der eine Missklang dem nächsten etwas erzählen, und der nächste nachfragen, und der dritte einen Moment lang abwarten. Als Richard irgendwann wieder aufwacht, blättert er weiter in seiner Zeitung. Ungefähr sieben Jahre hat er als Kind gebraucht, bis er sich beim Klavierspielen selber zuhören konnte und begriff, dass das, was er machte, Musik war. Wahrscheinlich wird überhaupt erst durch das eigene Zuhören aus den Tönen Musik. Was Osarobo da spielt, ist nicht Bach, nicht Mozart, nicht Jazz oder Blues, aber Richard kann Osarobos eigenes Zuhören hören, und dieses Zuhören macht für ihn aus den krummen und schiefen, beißenden, stolpernden, unreinen Tönen etwas, das, bei aller Willkür, dennoch schön ist. Er legt die Zeitung beiseite, geht in die Küche und setzt Kaffeewasser auf. Erst jetzt wird ihm bewusst, wie lange sein Alltag schon ohne andere Geräusche ist, als die, die er selbst macht. Am zufriedensten ist er früher, in seinem alten Leben, gewesen, wenn seine Frau Bratsche übte, während er ein Zimmer weiter am Schreibtisch saß und an einem Vortrag oder Artikel schrieb. Glück des Paralleluniversums, hat er das seiner Frau gegenüber immer genannt. Sie aber beharrte, vor allem in den späteren Jahren, immer darauf, dass für das vollständige Glück einer Ehe der eine den anderen mindestens ansehen müsse, eigentlich aber berühren. Diese Diskussionen hatten leider weder sein noch ihr Glück vermehrt.

In seiner Kindheit hatte seine Mutter manchmal gebügelt, während er am Klavier saß und übte, deshalb meint er noch heute, wenn er Bachs Inventionen im Radio hört, es rieche plötzlich nach frischgewaschener Wäsche.

Als das Wasser kocht, geht er nach vorn, klopft an und fragt Osarobo, ob er auch gern Kaffee hätte? Oder Tee? Oder Wasser? Osarobo schüttelt den Kopf.

Macht dir das Klavierspielen Spaß?

Ja.

Ich bring dir ein Glas Wasser.

Er stellt das Glas links neben dem tiefen A ab und zeigt Osarobo, wie man die fünf Finger einer Hand der Reihe nach auf die Tasten setzt. Für jeden Finger ist eine Taste. Die Finger sind schwach und knicken um, und der kleine Finger wird von Osarobo gleich ganz vergessen. Aber das macht nichts. Nochmal. Und nochmal. Hier in der Mitte das Schlüsselloch für den Klavierdeckel, hier das eingestrichene C. Und dass die Hand schwer sein muss. Osarobos Hand ist nicht schwer. Lass sie fallen. Die Hand wird nicht schwer, warum? Weil Osarobo nicht loslässt, lass sie fallen, es geht nicht. Der schwarze und der weiße Mann schauen auf diesen schwarzen Arm und diese schwarze Hand wie auf etwas, das ihnen beiden Probleme bereitet, deine Hand hat ein Gewicht, Osarobo schüttelt den Kopf, doch, ganz sicher, lass sie fallen, Richard wiegt den Ellenbogen von unten und sieht die Narben auf diesem Arm, den sein Inhaber unter Kontrolle behalten will, die Hand ist jederzeit bereit, zurück zu zucken, die Hand hat Angst, die Hand ist fremd hier und kennt sich nicht aus. Lass sie fallen. Richard denkt daran, wie sich Osarobo letzten Freitag in dem Café an seinem Handrücken gezupft hat, an der schwarzen Haut, in die er für sein Leben gesteckt ist. Mit aller Anstrengung erreicht Osarobo nicht, dass die Anstrengung aufhört. Wo beginnt Mozart?

Und weil drei Stunden schon beinahe um sind, fragt Richard den Jungen, ob er gern Pizza essen würde, no problem, sagt Osarobo. Während Richard hinausgeht, die tiefgefrorene Pizza in den Ofen schiebt und den Tisch deckt für zwei, wie schon lange nicht mehr, hört er die fünf Töne schon in der richtigen Folge, ein Ton pro Finger, und dann eine Pause, und dann wieder die fünf Töne und wieder. Die linke Hand auch, ruft er, und weil Osarobo ihn nicht versteht, geht er noch einmal hin und zeigt ihm, dass die linke Hand die Übungen genauso wie die rechte machen muss, nur spiegelverkehrt.

 

Osarobo isst nur ein kleines Stück Pizza, mehr mag er nicht, danke. Und Wasser, ja, aus dem Wasserhahn, ja, ohne Sprudel.

Weißt du, wie du jetzt wieder zum Heim zurückkommst?

I don’t know.

Richard holt einen Stadtplan, zeigt Osarobo auf dem ausklappbaren Sonderteil des Berliner Stadtplans den Namen der Vorstadt, dann seine Straße und fährt mit dem Finger über die Linien: Hier musst du links gehen, dann die Soundso-Straße, hier an der Seite vom Platz entlang, dann rechts einbiegen und schließlich zum Heim hinüber. Und dann sieht er, wie Osarobo die Karte zu verstehen versucht, und dann weiß er, dass Osarobo, der von Niger über Libyen nach Italien und von Italien bis nach Berlin gekommen ist, noch nie von irgendeiner Stadt einen Stadtplan und noch nie von irgendeinem Land eine Landkarte gesehen hat.

Und dann steht er mit Osarobo gemeinsam auf, zieht sich die braunen Schuhe an, die am bequemsten sind, und begleitet ihn auch auf dem Rückweg. …