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Kim Harrison - „Blutspur“

ISBN: 9-783-45352-853-6

 

Klappentext:

Rachel Morgans erster Fall kostet sie beinahe Kopf und Kragen: Kaum hat sie sich gemeinsam mit der Vampirin Ivy und dem vorlauten Pixie Jenks als Kopfgeldjägerin selbstständig gemacht, hat sie auch schon ein Killerkommando am Hals. Nur ein Mann kann ihr jetzt noch helfen, doch der ist dummerweise ihr Todfeind …

 

Inhalt:

Rachel Morgan ist unzufrieden. Mit ihren Aufträgen für die Organisation ist sie nicht ausgelastet und irgendwie fühlt sich sie gefangen in ihrer Position. - Sie will da raus und kündigt.

Das allerdings bringt ihr Morddrohungen ein und ein neues zu Hause in einer Kirche mit einer Vampirbraut als Mitbewohnerin. Außerdem fehlen ihr die Gehaltschecks und sie muss Geld verdienen. Deswegen legt sie sich gleich mit einer Bonze und einem Drogenboss an.

Rachel wandelt sich zu einem Nerz, beschafft sich Zugang zu seinem Büro, wird gefasst und findet sich am Ende bei Rattenkämpfen wieder. Hier allerdings trifft sie auf eine Ratte, die auch ein gewandelter Mensch ist. Die beiden können fliehen und kämpfen von nun an gemeinsam gegen dieses Unrecht. Das allerdings stellt sich als nicht sehr einfach heraus.

 

Leseprobe:

… »Hat der Typ aus dem Sekretariat mich wieder als Francis angemeldet? Dieser Mistkerl!« Ich schlug mit der Hand auf das Lenkrad. »Er macht das ständig, seit ich ihm einmal ein Date verweigert habe. Ich meine, wirklich, er hatte noch nicht mal einen Wagen! Er wollte mit mir mit dem Bus ins Kino fahren. Also echt«, quengelte ich, »sehe ich so aus, als würde ich Bus fahren?«

»Einen Moment bitte, Madam.« Er nahm den Telefonhörer ab und sprach hinein. Ich schickte ein kurzes Stoßgebet zum Himmel und versuchte, mein dämliches Grinsen aufrechtzuerhalten, während ich wartete. Der Pförtner nickte einmal, offenbar unbewusst, wirkte aber immer noch so unbeweglich wie ein Felsbrocken, als er sich mir wieder zuwandte.

»Die Einfahrt hoch«, wies er mich an, »bis zum dritten Gebäude auf der rechten Seite. Sie können auf dem Besucherparkplatz direkt vor der Eingangstreppe parken.«

»Vielen Dank«, flötete ich fröhlich und fuhr ruckartig an, sobald sich die weiße Schranke hob. Im Rückspiegel beobachtete ich den Pförtner, wie er in sein Häuschen zurückging. »Das war kinderleicht«, murmelte ich.

»Rauszukommen wird schwieriger sein«, erwiderte Jenks trocken.

Die Einfahrt zog sich ungefähr drei Meilen durch einen verwunschenen Wald. Ich wurde zunehmend bedrückt, während ich zwischen den stummen Wächtern hindurchfuhr.

Trotz des überwältigenden Eindrucks von hohem Alter bekam ich das Gefühl, dass hier al es sorgfältig geplant worden war, bis hin zu den Überraschungen wie einem Wasserfall, der plötzlich hinter einer Kurve auftauchte.

Irgendwie enttäuscht fuhr ich weiter, bis der künstliche Wald von ausgedehntem Weideland abgelöst wurde. Eine zweite, wesentlich stärker befahrene Straße mündete in meinen Weg. Offenbar war ich durch eine Art Hintereingang gekommen. Ich folgte dem Verkehr und nahm schließlich eine Abzweigung, die mit »Besucherparkplatz«

gekennzeichnet war. Als ich um eine Kurve bog, tauchte endlich das Kalamack-Anwesen vor mir auf.

Das Gebäude war eine Festung, erbaut in einem architektonischen Mix aus modernem Bürogebäude und traditioneller Eleganz, mit Glastüren und Putten auf den Regenrinnen. Der graue Stein wurde durch die alten Bäume und prachtvollen Blumenrabatten optisch aufgehel t. An das dreistöckige Haupthaus schlossen sich einige niedrigere Gebäude an. Ich stel te den Wagen auf einem der Parkplätze ab, wobei mir nicht entging, dass die schnittige Karosse neben mir Francis' Schlitten wie ein Spielzeug aus einer Cornflakespackung aussehen ließ.

Ich warf Francis' Schlüsselbund in meine Tasche und beobachtete den Gärtner, der die Büsche rund um den Parkplatz beschnitt. »Wil st du immer noch, dass wir uns aufteilen?« Mit einem tiefen Atemzug schaute ich in den Rückspiegel und löste vorsichtig den Knoten, den ich in mein Haar gemacht hatte. »Ich habe kein gutes Gefühl dabei, nach der Geschichte am Pförtnerhaus.«

Jenks flitzte auf den Schaltknüppel und nahm seine übliche Peter-Pan-Pose ein. »Deine Besprechung dauert die regulären vierzig Minuten? Ich brauche nur zwanzig. Fal s ich nicht da bin, wenn du fertig bist, warte ungefähr eine Meile hinter dem Pförtnerhaus auf mich. Ich werde dich schon einholen.«

»Al es klar.« Ich beobachtete noch immer den Gärtner: Er trug Schuhe anstel e von Stiefeln. Und sie waren sauber.

Welcher Gärtner hatte schon saubere Schuhe? »Sei einfach vorsichtig«, bat ich und nickte dem kleinen Mann höflich zu.

»Irgendwas hier riecht komisch.«

Jenks kicherte. »Wenn ich es nicht mehr schaffe, einen Gärtner auszutricksen, werde ich besser Bäcker!«

»Gut, dann wünsch mir Glück.« Ich öffnete ihm das Fenster einen Spalt weit und stieg aus. Selbstbewusst stöckelte ich um Francis' Wagen herum, um mir den Schaden noch einmal anzuschauen. Wie Jenks gesagt hatte, war eins der Rücklichter zerbrochen und eine üble Beule verunstaltete das Heck. Schuldbewusst wandte ich mich ab, holte noch einmal tief Luft und ging dann zielstrebig auf die Doppeltüren zu.

Als ich mich näherte, kam ein Mann aus einer Nische hervor. Erschrocken blieb ich stehen. Er war so groß, dass man ihn mit einem Blick nicht ganz erfassen konnte, und so dünn, dass er mich an einen europäischen Flüchtling aus der Nach-Wandel-Zeit erinnerte. Steif, korrekt und arrogant. Der Mann hatte sogar eine Hakennase, und ein ständiges Stirnrunzeln schien in seinem faltigen Gesicht festzementiert zu sein. Sein pechschwarzes Haar war nur an den Schläfen von Grau durchzogen. Die unauffälligen grauen Hosen und das weiße Hemd saßen tadellos. Unwil kürlich richtete ich den Kragen meiner Bluse. »Ms. Francine Percy?« Sein Lächeln war hohl und seine Stimme hatte einen leicht sarkastischen Ton.

»Ja, guten Tag«, antwortete ich und gab dem Mann absichtlich einen schlaffen Händedruck. Seine Abneigung war ihm deutlich anzusehen. »Ich habe für heute Mittag eine Verabredung mit Mr. Kalamack.«

»Ich bin Jonathan, Mr. Kalamacks Publicityberater.«

Abgesehen von seiner überkorrekten Aussprache hatte der Mann keinen Akzent. »Wenn Sie mir bitte folgen wollen? Mr.

Kalamack wird Sie in seinem privaten Büro empfangen.«

Er musste blinzeln, seine Augen tränten plötzlich; wahrscheinlich von meinem Parfüm. Viel eicht hatte ich es damit etwas übertrieben, aber ich wollte nun mal auf keinen Fall Ivys Instinkte wecken.

Jonathan öffnete die Tür und ließ mir den Vortritt.

Überrascht stel te ich fest, dass das Gebäude innen wesentlich hel er wirkte als außen. Ich hatte eine Privatresidenz erwartet, aber das hier war etwas völlig anderes: Der Eingangsbereich sah aus wie das Hauptquartier eines beliebigen Großkonzerns, im üblichen Glas- und Marmordesign. Weiße Säulen stützten die weit entfernte Decke, und vor den beiden Treppenaufgängen, die in den zweiten und dritten Stock führten, prunkte ein eindrucksvoll der Mahagonitisch, der im einfallenden Licht schimmerte. Entweder gab es hier raffinierte Oberlichter, oder Trent gab ein Vermögen für Tageslichtglühbirnen aus.

Ein weicher, grün gesprenkelter Teppich verschluckte jedes Echo. Gedämpfte Unterhaltungen und ein steter Menschenstrom zeigten, dass hier intensiv gearbeitet wurde.

»Hier entlang, Ms. Percy«, sagte mein Begleiter ruhig. Ich löste meinen Blick von den mannshohen eingetopften Zitrusbäumen und folgte Jonathan an dem Empfangstisch vorbei und durch einige Korridore. Je weiter wir kamen, desto niedriger wurden die Decken und desto gedämpfter war das Licht. Auch die Farben und Stoffe waren hier wärmer und wohnlicher. Kaum wahrnehmbar erfül te der beruhigende Klang von plätscherndem Wasser die Räumlichkeiten. Seitdem wir den Eingangsbereich verlassen hatten, war uns niemand mehr begegnet, und ich fühlte ein leichtes Unbehagen.

Wir hatten den öffentlichen Bereich verlassen und befanden uns nun in den Privaträumen. Was das wohl zu bedeuten hatte? Ich wurde endgültig nervös, als Jonathan stehen blieb und einen Finger an sein Ohr legte.

»Entschuldigen Sie mich«, murmelte er und trat ein paar Schritte zur Seite. Als er die Hand ans Ohr hob, bemerkte ich ein Mikrofon an seiner Armbanduhr. Beunruhigt versuchte ich zu verstehen, was er in das Mikro murmelte, und er drehte sich um, damit ich nicht von seinen Lippen lesen konnte.

»Ja, Sa'han«, flüsterte er respektvoll .

Ich hielt den Atem an, um kein Wort zu verpassen.

»Bei mir«, sagte er. »Man hat mir gesagt, Sie seien interessiert, und so habe ich mir erlaubt, sie zur hinteren Veranda zu bringen.« Jonathan bewegte sich unruhig von einem Fuß auf den anderen, dann warf er mir von der Seite einen ungläubigen Blick zu. »Sie?«

Ich war mir nicht sicher, ob ich das als Kompliment oder Beleidigung verstehen solte, also tat ich beschäftigt, indem ich meine Seidenstrümpfe zurechtzog und eine weitere Strähne aus meinem Haarknoten löste. Dabei fragte ich mich, ob sie eventuell den Kofferraum untersucht hatten. Mein Puls beschleunigte sich, als mir klar wurde, wie schnell das al es über mir zusammenbrechen konnte.

Seine Augen weiteten sich. »Sa'han«, sagt er alarmiert,

»bitte verzeihen Sie. Der Pförtner sagte -« Er brach ab und ich konnte beobachten, wie er sich versteifte, wohl aufgrund einer Zurechtweisung. »Ja, Sa'han«, sagte er und neigte den Kopf in einer unbewussten Geste der Unterwürfigkeit. »Das vordere Büro.«

Als er sich zu mir umdrehte, schien sich der große Mann wieder zu sammeln. Ich warf ihm ein strahlendes Lächeln zu, doch er starrte mich mit seinen blauen Augen so ausdruckslos an, als sei ich ein ungezogener Welpe auf einem neuen Teppich. »Wenn Sie bitte in diese Richtung zurückgehen möchten?«, bat er tonlos.

Während ich Jonathans unauffälligen Anweisungen folgte und so zum Eingangsbereich zurückkehrte, fühlte ich mich mehr als Gefangene denn als Gast. Er blieb die ganze Zeit direkt hinter mir. Das Ganze gefiel mir überhaupt nicht. Dass ich mich neben ihm winzig fühlte und meine Schritte das einzige Geräusch in den Gängen waren, verbesserte die Situation auch nicht gerade. Langsam wichen die weichen Farben und Wandverkleidungen wieder den Bürowänden und der al gemeinen Geschäftigkeit.

Noch immer drei Schritte hinter mir dirigierte mich Jonathan in einen kleinen Korridor, der direkt von der Lobby abzweigte und in dem sich zahlreiche Büros mit Milchglastüren befanden. Die meisten waren offen, sodass man die arbeitenden Angestel ten sehen konnte. Jonathan führte mich jedoch zu einem Büro am Ende des Flurs. Es schien fast so, als zögere er, bevor er die schwere Holztür öffnete. »Warten Sie bitte hier«, sagte er mit dem Hauch einer Drohung in seiner sonst so geschäftsmäßigen Stimme.

»Mr. Kalamack wird gleich zu Ihnen kommen. Fal s Sie etwas benötigen, finden Sie mich am Schreibtisch der Sekretärin.«

Er zeigte auf einen auffäl ig leeren Tisch, der in einer zurückgesetzten Nische stand. Ich dachte an Ms. Yolin Bates und wie sie vor drei Tagen kalt und starr bei der I. S.

eingeliefert worden war. Mein Lächeln wurde immer angestrengter. »Vielen Dank, Jon«, flötete ich. »Sie waren ganz reizend.«

»Mein Name ist Jonathan.« Energisch schloss er die Tür hinter mir, ich hörte jedoch kein Schloss einrasten.

Ich drehte mich um und ließ den Blick durch das Büro schweifen. Es wirkte al es ganz normal - eben das Büro eines stinkreichen Oberbosses. In der Wand neben seinem Schreibtisch war ein Pult mit elektronischem Equipment eingebaut, an dem sich so viele Schalter und Knöpfe befanden, dass ein Tonstudio daneben ärmlich wirkte. An der gegenüberliegenden Wand befand sich ein großes Fenster, durch das die Sonne auf den weichen Teppich schien. Ich wusste, dass weder das Fenster noch das Sonnenlicht echt sein konnten, dafür befand ich mich zu tief im Gebäude. Es schrie geradezu nach einer genaueren Untersuchung. …