ich-geb-dir.info
Home.
Delfine.
Hunde.
Literatur.

Max Rhode - „Die Blutschule“

ISBN: 9-783-40417-267-2

 

Klappentext:

Eine unbewohnte Insel im Storkower See Eine Holzhütte, eingerichtet wie ein Klassenzimmer Eine Schule mit den Fächern: Fallen stellen. Opfer jagen. Menschen töten. Die Teenager Simon und Mark können sich keinen größeren Horror vorstellen, als aus der Metropole Berlin in die Einöde Brandenburgs zu ziehen. Das Einzige, worauf sie sich freuen, sind sechs Wochen Sommerferien, doch auch hier macht ihnen ihr Vater einen Strich durch die Rechnung. Er nimmt sie mit auf einen Ausflug zu einer ganz besonderen Schule. Gelegen mitten im Wald auf einer einsamen Insel. Mit einem grausamen Lehrplan, nach dem sonst nur in der Hölle unterrichtet wird.

 

Inhalt:

Die beiden Jungen, die mit ihren Eltern von Berlin aufs Land in Brandenburg ziehen, sind von ihrem neuen Leben alles andere als begeistert. Ganz besonders dann, als der jüngere der Brüder dann auch noch so ganz fies von einem Mädchen rein gelegt wird und ein angeblich pädifiler Mann in der Nachbarschaft lebt.

Zunächst einmal tun sie die Geschichte von dem angeblichen Seelenspiegel als eine alte Legende ab, die sowieso keinen Funken Wahrheit enthält. - Das erfahren sie aber auf brutalste Art und Weise. - Auf der einen Seite freut sich eine Mutter, dass ihrer Tochter das Böse quasi ausgetrieben wurde, aber für die Söhne beginnt ein ganz anderes Leben. Ihr Vater ist ein komplett anderer Mensch und er will den Söhnen das Töten beibringen. - Eine Tortour beginnt. Ein Kampf um Leben, Wahrheit und Sage.

 

Leseprobe:

… Es war schrecklich. Viel schlimmer als im Film.

Stotter-Peter hatte uns kommen hören, kein Wunder bei dem Lärm, den wir verursachten. Der gestrige Regen hatte nicht gereicht, um das zundertrockene Unterholz zu durchfeuchten. Es knackte und krachte bei jedem Schritt. Wir weckten schlafende Vögel, schreckten Wildschweine und Füchse auf. Und Stotter-Peter.

Ich weiß bis heute nicht, weshalb er runtergekommen war. Wäre er oben geblieben, hätten sie ihn nicht so leicht zu fassen bekommen. Und mit »sie« meine ich meinen Vater und Raik, der sich uns angeschlossen hatte. Ohne Uniform, ohne Marke. In Zivil. Ein privater Freundschaftsdienst, wie er mir sagte, als er uns an der Ausfahrt unseres Hauses abpasste. Papa musste ihn angerufen haben, und er war sofort gekommen. Mit einer Zigarette im Mund und einem aufgekratzten Lächeln in dem wenig rechtschaffenen Gesicht.

Wenn ich es mir recht überlege, habe ich noch nie einen Menschen lächeln sehen, der für einen guten Zweck etwas Schlimmes tun muss. Es sei denn, das Böse macht ihm so sehr Spaß, dass er den guten Zweck darüber vergisst.

Als wir Stotter-Peter fanden, hatte er sich mit dem linken Fuß in der Strickleiter verheddert. Ein leichter Fang.

»Na, wen haben wir denn hier?«, fragte Raik, den Strahl seiner Taschenlampe auf ihn gerichtet. Stotter-Peter hing nur etwa dreißig Zentimeter über dem Boden fest. Als er die Stimme des Polizisten hörte, ließ er vor Schreck die Seile aus der Hand gleiten und kippte nach hinten. Ich hörte ein unangenehmes Knacken, als er erst mit dem Hintern, dann mit dem Rücken aufknallte.

Er schrie spitz, wie ein Mädchen.

»Hör auf zu jammern, du Dreckskerl.«

Ohne weitere Vorwarnung trat ihm Raik in die Seite.

Einmal, dann noch einmal, bis Vater ihn bat, innezuhalten.

Er beugte sich zu Stotter-Peter hinab.

»Was hast du mit ihm gemacht?«, fragte er. Seine Stimme bebte vor unterdrücktem Zorn. Stotter-Peter sagte nichts. Er lag auf dem Rücken. Sein linkes Bein war nach wie vor in den Seilen verheddert und stach steil nach oben, wie bei einer äußerst schmerzhaften Gymnastikübung, passend verzerrt war sein gequälter Gesichtsausdruck. Er hatte Schmerzen und Angst.

»Mmmmm … mit w …ww.www.wwwem?«, fragte er meinen Vater und fing sich einen weiteren Tritt in die Nieren ein.

»Raik, nicht vor dem Kind!«, ermahnte Papa und gab mir ein Zeichen, mich wegzudrehen. Ich gehorchte nicht.

»Mit dem Sohn meines Freundes, mit Mark. Was hast du ihm angetan?«

»N …n …n …n …ichts.«

»Aber du gibst zu, dass er bei dir war?«

Stotter-Peter drehte den Kopf, suchte meinen Blick. Als er ihn fand, übertrug sich eine unendliche Traurigkeit von seinem Innersten auf mich selbst.

»Ja«, brachte er ganz fehlerfrei hervor.

Und dann, bevor ich das Missverständnis aufklären konnte, bevor ich erklären konnte, dass er von gestern redete, knallte bei Raik eine Sicherung durch. Später erklärte er mir, dass es manchmal nicht anders ging. Dass man nicht immer den offiziellen Weg gehen dürfe, wenn man den Abschaum aus seinem Revier verjagen wolle.

Als Erstes hieb er Stotter-Peter die Taschenlampe über den Kopf. Dann schaltete er sie aus, vielleicht war sie schon wegen des ersten Schlages kaputtgegangen, und in der darin einsetzenden Dunkelheit konnte ich den Schmerz nicht mehr sehen. Nur noch hören.

Die Tritte, die dumpfen Schläge, die Schreie. Von Stotter-Peter. Und die von meinem Vater, der Raik bat, damit aufzuhören, doch das tat er nicht.

»Scheißkerl«, hörte ich den Polizisten brüllen. »Ich prügele dir die Scheiße aus dem Arsch!«

Und genau das tat er.

Stotter-Peter jaulte so schrill, dass meine Trommelfelle knackten. Ich wollte mir die Finger in die Ohren stecken, aber das ging nicht beim Laufen. Das war es, was ich tat, feige, wie ich war. Weglaufen. Aber es nützte nicht viel, denn ich schien die Gewalt mit mir mitzunehmen. Die Gewalt und die Schreie, die nicht leiser wurden, sondern mich den ganzen Rückweg über verfolgten; von der Stelle mit dem Baumhaus über die Landstraße hinweg bis zu unserem Haus mit den bunten Fenstern. Das gequälte, tränenüberströmte Schluchzen wurde nicht leiser, wie auch? Stammte es doch aus meinem eigenen Mund.

 

14. Kapitel

Noch in der Nacht wurde ich krank. Sommergrippe, lautete die Diagnose meiner Eltern, aber es war kein normales, schweißtreibendes Fieber, wie ich es von anderen Infekten her kannte, so wie es keine normalen Fieberträume waren, die mir weitaus stärker zusetzen als der Schmerz zwischen den Augen und der elende Schüttelfrost.

Ich wachte auf, mit einem Flächenbrand in Hals und Knochen, die sich anfühlten, als wären sie in einer Schraubzwinge gefangen. Alles war viel klarer, viel realer. Ohne den Schleier, der das Bewusstsein während einer schweren Krankheit normalerweise umwebt und später die Erinnerungen an sie trübt.

Bei mir war es eher so, als ob das Fieber meine Sinne schärfte. Noch nie zuvor hatte ich so gut sehen und – vor allen Dingen – hören können. So gut, dass ich von meinem Bett aus im ersten Stock sogar die geflüsterten Stimmen aus dem Wohnzimmer mitbekam. Jedes einzelne Wort, durch die geschlossene Tür hindurch:

»Was passiert jetzt?« Papa.

»Nichts.« Raik.

»Und wenn dieser Peter zur Polizei geht?« Mama.

»Ich bin die Polizei. Aber keine Sorge. Ist nicht die erste Abreibung, die er bekommen hat. Und schon gar nicht die schlimmste.«

Es war zehn Uhr früh, und sie hatten sich in unserem Wohnzimmer versammelt: Mama, Papa, Raik, diesmal ohne seine Partnerin Alexandra.

»Er hat es verdient«, knurrte der Polizist.

Ich hörte, wie jemand an unsere hölzerne Haustür klopfte und meine Mutter sich entschuldigte. In der kurzen Gesprächspause vernahm ich gedämpftes Stimmengemurmel vom Flur her, dann wurde die Unterhaltung im Wohnzimmer wieder aufgenommen.

»Morgen werden wir das Baumhaus abbrennen«, erklärte Raik.

»Aber wir wissen doch gar nicht, ob er ihm etwas angetan hat«, sagte meine Mutter, offenbar wieder zurückgekehrt.

»Fakt ist, er war bei ihm. Fakt ist, er wurde geschlagen. Und Fakt ist, Stotter-Peter hat das bestätigt«, zählte Raik auf.

»Den Besuch«, konkretisierte Papa. »Aber nicht die Schläge.«

Raik seufzte, und Mama gab der Unterhaltung einen neuen Dreh.

»Als ihr gestern weg wart, habe ich mit Mark gesprochen.«

»Du hast ihn geweckt?«, fragte Papa erstaunt.

»Ich hab gehört, wie er zur Toilette ging.«

Ein langes Schweigen, dann, als meine Mutter nicht weiterredete, fragte Raik zögernd, wie jemand, der Angst vor der Antwort hat: »Was hat er gesagt?«

»Dass Stotter-Peter ihm nichts getan hat. Er wollte nur dem Hund helfen.«

»Dem Hund?«, fragte Raik.

»Ja. Die Dorfjugend hatte ihn unter dem Baumhaus gefunden und wollte das Tier quälen. Mark hat es wohl zufällig gesehen und ist dazwischengegangen.«

Was Juri bestimmt nicht gefiel. Das würde die Prügel erklären, die Mark bezogen hat!

»Wieso hast du mir noch nichts davon gesagt?«, fragte Papa aufgebracht.

»Weil Mark quasi im Halbschlaf war, als er mit mir sprach. Vieles, was er sagte, war wirr. Und heute Morgen meinte er, er könne sich an gar nichts erinnern. Außerdem hast du mir auch nicht alles erzählt, was gestern vorgefallen ist.«

»Glaub mir, so genau willst du das auch nicht wissen«, seufzte Papa. »Apropos, was machen wir denn jetzt mit ihm?«

Mit wem? Meine Augen tränten vor Anstrengung, einen Sinn hinter all den Worten zu erkennen.

»Gute Frage«, sagte Raik. »Seit wann hockt Gismo denn vor deiner Tür, Vitus?«

Gismo?

»Keine Ahnung. Heute früh war er jedenfalls da, als ich rauswollte. Er rührt sich nicht vom Fleck.«

»Gib ihm einen Tritt.« Raik lachte. »Oder nimm am besten gleich den Schürhaken. Konnte das Drecksvieh noch nie leiden.«

In diesem Moment schwang meine Zimmertür auf. Lautlos, was mich wunderte, weil Papa sie damals noch nicht geölt hatte. Dann fiel mir ein, dass ich vermutlich träumte, auch wenn mir die Stimmen aus dem Wohnzimmer so real vorkamen. Mein Besuch hingegen konnte nur dem Reich meines Fieberwahns entspringen.

Sandy.

»Verpiss dich aus meinem Traum!«, keuchte ich und versuchte mich wieder auf das Gespräch der Erwachsenen zu konzentrieren.

»Solche Streuner können Hirnhautentzündungen übertragen«, hörte ich den Polizisten sagen. »Und wer weiß, was der Pädophile alles mit ihm getrieben hat?«

Dann wurde seine Stimme von Sandys Taubenlachen übertönt.

»Wie geht’s?«, fragte sie grinsend.

Ich krampfte meine Finger zur Faust, mit Ausnahme des Mittelfingers, was sie nicht sah, weil sie mir den Rücken zuwandte, während sie sich in meinem Zimmer umsah.

»Hast du Sekt da?«, fragte mich ihr Trugbild.

Ja, klar.

Sandy trug nichts weiter als ein gepunktetes Bikinioberteil und die Shorts von gestern. Sie schwenkte einen Korkenzieher in der Hand. »Ich würde gerne auf unsere Freundschaft anstoßen.«

Nicht mal im Traum!

Ich schloss die Augen, doch leider hatte sich mir ihre Silhouette in das Feuerwerk hinter meinen Lidern eingebrannt, also konnte ich sie genauso gut wieder öffnen.

»Auch keinen Wein? Egal. Es geht auch so.«

Ich knirschte wütend mit den Zähnen, wischte mir den Schweiß von der Stirn und zischte sie an:

»Kannst du bitte aus meinem Traum abhauen, du Miststück?«

Sandy lächelte nur und versiegelte dabei ihre Lippen mit ihrem Zeigefinger. Dann tat sie etwas, was mich noch heute in anderen Albträumen verfolgt: Sie rammte sich den Korkenzieher direkt in ihr rechtes Auge.

Es gab ein Geräusch, als würde jemand ein rohes Ei zertreten. Glibber floss ihr wie Rotze über die Wange, und die Augenhöhle füllte sich mit Blut. Speiübel riss ich mir die Hand vor den Mund. Meine Speiseröhre dehnte sich von innen, kämpfte gegen all das, was sich nach oben arbeiten wollte. Hätte ich nicht so viel Galle herunterschlucken müssen, hätte ich geschrien.

»Nein, keine Gewalt mehr«, hörte ich meinen Vater unten zum Hundethema sagen. »Ich finde es ehrlich gesagt schon zum Kotzen, was wir gestern getan haben.«

»Wir?« Raik lachte. »Du hast mir nicht mal die Lampe gehalten.«

»Simon?«

Ich hob meinen Kopf vom Kissen, versuchte Sandy zu fixieren, die vor meinen Augen seltsam verschwamm, während die Stimmen von unten immer leiser wurden.

»Hör mir zu, das ist jetzt ganz wichtig.«

Ich schüttelte den Kopf und gab der Abrissbirne in meinem Kopf damit leider neuen Schwung.

»Ihr dürft hier nicht bleiben. Ihr müsst hier verschwinden«, sagte sie und drehte sich den Korkenzieher weiter in ihren Schädel.

Ich hörte Schritte und hoffte, es wären die meiner Mutter, die nach oben kam, um mich aus meinem Albtraum zu wecken, doch ich träumte nicht, und es war mein Vater, der plötzlich im Türrahmen stand und »Hallo Sandy« sagte, die ihm den Rücken zuwendete.

Sie nickte mir lächelnd zu, packte den Korkenzieher in ihrem Kopf und brach ihn an seinem Griff ab, sodass jetzt nur noch das Gewinde in ihrer Augenhöhle steckte.

Dann drehte sie sich langsam zu meinem Vater.

»Guten Tag, Herr Zambrowski«, sagte sie, und als Nächstes, kurz bevor ich mich entschieden hatte, ob ich brüllen, ohnmächtig werden oder weiterschlafen sollte, drehte sie sich wieder zu mir zurück und zwinkerte mich an. Mit beiden Augen.

Keine Wunde. Alles heil.

»Es ist lieb von dir, unsere Jungs zu besuchen«, sagte Papa. »Aber vielleicht kommst du lieber ein andermal vorbei.«

»Gerne, Herr Zambrowski.«

Der Korkenzieher, besser gesagt das, was von ihm übrig war, war verschwunden. Und mit ihm meine Fähigkeit, zwischen Wahn und Wirklichkeit zu unterscheiden. …