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Kerstin Gier - „Silber – Das dritte Buch der Träume“

ISBN: 9-783-84142-168-5

 

Klappentext:

Es ist März, in London steht der Frühling vor der Tür – und Liv Silber vor drei Problemen. Erstens: Sie hat Henry angelogen. Zweitens: Die Sache mit den Träumen wird immer gefährlicher. Arthur hat Geheimnisse der Traumwelt ergründet, durch die er unfassbares Unheil anrichten kann. Er muss unbedingt aufgehalten werden. Drittens: Livs Mutter Ann und Graysons Vater Ernest wollen im Juni heiraten. Und das böse Bocker, die Großmutter von Grayson, hat für die Hochzeit ihres Sohnes große Pläne, allerdings ganz andere als die Braut. Liv hat wirklich alle Hände voll zu tun, um die drohenden Katastrophen abzuwenden …

 

Inhalt:

Liv Silber hat in diesem Buch eine ganze Menge Baustellen, mit denen sie versuchen muss klar zu kommen. Zum einen stehen in der Schule die A-Levels an. Das heißt, sie müsste sich eigentlich auf die Prüfungen vorbereiten. Das rückt allerdings gewaltig in den Hintergrund, weil die Hochzeit ihrer Mutter mit ihrem Freund ansteht. Das “Bocker” schleppt einen Hochzeitsplaner an, der sich als Betrüger entlarft und stiehlt der Familie auf diese Weise jede Menge Zeit.

Außerdem müssen Liv und ihre Freunde in den Traumkorridoren Wache schieben, weil Anabel, die aus der Psychiatrie geflohen ist, jeden Tag durchgeknallter zu werden scheint. Es geht inzwischen um Morddrohungen! Schüler machen seltsame Dinge, die sie sich nicht erklären können und dabei bezahlt auch ein Junge fast mit seinem Leben.

Liv hat allerdings ihre Freunde und ihre kleine Schwester gewaltig unterschätzt. Denn gemeinsam können sie alles wieder in geordnete Bahnen lenken.

Nur ihr eigenes Lügengebäude gegenüber ihrem Freund scheint sie zu erdrücken. Sie hat sich da in eine Lüge hinein manövriert, aus der sie nur schwer wieder raus kommt.

 

Leseprobe:

… Ja, allerdings. Aber wie sollte ich ihr das Ganze erklären, ohne dass sie sich anschließend nicht mehr trauen würde einzuschlafen, und zwar nie mehr?

Schlaf war schließlich lebenswichtig, und die ganze Sache so komplex, dass sie auch einen nüchternen Menschen hoffnungslos überfordert hätte.

Glücklicherweise war Persephone viel zu erschöpft, um nachzuhaken. So hatte sie sich, unaufgeklärt wie sie war, einfach ins Bett fallen lassen, wo sie hoffentlich schlafen würde wie ein Stein. Das Erwachen morgen früh würde schrecklich genug sein. Ich kannte das: Unmittelbar nach dem Aufwachen gab es diesen verrückten, kleinen Moment, in dem man sich ganz normal fühlte, warm und geborgen unter der kuscheligen Decke. Aber wenn dann – meist in derselben Sekunde – die Erkenntnis über einem zusammenbrach, dass das, was einem vorkam wie ein absurder Traum, wirklich passiert war, wollte man nur noch sterben.

Ich hatte Persephone zugedeckt, war im Dunkeln die Treppe hinuntergeschlichen und hatte vorsichtig die Tür hinter mir ins Schloss gezogen, sehr erleichtert darüber, nicht noch in letzter Sekunde einem Familienmitglied im Schlafanzug begegnet zu sein, das mich möglicherweise für einen Einbrecher hätte halten können.

Als ich an der Bushaltestelle unweit von Persephones Haus vorbeikam, fuhr gerade der Bus vor, aber ich wollte lieber zu Fuß gehen, in der Hoffnung, in der kühlen Nachtluft einen klaren Kopf zu bekommen. Und obwohl von irgendwoher Kirchenglocken Mitternacht läuteten, hatte ich keine Angst. Ich hatte schon in viel gefährlicheren Gegenden gelebt, und Hampstead war auch bei Nacht friedlich und ruhig. Der Vollmond sorgte zusätzlich für stimmungsvolle Beleuchtung. Außerdem konnte ich, für den unwahrscheinlichen Fall, dass sich vielleicht doch ein Verbrecher in einem der gepflegten Vorgärten auf die Lauer gelegt hatte, Kung-Fu. Auch wenn mir das vorhin bei Persephones Auftritt herzlich wenig genutzt hatte.

In den zehn Minuten, die ich für den Heimweg benötigte, trat ich gegen jeden Stein, den ich finden konnte, aber als ich in unsere Straße einbog, war ich immer noch wütend. Und zwar nicht nur auf Arthur, der das Unheil angerichtet hatte, sondern auch auf mich. Weil ich nichts dagegen getan, sondern nur hilflos in der Gegend herumgestanden hatte. Und weil ich die ganze Woche gewusst hatte, dass etwas Schlimmes passieren würde, es aber trotzdem nicht hatte verhindern können.

Vor unserem Haus hatten die Magnolien zu blühen begonnen, sie leuchteten mir schon von weitem entgegen, und ich hörte auf, Steinchen zu kicken und beschleunigte meine Schritte. Vielleicht war Grayson schon wieder zu Hause und konnte mir berichten, ob die Polizei noch gekommen war und ob sie die Geschichte geglaubt hatten, die wir ihnen auftischen wollten.

Beim Näherkommen sah ich, dass unter dem Dach bei Lottie noch Licht brannte, und ich überlegte, ob ich mich vielleicht zu ihr hinaufschleichen und ein bisschen trösten lassen sollte. Wie in alten Zeiten, wenn ich schlecht geträumt hatte und zitternd zu ihr unter die Bettdecke gekrochen war. Da hatte es immer ein bisschen nach Zimt und Vanille gerochen, und Lottie hatte beruhigend meine Haare gestreichelt und mir versichert, dass ich keine Angst haben musste. Es war wie Magie: Wenn Lottie mir sagte, dass alles gut war, dann war auch alles gut, so einfach war das damals. Mit ihrer sanften Altstimme hatte sie mir anschließend ganz leise deutsche Schlaflieder vorgesungen. In denen hatte der Mond hinter den Bäumen gewohnt, Sternen-Schäfchen am Himmel geweidet und freundlich zu jedem Fenster hineingeleuchtet. Die Sorgen waren zusammen mit den Bienchen und den Vögelchen schlafen gegangen, und der liebe Gott hatte auf alle aufgepasst, auch auf den kranken Nachbarn.

Diese Lieder hatte ich schon eine Ewigkeit nicht mehrgehört. Und wenn Lottie im Juli nach Deutschland ging, würde ich sie wohl auch nie mehr hören. Ich blinzelte ein paar Tränen weg. Warum konnte nicht einfach alles so bleiben, wie es war? Warum musste das Leben immer komplizierter werden, je älter man wurde? Ein Leben ohne Lottie erschien mir vollkommen trostlos.

Vor ihr hatte ich niemals Geheimnisse haben können, jedenfalls nicht lange, sie hatte immer gemerkt, wenn mich etwas bedrückte. Das tat sie auch heute noch, aber es gab Geheimnisse, die konnte ich selbst Lottie nicht anvertrauen. Und Sorgen, die nicht mal der gute Mond wegleuchten konnte. Ja, um ehrlich zu sein, war ich nicht mal sicher, ob Gott wirklich auf uns alle aufpasste.

Vermutlich hatte ich deshalb auch nicht mehr das Recht, in Lotties Bett zu klettern und mich trösten zu lassen.

Weil ich im Gehen zu lange zu den hellerleuchteten Fenstern hinaufgestarrt hatte, wäre mir beinahe entgangen, dass jemand an dem Mauerpfosten lehnte, der unsere Einfahrt vom Garten unserer Nachbarn trennte.

Als er aus dem Schatten trat, schimmerte sein Haar im Mondlicht golden auf. Es war Arthur.

»Ach, du bist es nur«, sagte er enttäuscht. Offenbar wartete er hier auf Grayson, was wiederum bedeutete, dass der noch nicht zu Hause war.

Ich war stehen geblieben und hatte automatisch die Fäuste hochgenommen. Jetzt ließ ich sie wieder sinken. In den letzten Stunden war schon zu viel passiert, um meinen Adrenalinpegel noch einmal bis zum Anschlag hochzujagen.

»Na? Für heute noch nicht genug Leben ruiniert?«, fragte ich. Nicht mal wütend war ich mehr, musste ich feststellen.

»Deins zumindest habe ich ja wohl eher gerettet«, erwiderte er.

»Interessante Betrachtungsweise.« Ich versuchte, seinen Gesichtsausdruck zu erkennen, aber für solche Feinheiten war es zu dunkel. Wobei es nicht so aussah, als ob Grayson ihn verprügelt hatte, kein geschwollenes Auge und keine blutige Lippe. Schade eigentlich.

»Ich hätte niemals zugelassen, dass Persephone auf Henry schießt«, sagte Arthur so leise und so ernst, dass ich ein paar Sekunden brauchte, um zu begreifen, was er mir damit im Grunde mitgeteilt hatte. Aber auch das ließ meine Wut nicht neu aufflackern. Ich merkte vielmehr auf einmal, wie entsetzlich müde ich war. Und traurig. Es war ein langer, langer Tag gewesen.

»Heißt das, wenn Henry sich nicht vor mich gestellt hätte, wäre ich jetzt tot und Persephone eine Mörderin?«

Im Mondlicht blitzten Arthurs Zähne kurz weiß auf. »Ich wollte euch nur etwas klarmachen, das ist alles.«

»Dass du abgrundtief böse bist und keinerlei Skrupel hast?« Ich schnaubte verächtlich. »Sorry, aber das wussten wir schon vorher. Es ist nur erstaunlich, wie du dich immer noch steigern kannst.«

»Ach, Liv. Du bist doch noch ein kleines Mädchen. Ein kleines Mädchen, das die Welt ganz naiv in Gut und Böse aufteilt.« Er seufzte. »Du verstehst nicht, was für ein unglaublich mächtiges Werkzeug wir da an die Hand bekommen haben.« Er sprach jetzt eindringlich und schnell, fast so, als hätte er Angst, ich könne ihn nicht ausreden lassen. »Für dich ist das alles nur ein Spiel. Dass wir in Wirklichkeit den Schlüssel in der Hand halten, um die Welt zu verändern, sie nach unseren Vorstellungen zu gestalten und zu einem besseren Ort zu machen, das willst du doch gar nicht sehen.«

»Du willst also die Welt verbessern, ja?« Es sollte spöttisch klingen, aber es kam fast ein bisschen verzweifelt heraus. Weil Arthur augenscheinlich wirklich glaubte, was er sagte. Ich holte tief Luft. »Bis jetzt sehe ich nur, dass du Menschen weh tust. Mrs Lawrence und Persephone haben dir nicht mal was getan. Und Theo Ellis hat lediglich gewagt, deine Beleidigungen zu erwidern. Warum bist du nur so unfassbar gemein?« Die Frage zum Schluss war einfach aus mir herausgeplatzt, und kaum hatte ich sie gestellt, hätte ich sie auch gern wieder zurückgenommen. Weil sie so kindlich klang. Wie Rotkäppchen beim bösen Wolf. Großmutter, warum hast du so große Zähne?

Prompt lachte Arthur leise. »Ach, wozu diskutiere ich hier mit dir? Ich wollte Grayson und Henry nur ein wenig aufrütteln. Damit sie begreifen, dass wir uns nicht gegenseitig bekämpfen dürfen. Wenn wir uns auf unsere Freundschaft besinnen, können wir gemeinsam alles erreichen.«

»Du glaubst doch nicht, dass sie dir nach allem, was du angerichtet hast, jemals wieder vertrauen können?«

»Doch, das glaube ich«, sagte Arthur. »Du hast doch keine Ahnung, wie tief unsere Freundschaft geht. Wir kennen uns von klein auf. Und wir haben unglaublich viel miteinander durchgemacht. So etwas verbindet.«

Jetzt hörte er sich beinahe an wie Jasper vorhin. Vielleicht hatte Jasper seine sentimentalen Statements zum Thema Freunde fürs Leben aber auch von Arthur eingeflüstert bekommen. Das kam mir sogar ziemlich wahrscheinlich vor.

»Ich könnte meinen Freunden niemals weh tun«, fuhr Arthur fort, und in seiner Stimme lag so viel Überzeugung, dass ich beinahe laut aufgelacht hätte. Aber dann fiel mir ein, dass er Grayson und Henry bis jetzt tatsächlich niemals direkt attackiert hatte. Stattdessen hatte er andere im Visier gehabt, mich und meine Schwester zum Beispiel.

»Ich glaube nicht, dass du das Prinzip von Freundschaft verstanden hast«, sagte ich. »Wenn du nämlich die Menschen verletzt, die Grayson und Henry lieben, dann verletzt du damit auch sie.«

Wieder blitzten Arthurs Zähne auf, dieses Mal klang sein Lachen höhnisch. »Oh, sprichst du von dir selber, Livvylein? Muss schön sein, sich gleich von zwei Jungs geliebt zu fühlen. Du hältst dich wohl für verdammt wichtig, was? Aber bis vor einem halben Jahr wussten Grayson und Henry nicht mal, dass es dich überhaupt gibt. Und glaub mir, genauso schnell hätten sie dich auch wieder vergessen. Wetten?« Er hielt mir seine Hand hin.

Ich hätte am liebsten darauf gespuckt. Ganz plötzlich war meine Wut zurückgekehrt, und ich begrüßte sie wie eine schmerzlich vermisste Freundin. Es war so viel besser, wütend zu sein als traurig. Mit einem Schlag wurde ich auch wieder wach. »Ich würde liebend gern einschlagen«, sagte ich so cool wie möglich. »Ich hätte nur nichts davon, denn wenn ich die Wette gewinne, kriege ich es ja dummerweise nicht mehr mit.«

»Das wäre mir persönlich ziemlich egal«, erwiderte Arthur. »Eigentlich muss ich es ja nur mir selber beweisen. Heute habe ich dich zwar verschont, aber ich fange gerade an, das zu bereuen.« …