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Gerd Henrich - „Gift der Republik“

ISBN: 9-783-93999-016-1

 

Klappentext:

Geheime DDR-Labore entwickeln ein verheerendes Gift, welches in den Wirren der Wendezeit verschwindet. Als das tödliche Serum Jahre später von der Tochter des einstmals leitenden Forschers wiederentdeckt wird, ist das der Beginn einer verhängnisvollen Entwicklung. Das Gift wird zum Spielball mächtiger Organisationen. Bis es schließlich in die völlig falschen Hände gerät. Ein fulminanter Thriller um eine schreckenerregende Geheimwaffe und zugleich eine spannende Tour de Force durch die Geschichte Berlins und seines Schlosses.

 

Inhalt:

Katja Granow sollte eigentlich von ihrem Vater geschützt werden. Der hat nämlich für die DDR einen vollkommen neuartigen Kampfstoff erfunden. Ein Kontaktgift, was bei keiner Obduktion nachweisbar ist. - Jetzt sind die Geheimdienste hinter ihm her und er sieht nur die Möglichkeit sich und seine Frau umzubringen.

Katja Granow, inzwischen studiert sie und hat sich mit der Wende und dem neuen System abgefunden, sichtet endlich ihr Erbe. Sie ahnt zunächst nicht, was sie da für eine Waffe in den Händen hält. - Doch als dann ihre große Liebe verschwindet und sich dieser Schmierlappen von Mann auf total plumpe Art und Weise an sie heran macht, ahnt sie nicht, in was für einer Gefahr sie sich befindet.

Der Vater wollte seine Tochter eigentlich genau vor diesen Schwierigkeiten bewahren. Das ist ihm allerdings nicht wirklich gelungen. Statt dessen findet sich die Tochter in wilden Verfolgungen und Bedrohungen wieder.

Gerade als sie glaubt, sie hätte sich und die Welt vor dem Schlamassel bewahren können, taucht die Bedrohung durch den IS auf. In der Botschaft sieht Katja genau die Wirkungsweise der Waffe, die ihr Vater gefunden hat.

 

Leseprobe:

… Sie freute sich auf die kommende Vorlesung zur Geschichte Preußens. Das Studium machte ihr richtig Spaß. Sie konnte nicht verstehen, dass einige Kommilitonen über eine große Arbeitsbelastung stöhnten. Fairerweise musste sie zugeben, dass es für sie nur ein Hobby war, und nicht wie für andere eine notwendige Vorbereitung auf den Beruf. Sie las sich ihre Notizen der letzten Vorlesung noch einmal durch und schenkte ihrer Umgebung keine Aufmerksamkeit.

Karloff saß rund zehn Meter entfernt. Er war gespannt, wohin die Reise gehen würde. Die Tochter Granows saß, in irgendwelche Aufzeichnungen vertieft, in ausreichender Entfernung zu ihm. Eine gute Gelegenheit, sie etwas ausführlicher zu mustern. Vielleicht war sie keine Schönheit, die es auf Titelseite eines Modemagazins gebracht hätte, aber sie sah ohne Zweifel sehr gut aus. Vor allem beeindruckte ihn ihre unglaublich selbstbewusste Ausstrahlung, trotz ihrer Jugend.

Plötzlich blickte sie auf und sah genau in seine Richtung. Karloff wandte den Kopf ab und beobachtete sie aus den Augenwinkeln weiter. Erleichtert stellte er fest, dass sie offensichtlich niemanden speziell anschaute, sondern nur in Gedanken vor sich hin starrte. Er nahm sich vor, wieder vorsichtiger zu werden. Am Heidelberger Platz wechselte sie in die U-Bahn. An der Station Dahlem-Dorf verließ sie die Bahn. Erneut dauerte es einige Gehminuten, bis sie das Gelände der Freien Universität Berlin erreichten.

Die Granow betrat eines der Gebäude. Karloff war sich unschlüssig, ob er ihr folgen sollte. Wie ein Student sah er eben nicht mehr aus. Er beschloss, darauf zu verzichten. Bei nächster Gelegenheit würde er ohnehin erfahren, was sie studierte. Er hatte vor, ihrer Wohnung einen Besuch abzustatten. Da er diese sehr gründlich durchsuchen wollte, benötigte er hierfür ausreichend Zeit. Um nicht überraschend entdeckt zu werden, musste er eine Weile ihre Tagesabläufe studieren und einen geeigneten Zeitpunkt festlegen.

Karloff ging davon aus, dass sie mindestens eine Vorlesung besuchen würde. Es war anzunehmen, dass sie auf dem gleichen Weg zurückkehren würde. Da sich nicht einmal ein Café in der Nähe befand, würde er den Weg zwischen Universitätseingang und U-Bahn-Zugang auf und ab gehen müssen, so lange es eben dauern würde. Endlich, gegen 14 Uhr, sah er Fräulein Granow Richtung U-Bahn-Eingang schlendern. Offensichtlich hatte sie es nicht eilig. Karloff notierte sich die Uhrzeit. Drei Wochen später hatte er einen ersten Überblick. Die Wochentage verliefen dankenswerterweise in einem ähnlichen Rhythmus. Das war wichtig für die grundlegende Planungssicherheit für sein künftiges Vorhaben.

An den Wochenenden traf sie sich unregelmäßig mit unterschiedlichen Personen, augenscheinlich alles Studenten. Allerdings war sie nie bis spät nachts unterwegs. Wenn andere ins quirlige, abwechslungsreiche Nachtleben von Berlin eintauchten, lag sie schon im Bett. Eine beste Freundin schien sie nicht zu haben, jedenfalls keine, mit der sie tagtäglich Kontakt hatte. Und auch keinen Freund oder Liebhaber.

Karloff konnte nicht verhehlen, dass er sich darüber freute. Er verwarf sogleich seinen plötzlich aufkommenden Gedanken, dass er sie für sich alleine haben wollte. Er entschied, sie noch eine weitere Woche zu beobachten, um dann am übernächsten Dienstag, ihrem längsten Tag an der Hochschule, in Ruhe ihre Wohnung zu durchforsten.

Auch die vierte Woche verlief bisher planmäßig. Bis zum Donnerstag. Donnerstags verließ sie normalerweise schon kurz nach 7 Uhr die Wohnung. Mittlerweile war es 7:30 Uhr. Hatte sie verschlafen? Er wartete.

Gegen 8 Uhr hielt ein Taxi vor dem Haus. Der Fahrer stieg aus und klingelte. Wenig später kam die Granow aus der Tür und stieg in den wartenden Wagen. Was war passiert? Er folgte dem Taxi, das auf die Danziger Straße abbog und kurz darauf in die Schönhauser Allee fuhr. Durch den dichten Berufsverkehr am Morgen war es nicht leicht, dem Wagen zu folgen. Als es nach einer Dreiviertelstunde auf den Kurt-Schumacher-Damm ging, kam eigentlich nur noch der Flughafen Tegel als Ziel in Frage.

Der weiße Mercedes hielt schließlich im inneren Achteck des Flughafengebäudes, das Kurzzeitparkplätzen und Taxiständen Platz bot. Als Katja bezahlt hatte, folgte er ihr in den Terminal. Sie ging zum Lufthansa-Counter und kaufte offensichtlich ein Flugticket.

Karloff wartete, bis der Vorgang abgeschlossen war und sie sich ein wenig entfernt hatte. Anschließend trat er an den Schalter und zeigte der uniformierten Angestellten hinter dem Tresen seinen Schlüsselbund.

„Entschuldigen Sie bitte. Ich habe zufällig gesehen, wie der Dame, die eben hier stand, diese Schlüssel aus der Tasche gefallen sind. Wegen einer Reisegruppe, die mir in den Weg kam, konnte ich sie nicht rechtzeitig darauf aufmerksam machen. Und nun kann ich sie nicht mehr entdecken.”

Ohne lange darüber nachzudenken, teilte ihm die freundliche Dame hinter dem Schalter mit, dass sie einen Flug nach Zürich gebucht hatte. Vermutlich war sie gerade auf dem Weg zu Gate elf. Von dort startete der Flug.

„Das ist ja ein Zufall”, sagte Karloff. „Da muss ich auch hin. Dann kann ich ihr den Schlüssel im Wartebereich zurückgeben. Stellen Sie mir bitte ein Ticket aus, Rückflug heute Abend. Mein Name ist Fedotow. Anatoli Fedotow.”

Weil die Granow kein Gepäck mitgenommen hatte, schien es ihm wahrscheinlich, dass sie nicht über Nacht bleiben würde. Zwar bestand die Gefahr, dass sie ihn wiedererkennen würde, wenn sie zweimal im selben Flugzeug sitzen würden, andererseits boten 100 bis 150 andere Passagiere auch ein wenig Deckung.

Er musste unbedingt wissen, was sie in Zürich vorhatte, und würde dafür dieses Risiko eingehen. …