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Kathy Reichs - „Knochenlese“

ISBN: 9-783-45343-556-8

 

Klappentext:

Ihr Ziel: Gerechtigkeit für die Toten Ein kleines Dorf in Guatemala: Als die Forensikerin Tempe Brennan in den Brunnenschacht hinabsteigt, ahnt sie, dass sie am Grund ein grausiger Fund erwartet. Hier wurden vor Jahrzehnten die Leichen von über zwanzig Bewohnern eines kleinen Dorfes verscharrt, Frauen und Kinder, die ein Militärkommando kaltblütig hingerichtet hatte. Noch während die Opfer des Massakers geborgen werden, bekommt Brennan zu spüren, dass die Machthaber in Guatemala, damals wie heute, ein schreckliches Geheimnis hüten. Doch nicht nur die Gerechtigkeit für die Toten steht auf dem Spiel. Auch Tempes Leben ist plötzlich in Gefahr.

 

Inhalt:

Tempe Brennan arbeitet in Guatemala an einem Massengrab. Die Opfer von sinnlosem Töten durch Regierung und Militär sollen geborgen, identifiziert und würdevoll bestattet werden. - Doch es bleibt nicht bei dieser “Routine”.

Nachdem zwei Kollegen, die eigentlich zum Ausgrabungsteam stoßen wollten, angeschossen werden, kann Tempe ihre Kollegin noch retten. Dann wird sie gebeten an einem aktuellen Fall mitzuarbeiten. - Hat das verschwundene Töchterchen eines Botschaftsers etwas damit zu tun? Auf jeden Fall werden die Ermittlung durch die Regierung behindert. Tempe muss zwar die Ekelarbeit der Bergung übernehmen, darf die Knochen und Überreste dann aber nicht untersuchen.

Doch Tempe wäre nicht Tempe, wenn sie nicht trotzdem an dem Fall dran bliebe. - Einziger Knackpunkt, der nervende Reporter, der sie förmlich zu stalken scheint, um an ein Interview mit ihr zu kommen.

Außgerechnet dieser Reporter bringt das Team dann aber auf eine Fährte, die den Fall nach langem Hin und Her endlich aufdröselt. Nur komplett anders, als man sich das zunächst gedacht hat.

 

Leseprobe:

… »In der Nähe der archäologischen Ausgrabungsstätte?«

»Auf der Hintertreppe.«

Zone sieben ist ein Tentakel der Stadt, der sich um die Ruinen von Kaminaljuyú windet, einem Zentrum der Maya, das in seiner Blütezeit über dreihundert Wälle, dreizehn Ballspielplätze und fünfzigtausend Wohnstätten hatte. Im Gegensatz zu den Tiefland-Mayas gaben die Erbauer von Kaminaljuyú Lehm den Vorzug vor Stein, in tropischem Klima eine unkluge Entscheidung. Erosion und die Ausbreitung der Stadt hatten ihren Tribut gefordert, und heute ist die alte Metropole kaum mehr als eine Reihe erdbedeckter Kuppen, eine Grünfläche für Liebespaare und Frisbee-Spieler.

»Claudia hat im Ixchel-Museum gearbeitet. Ob’s da einen Zusammenhang gibt?«

»Ich werde es auf jeden Fall herausfinden.«

Gestank drang ins Auto, als wir an der Müllkippe vorbeifuhren.

»Konnte Señora de la Alda die Stimme wieder erkennen?«

»Nein.«

Während wir durch die Stadt rasten, wurden die vorbeifliegenden Viertel immer ärmlicher und heruntergekommener. Schließlich schoss Galiano auf eine schmale Straße mit comedores und Gemischtwarenläden an allen vier Ecken. Wir rasten vorbei an windschiefen Holzhäusern mit durchhängenden Veranden und Wäsche auf den Leinen. Vier Blocks weiter unten kamen wir zu einer T-Kreuzung mit einer Straße, die links wie rechts in einer Sackgasse endete.

Wir bogen nach links ab und sahen eine trist vertraute Szene. Streifenwagen mit blinkenden Lichtern und knisternden Funkgeräten säumten den einen Straßenrand. Ein Leichenwagen wartete auf der anderen Seite. Neben dem Transporter ein metallenes Geländer, daneben ein steiler Abhang in eine barranca.

Zwanzig Meter vor uns endete die Fahrbahn vor einem Maschendrahtzaun. Gelbes Absperrband spannte sich drei Meter geradeaus, bog dann links ab und folgte dem Verlauf des Zauns in die Schlucht hinunter.

Uniformierte Polizisten liefen im abgesperrten Areal herum. Eine Hand voll Männer schaute von außerhalb zu, einige hielten Kameras, andere schrieben in Notizbücher. Hinter uns konnte ich Autos und einen TV-Übertragungswagen sehen. Presse-Teams saßen halb in, halb außerhalb der Fahrzeuge und rauchten, redeten, dösten.

Als Galiano und ich die Autotüren zuwarfen, drehten sich Kameras in unsere Richtung. Journalisten strömten zusammen.

»Señor, esta –«

»Detective Galiano –«

»Una pregunta, por favor.«

Wir ignorierten den Ansturm, tauchten unter dem Absperrband hindurch und gingen zum Rand der Schlucht. Hinter uns klickten Kameraverschlüsse. Fragen wurden uns nachgerufen.

Hernández war fünf Meter unter uns. Galiano kletterte zu ihm hinunter. Ich war direkt hinter ihm.

Obwohl dieser Teil der Hügelflanke vorwiegend aus Gras und Buschwerk bestand, war der Abhang steil, der Boden felsig. Ich stellte die Füße seitlich, trat vorsichtig und mit wenig Gewicht auf und hielt mich, wo es ging, an Pflanzen fest. Ich wollte mir nicht den Knöchel verstauchen oder den ganzen Abhang hinunterrutschen.

Zweige brachen in meinen Händen. Steine lösten sich und rieselten lärmend den Abhang hinunter. Über uns kreischten Vögel, wütend über die Störung.

Adrenalin, wo immer es sich zwischen Krisen auch versteckte, strömte durch meinen Körper. Vielleicht ist sie es gar nicht, sagte ich mir.

Mit jedem Schritt wurde der süße, faulige Gestank stärker.

Nach fünf Metern wurde der Boden für ein kleines Stück eben, bevor er noch einmal steil nach unten abfiel.

Der Anruf eines Perversen, dachte ich und trat auf das kleine Plateau. De la Aldas Verschwinden war durch die Medien gegangen.

Mario Colom bewegte einen Metalldetektor über den Boden. Juan-Carlos Xicay fotografierte etwas zu Hernández’ Füßen. Wie beim Paraíso trugen beide Techniker Overalls und Kappen.

Galiano und ich gingen zu Hernández.

Die Leiche lag in einem Regenwassergraben an der Kante zwischen Abhang und Plateau. Sie war von Schlamm und Laub bedeckt und lag auf zerrissenem schwarzem Plastik. Obwohl bereits skelettiert, wurden die Knochen noch von Muskel- und Bänderresten zusammengehalten.

Nur ein kurzer Blick, und ich hielt den Atem an.

Armknochen ragten wie trockene Zweige aus den Ärmeln einer hellblauen Bluse. Beinknochen tauchten aus einem vermodernden schwarzen Rock auf, verschwanden wieder in schlammfleckigen Socken und Schuhen.

Verdammt! Verdammt! Verdammt!

»Der Schädel liegt ein Stückchen weiter oben im Graben.« Auf Hernández’ Stirn glänzte Schweiß. Sein Gesicht war gerötet, sein Hemd klebte an seiner Brust wie die Toga an einer römischen Statue.

Ich kauerte mich hin. Fliegen flogen summend auf, ihre Körper glänzten grün im Sonnenlicht. Kleine runde Löcher perforierten das ledrige Gewebe. Winzige Furchen kerbten die Knochen. Eine Hand fehlte.

»Enthauptet?«, fragte Hernández.

»Tiere«, sagte ich.

»Was für Tiere?«

»Kleine Aasfresser. Vielleicht Waschbären.«

Galiano kauerte sich neben mich. Ohne sich von dem Gestank verfaulenden Fleisches abschrecken zu lassen, zog er einen Kuli aus der Tasche und löste eine Kette von den Halswirbeln. Sonnenlicht funkelte auf einem silbernen Kreuz, als er den Stift auf Augenhöhe hob.

Er legte das Kettchen wieder an seinen Platz zurück, stand auf und überflog den Schauplatz.

»Hier werden wir wahrscheinlich nicht mehr viel finden.« Seine Kiefermuskeln zuckten.

»Nicht nach zehn Monaten Liegezeit«, entgegnete Hernández.

»Sucht die ganze Gegend ab. Mit allem, was wir haben.«

»Okay.«

»Was ist mit den Nachbarn?«

»Wir gehen von Tür zu Tür, aber ich bezweifle, dass wir viel herausfinden werden. Die Leiche wurde wahrscheinlich nachts abgeladen.«

Er deutete zu einem alten Mann, der am Rand des Abhangs außerhalb der Absperrung stand.

»Opa wohnt einen Block entfernt. Sagt, dass er sich an ein Auto erinnert, das im letzten Sommer hier herumschlich. Es sei ihm aufgefallen, weil das hier eine Sackgasse ist und es normalerweise kaum Verkehr gibt. Sagt, der Fahrer sei zwei- oder dreimal gekommen, immer nachts, immer allein. Der alte Knabe dachte, ist vielleicht ein Perverser, der sich hier einen runterholen will, und ist deshalb auf Distanz geblieben.«

»Klingt er verlässlich?«

Hernández zuckte die Achseln. »Ist wahrscheinlich selber ein Pimmelzupfer. Wie würde er sonst auf so einen Gedanken kommen? Auf jeden Fall erinnert er sich, dass es ein altes Auto war. Vielleicht ein Toyota oder ein Honda. Er ist sich nicht ganz sicher. Hat das Ganze von seiner Veranda aus beobachtet, konnte also nicht allzu gut sehen und hat auch das Nummernschild nicht erkannt.«

»Habt ihr irgendwelche persönlichen Habseligkeiten gefunden?«

Hernández schüttelte den Kopf. »Wie bei der Kleinen im Faultank. Die Kleidung ist noch am Opfer, aber sonst nichts. Der Täter hat die Leiche von der Straße aus abgeladen, es kann also sein, dass er noch etwas in diebarranca geworfen hat. Xicay und ich gehen runter, wenn wir hier fertig sind.«

Galiano schaute kritisch zu der Meute hinter der Absperrung hoch.

»Nichts, und ich meine absolut nichts zur Presse, bevor ich mit der Familie gesprochen habe.«

Dann wandte er sich mir zu.

»Was wollen Sie hier tun?«

Auf jeden Fall wollte ich meinen Patzer am Paraíso nicht wiederholen.

»Ich brauche einen Leichensack und ein paar Stunden.«

»Nehmen Sie sich Zeit.«

»Aber nicht zu viel«, sagte ich, und Selbstvorwürfe schärften meinen Tonfall.

»Nehmen Sie sich die Zeit, die Sie brauchen.«

Ich hörte in seiner Stimme, dass Díaz mich in diesem Fall nicht belästigen würde.

Ich holte Gummihandschuhe aus meinem Rucksack, ging zum Ende des Plateaus, sank auf alle viere und fing an, den Graben entlangzukriechen und Blätter und Erde mit den Fingern zu beharken. Wie beim Paraíso folgte Xicay mir mit seiner Nikon.

Der Schädel lag knappe zwei Meter vom Hals der Leiche entfernt. Offensichtlich hatten Aasfresser ihn geschubst oder gezerrt, bis sie das Interesse verloren hatten. Neben dem Schädel ein Büschel Haare. Sechzig Zentimeter hinter den Haaren führten verstreute Fingerglieder zu einer Ansammlung von Handknochen.

Als Xicay die Knochen fotografiert und ich die exakte Lage notiert hatte, trug ich die verstreuten Teile zum Hauptfundort zurück, schloss die Untersuchung des Grabens ab und ging dann das Plateau in einem Gittermuster ab. Dann ging ich es noch einmal ab, wobei das zweite Gitter diametral über dem ersten lag.

Nichts.

Ich kehrte zum Skelett zurück, zog eine Taschenlampe aus meinem Rucksack und ließ den Strahl über die Knochen wandern. Hernández hatte Recht. Nach zehn Monaten war es unwahrscheinlich, dass ich noch verwertbare Spuren finden würde, aber ich hoffte, dass das Plastik vielleicht einen gewissen Schutz geboten hatte, bis es von Tieren zerrissen wurde.

Ich entdeckte rein gar nichts.

Obwohl die Bergung von Spuren hoffnungslos schien, achtete ich doch darauf, direkt auf dem Plastik zu arbeiten. Wenn Fragmente, Haare oder Fasern vorhanden waren, würden wir sie im Labor finden.

Ich legte die Taschenlampe beiseite und drehte das Skelett vorsichtig auf den Rücken. Käfer und Tausendfüßler huschten in alle Richtungen. Über mir klickte Xicays Kamera.

In einem Klima wie im guatemaltekischen Hochland kann eine Leiche in wenigen Monaten oder sogar Wochen skelettiert werden, je nachdem, wie leicht sie für Insekten und Aasfresser zugänglich ist. Wenn der Kadaver dicht verpackt ist, kann die Verwesung deutlich verlangsamt werden. Muskel- und Bindegewebe kann sogar mumifiziert werden. Das war auch hier der Fall. Die Knochen waren noch relativ solide miteinander verbunden.

Ich betrachtete die verschrumpelte Leiche und dachte an die Fotos der achtzehnjährigen Claudia de la Alda. Meine Backenzähne knirschten.

Diesmal nicht, Díaz. Nicht diesmal.

Ich verlagerte wieder und wieder mein Gewicht, um in einer bequemeren Haltung zu knien, während ich das untersuchte, was einmal der Kopf der Leiche gewesen war. Dann arbeitete ich mich, ganz in meine Aufgabe versunken, Zentimeter um Zentimeter bis zu den Zehen vor. Die Zeit verging. Andere kamen und gingen. Meine Knie und der Rücken schmerzten. Augen und Haut juckten vor Pollen, Staub und herumschwirrenden Insekten.

Irgendwann merkte ich, dass Galiano gegangen war. Xicay und Colom dehnten ihre Suche auf den Grund der Schlucht aus. Ich arbeitete allein weiter, hörte hin und wieder eine gedämpfte Unterhaltung, Vogelgezwitscher, eine Frage, die von oben heruntergerufen wurde.

Zwei Stunden später lagen die Überreste, das Plastik, die Haare und die Kleidung in einem Leichensack. Das Kruzifix hatte ich in einen Klarsichtbeutel gesteckt. Mein Inventarformular sagte mir, dass nur fünf Fingerknochen und zwei Zähne fehlten.

Diesmal hatte ich nicht nur die Knochen identifiziert und in rechts und links unterschieden. Ich hatte mir alle Teile des Skeletts lange und eingehend angesehen.

Die Überreste gehörten einer jungen Frau knapp unter oder über zwanzig. Gesichts- und Schädelmerkmale deuteten auf mongoloide Abstammung hin. Sie hatte einen gut verheilten Bruch der rechten Speiche und Füllungen in vier ihrer Backenzähne.

Nicht feststellen konnte ich, was ihr zugestoßen war. Meine Voruntersuchung ergab keine Schusswunden, keine frischen Frakturen, keine Verletzungen durch stumpfe oder scharfe Gegenstände.

Galiano war zurückgekehrt.

»Passt zum Profil.«

»Was ist mit ihr passiert?«

»Keine Schläge. Keine Schnitte. Keine Kugeln. Keine Würgemale. Irgendwelche Ideen?« …