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Sidney Sheldon - „Das dritte Gesicht“

ISBN: 9-783-44235-496-2

 

Klappentext:

Ashley Patterson fühlt sich seit einiger Zeit beobachtet, verfolgt und bedroht. Die junge Angestellte einer Computerfirma gilt zwar als kühl und unnahbar, doch Feinde hat sie sich niemals gemacht. Als sie schließlich die handgeschriebene Drohung „Du wirst sterben!“ auf ihrem Badezimmerspiegel entdeckt, weiß sie, dass ihr Instinkt sie nicht trügt: Sie schwebt in Lebensgefahr. Kurz darauf wird eine Reihe kaltblütiger Morde an männlichen Opfern begangen, und Ashley gerät unter dringenden Tatverdacht. Die polizeilichen Ermittlungen ergeben, dass sie in allen Fällen zuletzt mit den Opfern gesehen wurde, und man nimmt an, dass sie die Morde in Panik begangen hat. Ashley, die fassungslos über diese Vorwürfe ist und sich das alles nicht erklären kann, wird verhaftet und auf Grund eindeutiger Indizien unter Anklage gestellt. Erst der Starverteidiger David Singer bringt Licht in diesen verwirrenden und Aufsehen erregenden Mordprozess...

 

Inhalt:

Ashley Patterson, Tochter eines berühmten und bekannten Arztes, fühlt sich verfolgt. Da erscheint der schmierige Kollege nur als kleines Ärgernis. Und dann steht in ihrem Badezimmerspiegel eine eindeutige Morddrohung auf dem Spiegel. Ab jetzt sollte sie wohl doch die Polizei einschalten. Geplant war allerdings nicht, dass der Polizist am nächsten Morgen tot hinter ihrem Haus liegt.

Die Schlinge zieht sich um Ashley immer mehr zusammen. Ihre Fingerabdrücke werden an den verschiedensten Tatorten gefunden und doch kann sie sich beim besten Willen nicht daran erinnert, dass sie diese Taten begangen haben soll.

Ashley leidet an einer multiblen Persönlichkeitsstörung. Ihre zwei alter egos übernehmen von Zeit zu Zeit das Zepter und führen ihre Hand. Nur das muss man jetzt nur noch dieser sturen Richterin begreiflich machen. Denn die Anklage ist auch nicht gerade zimperlich in ihrer Beweisführung.

Ashley ihr Anwalt geht ungewöhnliche Wege. Er riskiert seine materielle Absicherung und seinen Ruf. Er greift am Ende zu sehr ungewöhnlichen Mitteln, kann aber erreichen, dass Ashley zumindest nicht getötet wird.

Doch was Ashley dann bei der anschließenden Therapie wiederfährt, hätte selbst ich als Leser nicht für möglich gehalten.

 

Leseprobe:

… »Ich zeig’ Ihnen mal was, Mister.« Er schlug einen Aktenordner auf, der auf seinem Schreibtisch lag, und reichte David einen Packen Papiere. »Das sind Kopien vom Autopsiebericht, dem Bericht des FBI über die DNS-Untersuchung und den Fingerabdruckvergleich, dazu ein Bericht von Interpol zur Auswertung der Spuren, die wir ihnen zugesandt haben. All diese Männer hatten kurz vor ihrem Tode Geschlechtsverkehr mit einer Frau. An allen fünf Opfern wurden Spuren von Vaginalsekret gefunden. Anfangs ging man davon aus, daß es sich um drei verschiedene Frauen handelt. Nun ja, und dann hat das FBI alle Spuren verglichen und ausgewertet. Und nun raten Sie mal, was dabei rausgekommen ist? Es handelt sich um ein und dieselbe Person – Ashley Patterson nämlich. Ihre Fingerabdrücke wurden an sämtlichen Tatorten gefunden, desgleichen Spuren von Körpersekreten, die allesamt ihr Erbgut aufweisen.«

David starrte ihn ungläubig an. »Sind – sind Sie sich da ganz sicher?«

»Ja. Es sei denn, Sie glauben, daß Interpol, das FBI und fünf verschiedene Polizeilabors Ihrer Mandantin etwas anhängen wollen. Es paßt alles, Mister. Einer der Männer, die sie umgebracht hat, war mein Schwager. Ashley Patterson wird wegen vorsätzlichen Mordes vor Gericht gestellt, und sie wird auch verurteilt werden. Sonst noch was?«

»Ja.« David atmete tief durch. »Ich möchte Ashley Patterson noch mal sprechen.«

Sie wurde wieder in den Besuchsraum gebracht. »Warum haben Sie mich angelogen?« herrschte David sie an, als sie hereinkam.

»Was? Ich habe Sie nicht angelogen. Ich bin unschuldig. Ich habe –«

»Das Beweismaterial, das gegen Sie vorliegt, ist erdrückend.

Ich habe Ihnen doch gesagt, daß ich die Wahrheit wissen will.«

Ashley schaute ihn eine ganze Weile lang an. »Ich habe Ihnen die Wahrheit erzählt«, sagte sie dann leise. »Mehr habe ich dazu nicht zu sagen.«

Sie ist wirklich davon überzeugt, dachte David, als er nach San Francisco zurückfuhr. Ich habe mit ihr geredet. Wenn sie wirklich meint, daß sie die Wahrheit sagt, ist sie verrückt. Ich überlasse sie Jesse. Der kann dann immer noch Unzurechnungsfähigkeit geltend machen. Und damit ist die Sache erledigt.

Er mußte an Steven Patterson denken.

Am San Francisco Memorial Hospital sprachen die Kollegen Dr. Steven Patterson ihr Mitgefühl aus.

»Eine verdammte Schande ist das, Steven. So was hast du nicht verdient …«

»Das muß eine schreckliche Belastung für Sie sein. Wenn ich irgend etwas tun kann …«

»Ich weiß nicht, was heutzutage mit den jungen Leuten los ist. Ashley ist mir immer so normal vorgekommen …«

Und hinter jedem tröstenden Wort stand der Gedanke: Gott sei Dank, daß es nicht mein Kind ist.

Als David in die Kanzlei zurückkehrte, begab er sich unverzüglich zu Joseph Kincaid.

Kincaid blickte auf. »Nun, es ist bereits nach sechs, David, aber ich habe auf Sie gewartet. Haben Sie mit Dr. Pattersons Tochter gesprochen?«

»Ja, das habe ich.«

»Haben Sie schon einen Anwalt gefunden, der sie verteidigt?«

David zögerte. »Noch nicht, Joseph. Ich besorge ihr erst einen Psychiater. Morgen früh fahre ich wieder hin und rede noch mal mit ihr.«

Joseph Kincaid schaute David verwundert an. »Ach ja? Offen gestanden überrascht es mich, daß Sie sich da so engagieren. Wir dürfen natürlich nicht zulassen, daß diese Kanzlei mit einer derart scheußlichen Sache in Verbindung gebracht wird.«

»Ich engagiere mich eigentlich gar nicht, Joseph. Ich habe ihrem Vater nur sehr viel zu verdanken. Ich habe ihm ein Versprechen gegeben.«

»Aber doch nichts Schriftliches, oder?«

»Nein.«

»Dann handelt es sich also nur um eine moralische Verpflichtung?«

David musterte ihn einen Moment lang, wollte etwas sagen und hielt dann inne. »Ja. Es handelt sich nur um eine moralische Verpflichtung.«

»Nun denn, melden Sie sich wieder bei mir, wenn Sie mit Miss Patterson fertig sind. Dann reden wir miteinander.«

Kein Wort über die Ernennung zum Gesellschafter.

Als David an diesem Abend nach Hause kam, lag die Wohnung im Dunkeln.

»Sandra?«

Keine Antwort. David wollte gerade das Flurlicht einschal-ten, als Sandra plötzlich aus der Küche kam. Sie hatte eine mit brennenden Kerzen geschmückte Torte in der Hand.

»Eine Überraschung! Es gibt was zu feiern –« Sie verstummte, als sie seine Miene sah. »Stimmt irgendwas nicht, Liebster?

Hat man dich übergangen, David? Hat man jemanden anderen vorgezogen?«

»Nein, nein«, beruhigte er sie. »Alles in bester Ordnung.«

Sandra stellte die Torte ab und kam zu ihm. »Irgendwas stimmt doch nicht.«

»Es gibt nur eine … kleine Verzögerung.«

»War heute nicht die Besprechung mit Joseph Kincaid angesetzt?«

»Ja. Setz dich, mein Schatz. Wir müssen miteinander reden.«

Sie nahmen auf der Couch Platz. »Etwas Unvorhergesehenes ist dazwischengekommen«, sagte David. »Steven Patterson hat mich heute morgen aufgesucht.«

»Aha? Weswegen?«

»Er möchte, daß ich seine Tochter verteidige.«

Sandra blickte ihn überrascht an. »Aber, David – du bist doch kein –«

»Ich weiß. Ich habe versucht, es ihm klarzumachen. Aber ich war Strafrechtler.«

»Du bist es aber nicht mehr. Hast du ihm nicht gesagt, daß du Gesellschafter in der Kanzlei werden sollst?«

»Nein. Er hat sich nicht davon abbringen lassen, daß ich der einzige wäre, der seine Tochter verteidigen könnte. Das ist natürlich Unsinn. Ich habe versucht, ihn an Jesse Quiller zu verweisen, aber er hat mir nicht mal zugehört.«

»Na ja, er muß sich aber jemand anderen suchen.«

»Natürlich. Ich habe ihm versprochen, daß ich mit seiner Tochter rede, und das habe ich getan.«

Sandra lehnte sich zurück. »Weiß Mr. Kincaid darüber Bescheid?«

»Ja. Ich habe es ihm gesagt. Er war nicht gerade begeistert.«

Er ahmte Kincaids Tonfall nach. ›»Wir dürfen natürlich nicht zulassen, daß diese Kanzlei mit einer derart scheußlichen Sache in Verbindung gebracht wird.‹«

»Wie ist Dr. Pattersons Tochter?«

»Ein hoffnungsloser Fall, um es medizinisch auszudrücken.«

»Ich bin keine Medizinerin«, versetzte Sandra. »Was soll das heißen?«

»Es heißt, daß sie sich allen Ernstes für unschuldig hält.«

»Wäre das nicht möglich?«

»Der Sheriff von Cupertino hat mir Einsicht in die Akten gewährt. An sämtlichen Tatorten hat man massenweise Fingerabdrücke und serologische Spuren von ihr gefunden.«

»Was hast du jetzt vor?«

»Ich habe Royce Salem angerufen. Das ist der Psychiater, der für Jesse Quillers Kanzlei tätig ist. Er soll Ashley untersuchen und ihrem Vater Bericht erstatten. Dr. Patterson kann von mir aus einen weiteren Psychiater hinzuziehen oder den Bericht an den Anwalt weiterleiten, der den Fall übernimmt.«

»Aha.« Sandra musterte ihren Mann und sah, wie bedrückt er war. »Hat Mr. Kincaid etwas über die Ernennung zum Gesellschafter gesagt, David?«

Er schüttelte den Kopf. »Nein.«

»Das kommt schon noch«, versetzte Sandra munter. »Morgen ist auch noch ein Tag.«

Dr. Royce Salem war ein großer, schlanker Mann, der einen Bart wie Sigmund Freud trug.

Vielleicht ist es bloß ein Zufall, sagte sich David. Er versucht bestimmt nicht, wie Freud auszusehen.

»Jesse spricht oft von Ihnen«, sagte Dr. Salem. »Er mag Sie sehr.«

»Ich mag ihn auch, Dr. Salem.«

»Dieser Fall Patterson klingt ja interessant. Offensichtlich das Werk einer Psychopathin. Haben Sie vor, auf Unzurechnungsfähigkeit zu plädieren?«

»Eigentlich«, erklärte ihm David, »übernehme ich den Fall gar nicht. Bevor ich ihr einen Anwalt besorge, möchte ich nur feststellen lassen, in was für einer geistigen Verfassung sie sich befindet.«

David teilte Dr. Salem die Fakten mit, soweit sie ihm bekannt waren. »Sie behauptet, unschuldig zu sein, aber laut vorliegen-dem Beweismaterial hat sie die Taten eindeutig begangen.«

»Nun, dann wollen wir mal einen Blick auf die Psyche der jungen Dame werfen, nicht?«

Die hypnotherapeutische Sitzung fand in einem Vernehmungs-zimmer des Bezirksgefängnisses von Santa Clara statt. In dem Raum befanden sich ein rechteckiger Holztisch und vier Holzstühle.

Ashley, die blaß und verhärmt wirkte, wurde von einer Wärterin hereingeführt.

»Ich warte draußen«, sagte die Wärterin und zog sich zurück.

»Ashley«, sagte David, »das ist Dr. Salem. Ashley Patterson.«

»Hallo, Ashley«, sagte Dr. Salem.

Sie stand wortlos da und blickte nervös von einem zum anderen. David hatte das Gefühl, das sie am liebsten davongelaufen wäre.

»Mr. Singer sagt, daß Sie mit einer Hypnose einverstanden sind.«

Schweigen.

Dr. Salem versuchte es erneut. »Würden Sie sich von mir hypnotisieren lassen, Ashley?«

Ashley schloß einen Moment lang die Augen und nickte.

»Ja.«

»Dann sollten wir anfangen.«

»Nun, dann lasse ich Sie jetzt allein«, sagte David. »Wenn –«

»Einen Moment.« Dr. Salem ging zu David. »Ich möchte, daß Sie dableiben.«

David war frustriert. Er bedauerte jetzt, daß er so weit gegangen war. Ich lasse mich nicht noch tiefer hineinziehen, beschloß er. Danach ist endgültig Schluß.