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Kathy Reichs - „Totenmontag“

ISBN: 9-783-442-36600-2

 

Klappentext:

Das Böse hält keinen Winterschlaf. Kathy Reichs auch nicht. Was könnte frostiger sein als ein kanadischer Dezembersturm? Tempe Brennan, forensische Anthropologin in Montreal, wird an einem tristen Montagmorgen zu einem Fundort gerufen, der ihr das Blut in den Adern gefrieren lässt. Verscharrt in einem Kellergewölbe liegen die Leichen dreier junger Frauen. Nicht eine Gewebefaser, kein Fetzen Kleidung geben Aufschluss darüber, wann und warum diese Mädchen sterben mussten. Nur dank akribischer Ermittlungen und weiblicher Intuition kommt Tempe dem Mörder auf die Spur. Doch sie muss auf alles gefasst sein, denn ihr Gegner ist an Kaltblütigkeit nicht zu übertreffen … Tempe Brennans siebter Fall.

 

Inhalt:

Temperance Brennan wird zu einem Fundort gerufen. Man hat im Keller einer ehemaligen Pizzeria drei Skelette gefunden. Tempe wird gebraucht, mit ihrem Wissen über Knochen.

Der Fall ist verwirrend. Temperance kann das Alter der Knochen nur mit Hilfe der Radiocarbonmethode bestimmen. Außerdem wurden noch antike Knöpfe gefunden, die die Ermittlungen zunächst in eine falsche Richtung führen.

Außerdem wurde das Ladenlokal, was den einzigen Zugang zu dem Kellerraum hatte, mehrfach vermietet, in der Zeit, in der die Leichen da unten verwest sein müssen.

Temperance steckt mitten in den Ermittlungen, als sich eine Freundin zu Besuch ankündigt. Die hat im Flugzeug einem wildfremden Mann die Telefonnummer und Adresse von Tempe gegeben und prompt wird eingebrochen...

Gerade als die Ermittlung mit Hochdruck laufen und Tempe keine Zeit für ihre Freundin hat, verschwindet diese spurlos, nur um dann im ungünstisgten Moment wieder aufzutauchen.

Der Fall scheint aufgeklärt, als die geretteten Opfer wieder zu ihrem Peiniger fliehen und Tempe mit den Schlamassel hinein ziehen.

Doch Tempe wäre nicht Tempe, wenn sie auch aus dieser Lage keinen Ausweg wüsste.

 

Leseprobe:

… Am Dienstag versuchte ich, noch einige Ménards und Truongs anzurufen, und arbeitete dann die liegen gebliebenen Stapel Fallberichte, E-Mails und Korrespondenz auf. Anne schlief bis zwei und schaute sich dann lustlos Seifenopern und Wiederholungen an. Sie begann kaum ein Gespräch, obwohl ich mir extra den Nachmittag freigenommen hatte, um bei ihr zu sein. Zum Abendessen trank sie drei Viertel einer Flasche Lindmans, behauptete dann, sehr müde zu sein, und schlich gegen zehn ins Bett. Wie müde kann man sein, wenn man nur acht Stunden auf war und nichts getan hat?, fragte ich mich.

Jeden Dezember kommen Kunsthandwerker aus der ganzen Provinz in Montreal zusammen, um im Salon des métiers d’art du Québec ihre Waren zu verkaufen. Am Mittwoch scheuchte ich Anne mittags aus dem Bett und schlug ihr einen weihnachtlichen Einkaufsbummel vor.

Sie hatte keine Lust.

Ich bestand darauf.

Nur ein paar Millionen Leute tummelten sich auf der Place Bonaventure. Ich kaufte eine Keramikschüssel für Katy, einen geschnitzten Pfeifenständer aus Eichenholz für Pete, einen Schal aus Lamawolle für Harry. Birdie und Boyd, Petes hündischer Hausgenosse in Charlotte, bekamen schicke Wildlederhalsbänder. Apricot für die Katze. Waldgrün für den Chow-Chow.

Ein Stand mit handbemalten Seidenwaren brachte mich auf Ryan. Eine Krawatte? Nix da.

Anne schleppte sich lethargisch von Stand zu Stand und zeigte so viel Interesse wie eine Laborratte aus einer Kontrollgruppe. Ich spendierte ihr Schokotoffees und setzte lustige Hüte auf. Legte mir sogar das Hundehalsband um. Hin und wieder versuchte sie, Interesse zu zeigen, versank dann wieder in Teilnahmslosigkeit, fast so, als wäre ich nicht da. Nichts konnte sie aufheitern. Sie kaufte überhaupt nichts.

Annes Depression war inzwischen noch tiefer als der Marianen-Graben geworden.

Den ganzen Tag lang nahm ich sie immer wieder in den Arm und sagte tröstende Sachen. Ich wusste nicht, was ich sonst tun sollte. Sie war äußerst schweigsam, was für sie eigentlich unnatürlich ist.

Beim Abendessen stocherte sie in ihrem Sushi nur herum und konzentrierte sich lieber auf eine neuerliche Alkoholvergiftung. Zu Hause schützte sie wieder Müdigkeit vor und ging in ihr Zimmer.

So niedergeschlagen hatte ich meine Freundin noch nie erlebt, ich konnte den Ernst ihrer Lage kaum einschätzen. Ich wusste, dass irgendetwas ganz und gar nicht stimmte, aber bis zu welchem Grad sollte ich mich einmischen? Vielleicht verzog sich dieses Stimmungstief einfach wieder.

Besorgt schlief ich ein und träumte von Anne an einem dunklen, leeren Strand.

Am Donnerstagmorgen sah ich in meiner E-Mail-Box, dass Arthur Holliday mir die C-14-Resultate geschickt hatte.

Ich hatte die Finger über der Tastatur und starrte die Betreff-Zeile an.

Ich wartete doch schon so ungeduldig auf den Bericht. Warum zögerte ich jetzt?

Ganz einfach. Eigentlich wollte ich gar keine Bestätigung dafür, dass wieder einmal unschuldigen jungen Frauen brutale Gewalt angetan worden war.

Ich wollte gar nicht wissen, dass schon wieder Mädchen, die kaum die Kindheit hinter sich hatten, das Leben genommen worden war von – ja, von wem? Irgendeinem Freak mit dem Kopf voller Pornographie, der nur durch körperliche Unterwerfung seiner Opfer sexuelle Befriedigung finden kann? Einem Geistesgestörten mit einer Videokamera, der Beweise beseitigen muss? Oder einem mutierten Macho-Arschloch, der Frauen als Wegwerfobjekte betrachtet, die man nach perversem Missbrauch einfach beiseite schaffen kann? All diese Typen sind unter uns.

Ich wollte fast, dass Claudel Recht hatte. Ich wollte, dass die Knochen aus der Vergangenheit stammten. Dass sie Töchtern gehörten, die vor langer Zeit von trauernden Familien zur ewigen Ruhe gebettet worden waren. Aber ich wusste es besser, ich wusste, ich musste mich den Testergebnissen stellen, wenn ich bei der Identifikation der Opfer helfen wollte.

Tief durchatmen.

Ich klickte auf Abholen und öffnete dann die Acrobat-Datei.

Die Mail bestand aus fünf Seiten: das Anschreiben, der Bericht über die Radiokarbon-Analyse und drei Graphiken, die das jeweilige C-14-Alter in Kalenderjahre übersetzten.

Ich betrachtete die aktuell gemessenen und die definierten C-14-Altersangaben und blätterte dann zu den Graphiken.

Bilder stürzten auf mich ein.

Ich druckte den Bericht aus und machte mich auf den Weg ins Labor.

 

LaManche war in seinem Büro. Seit meinem letzten Besuch hatte entweder er oder seine Sekretärin einen Keramik-Weihnachtsbaum dem Chaos auf seinem Schreibtisch hinzugefügt.

Ich klopfte leicht mit den Knöcheln an die Tür.

LaManche hob den Kopf.

»Temperance. Bitte kommen Sie herein. Haben Sie es schon gehört?«

Ich sah ihn verwirrt an.

»Die Geschworenen haben Monsieur Pétit in allen Punkten für schuldig befunden.«

»Wann?«

»Gestern.«

»Das ging aber schnell.«

»Als die Staatsanwältin anrief, meinte sie, Ihre Gutachteraussage habe den Ausschlag gegeben.« LaManche schaute auf die Papiere in meiner Hand. »Aber Sie sind offensichtlich aus einem anderen Grund hier.«

»Ich habe die C-14-Ergebnisse.«

»Das ging aber auch schnell.« Überrascht.

»Dieses Labor arbeitet sehr effizient.« Von den Zusatzkosten sagte ich nichts.

LaManche stand auf und setzte sich mit mir an einen kleinen ovalen Tisch neben seinem Schreibtisch. Ich breitete die Ausdrucke aus, und wir beugten uns darüber.

»Zwei Variablen sind wichtig«, sagte ich. »Die Radioaktivität eines bekannten Standards und die Radioaktivität unserer unbekannten Probe. Über das Phänomen der atmosphärischen Atomtests und ihre Auswirkungen auf die C-14-Pegel haben wir bereits gesprochen, also nehmen wir einfach an, dass der Standardwert für C-14 im Jahr 1950 hundert Prozent ist. Jeder Wert darüber bedeutet ›Bomben‹ - oder modernes Karbon und deutet auf einen Tod hin, der nach 1950 eintrat.«

Ich deutete auf die letzte Zahl in der Spalte mit der Überschrift »Gemessenes Karbon-Alter«.

»Der pMC-Wert für LSJML 38 428 ist 120,5, plus oder minus 0,5.«

»Ein Anteilswert an modernem Karbon, der deutlich über hundert Prozent liegt.«

»Ja.«

»Und das bedeutet, dass dieses Mädchen nach 1950 gestorben ist.«

»Ja.«

»Wann nach 1950?«

»Das ist kniffelig. Als die atmosphärischen Tests 1963 verboten wurden, waren die pMC-Werte bis auf einhundertneunzig Prozent gestiegen. Aber was hochgeht, muss auch wieder runterkommen. Ein pMC-Wert von einhundertzwanzig könnte deshalb einem Punkt auf dem aufsteigenden Ast der Kurve entsprechen, als die Werte noch anstiegen, oder einem Punkt auf dem absteigenden Ast, als die Werte wieder sanken.«

»Und das heißt?«

»Der Tod könnte in den späten Fünfzigern oder Mitte bis Ende der Achtziger eingetreten sein.«

LaManche machte ein enttäuschtes Gesicht.

»Es wird noch schlimmer. Der gegenwärtige pMC-Wert liegt bei einhundertundsieben Prozent.« Ich deutete auf die Werte für LSJML-38 426 und LSJML-38 427.

»Mon dieu.«

»Diese Mädchen starben entweder schon Anfang der Fünfziger oder erst in den frühen Neunzigern.«

»Sie werden Monsieur Claudel über die Ergebnisse informieren?«

»O ja«, sagte ich. Mit Nachdruck.

LaManche legte die Fingerspitzen aneinander und klopfte damit gegen die Unterlippe.

»Falls diese Mädchen in den letzten zwanzig Jahren verschwanden, ist es möglich, dass sie in der Datenbank sind. Wir müssen die Beschreibungsmerkmale, die wir haben, ans CPIC schicken.«

LaManche meinte das Canadian Police Information Centre, das Äquivalent des US-amerikanischen NCIC, des National Crime Information Centre.

CPIC und NCIC, die von der RCMP, der Royal Canadian Mounted Police, und vom FBI betrieben werden, sind riesige Datenbanken mit kriminologisch relevanten Informationen, darunter Vorstrafenregister, Details über Flüchtige und gestohlene Gegenstände sowie Daten über vermisste Personen. Die Datenbanken stehen Strafverfolgungs- und anderen polizeilichen Behörden vierundzwanzig Stunden am Tag und dreihundertfünfundsechzig Tage im Jahr zur Verfügung.

Als wir aufstanden, legte LaManche mir eine Hand auf die Schulter.

»Wir müssen uns ranhalten, Temperance. Wir müssen dieser Sache auf den Grund gehen.«

»O ja«, erwiderte ich, noch einmal mit Nachdruck.

 

Dreißig Sekunden später saß ich in meinem Büro und telefonierte mit Claudel. Doch er trug zu dem Dialog nur sehr wenig bei.

»Nicht so schnell.«

»Drei-acht-vier-zwei-sechs«, wiederholte ich in einem Tempo, das ein Faultier produziert hätte, wenn es Französisch sprechen würde. »Weiblich.« Pause. »Weiß.« Pause. »Alter sechzehn bis achtzehn.« Pause. »Größe einhundertsiebenundvierzig bis einhundertsiebenundfünfzig Zentimeter.«

»Zahnbefunde?« Claudels Stimme war scharf wie eine frisch geschliffene Sense.

»Keine Füllungen. Aber natürlich habe ich postmortale Röntgenbilder.«

»Das sind die Knochen aus der Kiste?«

»Ja.«

»Das Nächste.«

»Drei-acht-vier-zwei-sieben. Weiblich. Weiß. Alter fünfzehn bis siebzehn. Größe einhundertdreiundsechzig bis einhundertsiebzig Zentimeter. Keine Zahnfüllungen.«

»Die Knochen aus der ersten Senke?«

»Ja.«

»Fahren Sie fort.«

»Drei-acht-vier-zwei-acht. Weiblich, weiß, Alter achtzehn bis zweiundzwanzig, Größe einhundertfünfundsechzig bis einhundertdreiundsiebzig. Verheilte Colles-Fraktur der rechten Speiche.«

»Das heißt?«

»Sie hat sich einige Jahre vor ihrem Tod das Handgelenk gebrochen. Colles-Frakturen passieren häufig, wenn man die Hände ausstreckt, um einen Sturz abzufedern.«

»Die Knochen aus der zweiten Senke?«

»Ja.«

»Keins dieser Individuen hat irgendwelche besonderen Merkmale?«

»Ein Mädchen war ziemlich klein. Das andere hatte sich den Arm gebrochen.«

»Wenn diese Mädchen in den Fünfzigern starben, ist das alles reine Zeitverschwendung.« …