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Wolfgang und Heike Hohlbein - „Midgard“

ISBN: 9-783-764-17056-1

 

Klappentext:

Der Sturm tobt über Midgard und die Wölfe schleichen heulend um das einsame Haus. Staunend und ungläubig hört der Knabe Lif zu, als die alte Skalla die Legende vom Fimbulwinter erzählt, der das Ende der Menschheit einleiten soll. Nicht die Götter, weder Asen noch Wanen, sind ausersehen, das Menschengeschlecht zu retten. Dem Knaben Lif ist es bestimmt, zu entscheiden, ob dem Fimbulwinter ein neuer Frühling folgen wird oder die ewige Nacht!

 

Inhalt:

Lif lebt bei einer Bauernfamilie. Er weiß, dass er nicht das leibliche Kind ist, und er stellt jeden Tag mehr fest, dass er anders ist,  als die beiden leiblichen Kinder der Leute. Lif merkt tief in seinem Innerren, dass dieses Leben nicht seines ist. Dass ihm mehr vorher bestimmt ist.

Als die gefürchteten Winterstürme los brechen, kommt Lif eine Kuh abhanden. Er will sie suchen und begegnet dabei zwei seltsamen Gestalten im Wald. Ein Riese und ein riesiger Wolf bekämpfen einander. Und erst eine alte Frau kann die beiden auseinander bringen.

Lif überlebt nur knapp, wird zum ersten Mal in seinem Leben krank und stellt mit Hilfe der Oma der Familie fest, dass er diesen Leuten nur noch Unglück bringt. In einer weiteren stürmischen Nacht macht er sich auf den Weg, um seinem Schicksal zu begegnen.

 

Leseprobe:

… Das Meer erstreckte sich vor ihnen wie eine unendliche Ebene aus gehämmertem Goldblech, Der Himmel war blau, und in seinem Zenit leuchtete eine Sonne, die so warm und gleißend strahlte, als hätte es niemals Sturm und Winter gegeben. Skidbladnirs gewölbter Bug pflügte die Wellen, und die goldglänzenden Zugtiere legten sich so ins Zeug, daß das Schiff fast über das Meer zu fliegen schien. Weiße Gischt schäumte unter den schlagenden Flügen der Drachen hoch. Die Ketten, die die Tiere mit dem Nornenschiff verbanden, summten vor Anspannung. Lif stand am Bug. Der Fahrtwind peitschte sein Gesicht, und das hochspritzende Wasser durchnäßte seine Kleidung, aber das machte ihm nichts aus; er spürte es kaum. Skidbladnir raste seit Stunden über das Meer, und noch immer faszinierte ihn der Anblick des prachtvollen Schiffes und seiner riesigen Zugtiere wie im allerersten Augenblick. Manchmal, wenn das Schiff über ein Wellental schoß, bebten die Planken unter Lifs Füßen, und von Zeit zu Zeit stieß einer der Seedrachen ein mächtiges Brüllen aus und schlug mit den Flügeln. Dann schien es, als höbe sich das ganze Schiff aus den Wellen heraus und flöge für ein kurzes Stück über sie hin , ehe es schäumend wieder eintauchte.

Lif war wie betäubt. Alles um ihn herum war wundervoll und aufregend wie in seinen Träumen, aber es war echt: Er spürte die Planken des Schiffes unter seinen Füßen, das goldbeschlagene Holz der Reling unter den Fingern und den nach Salzwasser riechenden Fahrtwind im Gesicht. Es war, als hätten sich all seine Träume mit einem Schlag in Wirklichkeit verwandelt.

Aber warum war er dann traurig? Anfangs, als die Drachen Skidbladnir den Fluß hinunter und dann ins offene Meer gezogen hatten, hatte sein Erstaunen alle anderen Gefühle verdrängt; er war unfähig gewesen, auch nur einen einzigen klaren Gedanken zu fassen. Aber nach und nach hatte sich ein sonderbarer Hauch von Trauer in seine Gedanken gemischt. Er konnte sich aber nicht erklären, warum.

Lif sah auf, als er Schritte neben sich hörte. Es war Eugel, der herangekommen war, aber im Windschatten des Schwanenbugs stehenblieb, um nicht wie Lif von den Wasserfontänen getroffen zu werden. Auf seinen faltigen Zügen lag ein ernster Ausdruck.

»Wie lange willst du hier noch stehen und dich bis auf die Haut naß spritzen lassen?« fragte er. »Du wirst dich erkälten.«

Lif schüttelte den Kopf. »Ich werde nicht krank«, sagte er. Eugel seufzte. »Ach ja. Ich vergaß, wer du bist.« Etwas an der Art, in der er die Worte aussprach, gefiel Lif nicht, obwohl er nicht gleich sagen konnte, was. Er legte den Kopf auf die Seite, sah den Alben prüfend an und trat einen Schritt zurück. Dann begriff er. »Aber es ändert sich doch nichts, oder?« fragte er ängstlich. »Ich meine, jetzt, wo du weißt, wer ich bin.« Eugel versuchte zu lächeln, aber es gelang ihm nicht ganz, und plötzlich schüttelte er den Kopf. Lif hatte sich bisher nichts dabei gedacht, daß der Albe - was ganz und gar nicht seine Art war - in den letzten Stunden kaum drei Worte geredet hatte, aber mit einemmal fiel ihm auf, wie sehr sich Eugels Verhalten seit seinem Gespräch mit Skuld geändert hatte. Obwohl er Eugel erst wenig mehr als einen Tag kannte, hatte er seine geschwätzige Art doch liebgewonnen. Für ihn war Eugel ein netter, vielleicht ein wenig griesgrämiger kleiner Mann gewesen, und umgekehrt bedeutete Lif für Eugel wohl nicht viel mehr als ein Menschenkind, das dumm genug gewesen war, sich im Sturm zu verlaufen, und das er irgendwie nach Hause bringen mußte.

Und plötzlich war alles anders. Mit einemmal war er, Lif, nicht mehr der Knabe, den der Schwarzalbe aus höchster Not gerettet hatte, sondern Lif, der das Ende der Zeiten ankündigte und in dessen Händen die Entscheidung über die Zukunft der ganzen Weh lag. Bisher war der Albe wichtig und Lif nur eine Last gewesen. Jetzt war es umgekehrt.

»Aber es ändert sich doch nichts«, sagte er noch einmal. Diesmal lächelte Eugel nicht. »Mach dir nichts vor, Knirps«, sagte er, bewußt grob, um seine Verlegenheit zu verbergen. »Was denkst du? Alles ändert sich.« »Aber du ... du bleibst doch bei mir?« fragte Lif schüchtern.

»Wozu? Ich bringe dich nach Asgard, und dann gehe ich wieder meiner Wege. Hast du Skulds Worte vergessen? Die Alben haben keinen Anteil am Streit der Riesen und Götter. Sollen sie sich doch die Schädel einschlagen«, fügte er finster hinzu. Aber das meinte er nicht ernst, Lif spürte es genau.

Eugels Verlegenheit wirkte ansteckend, und plötzlich fühlte sich auch Lif sehr unbehaglich in seiner Haut. Außerdem wurde ihm allmählich kalt. Er drehte sich wieder zum Bug, schlang die Hände um die Oberarme und sah aufs Meer hinaus. »Wie weit ist es noch?« fragte er.

»Bis Asgard?« Eugel zog die Augenbrauen zusammen, als er neben ihn trat und nun ebenfalls von Wind und Wassertropfen überschüttet wurde.

»Ich weiß es nicht«, sagte er. »Skidbladnir ist schnell wie der Wind, und doch ist der Weg zur Burg der Götter sehr weit.« Er zuckte mit den Schultern. »Manche haben sie ihr Leben lang vergeblich gesucht.« »Wo liegt sie?« fragte Lif. »Hinter dem Kalten Ozean?« »Asgard?« Eugel schüttelte heftig den Kopf. »Nein. Im Herzen Midgards, Lif, dort, wo alle Wege enden. Auf dem Gipfel des höchsten Berges der Welt.« »So?« fragte Lif verdutzt. »Und warum fahren wir dann nach Osten?«

»Es gibt tausend Wege, Asgard zu erreichen«, antwortete Eugel geheimnisvoll. »Wem es erlaubt ist, den Sitz der Asen zu finden, der gelangt auf jedem Weg dorthin. Aber die meisten dieser Wege sind nicht mehr sicher, seit Surturs Schergen durch Midgard streifen.« »Aber warum hat uns Skuld dann nicht dorthin gezaubert, wenn es so gefährlich ist?« fragte Lif verwundert. Eugel blickte ihn verblüfft an, dann begann er schallend zu lachen. »Ich sehe, in einem Punkt hast du mir wenigstens die Wahrheit gesagt, Knirps«, sagte er. »Du weißt wirklich nichts. Auch die Macht der Götter ist begrenzt, Lif.«

»Aber wenn sie doch zaubern können ...« »Zaubern, Unsinn!« unterbrach ihn Eugel. »Ich sage es ja immer wieder: Ihr Menschen redet und redet und redet, und ihr wißt nichts! Wo kämen wir hin, könnte jeder nach Herzenslust zaubern, wie er gerade will? Die Ordnung der Dinge wäre in Gefahr, und Midgard würde wieder im Chaos versinken, aus dem es einst entstand.« »Das verstehe ich nicht«, gestand Lif. »Du verstehst es nicht?« Eugel setzte sich mit untergeschlagenen Beinen in den Windschatten des Bugs und schlug mit der flachen Hand neben sich auf den Boden. »Setz dich«, sagte er. »Ich erkläre es dir.« Lif hatte plötzlich das ungute Gefühl, daß es ein Fehler gewesen war, in Eugels Gegenwart zuzugeben, daß er irgend etwas nicht verstand. Aber es war zu spät. Ergeben ließ er sich neben dem Alben auf die Planken sinken und rutschte in eine halbwegs bequeme Stellung. Irgendwann, viel, viel später fielen ihm die Augen zu, und das sanfte Auf und Ab Skidbladnirs schaukelte ihn in den Schlaf.

Eine Hand rüttelte ihn an der Schulter wach. Lif versuchte sie wegzuschieben und rollte sich auf die andere Seite, aber die Hand ließ nicht locker, sondern rüttelte und zerrte immer gröber an ihm herum, bis er mit einem widerwilligen Seufzer die Augen öffnete und verschlafen in Eugels Gesicht blinzelte, das wie ein ovaler Faltenmond über ihm hing.

»Warum läßt du mich nicht schlafen?« murmelte er übellaunig. »Ich bin müde, Eugel. Was ist los?« »Das weiß ich selbst nicht«, antwortete der Albe. »Irgend etwas stimmt nicht mit Skidbladnir, Lif.« Lif drehte sich wieder auf die andere Seite und schloß die Augen. »Dann frag doch die Norne«, sagte er verschlafen. Eugels Antwort hörte er schon nicht mehr, denn er hatte kaum das letzte Wort ausgesprochen da war er auch schon wieder eingeschlafen. Allerdings nur für einen Moment.

Im nächsten Augenblick fuhr er kerzengerade in die Höhe, rang nach Atem und spuckte Salzwasser aus, das Eugel ihm ins Gesicht geschüttet hatte. Kaltes Salzwasser! »Bist du von Sinnen, Eugel?« keuchte er. »Willst du mich umbringen?« …