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James Patterson - „Wer hat Angst vorm Schattenmann“

ISBN: 9-783-404-77276-6

 

Klappentext:

Alex Cross ermittelt wieder: In Washington treibt ein perverser Frauenmörder sein Unwesen. Seine diplomatische Immunität und das nach außen intakte Familienleben schützen den britischen Botschaftsangestellten und früheren Geheimagenten Geoffrey Shafer, für den das Leben nachts zum mörderischen Spiel wird. Shafer genießt das Töten, und er will sich sein Spiel von niemandem verderben lassen. Doch dann merkt er, dass er einen würdigen Gegenspieler gefunden hat …

 

Inhalt:

Alex Cross ermittelt gemeinsam mit Kollegen in einer Mordserie, bei der nicht sehr angesehene Bürger der Stadt umgebracht werden. Die Polizei misst diesen kaum Bedeutung bei, aber Alex sieht das anders. Er ist der Meinung, dass Gerechtigkeit für jeden gelten sollte. Egal welchem Berufsstand und welcher Schicht er angehört.

Während einer Suspendierung fährt er mit seiner Verlobten und seiner Familie in den Urlaub. Dort wird seine Verlobte allerdings entführt und Alex schickt seine Familie zunächst allein nach Hause. Doch er kommt mit seinen Ermittlungen nicht weiter und fährt unverrichteter Dinge wieder nach Hause.

In dem nun fast vollständigen Jahr, ermittelt er weiter in den Morden, hält einen Diplomaten für den Mörder und riskiert seinen Job und seinen Ruf.

Der Diplomat kommt zwar bei der Verhandlung frei heraus, sein Leben ist danach aber nicht mehr das Selbe. Er verliert scheinbar alles und er reagiert genau so, wie man es von einem Psychopathen erwarten würde.

Alex ermittelt, verzweifelt, steht wieder auf und schreitet am Ende doch auf ein Ergebnis zu.

 

Leseprobe:

… »Bermuda ist klein, friedlich und sicher«, erklärte ich ihm. »Das Verschwinden eines Touristen oder irgendein anderes Gewaltverbrechen ist hier ungewöhnlich. Ich habe keine Ahnung, woher die Zeitung so schnell die Geschichte bekommen hat. Die undichte Stelle muss bei der hiesigen Polizei sein.« »Die örtliche Polizei kann uns nicht helfen, höchstens behindern «, sagte Sampson, als wir zur Rezeption gingen. Er schrieb sich ein, und dann gingen wir nach oben, damit Nana und die Kinder sehen konnten, dass Onkel John gekommen war.

 

Am nächsten Morgen sprachen Sampson und ich stundenlang mit der Polizei in Hamilton. Die Beamten waren Profis, aber mit Entführungen hatten sie eher selten zu tun. Sie überließen uns einen Arbeitsplatz in ihrem Revier an der Front Street. Ich konnte mich immer noch nicht so konzentrieren, wie es erforderlich gewesen wäre.

Die Bermudas sind eine Inselgruppe, eine britische Kolonie, nur etwa 50 Quadratkilometer groß. Aber es gibt mehr als zwölfhundert Straßen, wie wir feststellten. Sampson und ich klapperten aufgetrennten Wegen so viele wie möglich davon ab. In den nächsten beiden Tagen waren wir von sechs Uhr morgens bis zehn oder elf Uhr abends pausenlos auf den Beinen. Ich wollte nicht mal zum Schlafen mit der Suche aufhören.

Aber wir hatten nicht mehr Erfolg als die Einheimischen. Niemand hatte etwas gesehen. Wir steckten in einer Sackgasse. Christine war und blieb spurlos verschwunden.

Wir waren hundemüde. Nachdem Sampson und ich am dritten Abend auf dem Polizeirevier Feierabend machten, gingen wir am Elbow Beach noch schwimmen, gleich neben der Straße

am Hotel.

Wir hatten beide im städtischen Schwimmbad in Washington schwimmen gelernt. Nana hatte darauf bestanden. Damals war sie vierundfünfzig Jahre alt gewesen und stur wie ein Esel. Sie hatte sich entschlossen, ebenfalls schwimmen zu lernen, und nahm mit uns zusammen Unterricht beim Roten Kreuz. Die Mehrheit der Bewohner des Southeast konnte damals nicht schwimmen, und Nana betrachtete das als »symbolisch für die begrenzten Möglichkeiten im Stadtkern«.

Deshalb begannen Sampson, Nana und ich in jenem fernen Sommer mit dem Unterricht im städtischen Schwimmbad. Drei Vormittage in der Woche bekamen wir Stunden und übten meist anschließend noch eine Zeit lang. Bald konnte Nana mehr als fünfzig Bahnen schwimmen. Sie hatte Durchhaltevermögen, wie auch jetzt noch. Ich gehe selten ins Wasser, ohne mich an diese herrlichen Sommertage meiner Jugend zu erinnern, als ich ein ziemlich guter Schwimmer wurde.

Jetzt trieben Sampson und ich auf dem ruhigen Meer, knapp hundert Meter vom Ufer entfernt. Der Himmel über uns war wie tiefblauer Samt, auf dem unzählige Sterne funkelten. Ich konnte die geschwungene weiße Linie des Strands sehen, die sich mehrere Meilen in beide Richtungen erstreckte. Palmen und Casuarinas wiegten sich in der Meeresbrise.

Doch ich sah diese Schönheiten gar nicht. Ich war ratlos, verzweifelt, verängstigt wie ein Kind, als ich auf dem Meer dahintrieb. Mit offenen und mit geschlossenen Augen sah ich Christine. Ich konnte es nicht fassen, dass sie verschwunden war. Es zerriss mich, wenn ich daran dachte. Manchmal war das Leben die Hölle.

»Möchtest du über die Ermittlungen sprechen? Meine bisherigen Gedanken? Kleinigkeiten, die ich heute erfahren habe? Oder sollen wir es für heute gut sein lassen?«, fragte Sampson, während wir auf dem Rücken trieben. »Reden? Oder Schweigen? «

»Reden, schätze ich. Ich kann an nichts denken. Nur an Christine. Sag mir, was du herausgefunden hast.«

»Kleinigkeiten, aber vielleicht ist es wichtig.«

Ich sagte nichts.

»Die ersten Zeitungsartikel geben mir Rätsel auf.« Sampson machte eine Pause; dann fuhr er fort: »Busby sagt, er habe am ersten Abend mit niemandem gesprochen. Mit keinem einzigen Menschen, behauptet er. Du auch nicht. Trotzdem stand die Story in der Frühausgabe.«

»Die Insel ist klein, John. Das hab ich dir schon erklärt. Und inzwischen hast du’s ja selbst gesehen.«

Doch Sampson gab nicht auf. Und allmählich keimte in mir der Gedanke, dass an der Sache tatsächlich etwas dran sein könnte.

»Hör zu, Alex. Nur du, Patrick Busby und die oder der Entführer Christines wussten Bescheid. Er hat die Zeitung angerufen. Der Kidnapper. Ich habe mit dem Mädchen gesprochen, das den Anruf entgegengenommen hat. Gestern wollte sie nicht mit der Sprache raus, aber heute hat sie es mir gesagt. Sie glaubte, der Anrufer wäre ein besorgter Bürger gewesen. Ich glaube, jemand spielt mit dir, Alex. Jemand treibt ein ganz übles Spiel mit dir.«

Wir haben sie.

Ein Spiel? Was für eine Art übles Spiel? Und wer waren die verdammten Spieler? War einer von ihnen das Wiesel? War es möglich, dass er immer noch hier in Bermuda war?

 

Zurück im Hotel, konnte ich nicht schlafen. Ich konnte mich immer noch nicht konzentrieren. Ich konnte nichts tun, nur grübeln, und das war entsetzlich. Ich glaubte den Verstand zu verlieren.

Ein Spiel? Nein, das war kein Spiel. Es war Schock und Entsetzen – ein lebendiger Albtraum, schlimmer als alles, was ich je erlebt hatte. Wer hatte Christine so etwas antun können?

Warum? Wer war das Wiesel?

Jedes Mal, wenn ich die Augen schloss und zu schlafen versuchte, sah ich Christines Gesicht, sah, wie sie mir zum Abschied auf der Middle Road zuwinkte, sah, wie sie mit Blumen im Haar durch den Hotelgarten ging.

Die ganze Nacht hindurch hörte ich Christines Stimme – und dann brach der neue Morgen an. Und meine Schuldgefühle hatten sich verdoppelt, verdreifacht. Sampson und ich klapperten weiter die Middle Road, die Harbour Road, die South Road ab. Jede Person, mit der wir auf den Straßen, auf dem Polizeirevier und der Militärbasis sprachen, erklärte uns, dass Christine nicht einfach von der Insel verschwunden sein konnte. Sampson und ich hörten die gleiche Leier eine Woche lang jeden Tag. Kein Ladeninhaber, kein Taxi- oder Busfahrer hatte Christine in Hamilton oder St. George gesehen. Deshalb bestand die Möglichkeit, dass sie an jenem Nachmittag in keiner der beiden Städte angekommen war.

Nicht ein einziger Zeuge erinnerte sich, ihr Moped auf der Middle oder der Harbour Road gesehen zu haben. Vielleicht war sie nicht einmal so weit gekommen. Am beunruhigendsten war, dass man seit dem Verschwinden Christines keine Verbindung mit mir aufgenommen hatte, sah man von der E-Mail ab. Ein FBI-Agent hatte die E-Mail-Adresse geprüft und festgestellt, dass sie nicht existierte. Wer immer Kontakt mit mir aufgenommen hatte, war ein fähiger Hacker und in der Lage, seine oder ihre Identität zu verheimlichen. Die Worte, die ich in jener Nacht gelesen hatte, gingen mir nicht aus dem Kopf.

Sie ist für den Augenblick sicher.

Wir haben sie.

Wer war »wir«? Und warum hatte es keinen weiteren Kontakt gegeben? Was wollten sie von mir? Wussten sie, dass sie mich in den Wahnsinn trieben? Was wollten sie, das ich tue? Wer war das Wiesel, falls es überhaupt an der Sache beteiligt war? Ein Mann? Eine Frau? Mehrere Personen?

Sampson kehrte am Sonntag nach Washington zurück und nahm Nana und die Kinder mit. Sie wollten nicht ohne mich fliegen, aber es war Zeit für sie, nach Hause zu reisen. Ich selbst konnte mich noch nicht von Bermuda losreißen. Ich hätte das Gefühl gehabt, Christine im Stich zu lassen.

Sonntagabend tauchte Patrick Busby gegen neun Uhr im Belmont Hotel auf. Er bat mich, mit ihm zu fahren, an Southampton vorbei ungefähr sechs Meilen weit, was zwanzig Minuten oder ein wenig länger dauern würde, wie er sagte. Die Einwohner Bermudas messen Entfernungen in geraden Linien, aber die Straßen schlängeln sich oft in Serpentinen dahin. Deshalb dauert es immer länger als veranschlagt.

»Um was geht es, Patrick? Was ist hinter Southampton?«, fragte ich, als wir die Middle Road entlangfuhren. Das Herz schlug mir bis zum Hals. Sein Schweigen machte mir Angst.

»Wir haben Mrs. Johnson nicht gefunden. Aber ein Mann hat möglicherweise eine Entführung beobachtet. Ich möchte, dass Sie sich seine Aussage anhören. Dann entscheiden Sie selbst. Sie sind der Detective aus der Großstadt, nicht ich. Sie können jede Frage stellen, die Sie wollen. Selbstverständlich inoffiziell.«