ich-geb-dir.info
Home.
Delfine.
Hunde.
Literatur.

Kathy Reichs - „Totgeglaubte leben länger“

ISBN: 9-783-453-43660-2

 

Klappentext:

Die Leiche eines jüdisch-orthodoxen Importeurs beschert Dr. Temperance Brennan Überstunden im Labor. Die Schusswunde am Kopf deutet auf Selbstmord hin, doch die Gerichtsmedizinerin kann ein heimtückisches Verbrechen nicht ausschließen. Tempes Untersuchungen nehmen eine unerwartete Wendung, als ein Fremder ihr das Foto eines uralten Skeletts aus Israel zusteckt und beteuert, es sei der Schlüssel zum Tod des streng religiösen Mannes. Ehe sie sich’s versieht, stößt sie auf ein abgründiges Geheimnis, das älter ist als die Bibel. Es könnte die Grundpfeiler der jüdischen und christlichen Glaubensgeschichte erschüttern ...

 

Inhalt:

Temperance muss eine übel zugerichtete Leiche untersuchen. Der arme Kerl wurde von Katzen angenagt und lag in einer Sauna.... Die Verwesung ist schon weit fort geschritten und auch die Verwandten drängen auf eine schnelle Arbeit, da der Leichnam innerhalb von 24 Stunden beerdigt werden muss.

Doch es ist nicht der Leichnam, der die Handlung bestimmt, sondern vielmehr ein Foto eines Skelettes, wie es wohl bei einer Ausgrabungsstätte gefunden wurde. Die Knochen befinden sich im Lagerhaus des Mordopfers und können auf die Zeit Christi zurück geführt werden.

Temperance Brennan fliegt nach Jerusalem, um Ermittlungen anzustellen, warum das Opfer wegen dieser Knochen hat sterben müssen. Dabei stößt sie nicht nur auf freundlich gesinnte Menschen. Sonder auch auf diejenigen, die eine Ausgrabung als Grabschändung ansehen und ihr wünschen, dass ihr doch eine Hand abfaulen möge.

Doch Temperance wäre nicht Temperance, wenn sie in diesen ganzen geschichtlichen Wirren nicht auch die Lösung ihres Mordfalles finden würde.

 

Leseprobe:

… »Wie?«

»Gehören Sie zur Familie?«

»Nein.«

»Sind Sie Journalistin?«

»Nein.«

Ich holte eine Visitenkarte aus meiner Handtasche und gab sie ihm. Der Mönch senkte kurz den Blick darauf und hob dann wieder den Kopf.

»Am Mittwoch, den zweiten März, kehrte der Abt nicht von seinem Morgenspaziergang zurück. Seine Leiche wurde auf einem der Klosterwege gefunden.«

Ich atmete tief ein.

»Sein Herz hatte versagt.«

Ich dachte an unsere Begegnung. Morissonneau hatte vollkommen gesund ausgesehen. Man könnte sogar sagen, robust.

»War der Abt in medizinischer Behandlung?«

»Ich habe nicht die Befugnis, Ihnen das mitzuteilen.«

»Hatte er eine Vorgeschichte in Bezug auf Herzkrankheiten?«

Auch darauf antwortete der Mönch nicht.

»Wurde der Leichenbeschauer benachrichtigt?«

»Der Herr herrscht über das Leben und den Tod. Wir akzeptieren seine Weisheit.«

»Der Leichenbeschauer nicht«, blaffte ich.

Stroboskopisch aufblitzende Bilder. Ferris’ zerschmetterter Schädel. Morissonneau, der über einen Karton mit alten Knochen streicht. Ein Gemälde von Burne-Jones mit dem Titel Auferstehung. Sätze über einen Jihad. Mordanschläge.

So langsam bekam ich es mit der Angst. Und Wut stieg in mir hoch.

»Wo ist Vater Morissonneau jetzt?«

»Beim Herrn.«

Ich warf dem Mönch einen Leck-mich-Blick zu.

»Wo ist seine Leiche?«

Der Mönch runzelte die Stirn.

Ich runzelte die Stirn.

Ein Arm tauchte aus der Kutte auf und deutete in Richtung Tür. Ich wurde hinausgeworfen.

Ich hätte einwenden können, dass der Tod des Priesters eigentlich hätte gemeldet werden müssen, dass die Mönche durch Unterlassung dieser Meldung gegen das Gesetz verstoßen hatten. Doch es schien mir nicht der richtige Zeitpunkt zu sein.

Ich murmelte Beileidswünsche und verließ eilig das Kloster.

Auf der Rückfahrt nach Montreal wurde meine Angst immer stärker. Was hatte Jake über das Skelett gesagt, das Morissonneau mir gegeben hatte? Seine Entdeckung könnte explosiv sein.

Inwiefern explosiv?

Avram Ferris hatte das Skelett in seinem Besitz gehabt und war erschossen worden. Morissonneau hatte das Skelett in seinem Besitz gehabt und war jetzt tot.

Jetzt war das Skelett in meinem Besitz. War ich in Gefahr?

Alle paar Minuten huschte mein Blick zum Rückspiegel.

War Morissonneau wirklich eines natürlichen Todes gestorben? Der Mann war Mitte fünfzig gewesen. Er hatte völlig fit gewirkt.

War er ermordet worden?

Die Brust wurde mir eng. Im Auto war es heiß und stickig. Trotz der Kälte draußen kurbelte ich das Fenster ein Stück herunter.

Ferris war irgendwann im Verlauf des Wochenendes um den zwölften Februar gestorben. Kessler/Kaplan war am siebenundzwanzigsten nach Israel gereist. Morissonneau war am zweiten März tot aufgefunden worden.

Wenn Morissonneaus Tod auf ein Verbrechen zurückzuführen war, konnte Kaplan damit nichts zu tun haben.

Außer Kaplan war bereits wieder nach Kanada zurückgekehrt.

Noch einmal schaute ich in den Rückspiegel. Nichts als leere Straße.

Ich hatte Morissonneau am Samstag, den sechsundzwanzigsten besucht. Vier Tage später war er tot. Zufall? Vielleicht.

Ein Zufall von der Größe des Titicaca-Sees. Zeit, die israelischen Behörden anzurufen.

 

Für einen Montag war es im Institut relativ ruhig. Unten waren nur vier Autopsien im Gange.

Oben brach LaManche eben zu einer Vorlesung im Canadian Police College in Ottawa auf. Ich passte ihn im Gang ab und berichtete ihm von meinen Befürchtungen bezüglich Morissonneaus Tod. LaManche sagte, er werde der Sache nachgehen.

Dann erläuterte ich ihm die C-14-Befunde des Skeletts.

»Wenn wir von einem geschätzten Alter von ungefähr zweitausend Jahren ausgehen, dann haben Sie die Befugnis, die Knochen den zuständigen Behörden zu übergeben.«

»Ich erledige das«, sagte ich.

»Unverzüglich, bitte. Wir haben sowieso schon viel zu wenig Platz.«

LaManche hielt kurz inne, anscheinend schien er sich an die Ferris-Autopsie und ihre Beobachter zu erinnern.

»Und es wäre wohl das beste, wenn Sie es vermeiden könnten, irgendwelche religiösen Gemeinden vor den Kopf zu stoßen.« Noch eine Pause. »Und, so unwahrscheinlich dies auch sein mag, internationale Konflikte können aus den harmlosesten Umständen entstehen. Wir wollen doch nicht, dass so etwas passiert. Bitte erledigen Sie das so schnell wie möglich.«

Ich dachte an mein Versprechen und rief Jake an. Er war noch immer nicht zu erreichen. Ich hinterließ ihm die Nachricht, dass ich eben dabei sei, die israelischen Behörden wegen der Übergabe von Morissonneaus Skelett zu kontaktieren.

Dann saß ich einen Augenblick da und überlegte mir, an welche Behörde ich mich eigentlich wenden sollte. Ich hatte Jake nicht danach gefragt, weil ich ihm versprochen hatte, zuerst mit ihm zu reden, bevor ich mich mit den offiziellen Stellen in Verbindung setzte. Doch jetzt war er nicht erreichbar, und LaManche wollte, dass ich die Sache abschloss.

Meine Gedanken schweiften etwas ab. Warum passte es Jake nicht, dass ich mit den Israelis redete? Wovor hatte er Angst? Gab es irgendjemand Besonderen, den er außen vor lassen wollte?

Zurück zur drängenderen Frage. Ich war mir sicher, dass die israelische Polizei kein Interesse an einem zweitausend Jahre zurückliegenden Todesfall haben würde. Obwohl die israelische Archäologie nicht gerade mein Spezialgebiet war, wusste ich doch, dass die meisten Länder Behörden haben, die sich um die Bewahrung des kulturellen Erbes kümmern, und dazu gehört natürlich auch der Erhalt historischer Fundstücke.

Ich loggte mich ins Internet ein und gab bei Google die Begriffe »Israel« und »Altertum« ein. Fast jeder Eintrag hatte einen Verweis zur Israel Antiquities Authority, der israelischen Altertümer- und Archäologie-Behörde. Fünf Minuten später hatte ich eine Telefonnummer.

Ich schaute auf die Uhr. Elf Uhr zwanzig. Achtzehn Uhr zwanzig in Israel. Ich hatte meine Zweifel, ob dort so spät noch irgendjemand arbeitete.

Ich tippte die Nummer ein.

Eine Frau meldete sich nach dem zweiten Läuten.

»Shalom.«

»Shalom. Hier spricht Dr. Temperance Brennan. Es tut mir sehr Leid, aber ich spreche kein Hebräisch.«

»Sie haben die Nummer der Israel Antiquities Authority gewählt.« Englisch mit starkem Akzent.

»Ich rufe vom Laboratoire de Sciences Judiciaires et de Médecine Légale in Montreal, Kanada, an.«

»Wie bitte?«

»Ich bin die forensische Anthropologin des Gerichtsmedizinischen Instituts in Montreal.«

»Ja.« Langeweile vermischt mit Ungeduld.

»Hier sind unter etwas ungewöhnlichen Umständen Überreste aufgetaucht.«

»Überreste?«

»Ein menschliches Skelett.«

»Ja?« Etwas weniger gelangweilt.

»Einige Indizien deuten darauf hin, dass dieses Skelett möglicherweise in Masada bei Yigael Yadins Ausgrabung in den Sechzigern entdeckt wurde.«

»Noch einmal Ihren Namen, bitte.«

»Temperance Brennan.«

»Einen Augenblick, bitte.«

Ich wartete. Ganze fünf Minuten lang. Dann meldete sich die Frau wieder. Jetzt klang sie überhaupt nicht mehr gelangweilt.

»Darf ich Sie fragen, wie das Skelett in Ihren Besitz gelangt ist?«

»Nein.«

»Wie bitte?«

»Ich werde die Situation der zuständigen Stelle erklären.«

»Die IAA ist die zuständige Stelle.«

»Wer ist der Direktor, bitte?«

»Tovya Blotnik.«

»Dann sollte ich vielleicht mit Mr. Blotnik sprechen.«

»Er ist schon im Feierabend.«

»Ist es möglich, ihn zu …«

»Dr. Blotnik lässt sich zu Hause nicht gern stören.«

Aus irgendeinem Grund wollte ich dieser Frau nicht die ganze Geschichte erzählen. War es Jakes Ermahnung, zuerst ihn und dann Israel zu informieren? LaManches Hinweis auf mögliche internationale Komplikationen? Ein irrationales Bauchgefühl? Ich wusste es nicht, aber irgendetwas hielt mich davon ab.

»Ich will nicht respektlos sein. Aber ich würde es wirklich vorziehen, mit dem Direktor zu sprechen«.

»Ich bin biologische Anthropologin bei der IAA. Sollten die Knochen zu uns kommen, wird Dr. Blotnik mich mit der Abwicklung der Transaktion beauftragen.«

»Und Sie sind?«

»Ruth Anne Bloom.«

»Es tut mir Leid, Dr. Bloom, aber ich brauche eine Bestätigung des Direktors.«

»Das ist ein höchst ungewöhnliches Anliegen.«

»Ich bringe es trotzdem vor. Das ist ein höchst ungewöhnliches Skelett.«

Schweigen.

»Können Sie mir bitte sagen, wie ich Sie erreichen kann?« Eisig.

Ich gab Bloom meine Handy- und Institutsnummer.

»Ich gebe die Nachricht weiter.«

Ich dankte ihr und legte auf.

Dann loggte ich mich wieder ins Internet ein und ließ Google nach Tovya Blotnik suchen. Der Name tauchte in mehreren Artikeln auf, in denen es um eine Kontroverse bezüglich eines uralten Steinsargs mit der Bezeichnung Jakobus-Ossuar ging. In jedem wurde Blotnik als Direktor der IAA erwähnt.

Okay. Blotnik war also koscher. Warum riet mir dann mein Gefühl, bei Bloom vorsichtig zu sein?

Die Tatsache, dass Lerner und Ferris glaubten, das Skelett in meiner Labor sei das von Jesus Christus? Die Tatsache, dass Jake mich gebeten hatte, genau das nicht zu tun, was ich jetzt tat?

Ich war mir nicht sicher. Aber das Gefühl blieb. …