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Stephen King - „Basar der bösen Träume“

ISBN: 9-783-453-27023-7

 

Klappentext:

Hier werden Albträume wahr Abermals legt Stephen King, u. a. Träger des renommierten 'O.-Henry-Preises', eine umfassende und vielseitige Kurzgeschichtensammlung vor. Von den insgesamt 20 Storys wurden bislang erst drei auf Deutsch veröffentlicht. Die Originale erschienen teilweise in Zeitschriften; andere sind bislang gänzlich unveröffentlicht. Nicht immer blanker Horror, aber immer psychologisch packend und manchmal schlicht schmerzhaft wie ein Schlag in die Magengrube – Geschichten, die uns einladen, Stephen Kings Meisterschaft im Erzählen aufs Neue beizuwohnen, oder, wie er selbst in seinem Basar der bösen Träume ausruft: 'Hereinspaziert, ich habe die Geschichten eigens für Sie geschrieben. Aber seien Sie vorsichtig. Bestenfalls sind sie bissig und schnappen zu.'

 

Inhalt:

In diesem Buch stellt Steven King einige seiner Kurzgeschichten vor, die er im Laufe der Zeit geschrieben hat. In diesen Geschichten ist es nicht immer megamäßig blutig, aber ein unterschwelliger Horror ist auf jeden Fall drin.

Besonders die letzte Gescchichte in diesem Buch, die in der es um die Situation nach dem Fall der Atombombe geht, ist mir hier sehr stark in Erinnerung geblieben. Meiner Meinung nach die heftigste Geschichte von allen.

 

Leseprobe:

… Irgendwann im letzten Monat habe ich hinter der Kirche geparkt, sagte ich, und war schon halb die Treppe rauf, als mir einfiel, dass ich den Wagen nicht abgeschlossen hatte. Ich ging zurück, und da saß ein Junge in meinem Auto und durchwühlte meine Sachen. Ich schrie ihn an, worauf er wie ein geölter Blitz davonschoss. Mit der kleinen Spardose aus dem Handschuhfach, in der ich immer das Kleingeld für die Mautgebühr aufbewahrte. Ich rannte ihm hinterher, aber er war zu schnell.

Ich würde nur gern ein paar Takte mit ihm reden, sagte ich zu Ronnie und seiner Mutter. Ihm sagen, was ich jedem von euch Jungs sage – dass ihr euch mit Diebstahl die Zukunft verbaut.

Ronnie fragte mich, wie der Junge ausgesehen habe.

Er war klein und dick, sagte ich. Helles, orangefarbenes Haar, ein richtiger Karottenkopf. Damals trug er graue Shorts und einen grünen Pullover mit Streifen in der gleichen Farbe wie sein Haar.

Ach du meine Güte, sagte Mrs. Gibson. Hatte er etwa eine kleine Propellermütze auf dem Kopf?

Aber natürlich, sagte ich und bemühte mich, dabei ruhig zu bleiben. Jetzt, wo Sie es erwähnen.

Den hab ich mal auf der Straße gesehen, sagte sie. Ich dachte noch, dass er erst kürzlich in eine von den Sozialwohnungen nebenan gezogen sein kann.

Ronnie, hast du ihn auch schon mal gesehen, fragte ich.

Nee, sagte er. Noch nie.

Na ja, wenn du ihn siehst, sprich ihn nicht an, sondern ruf mich. Versprichst du mir das?

Na klar, sagte er, und ich war zufrieden. Weil ich wusste, dass der böse kleine Junge wieder da war. Ich würde zur Stelle sein, wenn er in Aktion trat. Schließlich wollte er, dass ich dabei war, denn darum ging’s ja. Ich war derjenige, den er verletzen wollte. Die anderen – Marlee, Vicky, mein Vater, Mama Nonie – waren nur Kollateralschäden.

Eine Woche verging, dann eine zweite. Allmählich beschlich mich der Verdacht, der böse kleine Junge könnte irgendwie herausgefunden haben, was ich vorhatte. Bis eines Tages – es war jener Tag, Mr. Bradley – einer der Jungen auf den Spielplatz hinter der Kirche gerannt kam. Ich war gerade dabei, mit ein paar anderen das Volleyballnetz aufzuspannen.

Ein Junge hat Ronnie umgeschubst und ihm die Brille gestehlt, rief der Kleine. Dann ist er in den Park gerennt! Ronnie ist ihm nach!

Ich zögerte keine Sekunde, schnappte mir meine Sporttasche – die ich immer mit mir herumschleppte, wenn ich meine Schützlinge betreute – und lief durch das Tor in den Barnum Park. Dabei wusste ich genau, dass es nicht der böse kleine Junge selbst gewesen war, der Ronnies Brille gestohlen hatte; das war nicht sein Stil. Der Brillendieb würde sich als gewöhnlicher Junge entpuppen, genau wie der Böllerwerfer, und hinterher, wenn der Plan des bösen kleinen Jungen aufgegangen war, wäre jener über seine Tat genauso zerknirscht. Nur würde ich diesmal dafür sorgen, dass der Plan nicht aufging.

Ronnie war nicht gerade sportlich und konnte auch nicht sonderlich schnell rennen. Dem Brillendieb musste dies ebenfalls aufgefallen sein, jedenfalls blieb er am Ende des Parks stehen und schwenkte die Brille über dem Kopf hin und her. Hol sie dir doch, Ray Charles, schrie er. Hol sie dir doch, Stevie Wonder!

Ich hörte den Verkehr auf dem Barnum Boulevard und wusste genau, was der böse Junge im Schilde führte. Was einmal funktioniert hatte, konnte auch ein zweites Mal funktionieren. Diesmal war es eine Blendschutzbrille anstatt einer Steve-Austin-Lunchbox, aber das Prinzip war das gleiche. Später würde der Junge, der Ronnies Brille genommen hatte, in Tränen ausbrechen und behaupten, er habe ja nicht gewusst, was passieren würde, er habe gedacht, es sei nur ein Scherz oder ein Streich oder vielleicht die Rache dafür, dass Ronnie den kleinen pummeligen Rotschopf auf der Straße umgeschubst habe.

Natürlich hätte ich Ronnie mühelos einholen können, ich blieb aber zunächst zurück. Er war nämlich mein Köder, und den wollte ich auf keinen Fall zu früh einkurbeln. Als Ronnie näher kam, rannte der Junge, der für den bösen kleinen Jungen die Drecksarbeit erledigte, durch den Steinbogen zwischen dem Park und dem Barnum Boulevard, wobei er nach wie vor Ronnies Brille über dem Kopf schwenkte. Ronnie folgte ihm dichtauf, dann kam ich. Im Laufen riss ich den Reißverschluss der Sporttasche auf. Sowie ich den Revolver in der Hand hielt, ließ ich die Tasche fallen und spurtete los.

Bleib hier, rief ich Ronnie zu, als ich an ihm vorbeirannte. Rühr dich nicht vom Fleck!

Er gehorchte. Gott sei Dank. Wenn ihm etwas passiert wäre, dann säße ich jetzt nicht hier und würde auf die Todesspritze warten, Mr. Bradley; dann hätte ich mich schon längst selbst umgebracht.

Als ich durch den Steinbogen lief, erblickte ich den bösen kleinen Jungen sofort. Er sah immer noch so aus wie in meiner Kindheit. Der große Junge reichte ihm Ronnies Brille, und der böse kleine Junge gab ihm einen Geldschein dafür. Als er mich kommen sah, verschwand zum ersten Mal dieses grässliche, höhnische Grinsen, das sonst seine seltsam roten Lippen umspielte. So war das nicht geplant gewesen! Der Plan lautete: erst Ronnie, dann ich. Ronnie hätte dem bösen kleinen Jungen auf die Straße folgen sollen, um von einem Lastwagen oder einem Bus überfahren zu werden. Erst dann hätte ich dazustoßen und alles mit ansehen sollen.

Karottenkopf lief auf den Barnum Boulevard. Sie wissen ja, wie es vor dem Park aussieht – oder sollten es zumindest wissen, immerhin hat die Anklage das Video während der Verhandlung dreimal vorgeführt. Es ist eine sechsspurige Straße – drei Spuren in jede Richtung, eine davon die Abbiegespur mit einem Trennstreifen aus Beton dazwischen. Als der böse kleine Junge den Trennstreifen erreichte, sah er sich um, und inzwischen wirkte er mehr als nur verwundert. In seinen Augen stand die blanke Angst. Bei diesem Anblick war ich zum ersten Mal, seit Carla kopfüber die Kirchentreppe hinuntergestürzt war, wieder glücklich.

Mehr als ein kurzer Blick war mir nicht vergönnt. Der böse kleine Junge lief direkt auf die Fahrbahn, ohne dem Verkehr auch nur die geringste Beachtung zu schenken. Ich folgte ihm auf die Straße. Sicher, ich hätte überfahren werden können. Das nahm ich in Kauf. Immerhin wäre es ein echter Unfall gewesen, kein auf mysteriöse Weise klemmendes Gaspedal. Das mag Ihnen vielleicht selbstmörderisch vorkommen, war es aber nicht. Ich durfte ihn auf keinen Fall entkommen lassen. Vielleicht hätte ich ihn erst in zwanzig Jahren wiedergesehen, und bis dahin wäre ich ein alter Mann gewesen.

Ich weiß nicht, wie nahe ich dran war, über den Haufen gefahren zu werden. Jedenfalls hörte ich nicht wenige kreischende Bremsen und quietschende Reifen. Eines der Autos wich dem Jungen aus und streifte einen Lieferwagen. Irgendjemand nannte mich ein verrücktes Arschloch. Was zum Teufel macht der Kerl da, wollte ein anderer wissen. Das waren nur Hintergrundgeräusche. Ich hatte einzig und allein den bösen kleinen Jungen im Sinn – meinen großen Fang.

Er rannte, so schnell er konnte. Doch was für ein Monster auch immer in ihm sein mochte, es steckte in einem pummeligen Kinderkörper mit Stummelbeinen und Wabbelarsch. Er hatte keine Chance und konnte nur darauf hoffen, dass mich ein Auto erwischte, aber so viel Glück hatte er nicht.

Er erreichte die andere Straßenseite, stolperte und schlug längelang auf dem Gehweg hin. Der Mann hat eine Waffe, hörte ich eine Frau schreien, eine stämmige Dame mit blondiertem Haar. Mrs. Jane Hurley. Sie hat bei der Verhandlung ausgesagt.

Der Junge wollte sich aufrappeln. Das ist für Marlee, du kleiner Hurensohn, rief ich und schoss ihm in den Rücken. Das war Nummer eins.

Er kroch auf allen vieren weiter. Das Blut tropfte auf den Gehweg. Das ist für Vicky, sagte ich und jagte ihm eine weitere Kugel in den Rücken. Nummer zwei. Und das ist für meinen Dad und Mama Nonie, rief ich und schoss ihm in beide Kniekehlen. Genau dorthin, wo die weiten, grauen Shorts endeten. Nummer drei und vier.

Mittlerweile schrien die Umstehenden wild durcheinander. Haltet ihn auf, rief ein Mann. Auf ihn! Aber niemand traute sich.

Der böse kleine Junge rollte sich herum und schaute mich an. Als ich sein Gesicht erblickte, hätte ich es mir fast anders überlegt. Er sah nicht mehr wie ein sieben- oder achtjähriger Junge aus. Er war verwirrt und litt Schmerzen und konnte nicht älter als fünf sein. Er hatte die Mütze verloren. Sie lag neben ihm. Einer der beiden Plastikpropellerflügel war abgeknickt. Mein Gott, dachte ich. Ich habe auf ein schuldloses Kind geschossen. Es liegt tödlich verwundet zu meinen Füßen.

Ja, fast hätte er mich überzeugt. Es war eine exzellente Vorstellung, Mr. Bradley. Oscarverdächtig. Doch dann bröckelte die Fassade. Er konnte sein Gesicht noch so vor Schmerzen verzerren, seine Augen konnte er nicht ändern. Dieses Ding war nach wie vor in seinen Augen. Du kannst mich nicht aufhalten, sagten diese Augen. Du wirst mich nicht aufhalten, nicht ehe ich mit dir fertig bin, und ich bin noch lange nicht mit dir fertig.

Jemand muss ihm die Waffe abnehmen, rief eine Frau. Er bringt das Kind ja um!

Ein großer Kerl lief auf mich zu – ich glaube, er saß auch im Zeugenstand –, und ich richtete die Waffe auf ihn. Er hob die Hände und trat schnell zurück.

Ich drehte mich wieder zu dem bösen kleinen Jungen um und schoss ihm in die Brust. Das ist für unsere kleine Helen, sagte ich. Nummer fünf. Mittlerweile floss ihm das Blut aus dem Mund das Kinn hinunter. Der .45er war ein altmodischer Sechsschüsser, ich hatte also noch eine Kugel übrig. Ich ließ mich mitten in der Blutpfütze neben ihm auf ein Knie nieder. Sein Blut war rot. Dabei hätte es schwarz sein müssen. Wie das Zeug, das aus einem giftigen Insekt spritzt, wenn man es erschlägt. Ich richtete den Lauf des Revolvers direkt zwischen seine Augen.

Und das ist für mich, sagte ich. Geh zurück in die Hölle, aus der du gekrochen bist. Ich drückte ab, und das war Nummer sechs. Ganz kurz davor sah er mit seinen grünen Augen direkt in meine.

Ich bin noch nicht fertig mit dir, sagten die Augen. Erst wenn du dein Leben aushauchst. Vielleicht noch nicht mal dann. Vielleicht warte ich auf der anderen Seite auf dich.

Der Kopf kippte seitlich weg. Einer der Füße zuckte noch einmal und regte sich dann nicht mehr. Ich legte den Revolver neben die Leiche und hob die Hände. Noch bevor ich aufstehen konnte, wurde ich von mehreren Männern gepackt. Einer rammte mir das Knie in den Schritt, ein anderer schlug mir ins Gesicht. Weitere Passanten kamen hinzu. Darunter auch Mrs. Hurley. Sie hat mindestens zwei saftige Treffer gelandet. Das hat sie bei der Verhandlung nicht zu Protokoll gegeben, stimmt’s? …