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A.G. Howard - „Dark Wonderland – Herzbube“

ISBN: 9-783-57016-374-0

 

Klappentext:

Hör auf das Flüstern: Sie sind hier … Alyssa Gardner ist durch den Kaninchenbau gegangen, wurde zur roten Königin gekrönt und hat mit dem Bändersnätch gekämpft. Alyssa ist die Nachfahrin von Alice Liddell – besser bekannt als Alice im Wunderland. Jetzt muss sie bloß noch den Schulabschluss machen und ein ganz normales Leben mit ihrer großen Liebe Jeb anfangen. Wäre da nur nicht der finstere, verführerische Morpheus, der sie zu einem neuen gefährlichen Abenteuer überreden will. Dabei geht es um nichts Geringeres als die Rettung von Wunderland. Alyssa weigert sich, ins Reich hinter dem Spiegel zurückzukehren. Doch hat sie wirklich eine Wahl? Plötzlich wimmelt es in ihrer eigenen Welt vor wunderlichen Gestalten …

 

Inhalt:

Alyssa ist im Himmel. Ihr Freund Jeb ist endlich wieder bei ihr und dann,  ausgerechnet bei einem romantischen Stelldichein, kommt Wunderland wieder in ihr Leben. Alyssa und Jeb werden von einem Hochwasser überrascht. Alyssa scheint zu ertrinken, so sieht es zumindest für Jeb aus. Doch eigentlich ist sie bei Morpheus im Wunderland und der macht ihr klar,  dass sie als Königin gebraucht wird.

Morpheus hat sich den Körper von einem Menschling genommen und geht Alyssa gehörig auf die Nerven. Die will von Wunderland nichts wissen und sich lieber dem Glück in ihrem menschliche Leben hingeben. Doch daraus wird nichts. Denn Morpheus bringt Alyssa immer und immer wieder in unangenehme Situationen. Er sorgt dafür, dass Alyssa Alyssa um ihre Beziehung fürchten muss.

In der Zwischenzeit ist auch Königin Rot in der realen Welt angekommen. Sie ködert Jeb iin Gestalt einer reichen Kunstsammlerin. Er soll sie malen. Aber das ist nur ein Trick. Den  eigentlich will sie ihn, den wertlosen Menschling, für Ihren Friedhof.

Alyssa wird wegen ihren Verfehlungen inzwischen vom Schulball ausgeschlossen, sie lernt jede Menge über das Verhalten ihrer Mutter und muss am Ende doch in eine Art Krieg ziehen. Ein Krieg der am Ende eine ganze Menge Opfer von ihr fordert.

 

Leseprobe:

… Ich dachte, die Insekten und die Blumen spielten im selben Team. Zusammen waren sie jahrelang meine Verbindung zu Wunderland. Und jetzt streiten sie miteinander?

Es muss etwas mit Rots Wutanfall zu tun haben.

Jen rückt heran und tritt durch die Garage ins Wohnzimmer. Morpheus tippt sich mit einer aufreizenden Geste an den Hut, dann lässt er mich durch die Tür vorangehen.

Es ist eine Erleichterung, die Insekten auszusperren, aber das Gefühl ist nur von kurzer Dauer, als ich bemerke, dass das Wohnzimmer leer ist. Modrige Feuchtigkeit dringt aus der Klimaanlage. Die Holzvertäfelung lässt den Raum klein und dunkel erscheinen. Saubere Handtücher und Waschlappen warten auf Dads Lieblingsstuhl darauf, zusammengefaltet zu werden – es ist ein zerlumpter Sessel aus Cord mit Gänseblümchenaufnähern, in dem meine Mutter früher ihre Wunderlandschätze versteckt hat. Die sind jetzt schon seit einer Weile verschwunden, alle bis auf die Bücher von Lewis Carrol in meinem Schlafzimmer.

»Mom?« Ich lasse meinen Rucksack auf den Boden fallen und spähe in die Küche. Der Duft von Schokoladenkeksen weht von den Blechen auf der Theke herbei.

»Ich frage mich, wo sie ist«, sage ich geistesabwesend, aber meine Gäste sind nach hinten in den Flur gegangen, wo meine Insektenmosaike die Wand schmücken.

Dad hat sie aufgehängt, nachdem sie auf dem Jahrmarkt mit Preisen ausgezeichnet worden waren. Jetzt weigert er sich, sie abzunehmen, ganz gleich, wie oft Mom und ich ihn darum bitten. Er ist extrem sentimental, und wir können unsere Abneigung gegen die Kunstwerke nicht erklären, also setzt er sich immer durch.

»Ich hab dir doch gesagt, dass sie begabt ist«, sagt Jen und rückt die Riemen der Tasche auf ihrer Schulter zurecht.

Morpheus nickt schweigend.

Jen schlendert zu ihrem Lieblingsstück hinüber: Winterlicher Herzschlag. Schleierkraut und silbrige Glasperlen bilden die Form eines Baums. Am Ende eines jeden Zweigs sind als i-Tüpfelchen getrocknete Stechpalmenbeeren, sodass es aussieht, als bluteten die Zweige. Als Hintergrund dienen glänzende schwarze Grillen.

Morpheus klopft sachte gegen die Beeren, als zähle er sie. »Sieht so aus wie etwas aus einem herrlichen Traum.« Er schaut mich über die Schulter an. In seiner Stimme schwingen Stolz und Sehnsucht nach der Vergangenheit mit.

Genau dieser Baum steht in Wunderland, bedeckt mit Rinde aus Diamanten und mit Rubintröpfchen an den Zweigen. Morpheus hat mich, als wir beide Kinder waren, in einem Traum dorthin mitgenommen. Ich habe das Bild Jahre später angefertigt, wahrscheinlich als Verarbeitung unbewusster Erlebnisse.

All meine Mosaike repräsentieren Landschaften aus Wunderland und verdrängte Momente mit Morpheus. Zweifellos stärkt es sein Ego zu wissen, dass er meine Kunst inspiriert. Oder mich heimsucht. Heimsuchen trifft es besser.

»Okay. Komm schon, Al.« Jen geht in mein Schlafzimmer. »Morgen ist der Schulball. Das Kleid wird nicht von allein fertig werden.«

Bevor ich ihr folge, strecke ich den Kopf in das Zimmer meiner Eltern. Mom ist weder dort noch im Elternbadezimmer. Es ist merkwürdig. Ihr Parfum liegt in der Luft, als sei sie vor Minuten noch hier gewesen. Sie ist immer zu Hause, wenn ich aus der Schule komme. Sie fährt nicht selbst Auto, also müsste sie jemand abgeholt haben.

Oder schlimmer noch – jemand hat sie gezwungen, das Haus zu verlassen.

Ich gebe Morpheus ein Zeichen. Er streicht mit einer Fingerspitze dicht oberhalb der blauen Schmetterlinge über das Mosaik Mörderisches Mondlicht, sorgfältig darauf bedacht, keinen davon zu berühren, vollkommen versunken in seine Betrachtung, bis ich mich räuspere.

Er schaut auf. »Brauchst du irgendetwas, Schätzchen?«

Ich werfe einen Blick zurück in mein Zimmer. Jen öffnet ihre Tasche und legt Maßband, Nähkreide, einen Fingerhut und eine Schachtel mit Stecknadeln auf mein Bett. Als ich mich wieder zu Morpheus umdrehe, ist er bereits zu dem letzten Insektenmosaik weitergegangen.

»Rot ist nicht hier gewesen«, sagt er, bevor ich meine Sorge auch nur in Worte fassen kann. »Alles ist viel zu aufgeräumt. Du weißt, wie viel Chaos sie verbreitet. Außerdem möchte sie in deinen Geist schauen. Hätte sie dein Haus gefunden, wären diese Meisterwerke bereits fort.«

Das beruhigt mich für einen Moment. Aber ich kann mich immer noch nicht dazu durchringen, ihn allein zu lassen. »Morpheus«, flüstere ich.

Er sieht mich abermals an.

»Bring hier draußen nichts durcheinander. Versprich es.«

Er runzelt die Stirn, als sei er gekränkt über diese Andeutung. »Ich schwöre es. Lenk deine Freundin ab und ich werde mich umschauen. Vielleicht hat deine Mom ja einen Zettel hinterlassen.«

Zögernd lasse ich ihn allein, damit er das Haus erkunden kann, und trete in mein Zimmer, dann schließe ich die Tür, um ungestört zu sein. In dem Sonnenlicht, das durch meine schrägen Fensterläden strömt, tanzen Staubpartikel. Alles ist an seinem Platz: mein Drehspiegel in der Ecke, Jebs Gemälde an den Wänden, meine Aale, die in ihrem leicht brummenden Aquarium umhergleiten. Doch die Härchen in meinem Nacken wollen sich nicht legen. Moms Parfum ist hier drin stärker als überall sonst im Haus. Es ist beinahe so, als stünde sie vor mir, aber ich kann sie nicht sehen.

Ich schaudere.

»Ja, das war auch meine Reaktion.« Jen grinst, während sie das Kleid aus seiner Hülle zieht. »Es ist noch besser geworden als das in dem Film, stimmt’s?« Sie schmiegt sich das Kleid um den Oberkörper.

Das Kleid ist genauso, wie ich es mir vorgestellt habe, und ich stoße einen bewundernden Seufzer aus.

Als Jen und ich Ideen für unsere »Märchen«-Kostüme zum Schulball gesammelt haben, wusste ich eins ganz genau: Ich würde kein prunkvolles Prinzessinnengewand tragen oder irgendein paillettenbesetztes hautenges Tinkerbell-Outfit.

Meine Gedanken sind immer wieder zu einem Kleid aus einem kitschigen Horrorfilm mit dem Titel Zombie Brides in Vegas zurückgekehrt, den Jeb, Corbin, Jenara und ich zusammen gesehen haben. Das Gewand war zart und rückenfrei mit einem maßgeschneiderten Mieder und fließendem Rock – elegant zerfranst und mit bläulich grauem Grabesmoder befleckt. Es gefiel mir auf eine Art, die ich nicht erklären konnte.

Als meine Komplizin bei allen Dingen, die morbid und schön sind, hat Jen darauf bestanden, es nachzuschneidern. Einige Bilder, die wir online gefunden haben, dienten als Vorlage für mehrere Zeichnungen. Die hat sie dann unserer Chefin im Second-Hand-Laden gegeben. Persephone hat damals, wenn sie auf Einkaufstour war, um unser Lager zu füllen, bei Haushaltsauflösungen nach ähnlichen Hochzeitskleidern gesucht, und schließlich eins für zwanzig Dollar gefunden: trägerlos, weiß, seidig, mit Pailletten und Perlen besetzt … der Inbegriff von altmodischem Charme. Es hatte sogar eine lange, wallende Schleppe. Und das Beste von allem: Es war nur eine Nummer größer, als ich sie trage.

Mit einer Schere, einigen enger gefassten Nähten, einer Sprühdose aus Jebs Atelier und einem Färbemittel mit dem Ton von verblichenen Vergissmeinnicht hat Jen ein Meisterwerk gefertigt.

Sie hat Dreiecke aus dem Saum geschnitten, um Bögen zu schaffen. Dann hat sie den unbearbeiteten Satin geätzt, damit er nicht ausfranste, und die Bögen gekräuselt wie welke Blütenblätter. Als i-Tüpfelchen hat sie noch Farbe aus der Spraydose – verstärkt mit Glitter – auf den abgeschnittenen Saum gesprüht, über den süßen Halsausschnitt und auf die Naht, die das Mieder mit dem Rock verbindet, der in stufenförmigem Plissee endet.

Das Ergebnis ist schimmernd, geheimnisvoll und morbide.

Jen dreht das Kleid hin und her, sodass der Blumenblättersaum wirbelt. Ich spüre etwas, das ich seit Jahren nicht mehr verspürt habe: die Erregung des Sichverkleidens.

»Oh-oh. Wir stecken in Schwierigkeiten«, zieht Jen mich auf und spielt auf meine unausgesprochene Ehrfurcht an. »Ist das Aufregung, was ich da sehe? Alyssa Gardner, die sich darauf freut, ein Gewand und eine Tiara zu tragen und mit ihren Freunden herumzuhängen? Eindeutig ein Zeichen von Vorfreude auf den Schulball.«

Grinsend breitet sie das Kleid auf dem Bett aus und schüttelt einen lavendelblauen Netzunterrock aus einer Plastiktüte. Er erinnert mich an den bunt schillernden Nebel, der nach einem Sturm am Horizont hängt, kurz bevor es aufklart und die Sonne zum Vorschein kommt.

»Eins muss ich dir sagen, Al. Ich bin wirklich froh, dass du keinen Rückzieher machst.«

Sie irrt sich. Ich mache einen Rückzieher. Aber nicht, weil ich es will.

Nichts von alledem hilft mir, die ich mit den Nerven am Ende bin. Ich habe Angst um meine Mom und meine Blutmosaike und Angst vor Rot … Ich habe Angst, Jeb die Wahrheit zu sagen und ihn allein zu lassen, sodass er Zeit mit Ivy verbringt statt mit mir. Ich habe einfach Angst.

Als Allerletztes sollte ich mich auf einen dummen Ball freuen.

Ich kann einfach nicht weiter so tun, als sei alles normal und okay.

»Also, schauen wir uns diese Stiefel an«, sagt Jen. Sie spricht von den kniehohen Plateaustiefeln, die ich vor ungefähr einem Monat online gekauft habe.

Mechanisch hole ich sie aus dem Schrank. Nachdem ich mich bis auf BHund Schlüpfer ausgezogen habe, streife ich mir den Unterrock über den Kopf und richte das Gummiband an meiner Taille. Dann schlüpfe ich in das Kleid und Jen zieht den Reißverschluss am Rücken hoch.

Auf der Kante der Matratze sitzend, schiebe ich den linken Stiefel über meinen tätowierten Knöchel und streiche mit den Händen über das Kunstleder. Es hat den gleichen verblichenen Blaugrauton wie das Kleid. Die Plateausohlen sind fast zehn Zentimeter hoch und die Schnallen reichen über mein komplettes Schienbein – der perfekte Kontrast zu allen Prinzessinnensachen.

»Was meinst du?«, frage ich Jen halbherzig, als ich beide Stiefel angezogen und meine lavendelblauen, fingerlosen Spitzenhandschuhe bis zu den Ellbogen übergestreift habe.

Ihr Grinsen ist sowohl stolz als auch verschwörerisch. »Ich denke, all diese Möchtegern-Froschprinzessinnen werden Augen machen, wenn sie dich sehen.« Sie bricht in Gelächter aus, während sie mir hilft aufzustehen. Ich tue mein Bestes, ein sorgloses Lachen vorzutäuschen, aber es fühlt sich hohl an.

Jen rückt die durchsichtigen Gummi-BH-Riemen zurecht, die sie angenäht hat, um das Mieder zu fixieren, dann setzt sie mir eine Tiara aus künstlichen Vergissmeinnicht und Schleierkraut auf den Kopf. Sie war sorgfältig bis zum letzten Detail und hat sogar falsche Spinnweben über die Blumen gebreitet, die wie ein Schleier über meinem Nacken hängen.

Als sie mich zum Spiegel umdreht, stockt mir der Atem. Ihr bewunderndes Gesicht über meiner Schulter zeigt, dass sie ebenso beeindruckt ist wie ich.

Das Kleid sieht genauso aus, wie ich gehofft habe, aber noch besser, weil sie es modernisiert hat, indem sie vorn in den Saum Bögen genäht hat, sodass er meine Knie berührt und meine Stiefel betont. Der zusätzliche Netzunterrock verhindert, dass das Kleid hinten auf dem Boden schleift, sodass ich beim Tanzen nicht stolpern werde. …