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Michael Schophaus - „Im Himmel warten Bäume auf dich“

ISBN: 3-85842-387-4

 

Klappentext:

Michael Schophaus hat seinen Sohn 600 Tage bis zu dessen Tod betreut und begleitet. Aus seinem Buch sprechen Trauer, Wut und Fassungslosigkeit, aber auch eine große Liebe zu Jakob und das Glück, das sie zusammen erlebt haben. Indem der Vater versucht, das Unbegreifliche faßbar zu machen, kommt uns der kleine Jakob ganz nahe. Mit seinem Leiden, seiner Tapferkeit und seiner zauberhaften Kindlichkeit, die zutiefst berührt.

 

Inhalt:

Das Glück könnte für Familie Schophaus perfekt sein. Sie haben sich ein Leben aufgebaut, Kinder und an und für sich ein glückliches Leben. Zumindest so lang, bis der Mutter beim Füttern des kleinen Jakob eine geschwollene Wange entdeckt. Mit einem Aufschrei des Entsetzens leitet sie eine Zeit ein, die für die Familie alles andere als leicht ist.

Der kleine Jakob wird nun von einem Arzt zum anderen geschleppt. Er muss Untersuchungen noch und nächer über sich ergehen lassen und am Ende wird es ein Neuroplastom fest gestellt. Eine Art Krebs, die bei Kinder selten gut verläuft. - Aus 90% Chance werden 50%, dann 20% und zum Schluss nur noch 5%.

Michael Schophaus betreut seinen Sohn während der langen Zeit des Leidens. Eindrucksvoll beschreibt er die Hochnäsigkeit der Ärzte, dieses machtlose Gefühl der Eltern und im krassen Gegensatz dazu das sonnige Gemüt des kleinen Jakob.

 

Leseprobe:

… Wo aber blieb der Glaube an die Zukunft? Wo die Hoffnung auf die Medizin? Woher sollte man die Kraft nehmen, immer und immer wieder zu lächeln in der Gegenwart Jakobs, obwohl man lieber losheulen wollte in diesem Elend und der Trauer? Wir hatten auch einen Tumor auf der Seele, der drückte und uns das Leben erschwerte. Nichts bleib wie es war, und die Sorgen um unser Kind machten uns ungeduldig, ruhelos und oftmals auch ungerecht. Wozu bist du Journalist? Dachte ich und klemmte mich ans Telefon, um alles Wissenswerte über das Neuroblastom herauszufinden. Ich rief Fernsehsender, die mal etwas darüber gebracht hatten, schummelte in Zeitungsarchiven herum, bklickt me ich ins Internet ein, nervte hochangesehene Mediziner und solche,d ie sich dafür hielten, mit Fragen, Fragen, Fragen. Um für ein bißchen Licht im Dunkeln eines hilflosen Laien zu sorgen. Um sich den Schatten von der Seele zu reden.

Wie sind die Aussichten? Geht es nru mit dem verfluchten Gift? Wie ist das mit dem zweifelhaften Vergleich zwischen Aufwand und Erfolg? Was kann, was darf man Kinder zumuten?

Mehr, als man glaubt, sagten die Ärzte, Psychologen, Wissenschaftler, sagten alle anderen Fachleute, mit denen ich sprach. Kinder sind zäh, willensstark und viel lebensfreudiger als so manch jammernder Erwachsener mit Krebs im Bauch. Sie sind offener gegenüber neuen Methoden, stellen keine dummen Vermutungen an und haben niemals Vorbehalte. Allerdings befinden strenge Ethikkommissionen darüber, was zumutbar ist oder medizinisch notwendig und was nur dem Ehrgeiz der Mediziner dient. In Tübingen zum Beispiel gab es erste, hoffnungsvolle Ansätze in der Anwendung sogenannter Antikörper: Menschliches und tierisches Eiweiß, das dem Körper helfen soll, schlummernde Tumorzellen aufzustöbern und als fremd zu bestimmen. Ein schmerzhaftes Verfahren, um ein Gedächtnis für die Bösartigkeit zu entwickeln im Kampf gegen Krebs. Nur was man als störend erkennt, so das sehr einfache Prinzip, kann später auch zerstört werden. Nach langem Hin und Her und aller Kunst der Überredung bekam ich die „kooperative multizentrische Therapie-Optimierungsstudie“ von Professor B. aus Köln zugeschickt. Ich verschlang sie regelrecht, las ganze Nächte durch, aber was sollte ich schon verstehen von Ketecholaminrezeptoren oder von molekulargenetischer Risikoeinschätzung? Trotzdem hütete ich sie wie einen Schatz und lief stolz mit hundertdreißig Seiten Optimismus über die Flure. Auch wenn ich nichts begriff von dem, was da stand, ließ ich doch jeden Arzt wissen, daß mein Kind gefälligst danach behandelt werden sollte. Ich sagte es ihnen wichtig, sehr wichtig, mit strenger Stimme. So unter uns Kollegen!

Unser Problem war, zu spüren, zu wissen, zu merken, ob Jakob nur ein Versuchskaninchen war im Wettlauf mit dem Tod. Oder ob alle ausgeschöpften Möglichkeiten doch einen ernsthaften Heilungsversuch darstellten. Aber nach jedem Anruf, jedem Fax und jedem Brief wurde ich ratloser. Wie sollten wir entscheiden, was richtig war für Jakob, was quälend das Leben verlängerte oder was lediglich einigen Wichtigtuern aus der medizinschen Forschung diente? Schließlich hatten wir damals noch keinen blassen Schimmer von ärztlicher Heilkunde und wußten höchstens, daß man bei Fieber kalte Wickel macht. Wir fühlten uns, obwohl mittlerweile gut informiert, ziemlich allein gelassen in unserem traurigen Dilemma.

Wir teilten die Ärzte ein. In gute und schlechte, in nette und blöde, in arrogante und nahbare Gesellen. In jede, die nervten, in andere, die halfen, in solche, die schon zusammen´zuckten, wenn sie uns sahen, weil sie um unsere Hartnäckigkeit wußten. Es gab einige wie Frau G., die den Dienst am Menschen ernst nahmen und sich geduldig unserer Verzweiflung stellten, aber auch Kollegen, die lieber den ganzenen Tag vorm Mikroskop im Keller verbrachten als ihrer vereidigten Pflicht nachzukommen. Oberarzt E. War so einer, den man niemals sah, ein ausgewiesener Experte in der Bekämpfung des Neurbplastoms. Wir trafen ihn selten in den fast zwei Jahren von Jakobs Behandlung, nie steckte er seinen Kopf ins Zimmer, und wenn man ihn zufällig traf, wirkte er abweisen, zerstreut oder gelangweilt. Was für ein Arzt, dachten wir, der seine Scheu selbst im Kampf gegen den Tod eines Kindes nicht bezwingt. Ein Menschlein unter hunderttausend erkrankt am Neuroblastom, in Deutschland einhundertdreißig im Jahr, und der Herr Professor fand es nicht einmal nötig, gelegentlich vorbeizuschauen. Er wurde zum erklärten Feind. Ihn schien das aber nicht zu stören.

Es war Sommer, heiß und trocken, und unsere Hoffnung hieß Operation. Wir mußten in kleinen Schritten denken, und dies war sicherlich ein kleiner Schritt. Chirurg L. Hatte die Hände eines Pianisten, feingliedrig, schmal, gepflegt, man sagte ihm nach, ein Künstler am Skalpell zu sein. Ein Held der seine Siege in Millimetern mißt und schon vielen Kindern das Leben rettete. Wir wußten nur nicht, ob Jakobs klobiger Tumor nicht eher einen Handwerker brauchte, der ihm das scheißding aus dem Bauch hebeln konnte.

 

Sonntag 10. August 1997

Noch ist Jakob zu Hause. Die Operation wird immer wieder verschoben, sie soll jetzt in der übernächsten Woche stattfinden. Eine Computertomographie ergab, daß sich das Karzinom ungestört durch seinen Kiefer frißt. Man schließt den Verlsut des linken Auges nicht mehr aus, weil die Knochen drum herum es irgendwann nicht mehr halten können. Gegen den ständigen Abfall der Anzahl von Blutkörperchen wird Jakob Granocyte in den Oberschenkel gespritzt. Ein sehr spezieller Extrakt, der aus chinesischen Hamstern gewonnen wird. Angebrochen ist das sündhaft teure Zeug nur vierundzwanzig Stunden haltbar. Jeden Tag gehen so achthundert Mark drauf.

 

Dienstag 18. August 1997

Ein Schnitt von hier nach da. Einmal quer über den Bauch. Professor L. wird seinem Ruf gerecht, die Operation verläuft bestens. Der riesige Tumor ist in sich zusammengefallen und läßt sich gut von den Nieren lösen. Eine junge, hübsche Assistenzärztin ist ganz stolz auf ihre Naht. Jakob erholt sich schnell wieder, er sitzt schon bald danach mit einem Eis in der Hand mitten auf dem Bett. Zwischen all den Schläuchen und Überwachungsmonitoren. Martina mach ein Foto von ihm, das zu meinem Lieblingsbild wird: Es mische Trauer mit Hoffnung, Enttäuschung mit Mut.

Er spricht viel mehr als vorher und bringt sich öfter ein. Jakob! Ruft er und schlägt sich wissend gegen seine schmale Brust. Jakob! Hat man ihm auch sienen Tumor auf der Seele weggeschnitten? Allerdings wird er manchmal auch ein wenig gestört, schmiert sich seine Glatze mit Haargel ein und kaut an den Fußnägeln herum.“ …