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Wendy Holden - „Schicksalskinder – Die KZ-Babys von Mauthausen“

ISBN: 9-783-828-92986-9

 

Klappentext:

Am 5. Mai 1945 wurden die Gefangenen des Konzentrationslagers Mauthausen von US-Truppen befreit. Zum 70. Jahrestag der Befreiung erzählt die britische Journalistin Wendy Holden in "Schicksalskinder - Die KZ-Babys von Mauthausen" die wahre Geschichte dreier Babys, die im KZ unter den schrecklichsten Bedingungen geboren wurden. Im Frühjahr 1945, kurz vor Kriegsende, werden im Konzentrationslager Mauthausen drei Kinder geboren: Eva, Hana und Mark. Ihre Väter waren von den Nationalsozialisten ermordet worden. Ihre Mütter haben Unvorstellbares durchgemacht. Sie haben Hass und Verfolgung überlebt, das Vernichtungslager Auschwitz, die Todestransporte zurück nach Westen, den Hunger, die Gewalt. Aber sie sind nur noch lebende Skelette, und es scheint, als hätten ihre Kinder in dieser Welt des Grauens nicht den Hauch einer Chance. Keines der Kinder wog bei seiner Geburt mehr als drei Pfund. Mühsamer Weg zurück ins Leben Doch wie durch ein Wunder halten alle sechs durch. Mark und seine Mutter entgehen des Gaskammern von Mauthausen nur durch einen unfassbaren Zufall. Den Nazis ist das Zyklon B ausgegangen. Wenig später, am 5. Mai 1945, wird das Lager von den amerikanischen Truppern befreit. Die drei Babys und ihre Mütter werden von US-Soldaten ein paar Tage lang aufgepäppelt, dann beginnt ihre mühsamer Weg zurück ins Leben. Jahrzehntelang wissen die drei Mauthausen-Kinder nichts vom Schicksal der anderen. Zum ersten Mal begegnen sich die "KZ Babys", die heute in Amerika und in Großbritannien leben, 65 Jahre später zum Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslager Mauthausen. Und erfahren von der unvorstellbaren Geschichte der anderen. Die Mütter Anka, Rachel und Priska sind inzwischen verstorben.

 

Inhalt:

Es geht um drei jüdische Frauen. Teilweise noch junge Mädchen. Sie leben ihr Leben, haben Pläne, Wünsche und Ziele. Doch dann bricht der Krieg über sie herein. Mit all den Schrecken, denen Juden damals ausgesetzt waren.

Priska, Rachel und Anka, drei Jüdinnen, die zunächst nichts voneinander wissen und am Ende doch das selbe Schicksal teilen.

Während eine von ihnen zunächst in ein Familienlager kommt, wo sie ein Kind bekommt, es zwei Monate später aber wieder betrauert, landen die anderen zwei bereits schwanger in Auschwitz II Birkenau. Sie können dem gefürchteten Dr. Josef Mengele durch die Finger rinnen und haben am Ende nur ein Ziel. Alle drei wollen ihre ungeborenen Kinder retten.

Die drei Frauen arbeiten in einer Fabrik, sind alle drei im selben Außenlager untergebracht und wissen doch nichts voneinander. - Das eine Kind wird in einer Bombennacht, in der Fabrik geboren. Dann beginnen die Evakuierungen und die Todesmärsche. Hier wird das zweite Kind geboren. Kind Nr. 3 kommt im Schatten des bedrohlichen Eingangstores von Mauthausen zur Welt.

Eine wahre Begebenheit, menschliche Schicksale und ein fesselnder Stoff. - Ich habe am Ende geweint.

 

 

Leseprobe:

… Die Frauen wurden in Zweiergruppen eingeteilt und arbeiteten in ungeheizten Werkshallen im Erdgeschoss und im ersten Stock. Sie standen mit unpassenden oder kaputten Schuhen auf dem kalten Beton und hielten abwechseln die pneumatische Presse oder den Bohrer für die Flügel, die auf Metallstelzen standen oder von Holzgestellen gestützt wurden. Einige mussten schweißen, raspeln, polieren oder lackieren, andere sortierten die Teile oder feilten die Kanten der Aluminiumplatten ab. Die meisten dieser Frauen waren gebildete Akademikerinnen,die noch nie harte körperliche Arbeit geleistet hatten,die eintönige Arbeit war körperlich und mental anstrengend und belastete Arme, Schultern und Hände, sodass sie Tag und Nacht schmerzten. Die Pressen und Bohrer machten einen unerträglichen Lärm, und die Luft war von Metallstaub und giftigen Substanzen.

Rachel und ihre Schwester Bala wurden in die nahe gelegene Hidebrand-Fabrik geschickt in der rund um die Uhr Propeller und Kleinteile für die Flugzeuge hergestellt wurden. Dort wurden sie „mit Adleraugen beobachtet“, und man drohte ihnen harte Konsequenzen an, sollte es irgendwelche Sabotageakte geben. „Sie sagten uns, wenn irgendein fehlerhaftes Teil die Fabrik verließe, würde die Person, die an der Maschine arbeitete, an genau dieser Maschine aufgehängt, damit wir alle es sähen“, berichtete Rachel.

In der Freia-Fabrik gab es auf jedem Stockwerk einen verantwortlichen SS-Mann, der von einer Gruppe SS-Frauen unterstützt wurde, die sich entweder besonders gemein oder vollkommen gleichgültig verhielten. Täglich wurden Strafen verhängt, und die Häftlinge wurden immer wieder geschlagen. Priska bekam einmal eine Ohrfeige wegen irgendeiner Kleinigkeit, hatte sonst aber Glück. Auch Anka wurde von einer gan jungen SS-Frau geschlagen. „Ich war schwanger, trug Lumpen und hatte keine Haare mehr. Ich sah einfach nur furchtbar aus... Und sie kam auf  mich zu und schlug mir ins Gesicht. Es tat nicht weh, ich war nur vollkommen durcheinander.“ Anka hätte über die krasse Ungerechtigkeit und über die Unmöglichkeit, sich zu wehren, am liebsten laut geweint, aber sie gönnte der Aufseherin die Genugtuung nicht. „Diese Sache tat mir seelisch mehr weh als die meisten anderen Dinge, an die ich mich erinnere.“

Die zivilen Meister oder Vorarbeiter, die mit den Häftlingen arbeiteten, sprachen nur mit ihnen, wenn sie ihnen Anordnungen gaben. Und wenn sie sprachen, taten sie es in ihrem sächsischen Dialekt, den nicht einmal die Frauen verstanden, die deutsche Sprachkenntnisse hatten. Einige dieser Männer waren ehemalige Wehrmachtssoldaten, die entweder u alt für den Fronteinsatz oder verwundet worden waren. Alle versuchten, an einer einigermaßen bequemen stelle den Krieg zu überstehen, ohne an die Front geschickt zu werden. „Ich glaube nicht, dass sie sich vorstellen konnten, wer wir waren. Keiner von ihnen hat je ein Wort mit mir gesprochen oder mir etwas Gutes getan“, erklärte Anka, die mit ihrer Freundin Mitzka zusammenarbeitete. „Nie hat einer gefragt … woher wir kamen oder was mit uns passiert war. Sie hatten nicht das geringste Verständnis. Keiner von diesen Männern hat mir je ein Stück Brot oder irgendetwas gegeben. Und sie sahen ja, wie wir aussahen und wie wir behandelt wurden.“

Die Überlebende Lisa Mikova hatte eine Freundin, die Apothekerin war. Ihr Meister war ein Mann namens Rausch, der Zeichensprache verwendete, um sich verständlich zu machen. Eines Tages gab es ein Missverständnis und sie brachte ihm aus Versehen das Falsche. „Er nahm das Teil und warf es durch den Raum, dass es an die Wand krachte. Dann schlug er sie. Da hatte sie genug und sagte in perfektem Hochdeutsch zu ihm: „Sagen Sie mir doch einfach, was Sie brauchen, dann bringe ich es Ihnen.“

Rausch sah sie verblüfft an. „Du sprichst deutsch?“

„Ja, natürlich“, erwiderte sie. „Was denken Sie denn von uns? Wir sind Ärztinnen und Lehrerinnen, lauter intelligente Leuten.“

„Man hat uns gesagt, ihr seid Huren und Kriminelle aus verschiedenen Städten, deshalb hätten sie euch den Kopf geschoren.“

„Nein, wir sind einfach nur Juden.“

„Aber Juden sind schwarz!“, rief der Vorarbeiter, der der wilden Nazipropaganda seiner Zeit Glauben schenkte. Danach behandelte er sie mit mehr Respekt, aber das galt nicht für alle.

Einige von den wachen, die gehört hatten, dass die Häftlinge weder Huren, noch Kriminelle waren, weigerten sich, das zu glauben. Mit ihren Stiernacken und dicken Bäuchen standen sie da und machten sich über derartige Behauptungen lustig. Ein Buckliger namens Loffmann, der die Gestapo-Schule mit Auszeichnung bestanden hatte und oft mit dem Hammer nach den Leuten warf, sagte zu einer der Frauen: „Du willst Lehrerin sein? Ein Stück Dreck bist du.“ Andere Wachen wurden eher noch sadistischer und schlugen mit Werkzeugen, Fäusten, Gürteln oder Seilenden. Der mürrische Unterscharführer, den sie Sara nannten, wurde bei der kleinsten Kleinigkeit wütend und schlug oft auf die Frauen ein, wenn er sich ärgerte.

Die Frauen unter den Wachleuten waren oft noch grausamer. Sie schlugen nicht nur auf die Häftlinge ein, sondern dachten sich auch Strafen aus, von den sie wussten, dass sie sie als Frauen besonders trafen: Sie verboten ihnen, zur Toilette zu gehen, oder befahlen ihren Freundinnen, ihnen die restlichen Haare abzurasieren oder einen Streifen mitten auf dem Kopf stehen zu lassen. Eine besonders brutale SS-Aufseherin schoss mit ihrer Pistole, um die Frauen zu erschrecken, und einmal traf sie ine von ihnen aus Versehen am Bein. Die Wunde infizierte sich mit Wundbrand und stank entsetzlich.

Die Frauen arbeiteten in Wechselschicht, eine Woche Nachtschicht, eine Woche Tagschicht, sieben Tage die Woche. Ab und zu gab es einen freien Sonntag, sodass sie sich ein wenig ausruhen und ihre zerlumpten Kleider waschen und trocknen konnten. Einmal im Monat wurden die wenigen Auserwählten, die in den Büros arbeiteten und deshalb den Deutschen etwas näher kamen, in Gruppen zu dem alten Arbeitshaus aus dem 17. Jahrhundert gebracht, das in der Stadtmitte lag. Dort durften sie den Luxus einer Dusche genießen.

Aber für alle Frauen war die Arbeit so anstrengend und sie bekamen so wenig zu essen, dass ei sehr schnell und stark körperlich abbauten. Viele wurden ohnmächtig und verursachten damit unerwünschte Verzögerungen in der Produktion. IN der Regel wurden sie geschlagen oder getreten, bis sie sich wieder aufrappelten. Die Überlebende Klara Löffova nannte einmal die beiden wichtigsten Regeln: „Niemals zugeben, dass du krank bist. Und niemals zugeben, dass du nicht weißt, was du tun sollst.“ Wenn die Luftschutzsirenen heulten, geriet keine von ihnen in Panik. „Die Gefahr, von einer Bombe umgebracht oder verletzt zu werden, schien uns geringer als die Gefahr, die von den bewaffneten SS-Leuten ausging.“ Insgeheim jubelten sie über jedes alliiere Flugzeug und verabscheuten den ohrenbetäubenden Lärm der Flugabwehrkanonen. Flak genannt, die auf den umliegenden Dächern stationiert waren. Wenn sie mitansehen mussten, wie ein britisches oder amerikanisches Flugzeug abgeschossen wurde, sank die Stimmung, und der Rest des Tages war verloren.

Obwohl die SS Geld dafür bekam, ihre Arbeitskräfte mit Nahrung  zu versorgen, erhielten sie nur das schlechteste Essen und das absolute Minimum, das zum Überleben notwendig war. Eine der Frauen beschrieb das Essen als „heißen Dreck“. Immerhin hatten sie hier jede einen Becher, einen tiefen Teller und einen Löffel, sie mussten also nicht mehr mit ihren schmutzigen Händen essen. ...