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Julia Tavalaro, Richard Taysond - „Bis auf den Grund des Ozeans“

ISBN: 9-783-451-04863-0

 

Klappentext:

"Ein packender, hautnaher Bericht einer Frau, die Ohnmacht, Wut und Schmerzen erfahren hat" (Deutsche Welle).

 

Inhalt:

Julia Tavalero lebt mit ihrem Mann und Tochter ein ganz normales Leben. Bis zu dem Tag, an dem sie zwei Schlaganfälle erleidet und ins Koma fällt. Als sie wieder aufwacht, ist sie nicht in der Lage sich bemerkbar zu machen. Sie bekommt alles mit, insbesondere die Gemeinheiten. So wird ihr beim Duschen absichtliche Wasser in den Luftröhrenschnitt gespritzt. Dadurch hatte sie das Gefühl zu ertrinken. Sie wurde als Gemüse oder halb totes Stück Fleisch beschimpft. Sie wurde im Bett nicht gedreht und hat sich dadurch wund gelegen. Die Schmerzen müssen fürchterlich gewesen sein...

Eines Tages bekommt Julia Besuch von einer Therapeutin. Erst die entdeckt, dass die Patientin alles mitbekommt. Nach endlosen zwei Jahren beginnt man endlich, Julia zu fördern.

Es beginnt ein langer Kampf für Julia. Doch sie will ein Stück ihres Lebens zurück. Neue technische Errungenschaften helfen ihr in den Rollstuhl und zu einem Schreibkurs. Julia wird Autorin.

Und dann schreibt sie, Buchstabe für Buchstabe, ihre Geschichte auf.

 

Leseprobe:

… Das helle Licht in dem Raum verwandelte sich in trüben Nebel. Das ist die Zwischenwelt, dachte ich. In diesem Augenblick sah ich meine Großmutter, die schon seit langem tot war, neben mir in der Luft schweben, und hinter ihr sah ich ein Flußufer. Sie trug ein purpurnes Kleid mit kleinen, weißen Blüten darauf, dazu einen purpurnen Stoffgürtel und ihre schwarzen „Omaschuhe“. Sie streckte die rechte Hand übers Wasser hinweg aus, während sie mit der linken ihre schwarze Handtasche umklammerte. Ich war bis zum Kinn im Wasser und hörte, wie sie mit melodischer Stimme rief: „Komm zu mir. Hab keine Angst, mein Kind. Komm zu mir.“ So hatte ihre Stimme nicht geklungen, als sie noch lebte; sie hatte jetzt eine höhere Tonlage, fast als sänge sie. Ihr Gesicht war ruhig, und sie lächelte mit ihren schönen, blaugrauen Augen. Obwohl der Wind wehte, lag ihr weißes Haar ohne die geringste Bewegung auf ihrem Kopf.

Obwohl ich nichts sagte, spürte ich doch, daß sie verstand, daß ich sterben wollte. Aber jedesmal, wenn ich nach ihrer Hand griff, trug mich die Strömung des Flusses davon. Je näher ich dem Flußufer kam, um so tiefer wurde das Wasser. Ich versuchte, gegen die Strömung zu schwimmen, glitt aber auf den nassen Felsen und dem schlammigen Ufer vor mir aus. Ich fiel. Nana entfernte sich immer weiter von mir. „Laß mich nicht allein“, schrie ich, „ich will mit dir kommen. Bitte, laß mich nicht allein, Nana!“

Dann konnte ich den Fluß nicht länger spüren, genausowenig wie das Wasser, das gegen meinen Körper klatschte. Ich konnte mich auf den Steinen unter meinen Füßen nicht mehr aufrichten. Meine Gedanken verwirrten sich. Ich glaubte zu ertrinken. Im letzten Augenblick wurde mir klar, daß ich doch nicht sterben wollte. Ich wollte nicht in einen Sarg gelegt werden wie die eine Großmutter an dem Tag, an dem Mom Joanie und mich schwarz angezogen und uns mit Dad und Onkel Louie und Tante Margaret in Uniontown geschickt hatte  und wir Großmama in diesem mit häßlichen Blumen bedeckten Sarg hatten liegen sehen. Wir hatten der Frau, die in einem Zigeunerwagem vierzehn Kinder geboren und versucht hatte, mir den Rosenkranz beizubringen, die letzte Ehre erweisen.

„Komm“, sagte sie wieder, „hab keine Angst, Julie.“

Das wiederholte sie dreimal. Jedesmal wurde ihe Stimme schwächer, war sie über dem Geräusch des Wassers, das mich davonzog, schwerer zu hören.

„Komm Kind. Sprich das Vaterunser mit mir.“

„Aber Nana“, schrie ich, „du weißt doch, daß ich an Wiedergeburt glaube.“

Als ich diese Worte rief, verschwand Nana. Ich glaubte, ich würde ertrinken, aber ich hörte eine Glocke. Als die Glocke ertönte, spürte ich, wie mein Körper gegen meinen Willen in ein Bett gezogen wurde. Der Teil von mir, der von oben zusah, verblaßte. Ich schrie, bis die Ärzte mir eine weitere Spritze gaben, dann fiel ich in einen Schlaf tiefer Bewußtlosigkeit.

 

Als ich am nächsten Tag erwachte, wußte ich nicht, wo ich war. Ich hatte sogar vergessen, daß man mit mit einem Krankenwagen weggebracht hatte. Immer noch bedeckte eine Maske meinen Mund und meine Nase. Mehr denn je hatte ich das Gefühl, gefangen zu sein. Aber ich konnte besser atmen, und sobald meine Auen sich öffneten, trat eine Krankenschwester in mein Gesichtsfeld. Sie lächelte, als sei sie glücklich, mich zu sehen. Sie sprach sogar mit mir. „Ich weiß, Sie können mich nicht verstehen, aber seien Sie versichert – Sie sind in guten Händen.“

Keine Alarmsirenen schrillten, und meine gewohnte Bekleidung war durch ein anderes Baumwollnachthemd ersetzt worden.

„Für eine Weile dachten wir, Sie würden uns verlassen“, fuhr die Krankenschwester fort, während sie einen Schlauch überprüfte, der aus meiner Nase kam und über meine linke Schulter lief. Sie hielt einen Klemmblock in den Armen und schrieb etwas auf. Ohne es zu wollen, war ich dankbar für ihre Anteilnahme.

„All dieses Getöse muß schrecklich für Sie sein. Und nicht zu wissen, wer sich ums ie kümmert, ist auch nicht schön, hm? Nun, der Form halber, mein Name ist Adrienne.“

Obwohl sie glaubte, ich könnte sie nicht verstehen, sprach sie mich ganz normal mit mir und summte leise vor sich hin, während sie mich mit einem Schwamm abwusch. Ich fühlte mich an das leise Summen meines Vaters erinnert, während er in seiner Werkstatt arbeitete. Selbst als sie meine Windel wechselte, mir dann die Maske vom Gesicht nahm und den Schlauch aus meiner Kehle zog, berührte sie mich mit einer Sanftheit, die mich schockierte.

Sie ging zum Waschbecken auf der anderen Seite des Raumes. Ich hörte Geräusche von laufendem Wasser. Als sie zurückkam, hielt sie den Plastikschlauch in die Luft.

„Sehen Sie, alles sauber. Auf diese Weise können keine kleinen Viecher hinein, die Ihnen neue Infektionen bescheren würden.“

Dann schob sie mir den Schlauch wieder in den Hals. Ich roch Einreibealkohol auf ihren Handschuhen. Nachdem sie den Schlauch in die richtige Lage gebracht hatte, streifte sie sich die Handschuhe ab und zog die Decke über mich, daß ich es schön warm hatte.

„Jetzt ruhen Sie sich ein wenig aus, hören Sie. Ich komme später am Nachmittag wieder.“

 

Am nächsten Tag kam ein Arzt, um mich zu untersuchen. Die ganze Zeit, die er im Zimmer war, sah er so aus, als wüßte er nicht, wie er einen Menschen behandeln sollte, von dem er glaubte, daß sein Gehirn so nutzlos war wie eine verfaulte Aubergine. Ich wollte mit ihm sprechen, herausfinden, wann dieser Alptraum vorbei sein würde. Ich wollte wissen, wann es mir wieder so gut gehen würde, daß ich nach Hause konnte, und ob ich jemals wieder würde laufen und sprechen können. Dennoch wußte etwas in mir, daß die Antwort niemals lautete.

Ich konnte nichts fragen, und niemand gab mir von sich aus irgendwelche Informationen. Der Arzt beschäftigte sich lediglich mit einer Tabelle und sah mich direkt an. Er berührte mich nicht. Er wandte sich an eine Krankenschwester.

„Wir sollten sie entlassen, sobald die Lungen frei sind. - zwei, drei Tage höchstens. Dann kann sie nach Goldwater zurückgebracht werden.“

Unwichtig, daß er über mich sprach, als sei ich ein überfälliges Buch in der Bibliothek. Immer wieder hörte ich das Wort Goldwater und fragte mich, was es bedeutete.