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Wolfgang Hohlbein - „Das Buch“

ISBN: 9-783-570-30642-0

 

Klappentext:

Der Hohlbein-Bestseller erstmals im Jugendtaschenbuch Seit Jahrhunderten wachen die geheimnisvollen Hüterinnen über das Archiv, in dem das Leben der Menschen aufgezeichnet wird. Doch jetzt ist die Ordnung der Dinge in Gefahr, da Unbekannte in das Bücherlabyrinth eindringen und die Vergangenheit und damit die Gegenwart umschreiben. Leonie, die junge Erbin einer Buchhandlung, begreift nur langsam, dass auch sie der uralten Gemeinschaft der Hüterinnen angehört und dazu ausersehen ist, die Wirklichkeit zu retten.

 

Inhalt:

Leonida mag ihren Namen nicht. Sie sieht ihn als Strafe und nennt sich lieber Leonie.

Ihre Eltern sehen in ihr die nachfolgende Besitzerin des Buchladens, den schon ihre Großmutter geführt hat. Aus diesem Grund soll sie in der Bibliothek ein Praktikum machen. In der Bibliothek beginnen die seltsamen Ereignisse. Sie entdeckt die verborgene Tür in einen seltsamen Raum, in dem ihr eine noch seltsamere Maus begegnet.

Als kurz darauf die Großmutter unglücklich ums Leben kommt, verändert sich auch ihr Vater. Er hat plötzlich Geheimnisse vor ihr. Er betrügt sie quasi um ihr Erbe und beansprucht ein altes Buch, was vorher Großmutter gehört hatte, für sich.

Leonie forscht nach und entdeckt im Keller eine Tür, die da vorher noch nicht war. Sie führt in eine unheimliche Welt. In ein Archiv mit abermillionen Schicksalsbüchern. Wo Scriptoren das Leben eines jeden Menschen minutiös aufzeichnen und alles im „Leimtopf“ entsorgt wird, was nichtmehr benötigt wird.

Leonie entdeckt Stück für Stück ihre Gabe. Sie lernt schmerzhaft, dass es unrecht ist, was ihr Vater da gerade tut und begreift alles erst, als es fast zu spät ist.

Und dann begeht sie den Fehler ihres Lebens. - Am Ende muss sie nicht nur ihre Familie, sondern die ganze Welt retten.

 

Leseprobe:

… Das Ungeheuer kreischte, wenn auch zweifellos mehr aus Wut als vor Schmerz, und schlug erneut nach Hendrik. Er duckte sich auch diesmal erfolgreich unter dem Hieb weg, sodass die mörderische Klaue nur die Kopfstütze eines Sitzes in Fetzen riss, doch in diesem Moment erbebte der Zug unter einem neuerlichen, noch härteren Schlag, der nicht nur Leonie und Theresa gegen die  Wand schleuderte, sondern auch Hendrik von den Füßen fegte. Sofort warf sich das Ungeheuer mit einem triumphierenden Brüllen auf ihn. Hendrik riss gedankenschnell die Knie an den Körper und rammte ihm beide Füße in den Leib, aber er hätte genauso gut versuchen können, den Triebwagen der Lok mit purer Körperkraft wegzustoßen. Er wurde regelrecht zusammengefaltet, keuchte vor Schmerz und stieß blind mit seinem Rapier nach oben. Die Spitze grub eine blutige Furche in den Hals und Kinn des Ungeheuers, durchstieß seine Wange und kam auf der anderen Seite des hässlichen Bulldoggengesichts wieder heraus. Das Ungeheuer grunzte und schloss mit einem Ruck die Kiefer, und die dünne Klinge des Rapiers zerbrach in drei Teile, von denen zwei klirrend zu Boden fielen.

Aber der Stich schien dem Monstrum trotzdem wehgetan zu haben, denn es prallte heulend zurück, und Hendrik nutzte die Chance, um unter ihm hervorzurollen und mit einem federnden Satz auf die Füße zu kommen. Noch im Aufspringen riss er den Arm zurück und rammte der Bestie den Griff seiner Waffe ins Gesicht, was sie abermals aufheulen und zwei weitere Schritte rückwärts torkeln ließ. Ihre wütend peitschenden Arme zerfetzen zwei weitere Sitze, und es gelang ihr nur mit äußerster Mühe, auf den Beinen zu bleiben.

Hendrik war mit einem Satz wieder bei Leonie und Theresa, riss die Tür auf und stieß sie kurzerhand hindurch. Leonie machte einen hastigen Schritt, aber Theresa verlor das Gleichgewicht und wäre gestürzt, hätte Hendrik sie nicht mit einer blitzschnellen Bewegung aufgefangen und zugleich weitergeschoben.

Der nächste Wagen bestand ebenfalls aus einem einzigen großen Abteil, aber sie konnten es fast zur Gänze durchqueren, bevor ihr monströser Verfolger unter schauerlichem Heulen wieder hinter ihnen auftauchte.

Hendrik sah über die Schulter zurück, fluchte lauthals und trieb Leonie und Theresa mit derben Stößen zu noch größerer Schnelligkeit an. Sie stürmten in den nächsten Wagen – abermals ein Großraumwaggon! Hatte sich denn jetzt alles gegen sie verschworen? - und durchquerten auch ihn, so schnell sie konnten.

Und das war nicht besonders schnell. Der Zug rüttelte und stampfte immer heftiger, sodass sie inzwischen fast ihre ganze Energie darauf verwenden mussten, überhaupt auf den Beinen zu bleiben, und der Lärm hatte einen Pegel erreicht, der in den Ohren schmerzte. Die Scheiben klirrten nicht mehr in ihrer Rahmen, sie schrien, und in der einen oder anderen zeigten sich auch schon die ersten Sprünge.

Dennoch wuchs ihr Vorsprung. Sie hatten den Wagen komplett durchquert, als sich der Koloss hinter ihnen splitternd seinen Weg bahnte. Entweder hatte Hendriks Angriff ihn doch schwerer verwundet, als Leonie bisher angenommen hatte, oder das immer schlimmer werdende Bocken und Rütteln des Zuges behinderte auch ihren Gegner.

Was folgte, war endlich wieder ein Abteilwagen. Der schmale Gang würde das Ungeheuer weiter aufhalten und ihr Vorsprung noch mehr anwachsen – aber Leonie war sich auch darüber im Klaren, dass diesem Gedanken eine trügerische Hoffnung zugrunde lag, die am Ende nicht halten würde. Ganz egal wie lang dieser Zug auch war – irgendwann würden sie den letzten Wagen erreichen, und dann gab es einfach nichts mehr, wohin sie noch laufen konnten.

Hendrik scheuchte sie erbarmungslos auch durch den nächsten Wagen, ehe er endlich anhielt und sich schwer atmend in die Richtung wandte, aus der sie gekommen waren. „Ich glaube, dein Vater hat nicht übertrieben, als er sagte, dass ich mich umd ie kümmern soll“, knurrte er.

Leonie verzichtete vorsichtshalber auf eine Antwort.

Hendrik sah ein paar Sekunden konzentriert nach hinten. Das Monstrum war nicht zu sehen, aber sie hörten den Lärm von splitterndem Glas und zerreißendem Metall, der sein unaufhaltsames Näherkommen begleitete. Hendrik runzelte die Stirn, hob den abgebrochenen Griff seines Rapiers vors Gesicht und seufzte hörbar. „Wie es aussieht, benötigen wir wohl etwas gröberes Werkzeug“, sagte er mit einem schiefen Lächeln. „Was für eine Teufelskreatur ist das? Und wer ist das da? Eine Freundin von...“

Er macht eine Kopfbewegung auf Theresa und sparte sich das letzte Wort, als er sie offensichtlich erkannte. Dann verdüsterte sich seine Miene. „Ist das alles Ihr Werk?“, fragte er.

„Nein“, erwiderte Leonie hastig, bevor Theresa etwas sagen konnte. „Sie kann nichts dafür. Das Ungeheuer ist genaus o hinter ihr her wie hinter mir.“

Hendrik sah nicht überzeugt aus, beließ es aber bei einem weiteren Stirnrunzeln (und einem kurzen, fast feindeligenBlick in Theresas Richtung), zuckte mit den Schultern und schob den Kümmerlichen Rest seiner Waffe in die Schlaufe an seinem Gürtel zurück.

„Wir klären das später“, sagte er in einem Ton, der klar macht, dass es sich dabei nicht um eine leere Drohung handelte.

„Jetzt müssen wir erst einmal einen Ausweg suchen.“ Er deutete zum Ende des Wagens. „Wohin führt diese Tür?“

„In den nächsten Waggon“, antwortete Leonie. „Und danach in den nächsten. Aber nicht mehr sehr weit. Vielleicht noch drei oder vier wagen, schätze ich. Dann ist Schluss.“

Hendrik dachte einen Moment lang über ihre Antwort nach. „Gut“, sagte er schließlich. „Gehen wir weiter. Das hier ist ein schlechter Platz für einen Kampf.“

Er machte eine entsprechende Kopfbewegung, und ein gewaltiges Splittern und Krachen aus dem angrenzenden Wagen hielt Leonie nachhaltig davon ab, zu widersprechen. Sie stürmten auch durch den nächsten Wagen – ein Großraumabteil – und den angrenzenden...

… und dann war es vorbei. Hinter der nächsten Glasscheibe befand sich eine massive Metallplatte. Sie hatten das Ende des Zuges erreicht.

„Tja, jetzt gilt es“, bemerkte Hendrik. Er klang ernst, aber nicht wirklich besorgt. „Könnt ihr abspringen, sollt eich versagen?“

Leonie sah zum Fenster – draußen raste immer noch ein Chaos aus ineinander fließenden Farben vorbei – und antwortete nicht einmal, und auch Hendrik ging nicht weiter auf das Thema ein, nachdem er ihrem Blick gefolgt war. Wahrscheinlich hatte er die Frage sowieso nur gestellt, um überhaupt etwas zu sagen. ...