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Mark & Lydia Benecke - „Aus der Dunkelkammer des Bösen“

ISBN: 9-783-785-76046-8

 

Klappentext:

In der Dunkelkammer des Bösen rücken wir ganz nah heran an erstaunliche Verbrechen. Wir treffen auf Killer wie Dr. Holmes, den ersten bekannten Serienmörder der USA. 1893 baute dieser Gaskammer, Krematorium und Präparationstische, um Hunderte von Menschen zu foltern und zu töten. Wir widmen uns Vergewaltigern, Nekrophilen, Sadisten, Sexualmördern und anderen Tätern. Wir schauen in ihr Innerstes und wir besuchen sie im Knast. Wir fragen uns: Wie entstehen "Monster"? Gibt es kaltblütige Killer wirklich, oder sind sie Opfer der Umstände? Müssen Täter pädophil sein, um sich an Kindern zu vergehen? Was steckt hinter den Fällen Fritzl und Kampusch, und waren das grausige Ausnahmen?

 

Inhalt:

Markus und Lydia Benecke nehmen die Täter in diesem Buch nicht etwa in Schutz. Vielmehr klären sie psychische Hintergründe der zweifellos schlimmen Taten auf. Echte Fällen dienen hier als Aufhänger. Es geht zum Beispiel um Pädophilie und ihre verschiedenen Formen. Es geht um Vergewaltiger und ihre Hintergründe und Lügenkonstrukte. Darum, was die Täter an Leichen fasziniert und das auch Nekrophilie verschiedene Ausprägungen haben kann.

Interessante Einblicke, die man so nie bekommen würde.

 

Leseprobe:

… Psychologen und Psychiater sehen die Pädophilie als „Störung der sexuellen Vorlieben“ an. Ein Mensch ist pädophil, wenn er sich sein Leben lang hauptsächlich durch Kinder, die noch nicht die Pubertät erreicht haben, sexuell erregt fühlt. Außerdem muss der Betroffene darunter leiden oder seine diesbezüglichen Fantasien in die Tat umsetzen. Menschen, die besonders von pubertierenden Jungen und Mädchen – also im Alter von etwa zwölf bis dreizehn Jahren – sexuell erregt werden, nennen Fachleute hingegen „hebephil“. Umgangssprachlich wird das Wort „pädophil“ allerdings für beide Störungen benutzt. Auch juristisch kann die Umsetzung von pädophilen und hebephilen Fantasien dieselben Konsequenzen haben.

Viele Menschen haben eine klare Meinung zu Pädophilen. Wenn man dann aber genauer nachfragt – was ich öfter tue, wenn mich jemand auf meine Arbeit in einer Therapiegruppe für Pädophile im Gefängnis anspricht -, dann stelle ich meistens fest, dass die Leute von dem Thema, zu dem sie eine krasse Meinung vertreten, eigentlich kaum etwas wissen. Sie „BILD-en sich ihre Meinung“ zum Thema durch Klatschblätter, die gerne gegen Psychologen und Psychiater wettern, welche mit Straftätern arbeiten, und dabei Vorurteile und Hass in der Bevölkerung verstärken. Viele Menschen glauben beispielsweise, dass sich nur Personen mit pädophilen Fantasien an Kindern vergehen, dass diese Fantasien meistens Geschlechtsverkehr mit Kindern beinhalten, der mit körperlicher Gewalt durchgesetzt wird, und dass Frauen niemals Kinder sexuell missbrauchen. Mit diesen weit verbreiteten Fehlinformationen möchte ich an dieser Stelle aufräumen.

Manche pädophilen Menschen onanieren ein Leben lang zu entsprechenden Fantasien, ohne jemals auch nur ansatzweise ein Kind sexuell zu bedrängen. Diese Pädophilen sind sich im Klaren darüber, dass sie Kinder schaden würden, und entscheiden sich bewusst dafür, ihre Wünsche unter Kontrolle zu halten. Entsprechende anonyme Rückmeldungen haben Mark und ich nach Vorträgen, in denen wir auch Pädophilie thematisieren – manchmal auch in Gesprächen – erhalten. Einige sind sich ihrer Neigung zwar bewusst, lehnen sie aber aus persönlicher Überzeugung ab und schieben solche Gefühle direkt zur Seit, wenn diese aufkommen. Sie halten sich dann ein Leben lang von Kindern fern und finden sich damit ab, diesen Teil von sich auf Dauer mit sich selbst auszumachen. Weil solche Pädophilen in der Regel niemals irgendwo mit ihrer Neigung auffallen, ist ihre Anzahl unbekannt.

Das es sie gibt, zeigte aber beispielsweise das Präventionsprojekt Dunkelfeld der Berliner Charité, das über seinen Werbespruch „Kein Täter werden“ bekannt wurde. Männer mit pädophiler Neigung wurden deutschlandweit aufgefordert, sich anonym in Behandlung zu begeben. In dieser Behandlung sollten sie lernen, ihre sexuellen Fantasien dauerhaft zu kontrollieren und verantwortungsvoll damit umzugehen. Eine Flut an Interessenten meldete sich, denn solche Wünsche zu haben, macht auch den Betroffenen oft Angst, und sie haben absolut niemanden, an den sie sich wenden können.

Während meiner Arbeit mit verurteilten Pädophilen erfuhr ich, dass einige von ihnen irgendwann, nachdem sie sich ihrer Neigung bewusst geworden waren, Hilfsangebote im Internet gesucht oder sogar anonym Psychologen angerufen haben, all das ohne Erfolg. Teilweise wurden sie sogar harsch von Psychotherapeuten abgewiesen, mit Worten wie: „Mit so etwas möchte ich nichts zu tun haben.“

Bis heute gibt es nur wenige Anlaufstellen für pädophile Menschen. Das liegt vor allem an den fehlenden Finanzmitteln. Welche Politiker würde es schon riskieren, sich für anonymen Therapieangebote für Pädophile einzusetzen, wenn er sich damit zur Zielscheibe anderer Politiker, Parteien und der Boulevardpresse machen würde? Niemand denkt daran, dass auch der eigene Bruder, der beste Freund, der Sohn oder Lebensgefährte solche Fantasien haben könnte und dass eine Neigung zu haben nicht dasselbe ist wie eine Handlung, die anderen Menschen tatsächlich schadet. Eine pädophile Neigung ist keinesfalls eine Entschuldigung für begangene Taten, denn jeder Pädophile hat die Wahl, sich gegen die Umsetzung der eigenen Fantasien zu entscheiden – wie auch jeder Mensch, der jähzornig ist, sich dagegen entscheiden kann, deshalb gewalttätig zu werden. Doch genauso, wie pädophile Menschen die Verantwortung dafür tragen, ihr Verhalten zu kontrollieren, liegt es in der Verantwortung der Gesellschaft, all denen, die lernen wollen, ihre Neigung für immer im Griff zu haben, Hilfsangebote zu schaffen. Denn würde es solche Angebote vermehrt geben, dann gäbe es nachweislich weniger Kindesmissbrauch.

Ebenso notwendig wäre ein besserer Schutz von Kinder überforderter Eltern, die ihre Kinder vernachlässigen oder körperlich misshandeln. Solche Kinder werden nämlich – ich komme noch darauf zurück – bevorzugt zu Opfern Pädophiler, weil sie sich nach Erwachsenen, die ihnen Zuwendung und positive Aufmerksamkeit bieten, sehnen. Das nutzen Täter, die Kinder missbrauchen, oft aus.

Da viele Täter selbst als Kinder vernachlässigt, misshandelt oder missbraucht wurden, würden Hilfsprogramme für Pädophile einerseits und überforderte Familien andererseits die Anzahl der späteren Täter senken. Das würde allerdings etwas eine Generation dauern. In dieser Zeit könnten umfassende Therapien Pädophiler (sowohl bereits straffällig gewordener als auch verstärkt solcher, die sich rechtzeitig Hilfe suchen) die Zahlen von Missbrauchstaten merklich senken. Darüber hinaus könnte ein verbesserter Schutz, eine stärkere Betreuung und gezielte Aufklärung über Kindesmissbrauch besonders Kinder aus Problemfamilien davor bewahren, Opfer und vielleicht später selbst Täter zu werden. Dieses Vorhaben wäre teuer und aufwendig, doch es würde sich lohnen. Mehr Kinder hätten dann die Möglichkeit, sich psychisch und gefühlsmäßig gesund zu entwickeln, was die Wahrscheinlichkeit verringern würde, dass die Eigenschaften wie fehlendes Einfühlungsvermögen oder schnell aufwallende Wut und Frustration ausbilden, die es wiederum wahrscheinlicher machen, das jemand eine Straftat begeht. Viele Täter wären – wie man an den Beispielen in disem Buch sehen kann – wahrscheinlich nicht zu Tätern geworden, wenn sie als Kinder nicht selbst Opfer schlimmer Lebensumstände gewesen wären. ...